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Überleben wir unseren Tod?

Von Dr. Baal Müller

Neurologische und philosophische Anmerkungen zu Nahtoderfahrungen, Gehirn und Bewußtsein

„Ah, Herr Krankenpfleger – endlich kommt jemand, der weiß, wo mein Gebiß liegt! Sie haben es mir ja aus dem Mund genommen, als ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie haben es in eine Schublade des Wagens gelegt, auf dem alle möglichen Flaschen und Instrumente standen.“
„Ja, richtig, das stimmt, aber woher wissen Sie das? Sie lagen doch in tiefem Koma und wurden künstlich beatmet!“
„Das ist richtig, aber ich habe alles miterlebt! Ich sah Sie und mich und die Ärzte im Operationszimmer und bekam Ihr ganzes Gespräch mit. Sie hielten mich schon für so gut wie tot, aber ich wollte Ihnen irgendwie verständlich machen, daß ich noch lebe und daß Sie mich weiter reanimieren sollen. Zum Glück haben Sie das ja auch getan, und ich bin wieder in meinen Körper zurückgekehrt. Vor dem Tod fürchte ich mich nun allerdings überhaupt nicht mehr.“

Diese merkwürdige Anekdote von einem Herzinfarktpatienten, der trotz seines komatösen Zustands offenbar bei Bewußtsein war und eine außerkörperliche Wahrnehmung hatte, überliefert der niederländische Kardiologe Pim van Lommel in seinem Buch Endloses Bewusstsein, das 2007 erstmals erschien und internationale Aufmerksamkeit erregte.1 Nahtoderfahrungen dieser Art sind mittlerweile vielfach dokumentiert und werden oft in populären Sachbüchern behandelt; als Pionierarbeiten gelten die Interviews mit Sterbenden (1969) von Elisabeth Kübler-Ross, die das Tabu gebrochen hat, mit dem Tod und Sterben in der westlichen Welt belegt bzw. allein an den geistlich-seelsorgerischen Bereich delegiert sind, sowie das Buch Leben nach dem Tod (1975) von Raymond Moody. Zwischen 1975 und 2005 erschienen 42 Studien in Fachzeitschriften und Büchern, die meist retrospektiv angelegt waren und sich auf die Berichte von rund 2500 Menschen stützten, die sich aufgrund von Medienberichten und -anzeigen gemeldet hatten, also nicht nach eindeutig festgelegten Kriterien ausgewählt worden waren, und Erlebnisse beschrieben, die oft schon Jahrzehnte zurücklagen. Aufgrund dieser Mängel hat man in den letzten Jahren auch prospektive Studien mit Patienten in klar diagnostizierten Situationen durchgeführt; dabei wurden die Patienten wenige Tage nach ihrem Herzstillstand oder ihrem Erwachen aus dem Koma nach Erinnerungen aus der Zeit ihrer Bewußtlosigkeit befragt.2 Auf diese Weise konnten medizinische und persönliche Daten genauer erfaßt und eventuelle außerkörperliche Erfahrungen anhand der von Ärzten und Pflegepersonal bezeugten Umstände im Operationssaal überprüft werden; die Ergebnisse konnten auch mit den Befunden aus Kontrollgruppen von Patienten ohne Nahtoderfahrung verglichen werden.

Nahtoderfahrungen

Die besondere Bedeutung von Lommels Ausführungen besteht darin, daß er eine über mehrere Jahre an verschiedenen Krankenhäusern durchgeführte Studie an Hunderten Patienten verwertet und diese nicht nur im engeren Sinne medizinisch, sondern auch philosophisch und unter Rückgriff auf Ergebnisse der Quantenphysik zu deuten versucht. Bei allen untersuchten Patienten lag ein Elektrokardiogramm (EKG) vor, das die elektrische Aktivität des Herzens dokumentierte. „Diese EKG-Aufnahme zeigt bei Patienten mit einem Herzstillstand immer eine im Grunde tödliche Herzrhythmusstörung (Kammerflimmern) oder eine Asystolie (eine waagerechte Linie auf dem EKG).“3 Nach einem Herzstillstand „kommt es im gesamten Gehirn zu einem Sauerstoffmangel, der eine Bewußtlosigkeit sowie einen Ausfall aller Reflexe und der Atmung nach sich zieht. Diesen Zustand bezeichnet man als klinischen Tod. Er ist meist noch reversibel, wenn der Patient innerhalb
von fünf bis zehn Minuten reanimiert wird“.4 Erfolgt die Reanimation zu spät, sterben zu viele Zellen ab, und der Patient erleidet einen Hirntod, d. h. sämtliche Hirnfunktionen versagen vollständig, da die Neuronen durch den Abbau der Zellmembran zerstört werden. „Die ersten Symptome eines Sauerstoffmangels in der Hirnrinde zeichnet das EEG im Durchschnitt bereits 6,5 Sekunden nach dem Einsetzen eines Herzstillstands auf. Wenn der Herzschlag nicht sofort wieder angeregt wird, ist nach zehn bis zwanzig (durchschnittlich fünfzehn) Sekunden in allen Fällen aufgrund des vollständigen Ausfalls aller elektrischen Aktivität in der Hirnrinde auf dem EEG eine Null-Linie zu sehen.“5
Gewöhnlich geht man, u. a. aufgrund von Befunden, die mit Hilfe der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) aufgezeichnet wurden, davon aus, „daß die gemeinsame und gleichzeitige Aktivität von Hirnrinde, Hirnstamm und den Verbindungsbahnen Hippocampus und Thalamus eine notwendige Voraussetzung für bewußte Erfahrungen darstellt“.6 Und dennoch führen die von Lommel und seinen Kollegen durchgeführten Langzeitstudien zu einem merkwürdigen Ergebnis: „In einer Phase der Bewußtlosigkeit sind Bewußtseinserfahrungen möglich, die mit Erinnerungen und manchmal auch mit Wahrnehmungen verbunden sind. In einer solchen Phase weist das Gehirn keine meßbare Aktivität mehr auf, und alle Gehirnfunktionen, wie Körperreflexe, Hirnstammreflexe und Atmung, sind ausgefallen.“7 Bei der Überprüfung dieses Phänomens ist erstens der Zeitpunkt der Nahtoderfahrung anhand der Patientenberichte genau einzugrenzen – erstaunlicherweise beschreiben einige hirntote Patienten nämlich Ereignisse, die während der Phase physiologisch nachgewiesener Bewußtlosigkeit stattgefunden haben, und berichten beispielsweise von Gesprächen der behandelnden Ärzte in dieser Zeitspanne –, und zweitens muß sichergestellt sein, daß nicht doch eine gewisse Restaktivität des Gehirns vorlag. Selbstverständlich behauptet die allgemein vorherrschende Meinung genau dies und geht davon aus, daß Bewußtseinserfahrungen nur durch chemische Reaktionen im Gehirn induziert werden können und ansonsten irgendein Meßfehler vorliegen müsse. Ein Erklärungsversuch besteht darin, daß während einer Nahtoderfahrung, wie auch sonst in Streßsituationen, große Mengen an Endorphinen freigesetzt würden, die ein glückliches, friedvolles Gefühl erzeugen, um dem Sterbenden seinen Tod zu erleichtern. Während die Wirkung von Endorphinen aber mehrere Stunden anhält, verflüchtigt sich das mit Nahtoderfahrungen meist verbundene Glücksgefühl nach der „Rückkehr“ jedoch sofort; zudem erklärt eine Endorphin-Ausschüttung weder die oft sehr genauen Wahrnehmungen des Koma-Patienten noch die Möglichkeit von Gefühlen überhaupt, wenn keine Hirnaktivität mehr vorliegt.
Auch Sauerstoffmangel kann Endorphine freisetzen und wird daher häufig als mögliche Erklärung herangezogen; während einer Nahtoderfahrung ist der Patient jedoch bei klarem Bewußtsein und erlebt nicht nur ein diffuses Glücksgefühl – außerdem bleibt das Grundproblem, daß die Erlebnisse nicht vor dem Hirntod, sondern nachweislich währenddessen zu beobachten sind.

