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In welcher Gesellschaft werden unsere Enkel leben?

Von Univ.-Prof. Jost Bauch

Prognose 2050–2100

Die Frage ist zunächst schwer zu beantworten. Die Soziologie ist eine wissenschaftliche Disziplin und sie hält sich an Fakten. Entsprechend ist jeder Blick in die Zukunft Spekulation, zumal soziale Gesetzmäßigkeiten nicht mit nomotetischen Naturgesetzen (die immer gelten) gleichgesetzt werden dürfen. Soziale Gesetzmäßigkeiten unterliegen der geschichtlichen Wandlung, sie können nicht linear pro futuro hochgerechnet werden. Entsprechend hält sich eine seriöse Sozialwissenschaft mit Prognosen zurück, es kann alles sehr schnell ganz anders kommen.

Gleichwohl gibt es natürlich auf der Strukturebene der Gesellschaft absehbare Trends, die in einem vorausschaubaren Ausmaß zukünftige Entwicklungen beeinflussen. Insbesondere eine Unterdisziplin der Sozialwissenschaft, die Demographie, erlaubt relativ exakte Zukunftsszenarien, weil sie auf biologischen Gesetzmäßigkeiten „aufsitzt“: Eine Mutter, die nicht geboren wurde, kann keine Kinder gebären! Geburten- und Sterberaten einer Gesellschaft (von Naturkatastrophen oder Krieg einmal abgesehen) sind im Zeitlauf relativ stabil und haben damit ein großes prognostisches Potential. Im Rahmen der Sarrazin-Debatte wurde von Mainstream-orientierten Hobby-Demographen (mit meistens lediglich journalistischer Ausbildung) eingewendet, daß man so weit in die Zukunft gar nicht schauen könne, wie dies die Demographie in der Regel tut. Deutschlands bekanntester Demograph Herwig Birg, der lange vor Sarrazin auf die Probleme der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland aufmerksam gemacht hat, stellt dazu fest: „Die hier vorgestellten demographischen Vorausberechnungen haben nichts mit Prophetie zu tun, sie sind mathematisch überprüfbare Aussagen in Form von Wenn-Dann-Sätzen. Stimmen die Annahmen annähernd oder genau, dann treffen die Vorausberechnungen näherungsweise bzw. exakt ein. Die Qualität bzw. die Prognosegenauigkeit einer Bevölkerungsvorausberechnung ist stets identisch mit der Qualität bzw. Realitätsnähe der getroffenen Annahmen über die künftige Kinderzahl pro Frau, über die Zahl der Ein- und Auswanderungen und über die Zunahme der Lebenserwartung“ (H. Birg 2004, 2). Die retrospektive Überprüfung von Bevölkerungsprognosen aus vergangenen Jahren zeigt so auch (zumindest, was das Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik in Bielefeld angeht), daß beispielsweise für Prognosen aus dem Jahre 1991 für das Jahr 2000 ein Fehler für das gesamte Bundesgebiet von unter 1 Promille konstatiert werden kann. Gerade bei einer Minus-Entwicklung der Bevölkerung sind die Prognosen sehr exakt. Können Bevölkerungszuwächse schnell durch Krieg, Krankheiten, Naturkatastrophen dezimiert werden, so gibt es eine kumulative Wirkung bei negativer Bevölkerungsentwicklung, der Trend ist sehr schwer umkehrbar und damit wird die Prognose exakt. Wie Birg schreibt, ist die demographische Schrumpfung und Alterung „ein sich selbst tragender negativer Prozess“ (H. Birg, 2004, 13).

