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Das Elsaß zwischen zwei Völkern

Schon im Mittelalter ist das Elsaß mit Otfrid von Weißenburg, Reinmar von Hagenau und Gottfried von Straßburg (hier in einer Handschrift des 14. Jh.s) eine der kulturell produktivsten Landschaften des deutschen Reiches.
Auch die bedeutenden Humanisten Sebastian Brant (Bild) und Jakob Wimpfeling sind Elsässer.
Straßburg bildete um 1500 eines der Zentren der deutschen Kultur, auch Hans Baldung Grien wirkte da selbst. – Hier sein Bild über den Tod und die drei Lebensalter der Frau.
Das Straßburger Münster verbindet auf wunderbare Weise Deutsches und Französisches. Insbesondere das Langschiff und die Fassade mit ihren drei Portalen und der großen Fenster-Rosette zeugen vom französischen Einfluß.
Bis zur Fertigstellung des Kölner Doms im 19. Jahrhundert galt das Straßburger Münster als schönste gotische Kathedrale Deutschlands.
Der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (hier das Tafelbild mit dem auferstandenen Christus) ist eines der bedeutendsten deutschen Kunstwerke überhaupt.
Auch die berühmte „Madonna im Rosenhag“ des Elsässers Martin Schongauer ist in Colmar zu bewundern.

Von Dr. Eduard J. Huber

Seit dem frühen Mittelalter war das Elsaß eine der Kernlandschaften deutscher Kultur und zugleich kulturelle Brücke zum benachbarten Frankreich. Die germanisch-romanische Sprachgrenze verlief bis ins 20. Jahrhundert in den Vogesen. Sein Verlust wiegt für die deutsche Nation umso schwerer, als die meisten Elsässer mittlerweile ihre eigentliche Muttersprache, das Elsässerditsch, verloren haben und nicht mehr als geborene Vermittler zwischen beiden Völkern taugen.

Der erste namentlich bekannte Dichter der deutschen Literatur ist Otfried von Weißenburg, ein Schüler des Hrabanus Maurus. Er schrieb in den 860er Jahren eine gereimte Evangelienharmonie, die meist als „Otfrieds Krist“ bezeichnet wird; auch verwendete er als erster statt des germanischen Stabreims den aus dem Mittellatein übernommenen Endreim. Mag sein Werk auch nicht die ursprüngliche dichterische Kraft des altsächsischen Heliand aufweisen, ist es doch ein erstaunlicher Versuch, nicht nur die Botschaft des Evangeliums, sondern auch christliche Theologie dem Volk in seiner Sprache nahezubringen. Der Ursprungsort des Werks ist das Kloster Weißenburg an der Lauter, das heute direkt an der deutsch-französischen Grenze liegt – auf französischer Seite. Um 1200 lebte am Babenberger Hof in Wien ein damals berühmter Minnesänger: Reinmar von Hagenau. Er war der bedeutendste Meister des Stils der Hohen Minne und wurde später nur von seinem Schüler Walther von der Vogelweide übertroffen. Seine Heimat war die Reichsstadt Hagenau im Elsaß, wo eine der wichtigsten Kaiserpfalzen der Stauferzeit stand. Kaiser Friedrich Barbarossa weilte dort mindestens fünfmal, zuletzt an Ostern 1189, bevor er zu seinem Kreuzzug aufbrach, von dem er bekanntlich nicht mehr zurückkehrte. Sein Sohn Heinrich VI. wohnte zwischen 1186 und 1196 über zwanzigmal in der Hagenauer Pfalz, von der leider so gut wie nichts mehr vorhanden ist, denn sie wurde 1675 vom französischen Marschall Crequi zerstört und anschließend abgerissen.