Reise ins Licht

Besonders bekannt wurde der Fall der amerikanischen Sängerin Pamela Reynolds, die sich wegen eines Aneurysmas in einer Hirnschlagader einer komplizierten Operation unterziehen mußte. Um diese lebensbedrohliche Ausweitung des Blutgefäßes zu beseitigen, wurde sie in ein künstliches Koma versetzt und ihre Körpertemperatur auf 10 Grad Celsius abgesenkt, was zu einem Herzstillstand führte. Sie war an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, und eine Gehirnaktivität war nicht mehr meßbar. „Ihr EEG war flach, der Hirnstamm zeigte keine Reaktion, und das Gehirn wurde nicht durchblutet.“8
Dennoch beschrieb sie detailliert, wie sie sich auf dem Operationstisch liegen sah: „Als ich nach unten sah, konnte ich nach und nach verschiedene Dinge im Operationssaal erkennen. […] Und dann schaute ich auf meinen Körper hinab, und dabei wußte ich, daß es mein Körper war.“ Ihre Position „lag ungefähr auf Schulterhöhe des Chirurgen. Es war keine normale Wahrnehmung, sie war klarer, gezielter und schärfer als übliches Sehen“. Ebenso deutlich hörte sie, was die Ärzte miteinander sprachen. „Und dann sah ich diesen kleinen Lichtfleck. Das Licht zog mich allmählich an, doch nicht gegen meinen Willen […]. Es kam mir wie ein Tunnel vor, aber dann war es doch kein Tunnel. Ich bewegte mich immer weiter auf das Licht zu. Und je mehr ich mich dem Licht näherte, desto deutlicher konnte ich verschiedene Gestalten erkennen, verschiedene Menschen, und ich hörte ganz deutlich, wie meine Großmutter mich rief. […] Ich ging direkt auf sie zu. Das Licht war unglaublich hell, als befände man sich im Innern einer Lampe. Im Licht konnte ich immer deutlicher Figuren erkennen – sie waren alle in Licht gehüllt, sie bestanden aus Licht und strahlten auch Licht aus –, nach und nach nahmen sie eine Form an, die ich erkennen und begreifen konnte. Ich sah viele Leute, die ich kannte, und sehr viele, die ich nicht kannte. […] Sie wollten nicht, daß ich weiterging. Mir wurde mitgeteilt – besser läßt es sich wohl nicht ausdrücken, denn sie redeten nicht mir mir, wie ich jetzt mit Ihnen spreche –, wenn ich weiter in das Licht hineinginge, könnte etwas geschehen, das mich daran hindern würde zurückzukehren. […] Mir wurden Spuren eines Wissens zuteil. Ich fragte, ob das Licht Gott sei, und die Antwort lautete: ‚Nein, das Licht ist nicht Gott, das Licht erscheint, wenn Gott atmet.‘ Und ich erinnerte mich ganz genau daran, daß ich dachte: Ich stehe im Atem Gottes … Irgendwann wurde ich daran erinnert, daß es Zeit sei zurückzukehren. […] Ich kehrte in meinen Körper zurück, und das fühlte sich an, als tauchte ich in Eiswasser.“9
Erfahrungen dieser Art – insbesondere Wahrnehmungen eines Tunnels, eines Lichtes, bestimmter Personen, verstorbener Verwandter oder unbekannter Wesenheiten, aber auch genaue Beobachtungen der Situation im Operationssaal – treten immer wieder bei Nahtoderfahrungen auf. Moody hat sie in zwölf charakteristische (wenngleich nicht immer alle zusammen und in derselben Reihenfolge auftretende) Elemente unterteilt,10 die sich zum allergrößten Teil auch in Pamela Reynolds Beschreibung wiederfinden lassen:

Die Unaussprechlichkeit der Erfahrung.
Ein Gefühl des Friedens und der Ruhe.
Die Erkenntnis, tot zu sein.
Das Verlassen des Körpers.
Der Aufenthalt in einem dunklen Raum oder das Erlebnis eines Tunnels, durch den man schnell hindurchgezogen wird, was einige (wenige) Betroffene als beängstigend empfinden.
Die Wahrnehmung einer außerweltlichen, wunderschönen Umgebung.
Die Begegnung und Kommunikation mit Verstorbenen.
Die Begegnung mit einem strahlenden Licht oder einem Lichtwesen.
Eine Lebensschau oder ein Lebenspanorama.
Das Gefühl einer Vorausschau in die Zukunft.
Die Wahrnehmung einer Grenze, die man nicht überschreiten darf, wenn man wieder in den eigenen Körper zurückkehren will.
Die bewußte Rückkehr in den Körper, die oft als schmerzliche, tiefe Enttäuschung empfunden wird.