Schrumpfung und Alterung

Die katastrophale demographische Entwicklung ist mittlerweile hinlänglich bekannt, so daß ich diese an dieser Stelle nur streifen werde, um mich mit den sozialen Auswirkungen einer dramatisch schrumpfenden und sich verändernden Bevölkerung genauer zu befassen.
Seit Jahrzehnten ist die auf uns zukommende demographische Katastrophe bekannt. Herwig Birg versuchte seit Jahrzehnten auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und stieß nur auf Desinteresse und Kopfschütteln. Jetzt ist die Entwicklung so gut wie unumkehrbar. Birg ermittelte in einer Modellrechnung, daß die Bevölkerungszahl in Deutschland inklusive Ein- und Auswanderungen von jetzt 82 Mio auf 46 Mio bis zum Jahr 2100 schrumpfen wird. Der Anteil der Deutschen ohne Migrationshintergrund reduziert sich von 74,6 Mio 1998 auf 21,2 Mio im Jahr 2100. Im Jahre 2005 hatte Deutschland einen Anteil an der Weltbevölkerung von 1,3 %, der bis zum Jahr 2050 auf 0,8 % zurückgehen wird. Auch die 10. koordinierte Bevölkerungsberechnung des Statistischen Bundesamtes ergab, daß in den alten Bundesländern die Bevölkerung von 59,6 Mio 1998 auf 39,5 Mio 2050 (–20 Mio) zurückgehen wird, im Osten geht die Zahl von 15 Mio 1998 auf 9,5 Mio zurück. Gleichzeitig steigt der Ausländeranteil von 7,4 Mio 1998 auf 19 Mio 2050 und auf 25 Mio im Jahre 2100. Trotz eines angenommenen positiven Wanderungssaldos von 170.000 wird die Bevölkerung in Deutschland insgesamt von 82,1 Mio im Jahre 1998 auf 68,0 Mio (inklusive Ausländer) schrumpfen; ein Rückgang um die 17 %. Rechnet man weiter bis zum Jahr 2100, so wird die autochthone deutsche Bevölkerung, wenn sich ihr generatives Verhalten nicht grundlegend ändert, zur Minderheit im eigenen Land. 21,2 Millionen Deutschen (nach dem bis Ende 1999 geltenden Staatsangehörigkeitsrecht) stehen dann 24,9 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber (H. Birg 2005, 74). Seit 1973 liegt die Geburtenzahl pro Frau bei 1,3 Kindern, d. h. die Nettoreproduktionsrate liegt bei 0,63. Pro Jahr fehlen somit 35 % der geborenen Mädchen, um die jeweilige Müttergeneration zu ersetzen. Jede Generation wird so um ein Drittel kleiner: 100 Deutsche haben 65 Kinder und 44 Enkel! Die Geburtenrate hat sich in nur 45 Jahren um rund 70 % verringert. Sarrazin schlußfolgert: „Rein physisch gesehen ist die Bevölkerung, die Anfang der sechziger Jahre in Deutschland lebte, am aussterben; sie hat den Weg zu ihrem Ende – gemessen an den Geburtenzahlen – bereits zu zwei Dritteln zurückgelegt. Das ist keine Klage, sondern an dieser Stelle eine wertfreie und sachlich ganz unbestreitbare Feststellung“ (T. Sarrazin 2010, 341).

