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Josef Wagner

Franz Ritter von Epp wurde 1933 zum Reichsstatthalter in Bayern bestellt. An der Fronleichnamsprozession in München nahm er regelmäßig in Parteiuniform teil.
Artur Dinter, Gauleiter von Thüringen, verkündete ein „arisch-heldisches“ Bild Jesu und versuchte mit seiner „geistchristlicher Religionsgemeinschaft“ ein völkisches Christentum zu begründen. 1928 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen.
Seine Vorbehalte gegen das Christentum äußerte Hitler nur im innersten Kreis. Offiziell erklärte er, daß er das Christentum als Basis der gesamten Moral in Deutschland ansehe, besuchte ergriffen die Passionsspiele in Oberammergau und wies die radikalen Kulturkämpfer der eigenen Partei immer wieder in Schranken. – Hitler beim Verlassen der Marien­kirche in Wilhelmshaven.
Hanns Kerrl, Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten, erklärte seinem Führer „Wenn Ihr Kurs gegen das Christentum geht, folge ich nicht“.
­­Der Oldenburger Gauleiter Röver wollte im Münsterland die Kruzifixe aus Schulen und öffentlichen ­Gebäuden entfernen lassen – doch die Proteste aus dem Volk zwangen ihn, seine ­Anweisung rückgängig zu machen.­
Auch Gauleiter Adolf Wagner von München-Oberbayern scheiterte mit seinem Versuch, die Kreuze entfernen und das Schulgebet verbieten zu lassen.
Gauleiter Josef Wagner (links) wurde von Borrmann u.a. sein regelmäßiger sonntäglicher Kirchgang zum Vorwurf gemacht. Als er seiner Tochter die Heirat mit einem SS-Anwärter verweigerte, weil dieser aus der Kirche ausgetreten war, stieß ihn Hitler aus dem Führerkorps der NSDAP aus.
­Hitler wollte Wagner mit ungekürzten Ansprüchen in Pension schicken, ihn aber ­jedenfalls aus der ­Partei ausgeschlossen haben. Weder der oberste Parteirichter ­Walter Buch (Bildmitte), noch die beisitzenden Gauleiter hielten einen Parteiausschluß jedoch für rechtens. Hitler weigerte sich, den Gerichtsspruch anzuerkennen und setzte Wagners Ausschluß durch.

Von Werner Bräuninger

Der Sturz des katholischen Gauleiters

An der Person Josef Wagners vollzog Adolf Hitler mitten im Kriege eine ungewöhnlich harte Strafaktion an einem seinerlangjährigsten und treuesten Mitkämpfer. In ihm urteilte er stellvertretend jene Gruppe seiner Gefolgsleute ab, die trotz ihreseindeutigen Bekenntnisses zum Nationalsozialismus ihren religiösen Überzeugungen nicht völlig entsagen wollte. Die Motive,die für dieses radikale Verhalten des obersten Parteiführers ausschlaggebend waren, aber auch seine grundsätzliche Einstellungder Kirche gegenüber, sollen nachfolgend erhellt werden.