Die Studien von Lommel und anderen Forschern legen nahe, daß diese Erfahrungen von der Religiosität der Patienten ebenso wie von ihrem Vorwissen hinsichtlich Nahtoderfahrungen, ihrem Bildungsstand oder Geschlecht unabhängig waren; Unterschiede gab es lediglich bezüglich des Alters (je jünger die Patienten, desto höher die Wahrscheinlichkeit, daß sie sich an Erlebnisse während ihres klinischen Todes erinnern konnten) sowie des vom kulturellen Hintergrund abhängigen Vokabulars, vor allem was die wahrgenommenen Licht- oder Geistwesen betrifft.
Parallelen zu diesen Beschreibungen finden sich in sämtlichen Religionen und insbesondere in deren mystischen Traditionen. Besonders detailliert schildert etwa das Tibetische Totenbuch (tib. Bardo Thödröl, „Befreihung durch Hören im Zwischenzustand“), das dem Begründer des tibetischen Buddhismus Padhmasambhava zugeschrieben wird, die verschiedenen Phasen, die der Verstorbene im Bardo-Zustand („Zwischenzustand“) durchlebt, bevor er in einem neuen Körper oder in einem paradiesischen „reinen Land“ wiedergeboren wird: Im Augenblick des Todes erstrahle das Wesen des eigenen Geistes in einem hellen Licht; sodann sollen fried- und zornvolle Götter bzw. Manifestationen der Buddha-Natur erscheinen, und schließlich werde das persönliche Karma erfahren, indem man die Taten des eigenen Lebens noch einmal durchlebe. Anschließend erfolge der Eintritt in einen der sechs Daseinsbereiche, denen sechs verschiedene Lichter zugeordnet werden:
„Wo du durch deine früheren Taten geboren wirst, dort leuchtet es am stärksten. Sohn der Edlen, so höre! Was sind diese sechs Lichter? Das weiße, strahlenlose Licht der Götter wird dir aufgehen und ebenso das rote Licht der Asura, das blaue Licht der Menschen, das grüne Licht der Tiere, das gelbe Licht der Hungergeister und das rauchige, strahlenlose Licht der Höllenwesen. Diese sechs Lichter werden entstehen. Auch dein Körper wird die Farbe haben, die das Licht [jenes Ortes] hat, an dem du geboren werden wirst.“11
Von Reisen in das Totenreich wird auch in der religiösen und mythologischen Literatur des Abendlandes vielfach berichtet, z. B. in der Edda oder in den griechischen und römischen Epen: So besuchte beispielsweise Odysseus Achilles in der Unterwelt, und Orpheus erhielt nach Vergils Georgica von den Unterweltsgöttern Hades und Persephone die Erlaubnis, seine verstorbene Geliebte in die Welt der Lebenden zurückzuführen, wobei er ihr voranschreiten müsse und sich nicht nach ihr umsehen dürfe. „Seelenreisen“ und „Seelenrückholungen“ vergleichbarer Art stellen wesentliche Elemente des Schamanismus und seiner ekstatischen Techniken von archaischer Vorzeit bis in die Gegenwart dar.
Bekanntlich finden sich auch in der christlichen Tradition zahllose Jenseitsvisionen, in denen Lichterscheinungen von unaussprechlicher Herrlichkeit oder die Begegnung mit Engeln und den Seelen Verstorbener beschrieben werden – etwa in Dantes Divina Comedia:

Und links gewandt erschien Beatrix mir,
Und wie kein Aar je fest und ungeblendet
Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr.
Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,
Der um noch schaut zum Glanz, der ihn gehegt,
Dem Pilger gleich, der sich zur Heimat wendet,
So macht’ ihr Blick, der mir das Herz bewegt
Durchs offene Aug’, auch meine Blicke steigen
Zur Sonne, fester, als man sonst erträgt.
[…]
Ob ich nur Seele war? – du magst’s erklären,
O Liebe, Himmelslenkerin, die mich
Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären.12

Ob all dies lediglich „Literatur“ ist, auf Halluzinationen von Sterbenden oder beinahe Verstorbenen beruht und heute auf neuronale Vorgänge im Gehirn zurückgeführt werden kann oder ob es sich tatsächlich um Erfahrungen einer „anderen Wirklichkeit“ handelt, steht und fällt mit der Frage, ob ein vom Körper zumindest zeitweise unabhängiges Bewußtsein denkbar ist.
Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren große Fortschritte in der Analyse der Hirnfunktionen erzielt, und viele Neurologen und Philosophen gehen davon aus, daß das Gehirn Bewußtsein erzeugt. Außerkörperliche Erfahrungen oder gar eine „Unsterblichkeit der Seele“ sind dann nicht denkbar. Muß man die Ergebnisse der Hirnforschung aber wirklich so deuten?

Der Determinist und die Speisekarte oder: Sind wir die Marionetten unserer Neuronen?