Zentrum der deutschen Kultur

Zu den großen Epikern der mittelhochdeutschen Literatur zählt neben Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach als dritter Gottfried von Straßburg, der um 1210 sein berühmtes Werk „Tristan und Isolde“ verfaßte. Er schrieb den flüssigsten und melodischsten Stil von allen seinen Zeitgenossen, so daß sein Werk heute noch am leichtesten zu lesen ist, vor allem von Leuten, die alemannisch sprechen. 
So zählte das Elsaß im hohen Mittelalter zu den literarisch produktiven Landschaften des Deutschen Reiches, verstummte aber auch später nicht. Der bedeutendste Prediger und Volksschriftsteller des 15. Jahrhunderts war Geiler von Kaisersberg. Er war zwar 1445 in Schaffhausen geboren, wuchs aber nach dem frühen Tod seines Vaters (1447) bei seinem Großvater in Kaisersberg auf. Er studierte in Freiburg im Breisgau, wo er 1476/77 Rektor der Universität wurde; dazwischen lebte er von 1470 bis 1475 in Basel. Seit 1478 war er Prediger, dann Münsterprediger in Straßburg, befreundet mit Sebastian Brant, dem Verfasser des berühmten „Narrenschiffs“, und mit Jakob Wimpfeling, einem einflußreichen Humanisten. Dieser war auch der erste Verfasser einer deutschen Geschichte, mit der er bei den Deutschen wieder das Interesse an ihrer Vergangenheit weckte.
Überhaupt bildete Straßburg um 1500 herum eines der Zentren der deutschen Kultur. Es war auch eine der ersten Städte, in denen der Buchdruck gepflegt wurde, und übernahm schon 1520 die lutherische Reformation. Hier wirkte seit 1523 der bedeutende Theologe Martin Bucer, hier predigte Calvin in St. Nikolaus und verfaßte sein Hauptwerk „Institutio religionis christianae“; erst 1541 verließ er die Stadt und ging nach Genf.
Um dieselbe Zeit lebte und wirkte da auch Hans Baldung Grien, der wohl begabteste Schüler Dürers. Er stammte aus einer schwäbisch-elsässischen Patrizierfamilie und fand seine Ausbildung als Maler und Graphiker in der Werkstatt Dürers in Nürnberg, bevor er sich in Straßburg niederließ, wo er zu so großem Ansehen und Reichtum kam, daß er sogar Ratsherr wurde. Er arbeitete jedoch nicht nur dort, sondern schuf zum Beispiel auch den Hochaltar im Freiburger Münster.
Selbst nach der Einverleibung der Stadt in den französischen Staat (1681) blieb ihre Universität ein Anziehungspunkt für deutsche Professoren und Studenten, deren bedeutendste Herder und Goethe waren. Auch Georg Büchner studierte 1831–33 dort und floh 1835 wiederum nach Straßburg, wo er sein Studium fortsetzte und seine Doktorarbeit schrieb, die danach von der Universität Zürich angenommen wurde, wo er seit 1836 Privatdozent war.
Der Lebensweg Büchners, mehr aber noch der des Geiler von Kaisersberg verraten viel über den oberrheinischen Kulturkreis, für den der Rhein nie eine Grenze, sondern immer die Achse darstellte. Das Elsaß auf der einen, Baden und der (lange Zeit habsburgische) Breisgau auf der anderen Seite, dazu Basel am Rheinknie als Verbindungsglied zur Nordschweiz, das war eigentlich immer eine Einheit, nicht zuletzt deshalb, weil ja überall niederalemannische Mundart gesprochen wurde, so daß man sich auf der Basis dieses gemeinsamen Dialekts verständigen konnte.
Selbst in der kurzen Zeit von 1871 bis 1918, wo das Elsaß vorübergehend zum Reich zurückkehrte, blieb es literarisch fruchtbar. Ivan Goll, in Saint-Dié als Sohn eines Elsässers und einer Lothringerin geboren, gehört zu den bekannten Autoren des deutschen Expressionismus, Hans Kolb (alias Johannes Leonardus), ein Straßburger Arzt, gründete 1902 mit Ernst Stadler, René Schickele, Otto Flake und anderen die Zeitschrift „Der Stürmer“. Schickele, in Oberehnheim geboren, war Sohn eines Deutschen und einer Französin, wuchs zweisprachig auf und schrieb auch in beiden Sprachen. Ernst Stadler, eine der kraftvollsten Stimmen der expressionistischen Lyrik, stammte aus Colmar, studierte in Straßburg und Oxford und fiel bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs bei Ypern. Als hätte er sein frühes Ende geahnt, schrieb er in seinem Gedicht „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“ am Schluß:

„Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust. Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang.“1

Ein später Nachfahre dieser Künstler, die als Elsässer zwischen Frankreich und Deutschland stehen und eben, weil sie Elsässer sind, nie ganz Franzosen oder ganz Deutsche sein können, ist Tomi Ungerer, der „Das große Liederbuch“ mit deutschen Volks- und Kinderliedern von A. Diekmann und W. Gohl in seiner unnachahmlich humorvollen und deftigen Art illustriert hat.2) Wie sehr er seiner Heimat verbunden ist, beweisen seine beiden Bilder zu dem bekannten Volkslied

„O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt,
darinnen liegt begraben so mannicher Soldat ...“

Das eine zeigt ein trauerndes Ehepaar, das von einem erhöhten Standpunkt über die Ill auf die Silhouette von Straßburg hinüberblickt, das andere einen Trupp marschierender Soldaten auf einem von Rauch durchzogenen Schlachtfeld. Dieses illustriert die 5. Strophe:

„Euren Sohn kann ich nicht geben für noch so vieles Geld;
euer Sohn, der muß marschieren ins weit’ und breite Feld!“ 

Wo liegt die „natürliche Grenze“ Frankreichs?

Kardinal Richelieu war von der fixen Idee beherrscht, „die natürlichen Grenzen Galliens“ seien die Pyrenäen und der Rhein. Daß er von Gallien und nicht von Frankreich sprach, deutet daraufhin, daß er an die Grenzen des römischen Galliens dachte. Tatsächlich bildete der Rhein in der Römerzeit die Grenze zwischen Gallien und Germanien, aber „natürlich“ war sie deshalb nicht; haben doch die Römer selbst versucht, ihre Reichsgrenze bis an die Elbe und den Böhmerwald vorzuschieben; ein Plan, der nur an der Niederlage in der Varusschlacht scheiterte. Aber trotz dieses Mißgeschicks haben sie dann den Limes vom Rhein zur Donau gebaut und damit deutlich gemacht, daß sie den Rhein nicht für die ideale Reichsgrenze hielten. Erst nachdem sie um 260 n. Chr. den Limes endgültig aufgeben mußten, sahen sie sich genötigt, sich hinter diese Flußgrenze zurückzuziehen.
Aber auch dort konnten sie sich nicht allzulange halten. Schon 352 überschritt der Alemannenfürst Chnodomar den Rhein und brachte dem Caesar Decentius eine empfindliche Niederlage bei. Kaiser Julian gelang es allerdings 357 in der Schlacht bei Straßburg, die Alemannen noch einmal zu besiegen, aber der Erfolg war nicht von Dauer, denn bereits 365 fielen die Alemannen schon wieder in Gallien ein. Danach arrangierte man sich, und sie wurden bis ins frühe 5. Jahrhundert Föderaten der Römer. Nach der großen Germaneninvasion von 406/07 waren die Römer immer in der Defensive, und seit der Mitte des 5. Jahrhunderts war das Elsaß endgültig in der Hand der Alemannen. Die Grenze zwischen römischem und germanischem Gebiet bildeten fortan die Vogesen, wo dann bis ins 20. Jahrhundert auch die germanisch-romanische Sprachgrenze verlief. Orientiert man sich an dieser Linie, muß man Vogesen und Ardennen als natürliche Ostgrenze Frankreichs anerkennen. 