Bevölkerungsaustausch

Es geht also nicht nur um Bevölkerungsschrumpfung in Deutschland (die ja durchaus positiv bewertet werden könnte), es geht um eine Bevölkerungstransformation, um einen Bevölkerungsaustausch oder um eine Bevölkerungsersetzung. Eine alte Bevölkerung (die man früher einmal als Volk bezeichnet hat) tritt ab, eine neue Bevölkerung tritt an! Der Skandal ist, daß dies in keiner Weise (auch nach dem Sarrazin-Schock) in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Die ganze Debatte reduziert sich auf Integration. Natürlich ist es besser, wenn integrationsfähige und integrationswillige Migranten in dieses Land kommen, aber Integration ändert nichts an der Tatsache der Bevölkerungstransformation. Die Integrationsdebatte hat in der öffentlichen Meinung offenbar eine Beruhigungsfunktion. Man wird sich in Zukunft mehr um Integration bemühen, dann sind die Probleme vom Tisch. Doch die Integrationsdebatte greift angesichts der Bevölkerungstransformation völlig zu kurz. Denn warum sollten sich Migranten in eine (noch) Mehrheitskultur integrieren, wenn jeder weiß, daß diese Kultur gleichsam im Zustand der Auflösung ist, daß diese Mehrheitskultur bald eine Minderheitenkultur in einer Multiminoritätengesellschaft sein wird. Die Bevölkerungstransformation mit der weitgehenden Marginalisierung der Ursprungsbevölkerung als Skandal zu empfinden, beruht letztlich auf einer Wertentscheidung. Man muß es als wertvoll ansehen, Nachkommen und eine Familie, die sich fortpflanzt, zu haben. Dazu muß man es als wünschenswert ansehen, daß das eigene Volk in seiner „kulturellen und physischen Eigenart“ (Sarrazin) eine Zukunft hat. Diese Wertentscheidung ist offenbar den meisten Zeitgenossen abhanden gekommen, sie sind hedonistisch nur am eigenen (Wohl)Leben interessiert, nach Oswald Spengler übrigens ein eindeutiges Zeichen einer untergehenden Kultur. „Wer dem Umstand, daß es eine deutsche Sprache und Kultur gibt, keinen eigenen Wert zumisst, dem kann es auch gleichgültig sein, ob es künftig Menschen gibt, die diese Sprache und Kultur weitertragen“ (T. Sarrazin 2010, 346). Doch selbst, wenn man als bindungsloser Weltbürger einer vermeintlich transnationalen Weltgesellschaft (die es nie geben wird) auf diesen ganzen traditionellen „Ballast“ verzichten will, gerät man durch Bevölkerungs­trans­formation und Be­völ­ke­rungs­schrumpfung in so große gesellschaftliche Turbulenzen, daß man sich fragen muß, ob in Zukunft der Evolutionsgewinn einer Zivilgesellschaft mit rechtsstaatlich-demokratischen Strukturen überhaupt haltbar ist. Man braucht in diesem Zusammenhang gar nicht auf werte-basierte Entscheidungsmuster zurückgreifen (also beispielsweise pro Nation und gegen Weltstaat und Weltgesellschaft), es reicht eine funktionalistische Betrachtungsweise, um die Verwerfungen und Konfliktlinien einer Gesellschaft mit demografischen Grundlasten der Transformation und Schrumpfung zu erkennen.