„Denkprozesse beruhen auf neuronalen Vorgängen. Sie gehen auf Leistungen der Großhirnrinde zurück, genauso wie die Wahrnehmung“,13 stellt Wolf Singer, Professor für Neurophysiologie und Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, bündig fest. Singer gehört neben Gerhard Roth zu den einflußreichsten Wortführern des neuronalen Determinismus in Deutschland, und beide vermitteln einer breiten Öffentlichkeit den Eindruck, die wesentlichen Fragen bezüglich des Leib-Seele-Problems, das Problem der Freiheit des Willens oder der Unabhängigkeit der Seele vom Körper, seien durch die moderne Hirnforschung im Grunde gelöst worden. Tatsächlich weiß man heute sehr viel mehr über die Funktion des Gehirns, aber hinsichtlich der Grundfrage, wie sich physische bzw. materielle und psychisch-immaterielle Vorgänge beeinflussen sollen, tappt man weiterhin im Dunkeln und präsentiert altbackene Theorien: etwa den sogenannten Epiphänomenalismus, nach dem subjektiv erlebte Gedanken und Gefühle lediglich Begleiterscheinungen physiologischer Prozesse sind. Warum aber hätte die Natur dergleichen überhaupt hervorbringen sollen, wenn es sich doch nur um überflüssigen – und zudem hochkomplizierten – Luxus handeln soll? Die von Singer u. a. bemühte soziale Hypothese, nach der die Illusion der Subjektivität sich herausgebildet hätte, um andere Einbildungen wie Willensfreiheit und Selbstverantwortung, die evolutionär förderlich gewesen seien, hervorzubringen, überzeugt nicht und verlagert das Problem nur auf die kollektive Ebene. Eine andere traditionelle Theorie ist der Dualismus, der vor allem von René Descartes in seiner grundlegenden Unterscheidung von res extensa (Materie) und res cogitans (Geist) formuliert wurde. Er entspricht zwar unserer inneren Selbstwahrnehmung als denkende und, prinzipiell wenigstens, frei handelnde Wesen, denen die kausal determinierte materielle Welt als äußerliche Erscheinungsganzheit entgegentritt, kann aber vor dem Hintergrund der klassischen Physik nicht zeigen, wie der immaterielle Geist auf die Materie einwirken soll, da zu diesem Zwecke irgendeine Energieübertragung stattfinden muß. Schließlich folgt aus ihm der Parallelismus, nach dem die Ereignisfolgen der geistigen und der körperlichen Welt aufgrund einer von Gott garantierten „prästabilierten Harmonie“ (Leibniz) parallel zueinander ablaufen. Die Beobachtung der Dinge führt also wieder zu einem Glaubenskonstrukt zurück.
Der Materialismus, der nur die dingliche Welt als wirklich anerkennen möchte, und der mit ihm einhergehende Determinismus, der von der durchgängigen kausalen Bestimmtheit und Berechenbarkeit aller Erscheinungen ausgeht, stolpern immer wieder über das Ich, das sich nicht in externe Beschreibungen auflösen läßt. Es ist immer das Ich, das denkt, empfindet und Theorien entwickelt – selbst die materialistische Vorstellung, daß es eigentlich gar nicht existiert. Das Ich bleibt unhintergehbar. John Searle, einer der Hauptvertreter der modernen Philosophie des Geistes, bringt die Unvereinbarkeit der Laborperspektive mit derjenigen der Lebenswelt durch ein hübsches Gedankenspiel zum Ausdruck, in dem ein Determinist im Restaurant dem Kellner, der die Bestellung aufnehmen möchte, sagt, er könne sich nicht entscheiden, was er essen möchte, und wartet ganz einfach ab, was er bestellt.14
Meist behelfen sich Philosophen und Neurologen damit, verschiedene Diskursebenen abzustecken, deren eine nur die ungenaue, subjektive Übersetzung der anderen, objektivierbaren ist: „Natürlich sind diese beobachtbaren kognitiven Leistungen mit den zugrundeliegenden neuronalen Prozessen nicht identisch. Wir verwenden deshalb unterschiedliche Beschreibungssysteme zur Darstellung von Verhaltensleistungen und neuronalen Prozessen, und wir sagen, Verhaltensleistungen seien emergente Eigenschaften neuronaler Vorgänge.“15 Die kognitiven Funktionen sind mit den chemischen und physikalischen Interaktionen in den Nervennetzen zwar nicht gleichzusetzen, sollen aber doch kausal aus diesen hervorgehen. Letztlich handelt es sich dabei aber auch nur um einen Glaubenssatz, den Singer wortreich variiert. Zunächst widerspricht ihm unsere unmittelbare Selbsterfahrung, nach der wir imstande sind, anhand von Gründen, die wir abwägen, freie Entscheidungen zu treffen, die nicht kausal determiniert sind; und sodann hat auch noch kein Experiment gezeigt, wie aus einer neuronalen Aktivität ein bestimmter Gedanke zwingend folgt. Im Gegenteil: Der dänische Hirnforscher Andreas Roepstorff berichtet von einem Experiment, bei dem er dem Versuchsleiter während einer funktionellen Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) als Proband absichtlich falsche Angaben gemacht hat, die sich auf die Gehirnscans hätten auswirken müssen.16 (Mit diesem Verfahren lassen sich lokale Durchblutungsänderungen im Gehirn feststellen und damit indirekt die Stoffwechselaktivitäten neuronaler Netze anzeigen.) Die Testpersonen wurden an den Füßen gekitzelt, was sie in manchen Fällen nur fühlen, in anderen auch sehen konnten. Roepstorff wandelte das Experiment nun dahingehend ab, daß er beim bloßen Kitzeln an Fußball, beim beobachteten Kitzeln an das Begräbnis seiner Katze dachte – irgendwelche Unterschiede an den Gehirnscans waren aber nicht erkennbar. Mit Sicherheit läßt sich nur feststellen, daß bestimmte Gehirnareale beim Denken aktiv sind, nicht aber, wie die Gedanken selbst entstehen oder wie Erinnerungen im Gehirn „abgespeichert“ oder wieder aktiviert würden. Die bloße Korrelation zweier Ereignisse sagt noch nichts über deren eventuelles Kausalverhältnis aus. Längere Zeit glaubte man zwar, daß die sogenannten Libet-Experimente zu einer Klärung des Abhängigkeitsverhältnisses geführt hätten, aber auch deren übliche Deutung ist nicht zwingend.