Elsässer Besonderheiten

Da das Elsaß eine ziemlich kleine Landschaft ist, könnte man fragen, warum die Deutschen seinen Verlust so schmerzhaft empfunden haben. Wie schon die Betrachtung der Rolle des Elsasses in der deutschen Literatur gezeigt hat, kommt es aber nicht auf die geographische Ausdehnung dieses Landstrichs an, sondern auf seine Bedeutung für die deutsche Geschichte und Kultur – und die ist riesig.
Als Teil des Herzogtums Schwaben, zeitweilig auch als eigenes Herzogtum, gehörte das Elsaß im Mittelalter zu den wirtschaftlich und politisch wichtigsten Gebieten des Reichs. Vor allem als Weinbaugebiet war es für Fürsten und Klöster von überragender Bedeutung, weshalb sich viele dort Besitz erwarben. So war zum Beispiel der heute noch berühmte Weinort Reichenweier jahrhundertelang württembergisch. Herzog Ulrich (1498–1550) ist sogar dort geboren.
Die Staufer, die ihre Machtbasis in Schwaben und Franken hatten, bauten auch ihre Stellung im Elsaß aus. Dazu diente vor allem der Burgenbau, der vielen Vorbergen der Vogesen noch heute ihr Gepräge gibt. Eine Spezialstudie über die Bauten der Stauferzeit führt allein fürs Elsaß sechsundzwanzig Burgen auf.3) Die bekannteste davon ist die Hochkönigsburg, die in Wilhelminischer Zeit restauriert worden ist. Von den meisten anderen stehen nur noch Ruinen. Typisch fürs Elsaß ist, daß bis zu drei Burgen auf einem Berg stehen: über Rappoltsweiler sind es Ulrichsburg, Girsberg und Hoh-Rappoltstein, nördlich von Rufach die „drei Exen“, d. h. die drei Türme von Hohegisheim, wo Dagsburg, Wahlenburg und Weckmund zu einer Großburg zusammengefaßt sind. Darum sagt ein alter Spruch:

„Drei Burgen auf einem Berg,
drei Kirchen in einem Tal,
drei Früchte auf einem Feld,
so ist das Elsaß überall.“

Hier gab es auch erstaunlich viele Reichsstädte auf kleinem Gebiet, nämlich Weißenburg, Hagenau, Straßburg, Rosheim, Oberehnheim, Schlettstatt, Kaysersberg, Türkheim, Münster und Colmar. Die bedeutendste von ihnen war zu allen Zeiten Straßburg, das schon zur Römerzeit als Legionslager Argentoratum bestand und alle Zeiten überdauerte. Einst war das Straßburger Münster die schönste gotische Kathedrale Deutschlands, weit vor dem Kölner Dom, der erst im 19. Jahrhundert fertig wurde. In Straßburg dagegen entstand die Fassade schon um 1300 und die Türme hatten 1365 die Höhe der heutigen Plattform erreicht; der grandiose Turmhelm wurde 1439 vollendet. Die Leistung der Straßburger Dombauhütte wurde in Deutschland so hoch eingeschätzt, daß die 1459 in Regensburg versammelten deutschen Werkleute die Straßburger zu den obersten Richtern ihres Handwerks im ganzen Reich erwählten.

