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Moderne Architektur – Crescendo des Schreckens

Von Achim Lang

Der „Falter“ (46/10) widmete eine lange Geschichte der „Grazer Schule“ der Architektur. Am Beginn des Artikels lächelt einer ihrer führenden Vertreter, Eilfried Huth, vor dem Schulgebäude, das er in den 60er Jahren entwarf. Der „Falter“ äußert sich hymnisch zu dieser Art von Architektur: „Markant und penibel durchgeplante Betonkubaturen“, „gut und sensibel“, „hohe Schule der Architektur“ lauten die Beschreibungen. Allerdings seien viele Werke von Huth durch Umbauten „zerstört“ und heute nicht mehr „in ihrer ursprünglichen Pracht zu bestaunen“!Gegeißelt wird in dem Beitrag der ehemalige steirische FPÖ-Wohnbau-Landesrat Michael Schmid, selbst Architekt, der die „Pracht“ von Waschbeton-Kubaturen à la Huth nicht so recht erkennen wollte und ab 1991 bei neuen Bauvorhaben die „Wettbewerbe“, bei denen immer wieder die Vertreter dieser „Stilrichtung“ gewonnen hatten, zurückfuhr.Mittlerweile hat sich aber, was dem „Falter“ verborgen blieb, die Skepsis gegenüber derlei Baubrutalismus weithin durchgesetzt. „Die unendliche Belanglosigkeit moderner Architektur“ betitelte die „Welt“ am 26. Juni 2010 ausgerechnet einen Beitrag zum „Tag der Architektur“. Aus demselben Anlaß räumte die „FAZ“ zwei Tage später dem Büchner-Preisträger Martin Mosebach eine Seite ihres Feuilletons ein. „Und wir nennen diesen Schrott auch noch schön!“, ruft dieser und wendet sich gegen „all das in Beton gegossene Millimeterpapier“. Mosebach fragt, ob es wohl jemals möglich sein werde, „die Zeugnisse der 50er, 60er, 70er Jahre – ein Crescendo des Schreckens – sämtlich wieder auszulöschen.“Sogar der international erfolgreiche Architekt und Stadtplaner Alfred Speer jun. wendet sich kritisch gegen sogenannte Stararchitekten, deren Gebäude in gewachsenen Stadträumen landen wie Ufos von einem fremden Planeten: „Nehmen Sie Zaha Hadid, die ja auch Stadtplanung in Istanbul und Singapur betreibt. Mit den konkreten Orten haben ihre Entwürfe nichts zu tun. Das sind nur Ideenwolken, die weltweit abgelagert werden wie Vulkanasche, völlig wahllos. Und das schlimme ist, daß die Entscheider erst einmal darauf hereinfallen. Hinterher sehen sie dann: Das funktioniert gar nicht und das paßt auch nicht zu uns.“ (Die Welt, 16. Mai, 2010)Diesbezüglich hat Martin Mosebach in seinem Essay auf einen wesentlichen Punkt hingewiesen: „Wir bestaunen die Backsteinstädte Siena und Toulouse, die Kalksteinstadt Paris, den istrischen Travertine von Venedig, den gelben Sandstein von Bath. Warum sind die Frankfurter Stadtväter, die in ihren Ferien bewundernd in diesen Städten herumlaufen, nicht im Stande, zu befehlen, daß in Frankfurt nur mit rotem Sandstein gebaut werden darf? In Jerusalem steht kein einziges baukünstlerisch bemerkenswertes Haus, aber das englische Besatzungsstatut, in Jerusalem dürfe ausschließlich mit weißem Kalkstein gebaut werden, hat eine staunenswert schöne Stadt hervorgebracht.“Intelligent und wirklich witzig setzt sich die Wiener Veranstaltungs- und Szeneplattform www.stadtbekannt.at mit den lokalen Architekturverbrechen auseinander: „Wir kennen sie alle: Häuser, bei denen man im Vorbeigehen betroffen den Blick senkt, Häuser, die einen in die tiefsten Albträume verfolgen, Häuser, die Augenkrebs verursachen: Häuser aus der Hölle. … Tod den Architekten! Gut, das fordern wir zwar nicht, aber wir haben genug! Genug von Stahl- und Betonsymbiosen, wir haben genug von der Formensprache der 60er, 70er … stadtbekannt.at ruft auf zum großen öffentlichen Anprangern!“ Zaha Hadids Wohnbau (siehe Abb.) findet sich auf der Liste der angeprangerten Scheußlichkeiten genauso wie das neue Institutsgebäude in der Universitätsstraße („Das Haus kann einem tatsächlich jede Freude am Studieren nehmen“), das AKH oder die „grausame Selbstverwirklichung“ Christian Ludwig Attersees in der Mariahilferstraße („Wir empfehlen: öffentliches Wirkverbot für Christian Ludwig Attersee.“).In Deutschland erstarkt derweil die Rekonstruktions-Bewegung, die weit über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses oder der Dresdner Frauenkirche hinaus geht. Landauf, landab bemühen sich Initiativen teils schon erfolgreich um die Wiederherstellung wertvoller Einzelgebäude oder ganzer Ensembles wie der Frankfurter Innenstadt. Die Riege der Architekten und das politische Establishment stehen dem ablehnend gegenüber (die NO berichtete mehrfach). Doch die Unterstützung der Bürger durch die Medien wächst: „Typisch für die Entfremdung zwischen Bauverwaltung und Bürgerschaft ist diese Frontstellung deshalb, weil sie sich an zahllosen Schauplätzen in Deutschland spiegelbildlich wiederholt“, schrieb „Die Welt“ am 9. Dezember 2009 und prangerte das Vorgehen der Frankfurter Stadtväter an, die nun versuchten, ihrer „Strategie gegen zu viel Altstadt“ mit „Orwellscher Wortverdrehung“ zum Sieg zu verhelfen.Einige wenige Architekten wie Thomas Noever in Berlin (www.noever.de) oder Matthias Ocker in Hamburg (www.matthias-ocker.de) trauen sich bereits wieder traditionell zu bauen. Von den Bauherren wird dies immer mehr gewünscht, von den Architektenverbänden jedoch bekämpft. Das hat Folgen: An den Unis wird nach wie vor nicht gelehrt, wie man traditionell baut, es gibt kaum noch Architekten, die mit den Regeln der klassischen Baukunst vertraut sind („Welt am Sonntag“, 30. Mai 2010).

 

 

 
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