Die Experimente, die Benjamin Libet 1979 durchgeführt hat, um festzustellen, ob dem subjektiven Gefühl einer freien Willensentscheidung eine neuronale Aktivität vorausgeht, zeigten zwar, daß sich vor dem Bewußtwerden der Entscheidung bereits ein meßbares Bereitschaftspotential aufbaut; allerdings lassen sich, wie Herbert Helmrich u. a. dargelegt haben, daraus keine deterministischen Schlußfolgerungen ableiten. So weist Helmrich darauf hin, daß der Proband seinen Willensentschluß nicht erst in dem Augenblick manifestiert, in dem er etwa eine Taste drückt, sondern daß er seine Bereitschaft z. B. schon durch die Teilnahme am Experiment zum Ausdruck gebracht habe.17 Das mittels EEG gemessene Bereitschaftspotential zeigt also nur einen kurzen Ausschnitt einer größere Zeiträume übergreifenden Handlung und Handlungsabsicht an. An mehreren Beispielen macht Helmrich auch deutlich, daß man sich innerhalb kürzester Zeit, wenn das Bereitschaftspotential bereits aufgebaut ist, auch wieder neu entscheiden und eine Handlung unterlassen kann. Zwar könnte hier eingewendet werden, daß sich eben ein neues Bereitschaftspotential aufgebaut habe, aber daraus folgt nicht, daß dieses dann die neue Handlung determiniert, sondern nur, daß es ihr vorausgeht. Ebenso kann man aber auch sagen, daß der Handlung eine Entscheidung des – rein geistigen – menschlichen Willens vorhergeht. Das Problem ähnelt demjenigen vom Huhn und dem Ei.
Verschiedene Phänomene legen allerdings eine Wirkung des Willens auf das Gehirn bzw. dessen neuronale Netze – und nicht nur umgekehrt – nahe: etwa Placebo-Effekte, für die der bloße Glaube verantwortlich ist, oder ein kognitives Training z. B. durch Meditation, die nicht nur zeitweilig die neuronale Aktivität beeinflußt, sondern auch dauerhafte Veränderungen an den Verschaltungen der Neuronen hervorbringt. Man spricht in diesem Zusammenhang von „Neuroplastizität“. Die Formbarkeit des Gehirns ist so groß, daß zumindest bei Kindern der Totalausfall einer Gehirnhälfte vollständig ausgeglichen werden kann.18 Auch hinsichtlich des Gedächtnisses ist bislang in keinster Weise einsehbar – und nach Auffassung mancher Neurologen wie Herms Romijn gar nicht denkbar –, wie Erinnerungen im Gehirn gespeichert werden sollen. Trotz der immensen hypothetischen „Speicherkapazität“ des Gehirns mit seinen hundert Millionen Neuronen in jedem Kubikzentimeter, die mit den Nachbarneuronen mindestens tausend Synapsen – insgesamt etwa 1014 Synapsen – bilden, wäre das Gehirn doch nicht imstande, sämtliche im Laufe eines Lebens anfallende Erinnerungen zu „archivieren“.
Aber nicht nur die Informationsfülle, sondern auch die Dynamik der Hirnstrukturen wirft viele Fragen auf: „Alle Strukturen im Gehirn, von den Molekülen bis zu den Neuronen, verändern sich ständig, sowohl in ihrer Zusammensetzung als auch in ihrem Verhältnis zueinander. Wie kann man bei einem solchen dauernden Wandel das Langzeitgedächtnis erklären?“19 Die neuronalen Netze sind sich selbst ständig neu organisierende Systeme, in denen kein Element identisch beharrt; ein Organisationszentrum, das unserer Erfahrung von Identität und Selbstbewußtsein entsprechen könnte, ist nirgends erkennbar. Die Hirnforschung führt in dieser Hinsicht zu uralten schamanistischen und buddhistischen Erkenntnissen zurück, die ebenfalls von der Zusammengesetztheit bzw. gar von der Nichtexistenz des Ich ausgingen. Wie man einen menschlichen Körper auch in den Blick nimmt, ein Ich ist nicht zu finden.20 Freilich sollte daraus nicht der buddhistische Schluß gezogen werden, daß es nicht existiert, weil es nicht wie ein Gegenstand aufgewiesen werden kann. Subjektiv ist es immer schon, als präreflexive Kontinuität aller Erfahrungen, gegeben und unhintergehbar. „Das Bewußtsein befindet sich nicht im Gehirn“, resümiert der Neurowissenschaftler Alva Noë daher in seinem Buch Out of our Heads. „Nichts von dem, was den Charakter einer bewußten Erfahrung prägt und kontrolliert, ist mit der dazugehörigen neuronalen Aktivität gleichzusetzen. Es macht keinen Sinn, nach neuronalen Korrelaten des Bewußtseins zu suchen. Denn solche neuronalen Strukturen gibt es einfach nicht.“21 Wir „sind“ also doch nicht unser Gehirn, wie manche Neurologen gerne behaupten, sondern wir verfügen nur über ein Gehirn. Und dieses Gehirn erzeugt unser Denken nicht, sondern es ist eher wie ein Empfänger und Regulator des Denkens vorzustellen.