Das Straßburger Münster

Das Münster ist keine rein gotische Kathedrale wie die von Chartres und Reims, sondern wächst von Osten nach Westen organisch aus der Romanik allmählich in die Hochgotik hinein. Der Grund dafür liegt in der langen Baugeschichte: Bischof Wernher, ein Zeitgenosse des Erzbischofs Willigis von Mainz, hat 1015 den Bau einer für damalige Verhältnisse riesigen Kirche beginnen lassen. Sie wurde nach dem Vorbild von Alt-St. Peter und von St. Paul vor den Mauern in Form einer römischen Basilika erbaut. Wie sie einst ausgesehen hat, läßt sich noch an der Kirchenruine von Limburg an der Hardt und den Kirchen von Alpirsbach, Gengenbach und Schwarzach erkennen, die sich alle das Wernhermünster zum Vorbild genommen haben. Daß dieses nicht mehr besteht, liegt vor allem daran, daß es im 12. Jahrhundert viermal durch Brände verwüstet wurde. Darum entschloß man sich 1176, eine neue Kirche zu bauen, und zwar im romanischen Stil, wovon der Chor, die Vierung und die Krypta zeugen. Aber die Bischöfe Heinrich von Veringen und Berthold von Teck, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf dem Straßburger Stuhl saßen, hatten Beziehungen zu den Bischöfen von Sens, Verdun und Reims und lernten durch sie die französische Gotik kennen. So kam es um 1225/30 zu einem Stilwechsel und die Gotik hielt auch in Straßburg Einzug.
„Das Schiff des Straßburger Münsters, das gegen 1240 begonnen wurde, ist im reinsten Stil der Champagne erbaut. Wie die Baumeister der Kathedrale von Troyes und der Abteikirche von St. Denis bei Paris hat der Architekt von Straßburg seine Ausbildung in Reims empfangen. Sein Langhaus ist von all dem, was bisher am Rhein gebaut wurde, gänzlich verschieden. Feine Stabbündel steigen zu den Gewölben empor, alle Kräfte konzentrieren sich in diesen Schäften, die Wand tritt zurück und verwandelt sich in eine ausgedehnte Glasfläche.“4)
Obwohl die folgenden Baumeister (Erwin von Steinbach, Michael von Freiburg u. a.) und die Handwerker meist Deutsche waren, blieb der Einfluß der französischen Gotik weiterhin ungebrochen. „Die Straßburger Münsterfassade mit ihren drei Portalen, der großen Rose und den Doppeltürmen ist wiederum ein Werk französischer Kunst. Sie schließt sich in der Komposition an die Fronten des Querschiffs von Notre-Dame in Paris an. Aber der Entwerfer übernimmt zugleich das System der doppelten Wand der Champagne; er entwickelt das Vorbild von Saint-Urban in Troyes weiter und kreiert den berühmten Spitzenschleier von Straßburg. Die Bildhauer, zum Teil gewiß Einheimische, sind ebenfalls in Frankreich, in Paris und in der Champagne, ausgebildet. Das Bogenfeld mit der Passion Christi, die Monatsbilder: sie wetteifern mit den schönsten Pariser Elfenbeinen, einige der klugen Jungfrauen sind von feinstem französischem Stil. In anderen Figuren, zumal den klagenden törichten Jungfrauen und den unwirschen Propheten, scheint sich deutsches Temperament zu melden, aber die Qualität der Ausführung läßt alles hinter sich, was sonst in dieser Zeit in Deutschland geschaffen wurde. Das Bildprogramm ist von dem der französischen Kathedralen verschieden: Statt der Apostel und der Heiligen der Diözese erblickt man die Tugenden, die die Laster besiegen, und das Gleichnis der klugen und der törichten Jungfrauen.“5)
Anders als die Nationalisten des 19. Jahrhunderts dachten, ist also das Straßburger Münster keineswegs ein Denkmal deutschen Geistes und deutscher Empfindung, sondern ein Werk, das auf wunderbare Weise Deutsches und Französisches verbindet und insofern vielleicht das eindrucksvollste Zeugnis der kulturellen Einheit des mittelalterlichen Europa. Es ist vor allem ein christliches Bauwerk und erhebt sich hoch über die nationalen Egoismen der Neuzeit. Und doch mag man es einem Deutschen nachsehen, wenn er es bedauert, daß es jetzt auf die französische Seite geraten ist und die meisten Franzosen wohl meinen, es sei selbstverständlich eine französische Kathedrale.