Sprengsatz Überalterung

So ist beispielsweise die Bevölkerungsschrumpfung mit einer zunehmenden „Überalterung“ der noch vorhandenen (Rest)Bevölkerung verbunden. Die Überalterung hat zwei Gründe: Der wesentliche Grund ist die niedrige Geburtenrate, wodurch proportional die Altenanteile der Bevölkerung steigen; der zweite Grund ist die steigende Lebenserwartung selbst. Die Lebenserwartung eines neu geborenen Mädchens steigt von jetzt 81,6 Jahren auf 88,6 im Jahr 2050, die eines Jungen von jetzt 76,2 auf 83,2 in 2050. Die Restlebenserwartung eines 65jährigen nimmt pro Jahr um 30 Tage zu! Damit steigt der sog. Altenquotient eklatant: Kommen heute auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren 30 Rentner, so wird diese Zahl auf über 50 im Jahre 2030 steigen. Waren im Jahre 2000 erst 13,7 Mio in der Altersgruppe 65 Jahre und älter, so wird diese Zahl bis 2050 auf rund 23 Mio steigen. Die Zahl der sog. Hochbetagten (80+) steigt in diesem Zeitraum von 3,1 auf 10 Mio. Gleichzeitig mit der Zunahme der Alten nimmt die Zahl der Erwerbstätigen ab (–15% bis 2035). Man muß kein Prophet sein, um zu erahnen, welche gesellschaftliche Sprengkraft in dieser demographisch induzierten Entwicklung liegt.
Betrachten wir zunächst die erwartbaren Auswirkungen auf die Systeme der sozialen Sicherung. Angesichts der zu erwartenden demographischen Entwicklung steht die Rentenversicherung vor dem Kollaps. Im Jahre 1970 zahlten 22 Mio Erwerbstätige für 8 Mio Rentner 11,4 Milliarden Euro, heute zahlen 26,5 Mio Erwerbstätige für 20 Mio Rentner 140 Milliarden Euro! Sind heute ca. 25 % der Bevölkerung im Ruhestand, so werden es im Jahre 2050 über 40 % sein; es sei denn, man erhöht weiter das Renteneintrittsalter, wobei aber diese Ausweichstrategie schnell auf biologische und arbeitsmarktpolitische Grenzen stößt. Wurde im Jahr 2000 1 Rentner von 3,7 Erwerbspersonen finanziert, so muß im Jahre 2050 1 Rentner von 1,6 Erwerbspersonen finanziert werden. Unter diesen Bedingungen ist absehbar, daß entweder die Beiträge zur Rentenversicherung bis zum Jahre 2050 mehr als verdoppelt werden müssen oder aber die Renten um mehr als die Hälfte gekürzt werden müssen (wobei natürlich beide Maßnahmen vermischt werden können, was aber an dem Rentenkürzungseffekt nichts ändert). Eine gravierende Altersarmut für weite Schichten der Bevölkerung ist damit unausweichlich.
Im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung sieht es nicht weniger dramatisch aus. Das Fritz Beske Institut in Kiel hat jüngst eine Prognose für die Gesundheitsversorgung im Jahre 2050 erstellt (F. Beske 2007 u. 2009). Die Prognose kommt zu dem Schluß, daß in den sozialen Sicherungssystemen, bei Rente, Gesundheit und Pflege, eine massive Zurücknahme von Leistungen unumgänglich ist. Die Kieler Studie ist deswegen bemerkenswert, weil sie systematisch die durch Überalterung induzierte Morbiditätsentwicklung berücksichtigt. Danach steigt die Zahl der Diabetes-Fälle von heute 3,8 Mio auf über 5 Mio im Jahre 2050, die Zahl der Demenzkranken wird sich von heute 1 Mio auf 2,3 Mio im Jahr 2050 erhöhen, die stationären Behandlungsfälle erhöhen sich bis 2050 um 67 %, die Zahl der Pflegebedürftigen steigt von 2 Mio auf 4,4 Mio, wobei die Leistungsausgaben der Pflegeversicherung von 16 Milliarden im Jahr 2000 auf 38 Milliarden im Jahr 2050 (Steigerung 134 %!) ansteigen werden.

Zuwanderung löst die Probleme nicht

Pro Kopf steigen die Gesundheitskosten um 47 %, vom Jahre 2000 aus betrachtet müssen die Erwerbstätigen 2050 für ihre Krankenversicherung durchschnittlich 77 % und für die Pflege 240 % mehr zahlen! Alleine demographiebedingt steigt der Beitragssatz von 14,2 (2005) auf 17,5 % (2050). Die Studie widerlegt die euphemistischen Annahmen der „Kompressionstheoretiker“ (wie Rürup), die behaupten, eine steigende Lebenserwartung führe nicht automatisch zu erhöhten Krankheitskosten, da man gesunde Lebensjahre dazu gewinne und die Sterbekosten im Alter geringer seien als bei jüngeren Jahrgängen. Angesichts der zu erwartenden „Altenschwemme“ fallen diese Faktoren so gut wie nicht ins Gewicht und sie ändern nichts an der Tatsache, daß die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit im höheren Alter ungefähr um den Faktor 8 größer sind als beispielsweise im Alter von 20. Auch hier gilt wie in der Rentenversicherung: Die altersbedingte größere Morbiditätslast muß von immer weniger Beitragszahlern geschultert werden. Fehlende Beitragszahler sind aber auch fehlende Steuerzahler, die Defizite der sozialen Sicherungssysteme können langfristig eben nicht durch steuerfinanzierte Zuschüsse ausgeglichen werden. „Die demographische Alterung und Bevölkerungsschrumpfung schafft nicht nur Probleme, sondern reduziert gleichzeitig die Möglichkeiten zu ihrer Lösung – ein sich selbst verstärkender Prozess“ (H. Birg 2004, 5). Bevölkerungsimporte von jungen Menschen, um die Relation von Beitragszahlern und Empfängern von Sozialleistungen zu verbessern, erweisen sich aus vielerlei Gründen als untauglich. Alleine die Zahlen verdeutlichen dies: „Wollte man beispielsweise den Altenquotienten Deutschlands durch die Einwanderung junger Menschen konstant halten, müssten bis 2050 netto 188 Millionen Menschen einwandern“ (H. Birg 2004, 5).