Bewußtsein und Quantenphysik

Die herrschende Neurologie ist noch stark im materialistischen Paradigma der klassischen Physik befangen. Zu deren Grundprinzipien zählen:

-der Realismus (es gibt eine vom Beobachter unabhängige Außenwelt, und der Beobachter ist selbst, für andere Beobachter, Teil der Außenwelt),
-der Determinismus (alle Ereignisse folgen nach einer festen Gesetzmäßigkeit aus bestimmten Ursachen und sind aus diesen berechenbar) sowie
-Kontinuität und Lokalität (die Natur „macht keine Sprünge“, und zwischen Ursache und Wirkung besteht eine direkte Verbindung).

Subjektivität muß nach diesen Prinzipien auf Objektivität reduzierbar sein, und Bewußtsein muß aus physiko-chemischen Ursachen erklärt werden können. Erst recht kann es dann nicht unabhängig von einem materiellen körperlichen Substrat existieren. Schon das Erlebnis unseres Selbstbewußtseins und freien Willens, erst recht Nahtoderlebnisse und die Erfahrung eines körperlosen Bewußtseins sind damit undenkbar.
Mittlerweile hat sich die Quantenphysik jedoch von den Prinzipien der klassischen Newtonschen Physik gelöst; die Außenwelt gilt nicht mehr als objektiv gegeben und aus einer neutralen Perspektive beobachtbar. „Wenn ein Quantenobjekt nicht beobachtet wird, hat es weder einen definierten Ort in Raum und Zeit noch feststehende Eigenschaften, wie man sie in der klassischen Physik normalerweise Objekten zuschreibt. Je nach Versuchsanordnung können wir den Wellenaspekt oder den Teilchenaspekt des Lichts beobachten, aber wir kennen keine Versuchsanordnung, bei der wir beide Aspekte gleichzeitig betrachten können. Man bezeichnet dieses Phänomen als Komplementarität.“22 Offenbar gilt dieses Prinzip auch für die Materie, die nicht nur als Menge von Teilchen, sondern auch als Wellenfunktion beschrieben werden kann. Da Ort und Impuls (bzw. Geschwindigkeit) eines Teilchens nicht gleichzeitig meßbar sind, spricht man von „Wahrscheinlichkeitswellen“, die die Wahrscheinlichkeit angeben, mit der ein Teilchen an einem bestimmten Ort anzutreffen ist. Diese Wahrscheinlichkeitswellen werden bei einer Beobachtung auf einen Aspekt reduziert, nämlich auf den Ort, an dem sich das Teilchen gerade befindet, was der Mathematiker und Physiker Roger Penrose als „objective reduction“ bezeichnet. Der Beobachter bestimmt also, wo und wie etwas beobachtet wird; gemäß Heisenbergs Unschärferelation ist eine Beobachtung nicht möglich, ohne das Objekt dadurch zu verändern. Es ginge allerdings zu weit, daraus einen subjektiven Idealismus abzuleiten, nach dem das Subjekt sein Objekt „hervorbringt“, sondern es selektiert aus einer unendlichen Fülle von Potentialitäten das, was dann die Wirklichkeit dieses Subjekts konstituiert.
Nicht nur Subjekt und Objekt sind in der Weise miteinander verschränkt, daß sie einander wechselseitig beeinflussen, sondern die Verschränkung ist nach der Quantentheorie ein Grundprinzip des Universums. Alles hängt mit allem zusammen, und es gibt sogar instantane, augenblickliche Fernwirkungen von Teilchen aufeinander, die sich folglich nicht in einem vollkommen leeren „Vakuum“ befinden, sondern Teil eines „Plerums“ sind, eines nicht-lokalen Raumes von Wahrscheinlichkeitswellen. In diesem ist alles „unbestimmt, und Physiker können darin weder Messungen vornehmen noch Beobachtungen anstellen. Auf den nicht-lokalen Raum kann man jedoch von außen einwirken. Denn unter dem Einfluß des Bewußtseins kollabieren die Wahrscheinlichkeitswellen im nicht-lokalen Raum bei einer Messung oder Beobachtung statistisch zu physisch meßbaren Teilchen“.23 Bedenkt man diesen wirklichkeitskonstitutiven Akt des Bewußtseins, kann man mit von Neumann feststellen, daß sich das Universum „nicht aus Materieteilchen zusammen[setzt], sondern aus Wissensteilchen; subjektiven, bedeutungshaltigen Teilchen im Bewußtsein“.24 Daraus schließt Lommel, „daß Bewußtsein im Universum von Anfang an existiert und alle Materie subjektive Eigenschaften oder Bewußtsein aufweist. Bewußtsein ist demnach also nicht-lokal und fungiert als Ursprung oder ‚Fundament‘ aller Dinge.“25
Die Frage, wie Materie Bewußtsein hervorbringt, wird nun umgekehrt gestellt: Wie erschafft das Bewußtsein Materie und wie bringt es so komplexe Organisationsformen wie das Gehirn hervor? Verschiedene Quantenphysiker wie Danah Zohar oder Anton Zeilinger sehen das Bewußtsein mittlerweile als Quantenprozeß und entwickeln Modelle, wie Bewußtsein und Gedächtnis jenseits der überholten Vorstellungen vom Gehirn als einem Computer und Speichermedium zu verstehen sind. Lommel diskutiert drei Theorien, in denen die elektromagnetischen Felder im Gehirn nicht als Ursache, sondern als Wirkung des Bewußtseins betrachtet werden: eine Koppelung des nicht-lokalen Bewußtseins an (virtuelle) Photonen, eine Einwirkung des nicht-lokalen Bewußtseinsraumes auf das Gehirn infolge des Quanten-Zeno-Effekts und eine Informationsübertragung durch Quantenspinkorrelation. Keines dieser Modelle bietet bislang eine abschließende Lösung, sie stimmen aber darin überein, daß Gehirn und Körper „nur wie eine Empfangsstation“ funktionieren, „die in unserem Wachbewußtsein einen Teil des gesamten Bewußtseins und einen Teil unserer Erinnerungen in Form meßbarer und sich ständig wandelnder elektromagnetischer Felder empfängt“.26 Diese Felder sind also nur Folgeerscheinungen des endlosen, nicht-lokalen Bewußtseins.