Matthias Grünewald und Martin Schongauer

Das zweite bedeutende Kulturdenkmal, das den Deutschen durch die französische Annexion des Elsasses verlorengegangen ist, stellt der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald im Unterlindenmuseum zu Colmar dar. Dieser Verlust ist umso bedauerlicher, als die drei Altäre, die der Meister für den Mainzer Dom gemalt hat, im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden geraubt worden und bei einem Schiffbruch in der Ostsee versunken sind. So bleiben uns nun in Deutschland nur einige Tafeln des Mariä-Schnee-Altars in Freiburg und die grandiose Stuppacher Madonna (in einer Dorfkirche bei Bad Mergentheim).
Aber wir sollten nicht allzu unglücklich sein, denn nach wie vor gibt uns der Isenheimer Altar einen unvergeßlichen Eindruck von der Kunst des wohl bedeutendsten deutschen Malers. Gewiß ist Dürer vielseitiger und vor allem berühmter, aber in der Kunst der Tafelmalerei muß er dennoch hinter seinem Zeitgenossen zurückstehen. Wer könnte je die Anmut der idyllischen Szene mit Antonius und Paulus, die tiefe Empfindung der Verkündigungsszene und die niederschmetternde Wucht dieser Kreuzigung vergessen! Der religiöse Ernst, die mystische Tiefe dieser Darstellungen, die kein späterer Künstler wieder erreicht hat, in Verbindung mit der ebenso grandiosen wie subtilen Farbigkeit der Kaseinmalerei erzeugen ein Kunstwerk, vor dem man unwillkürlich die Knie beugt und in Andacht versinkt. Man muß den Franzosen dankbar sein, daß sie dieses einmalige Juwel christlich-deutscher Kunst in Colmar belassen und nicht (wie andere Beutekunst) in ein Pariser Museum verfrachtet haben.
Merkwürdigerweise hütet Colmar noch einen zweiten Schatz aus deutscher Vergangenheit: die Madonna im Rosenhag von Martin Schongauer, die bis 1973 in der Stiftskirche St. Martin verehrt wurde und seither in der Dominikanerkirche ausgestellt ist. Die immer noch große, leider oben und an den Seiten beschnittene Bildtafel zeigt eine zarte, vornehme Frau von herber Schönheit, in kräftig rotem Gewand, und einen ganz lebensechten Jesusknaben, der sich halb sitzend, halb stehend an sie schmiegt und seinen rechten Arm um ihren Hals gelegt hat. Aber dieses Kind wendet seinen Blick von der Mutter ab, wie auch diese es nicht anschaut, sondern sinnend in die Ferne blickt. Dieser recht seltene Bildtypus hat eine tiefere Bedeutung: „Die seitwärts schweifenden, sinnierenden Blicke scheinen nicht allein die Welt zu Füßen der Madonna zu umfassen, sondern den kommenden Schmerz der Erlösungstat Christi vorauszusehen. Die Trennung von Maria und ihrem Sohn bei der Passion, die Thema zahlreicher Kreuzabnahme- und Grablegungsdarstellungen ist, deutet sich hier in ihrem Auseinanderstreben bereits an. Daß die Blicke der beiden den Betrachter vor dem Bild nicht einmal streifen, unterstreicht den majestätisch-entrückten Anblick.“6)
Die Madonna entspricht ganz dem niederländischen Vorbild der Madonnen Rogiers van der Weyden und Hans Memlings, das Kind aber wie auch die Haltung der beiden findet man sonst nur in der italienischen Malerei. So zeigt dieses Kunstwerk von 1473, das ganz auf der Höhe seiner Zeit stand, wie sehr das Elsaß an den damaligen Kunstströmungen Anteil hatte.
Diese Gegend war vor allem im Mittelalter eine äußerst produktive Kulturlandschaft. Schon in karolingischer Zeit war das 726 gegründete Kloster Murbach neben St. Gallen und Reichenau ein bedeutendes künstlerisches und literarisches Zentrum. Als Zeugen jener Glanzzeit stehen uns heute vor allem die Kirchenbauten vor Augen. Da gibt es nicht nur die oktogonale Kirche von Ottmarsheim aus karolingischer Zeit, sondern zahlreiche romanische Stadt- und Klosterkirchen: St. Fides in Schlettstatt, St. Salvator in Andlau, St. Leodegar in Gebweiler, St. Peter und Paul in Maursmünster und nicht zuletzt die gewaltige Ruine der ehemaligen Abteikirche von Murbach. Alle diese Bauten der Stauferzeit zeigen eine fürs Elsaß typische Gestaltung der Westfront: eine Doppelturmfassade mit einer dreijochigen gewölbten Vorhalle. Und dann gibt es da nicht zuletzt das gotische Münster von Thann mit seinem hochragenden Turm.