Ghettos, Clans, ­Schattengesellschaften

Die mit dem Altenquotient verbundenen steigenden Soziallasten bleiben nicht ohne Konsequenzen auf die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Hermann Adrian von der Universität Mainz hat die Rückkopplungseffekte der Überalterung auf die Wirtschaftsentwicklung genauer untersucht (Adrian 2006). Die hohen erwartbaren Soziallasten verteuern die Arbeit, so daß viele notwendige Investitionen unterbleiben, gleichzeitig sind dadurch bedingt die Nettoeinkünfte gering, was zum „brain drain“ hochqualifizierter Arbeitskräfte führt; schon jetzt verlassen um die 150.000 Personen jährlich das Land. Deutschland droht durch diese Entwicklung auf dem Weltarbeitsmarkt abgehängt zu werden. Jedes Jahr kommen 63 Mio Arbeitskräfte auf dem Weltarbeitsmarkt hinzu, nur 25 Mio verlassen altersbedingt den Arbeitsmarkt, die Zahl der Arbeitskräfte steigt von jetzt 2,7 Milliarden auf 3,5 Milliarden in zwanzig Jahren. Neue Arbeitsplätze entstehen aber nur in Ländern, wo sich Investitionen lohnen, Länder mit schrumpfender Bevölkerung und entsprechend limitierter Nachfrage geraten dabei ins Hintertreffen. Zwei soziale Entwicklungen sind dabei durch zu geringe Wirtschaftsentwicklung erwartbar: Zum einen wird das Modell der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky), das bislang für die Bundesrepublik maßgebend war, zerbrechen. Einer relativ kleinen Sozialschicht von Globalisierungsgewinnern und Superreichen steht eine verarmte und geschrumpfte Mittelschicht („Prekariat“) mit immerwährenden Abstiegssorgen und eine große postproletarische Unterschicht gegenüber, die sich durch Sozialtransfers und Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Diese Schicht wird durch exzessiven Medienkonsum („Tittitainment“) bei Laune gehalten. Zum zweiten kommt es zu „Exklusionsverkettungen“ für breite Schichten der Bevölkerung. Die Einkommen werden für viele Menschen so gering, daß die Teilhabe an den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen (Wirtschaft, Politik, Bildung, Kultur, Wissenschaft, Medien, Gesundheitswesen etc.) nicht mehr gewährleistet werden kann. Es entstehen soziale Rückzugsräume unterhalb der offiziellen gesellschaftlichen Institutionalisierungen: Ghetthos, Parallelgesellschaften, subkulturelle Milieus, tribale Sozialstrukturen wie Clans und Familienverbände. Merkmal dieser gesellschaftlichen Schattensozialitäten ist es, daß sie gar nicht mehr durch gesellschaftliche Steuerungsintentionen erfaßt werden können: Sie führen ihr Eigenleben und sind von außen nicht mehr sozial imprägnier- und beeinflußbar. Die „offizielle“ Gesellschaft bekommt quasi einen „asozialen“ gesellschaftlichen Unterbau, der gar nicht mehr an die Vorstellung einer für alle geltenden Zivilgesellschaft zurückgebunden werden kann. Die Akteure der Schattensozialität verlieren vielfach ihren Status als gesellschaftlicher Symbolträger, sie schöpfen ihre Identität nicht mehr aus den gesellschaftlich anerkannten Rollenzuweisungen, sondern aus Attributierungen der sozialen Schattenwelt; oft agieren sie nur noch als „Körper“, weil sie von Symbolwelten und Kommunikationsangeboten ausgeschlossen sind. Nur über körperliche Gewalt können sie ihren Bedürfnissen Ausdruck verschaffen, ein Grund für steigende Gewalttaten und zunehmende Kriminalität (K. Heisig 2010).