Das Verhältnis von „Materie und Gedächtnis“ nach Henri Bergson

Eine materialistische Erklärung vermag das singuläre Phänomen des Bewußtseins nicht zu erfassen. Der Idealismus hingegen, der vom Bewußtsein des Ich als primärer Gegebenheit ausgeht (da alles andere, wie Descartes in seinen berühmten Meditationes annimmt, bezweifelt werden könne), scheitert am Problem der offenbar vom Ich unabhängigen kausalen Gesetzlichkeit der Natur. Einen Ausweg aus diesem Dilemma versuchte der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri Bergson (1895–1941), neben Nietzsche und Dilthey ein Hauptvertreter der Lebensphilosophie, aufzuzeigen, indem er in seinem Buch Materie und Gedächtnis (Originalausgabe: Matière et Mémoire, 1896) die falschen Voraussetzungen beider Denkrichtungen freilegt und sodann eine Alternative entwirft.
Fälschlicherweise halten beide Traditionen Erkenntnis für eine reine Anschauung, während sie vielmehr nur die Vorstufe einer Handlung, als Reaktion auf Reize der Außenwelt, sei. Bei primitiven Lebewesen seien Fortbewegungs- und Wahrnehmungsorgane noch nicht klar geschieden (und die Reaktionen berechenbar), aber bei hochentwickelten Organismen – am meisten beim Menschen – führe die Spezialisierung der Organe zu einer Vervielfältigung potentieller Reaktionsmöglichkeiten bzw. zu – wirklich gegebener, nicht nur eingebildeter – Freiheit. Erkenntnis habe also einen pragmatischen, lebensdienlichen Charakter, und das Gehirn sei nur die Schaltzentrale, in der, unter ständiger Durchdringung des aktuell Beobachteten mit dem in der Erinnerung Gegebenen, künftige Handlungen vorbereitet würden.27
Das von Bergson in Übereinstimmung mit dem Pragmatismus William James’ zurückgewiesene Konzept von Erkenntnis als bloßer Anschauung ist eng mit der Subjekt-Objekt-Spaltung verbunden; Subjekt und Objekt treten einander, streng geschieden, gegenüber, und es ist fraglich, wie bei dieser Trennung Erkenntnis überhaupt stattfinden soll. Hintergrund dieser Verdinglichung der Welt ist nach Bergson die vor allem in seinem ersten größeren Werk Zeit und Freiheit (Essai sur les donées immédiates de la conscience, 1889) dargelegte Tendenz unseres Verstandes zur „Verräumlichung“. Tatsächlich seien uns aber keine Dinge, sondern „Bilder“ gegeben; die Wirklichkeit bestehe aus einer Kontinuität von (nicht nur visuell wahrnehmbaren) Bildern, die lediglich Phasenübergänge, aber keine distinkten Grenzen kenne. Bergson bezeichnet diese dynamische Wirklichkeit als „Dauer“ (durée), meint damit aber gerade kein – statisches – Beharren, sondern die eigentliche, durch „schöpferische Entwicklung“28 und qualitative Veränderung gekennzeichnete Zeit im Unterschied zur Abstraktion der rein quantitativen und mechanischen, lediglich Identisches wiederholenden „Meßzeit“. Letztere resultiere aus dem Drang des Verstandes, die Welt durch ihre Erfassung zu beherrschen, wobei er distinkte Abschnitte setze, wo es nur fließende, „wellenförmige“ Übergänge gebe, und die Zeit mit ihrer räumlich-linearen Darstellung verwechsele. Es ist kein Zufall, daß solche Gedanken zur Philosophie der Zeitlichkeit oder zur Ontologie der Prozesse, die in verwandter Form auch von Ludwig Klages, Oswald Spengler und Martin Heidegger vertreten wurden, zur selben Zeit aufkamen, als die Quantenphysik feststellte, daß ihre Objekte als Teilchen oder Wellen beschrieben werden können und sich vom Verdinglichungsdenken des klassischen Atomismus löste.29 Alles fließt, und wenn es „eine Wahrheit gibt, welche die Wissenschaft über jeden Zweifel erhoben hat, so ist es die der Wechselwirkung aller Teile der Materie untereinander“.30 Damit vollzieht sich auch unsere Wahrnehmung nicht mehr nur „in uns“ bzw. in unserem Gehirn, sondern zugleich auch „in der Welt“ und vermittelt somit einen wirklich gegebenen Ausschnitt derselben.
Was folgt daraus für das Problem von Gedächtnis und Bewußtsein? Bereits um die vorletzte Jahrhundertwende kommt Bergson zu ähnlichen Ergebnissen wie heutige (unorthodoxe) Neurologen. Insbesondere die genaue Betrachtung von Aphasien, d. h. von Gedächtnisstörungen, die eine Speicherung von Informationen im Gehirn nahezulegen schienen, zeigen seiner Auffassung nach genau das Gegenteil: Der Verlust beziehe sich nicht auf bestimmte Informationsbruchstücke, die dadurch lokalisierbar wären, daß man den verletzten Teil des Gehirns angeben könne, sondern bestehe in einem Unvermögen, Erinnerungen überhaupt zu aktualisieren. Bergson unterscheidet dabei zwei Arten von Gedächtnis: ein repetitives, bei dem – etwa während man einen Text auswendig lernt – bestimmte (virtuelle) Handlungen bzw. Denkakte wiederholt würden, und ein „intuitives“, bei dem man sich auf einmal in die reine „Dauer“ versetze. Interessanterweise können sich Aphastiker oft zwar nicht an einzelne Worte bewußt erinnern, verwenden sie aber plötzlich wieder ohne Probleme, wenn sie z. B. als Teile eines Liedes oder Gedichtes vorkommen, d. h., wenn der Wortgebrauch nicht auf einem Konzentrationsakt beruht, sondern Sequenz einer Handlung ist. Insgesamt zeigen Bergsons Ausführungen, daß Erinnerungen, wie auch der Neurochirurg Karl Pribram oder der Psychologe Karl Lashley bewiesen haben, nicht in einzelnen Teilen des Gehirns lokalisierbar sind. Ebensowenig ist das Gehirn überhaupt ein Wissensspeicher, sondern es dient, wie Lommel oder Noë betonen, nur als „Ventil“ für Erinnerungen, die in der Dauer „aufgehoben“ sind. Die Dauer ist also das kosmische Gedächtnis – die verewigte Vergangenheit selbst, in der nichts verlorengehen kann, und dem Gehirn kommt die Aufgabe zu, dasjenige zu selektieren, was dem jeweiligen Individuum zum Erhalt seines Daseins und zur Behauptung in seiner Umwelt nützlich ist. Da keine Wahrnehmung „punktuell“ gegeben ist, sondern stets eine gewisse zeitliche Ausdehnung hat, wohnt ihr die Dauer immer schon inne, auch wenn sie als solche nicht bemerkt wird. Die Abkehr vom verräumlichenden und verdinglichenden Denken, das sowohl den Materialismus als auch seinen idealistischen Widerpart beherrscht, zugunsten der „Intuition“ (als durchaus exakte philosophische Methode) ist für Bergson nicht nur die Formulierung einer wirklichkeitsorientierten, dynamischen-prozessualen Ontologie, sondern letztlich auch ein religiöser Akt. Von einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Orientierung ausgehend, nähert er sich immer mehr den Erkenntnisformen von künstlerischer Schau und mystischer Ekstase an. Gleichwohl führt von dem heute nur noch wenig bekannten Philosophen ein direkter Weg zur modernen Hirnforschung und möglicherweise sogar zu einer Klärung philosophischer und religiöser Urfragen des Menschen. Einige dieser Fragen, etwa die nach der Unabhängigkeit des Bewußtseins vom Körper, sind womöglich nur falsch gestellt.