Die politischen Folgen der französischen Eroberung

Summa summarum: Für jeden geschichtsbewußten Deutschen ist es schmerzhaft, daß sich Frankreich in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts dieses reiche Erbe einfach angeeignet hat, denn dies hat nicht nur für die kulturelle, sondern auch für die politische Entwicklung weitreichende und durchweg negative Folgen gehabt. Nach dem Verlust Burgunds und Lothringens ging mit dem Elsaß die vorletzte Verbindung zur alten Mitte des karolingischen Reichs und damit auch zu Frankreich verloren. Wäre es nach dem Willen Richelieus und Ludwigs XIV. gegangen, wäre uns sogar das gesamte linksrheinische Gebiet genommen worden. Aber auch so wurde mit dem Elsaß für die Deutschen eine Brücke zum Westen zerstört und außerdem jene Abneigung erzeugt, die sich schließlich zur „Erbfeindschaft“ gesteigert hat. Und nicht zu vergessen: Durch den Verlust wertvoller Landschaften im Westen ist Deutschland zwangsläufig östlicher und protestantischer und preußischer geworden! Das konnte eigentlich nicht im Interesse Frankreichs liegen, aber so weitblickend waren die französischen Politiker offenbar nicht, daß sie diese Gefahr rechtzeitig erkannt hätten.
Man könnte einwenden, das alles sei ja nun Vergangenheit, und durch die europäische Einigung seien die Staatsgrenzen ohnehin nur noch von untergeordneter Bedeutung. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die meisten Elsässer haben inzwischen ihre eigentliche Muttersprache, das Elsässerditsch, verloren und taugen nicht mehr als geborene Vermittler zwischen den beiden Völkern. Bis ins 20. Jahrhundert herein waren sie zweisprachig, d. h. sie sprachen daheim alemannisch, in der Schule und in der Öffentlichkeit französisch und konnten so jederzeit als Dolmetscher fungieren. Aber die rigorose französische Sprachpolitik hat vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg das Elsässische systematisch unterdrückt, so daß nun nicht mehr viel von diesem schönen alten Dialekt übriggeblieben ist, welcher dem Mittelhochdeutschen so ähnlich gewesen ist, daß die Elsässer um 1900 noch ohne Mühe ihren Gottfried von Straßburg oder Hartmann von Aue lesen konnten.
Man ginge zu weit, wenn man behauptete, der Niedergang des Elsässischen sei allein dem antideutschen Affekt der französischen Politik nach dem letzten Krieg zuzuschreiben, denn die Franzosen haben auch das Bretonische und die Langue d’oc an den Rand des Aussterbens gebracht. Der tiefere Grund ist die alte Neigung, nur das „Hochfranzösische“, die von der Académie française vorgeschriebene Sprache, als Nationalsprache gelten zu lassen und all die alten Regionalsprachen Frankreichs als „patois“ (Dialekt) zu verachten. Auf diese Weise ist das Französische ärmer geworden als etwa das Deutsche oder das Englische. Zwar nimmt nun in Zeiten des Fernsehens und des Internets auch in Deutschland der Reichtum der Mundarten immer mehr ab, aber gerade deshalb ist es so schade, daß auch zwischen Vogesen und Rhein die so liebenswürdige elsässische Mundart allmählich verstummt.

Anmerkungen

1 Menschheitsdämmerung, neu herausgegeben von Kurt Pinthus, Nachdruck Hamburg 2001, S. 179.
2 Das große Liederbuch. 204 deutsche Volk- und Kinderlieder, gesammelt von Anne Diekmann, unter Mitwirkung von Willi Gohl, mit 156 bunten Bildern von Tomi Ungerer, Olten und Freiburg i. Br. 6. Aufl. 1981.
3 Walter Hotz: Pfalzen und Burgen der Stauferzeit, Darmstadt 1981, S. 109–154.
4 Hans Reinhardt: Das Straßburger Münster, Lyon o. J., S. 25.
5 Daselbst S. 36.
6 Stephan Kemperdick: Martin Schongauer. Eine Monographie; Petersberg 2004, S. 165.


 
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