Endstufe Islam

Deutschland ist insgesamt auf dem Weg in eine „Multiminoritätengesellschaft“. Treffen die demographischen Modellrechnungen einigermaßen zu, ist es absehbar, daß um 2090 herum die Deutschen im eigenen Land ihre Mehrheit verlieren und zu einer Minorität neben anderen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Multiminoritätengesellschaften Übergangsgesellschaften darstellen, die Gewichte zwischen den Minoritäten verschieben sich kontinuierlich und bestimmte Minoritäten versuchen einen Majoritätsstatus zu erlangen. Berücksichtigt man die Tatsache, daß die deutsche Minorität eher alt, die zugewanderten Minoritäten eher jung sein werden, so dürfte klar sein, daß zugewanderte Minoritäten ihren Anspruch auf Dominanz geltend machen werden, Verteilungskämpfe zwischen den verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppierungen sind unausweichlich, wobei die „altdeutsche“ Fraktion in diesen Verteilungskämpfen eher schlechte Karten hat. Multiminoritätengesellschaften weisen somit ein großes „bellezistisches“ Potential auf, weil Verteilungsprobleme sofort politisiert werden. Die Zurechnungs- und Attributionsmuster von ökonomischem Erfolg oder Mißerfolg werden entindividualisiert und kollektiviert.
Es liegt nicht an der Geschicklichkeit oder Skrupellosigkeit des einzelnen, ob er wirtschaftlich Erfolg hat oder nicht, es liegt an kollektiven Merkmalen wie Hautfarbe, Religions- oder Kulturzugehörigkeit. Dabei wird der Marktmechanismus außer Kraft gesetzt, vor aller gesellschaftlichen Selbststeuerung müssen Quotierungs- und Kontingentierungsmechanismen greifen, die vorab festlegen, was den einzelnen Minoritäten zusteht. Hoher Quotierungsbedarf ruft geradezu nach einer sozialistischen Gesellschaftsstruktur, Marktmechanismen werden nur innerhalb des Quotierungsrahmens Gültigkeit beanspruchen können. Berücksichtigt man zusätzlich, daß Multiminoritätengesellschaften kaum in der Lage sein werden, eine restriktive Einwanderungspolitik durchzusetzen, dann könnte sich die Prognose von Prof. Gunnar Heinsohn vom „Youth Bulge“, von einer weiteren demographischen Invasion junger islamischer Männer, bewahrheiten. Das absterbende Christentum wird durch einen immer stärker werdenden Islam als größter religiöser Gemeinschaft in Deutschland und weiten Teilen Europas ersetzt werden. Der aufklärerischen Säkularisierung des Abendlandes folgt eine islamische Resakralisierung. Diese wird nicht ohne Folgen auf die grundlegende Wertstruktur der Gesellschaft bleiben, die westlichen Werte wie Individualismus, Menschenrechte, Frauenrechte, Trennung von Staat und Religion etc. werden neu justiert werden. Unsere Enkel werden somit in einer ganz anderen Gesellschaft leben, als wir sie (noch) kennen und sie werden unsere Generation vorwurfsvoll fragen, was wir ihnen da eigentlich hinterlassen haben.

Literatur

H. Adrian, Demographische Ursachen der Arbeitslosigkeit in Deutschland, Mitteilungen der Dt. Ges. für Demographie Jg. 5, Nr. 9 (2006), 10.
F. Beske, Gesundheitsversorgung 2050. Prognose für Deutschland und Schleswig-Holstein, Fritz Beske Institut für Gesundheitssystemforschung, Kiel 2007.
F. Beske u. a., Morbiditätsprognose 2050. Ausgewählte Krankheiten für Deutschland, Brandenburg und Schleswig-Holstein, IGSF Schriftenreihe, Bd.114, Kiel 2009.
H. Birg, Die ausgefallene Generation. Was die Demographie über unsere Zukunft sagt, München 2005.
H. Birg, Dynamik der demographischen Alterung und Bevölkerungsschrumpfung – wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen in Deutschland, MS Bielefeld 2004.
K. Heisig, Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Freiburg im Breisgau 2010.
Th. Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, 12. Aufl., München 2010.

 

 

 

 

 

 

 
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