Anmerkungen

1 Frei wiedergegeben nach: Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, 5. Aufl. Ostfildern 2011, S. 48 f. (niederländische Originalausgabe: Eindeloos bewustzijn. Een wetenschappelijke visie op de bijna-dood ervaring, 2007).
2  Genaueres siehe Lommel, S. 146 ff.
3 Lommel, S. 149.
4 Ebd., S. 180.
5 Ebd., S. 175.
6 Ebd., S. 178.
7 Ebd., S. 172.
8 Ebd., S. 184.
9 Bericht von Pamela Reynolds in der BBC-Sendung The Day I Died, zit. nach Lommel, S. 186 ff.
10 R. A. Moody: Leben nach dem Tod, 9. Aufl., Hamburg 2007 (Originaltitel: Life after Life, 1975).
11 Das tibetische Buch der Toten, hrsg. von Eva K. Dargyay und Gesche Lobsang, München 2004, III, 5.
12 Das Paradies. Erster Gesang, Vers 46–75, in: Dantes Göttliche Komödie, übers. von Karl Streckfuß, Stuttgart/Berlin o. J.
13 Wolf Singer: Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen, in: Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente, hrsg. von Christian Geyer, Frankfurt/M. 2004, S. 32.
14 Siehe Christian Geyer: Vorwort, a. a. O., S. 16.
15 Singer, a. a. O., S. 35 f.
16 A. Roepstorff u. A.I. Jack: Introspection and cognitive brain mapping: from stimulus-response to script report, in: Trends in Cognitive Science 6/2002, S. 333–339.
17 Herbert Helmrich: Wir können auch anders: Kritik der Libet-Experimente, in: Geyer, S. 92–97.
18 Vgl. Lommel, S. 213. Der englische Neurologe John Lorber berichtet sogar von dem extremen Fall eines begabten jungen Mannes, der Mathematik studiert hat und dessen Schädel zu 95 Prozent mit Hirnflüssigkeit gefüllt war. Die Hirnrinde war nur noch etwa 1 Millimeter dick, und das Gewicht seines verbliebenen Gehirns wurde auf 100 Gramm geschätzt. (Siehe R. Lewin: Is your brain really necessary? In: Science 210 (1980), S. 1232–1234.
19 Lommel, S. 202.
20 Anatta („Nicht-Selbst“) folgt nach der buddhistischen Lehre des Pali-Kanon aus dem Prinzip der „bedingten Existenz“, dem Hervorgehen (und Sich-Auflösen) alles Seienden aus bestimmten Ursachen. Der Buddha („Erwachte“) wird daher auch der Anatta-vadi („Verkünder des Nicht-Selbst“) genannt. Entgegen einem weitverbreiteten Mißverständnis gibt es daher im Buddhismus keine Wiedergeburt eines identischen Selbst in einem anderen Körper wie im Hinduismus.
21 Alva Noë: Out of Our Heads. Why You Are Not Your Brain, and Other Lessons from the Biology of Consciousness, New York 2009, zit. nach Lommel, S. 201.
22 Lommel, S. 224.
23 Ebd., S. 243.
24 John von Neumann: Mathematical Foundations of Quantum Theory (1955), zit. nach Lommel, S. 232.
25 Lommel, S. 245.
26 Ebd., S. 265.
27 „Ich verstehe nicht und werde nie verstehen, daß sie [die an das Gehirn weitergeleitete Reizung des Nervensystems, B. M.] dort die wunderbare Kraft schöpfen soll, sich in eine Vorstellung von Dingen zu verwandeln; ich halte zudem diese Hypothese für unnütz, wie man sofort sehen wird. Dies aber ist mir sehr deutlich: daß die Zellen der verschiedenen sogenannten sensorischen Regionen der Hirnrinde, die zwischen die verästelten Zellen der Rolandischen Furche eingeschaltet sind, der Reizung die Möglichkeit geben, diesen oder jenen motorischen Mechanismus des Rückenmarks nach Belieben zu erreichen und so die Art ihrer Wirksamkeit zu wählen. Je mehr solche Zellen zwischengeschaltet sind, je mehr sie solche amöboiden Fortsätze aussenden, die zweifellos fähig sind, verschiedene Verbindungen zu schlagen, desto zahlreicher und verschiedener werden die Bahnen sein, welche sich vor ein und demselben peripherischen Reiz auftun können, desto zahlreicher werden folglich auch die Bewegungskomplexe sein, unter welchen ein und dieselbe Reizung die Wahl läßt. Das Gehirn ist also nach unserer Ansicht nichts anderes als eine Telephonzentrale: seine Aufgabe ist, ‚die Verbindung herzustellen‘ – oder aufzuschieben.“ (Henri Bergson: Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Mit einer Einleitung von Erik Oger, übersetzt von Julius Frankenberger, Hamburg 1991, S. 14.)
28 L’Evolution créatrice (dt. Schöpferische Entwicklung, Jena 1921) lautet der Titel seines Hauptwerks (1907), für das er 1927 den Literaturnobelpreis erhielt.
29 „Man wird weiterhin von Atomen sprechen; das Atom behält sogar noch seine Individualität für unseren Geist, wenn er es isoliert: aber Festigkeit und Trägheit des Atoms lösen sich auf, sei es nun in Bewegungen oder in Kraftlinien, deren gegenseitige Solidarität die allgemeine Kontinuität wieder herstellt.“ (Bergson: Materie und Gedächtnis, S. 199.)
30 Ebd. S. 198.


 
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