Josef Wagner, 1899 im Elsaß gebürtig, besuchte zunächst das Lehrerseminar und war Frontsoldat im ersten Weltkrieg. Nach seiner Flucht aus französischer Gefangenschaft arbeitete er in den zwanziger Jahren als Angestellter in der Bochumer Stahlindustrie und später als Volksschullehrer. Bereits 1922 war er der Bewegung Adolf Hitlers beigetreten; im folgenden Jahre gründete er die NSDAP-Ortsgruppe Bochum und verlor daher seine Stellung im Schuldienst, wie nahezu alle Lehrer, welche der NSDAP angehörten. Bis zur Neugründung der Partei nach Hitlers erfolglosem Putschversuch, leitete Wagner als führendes Mitglied des Völkisch-Sozialen Blocks dessen Aktivitäten in Westfalen und im Ruhrgebiet. Wagner verstand es insbesondere, die Bergarbeiter und die westfälische Landbevölkerung anzusprechen und für die Hitler-Bewegung zu gewinnen. Bei den Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 fiel eines der zwölf Mandate für die NSDAP an Josef Wagner. Im gleichen Jahr wurde er von Hitler zum Gauleiter des Gaues Westfalen ernannt. Die Begräbnisverweigerungen beider christlicher Kirchen im Deutschen Reich für bei Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern getötete Nationalsozialisten, dürfte Josef Wagner in seinem Gau hautnah miterlebt haben. Nach der Neustrukturierung der NSDAP-Gaue am 1. Januar 1931, wurde der Gau Westfalen geteilt und Wagner Chef des neugebildeten Gaues Westfalen-Süd. Wagner gründete die nationalsozialistischen Zeitungen Westfalenwacht und Rote Erde und 1932 seine „Hochschule für Politik“ zur Heranbildung des Parteinachwuchses. Nach der Machtübernahme avancierte er zum Vizepräsidenten des Preußischen Staatsrates. Im Sommer 1934, nach der Röhm-Revolte, versuchte Wagner sich seiner beiden höchsten SA-Führer Paul Giesler und Wilhelm Schepmann zu entledigen. Er zeigte sie beim Obersten Parteigericht an und verlangte ihren Ausschluß aus der Partei. In erster Linie kulminierten hier wohl persönliche Animositäten, was eine Behauptung Wagners unterstreicht, Schepmann habe die Weigerung Röhms, sich selbst zu erschießen, verteidigt und Giesler habe einmal ein „Sieg Heil“ nicht auf Hitler, sondern auf Röhm ausgebracht. Auch soll von beiden gegen Wagner „gehetzt“ worden sein. Giesler wurde schließlich freigesprochen und versetzt; später machte ihn Hitler zum Gauleiter des „Traditionsgaues“ München-Oberbayern.­Im Januar 1935 berief Hitler Josef Wagner – als Nachfolger des wegen seiner Nähe zu SA-Stabschef Ernst Röhm und Vorwürfen im Zusammenhang mit dem § 175 aus dem Amt entfernten Helmuth Brückner – als Gauleiter von Schlesien, unter Beibehaltung seines westfälischen Gauleiteramtes. Wagner leitete damit zwei Gaue welche räumlich sehr weit voneinander entfernt waren; in der NSDAP war dies ohne Beispiel. Daß Hitler gerade diesem Manne die Verantwortung in gleich zwei Gauen übertrug, zeugt von dem beachtlichen Vertrauen, das er in Josef Wagner setzte. Hitler räumte Wagner bei der „Säuberung“ Schlesiens von Resten der Brücknerschen Gefolgschaft außerordentliche Vollmachten ein. Es folgten weitere Karrierestufen innerhalb der NS-Hierarchie; so ernannte man ihn zum Oberpräsidenten der Provinzen Nieder- und Oberschlesien und im Oktober 1936 wurde er als Nachfolger Carl Goerdelers zum Reichskommissar für die Preisbildung berufen. Hitler setzte also ganz offensichtlich sehr große Hoffnungen in Wagner, denn sonst wäre es wohl kaum vorstellbar gewesen, ihm auch noch ein weiteres Staatsamt anzuvertrauen. Wagner scheint auch als Preiskommissar recht erfolgreich gewesen zu sein, denn nur knapp einen Monat nach seiner Amtsübernahme wurde eine Preisstoppverordnung erlassen, nach der Preiserhöhungen im Reich nur noch im absoluten Ausnahmefall genehmigt wurden.­

Gottgläubig oder christlich?

­Ende der dreißiger Jahre aber geriet Wagner aus zunächst nicht genau nachzuvollziehenden Gründen in die Schußlinie von Himmler, Bormann und Goebbels. Ebenfalls intrigierten der höhere SS-Führer Udo von Woyrsch und Wagners Stellvertreter in Schlesien, Fritz Bracht, gegen ihren Dienstherrn. Woyrsch hatte zuvor bereits gegen die Gauleiter Brückner und Kube Stimmung gemacht und war später wegen eines Streites mit dem sächsischen Parteichef Mutschmann abgesetzt worden. Kritik an Wagners Amtsführung als Reichspreiskommissar und vor allem an seiner starken konfessionellen Bindung an den Katholizismus waren die Hauptgründe der Angriffe gegen ihn. Heinrich Vetter, der rabiate stellvertretende Gauleiter in Westfalen-Süd, soll geäußert haben, daß Wagners Dienstlimousine an den Sonntagen stets demonstrativ und für jedermann sichtbar vor der katholischen Kirche in Bochum zu sehen gewesen sei. Aus seiner Abneigung gegen die kirchenkämpferischen Tendenzen innerhalb der NSDAP hatte Wagner nie einen Hehl gemacht. Doch blieb des Gauleiters Religiosität auf lange Zeit lediglich Gegenstand des Anstoßes für einige parteiinterne Sektierer, die sich auf ihre zu jener Zeit sehr in Mode gekommene „Gottgläubigkeit“ etwas zugute hielten. Er hätte jedoch wissen können, ja müssen, daß sein Parteichef äußerst ungehalten reagierte, wenn er glaubte Anzeichen dafür zu haben, daß religiöse Fragen innerhalb seiner Partei Einzug halten sollten, denn bereits Ende der 20er Jahre hatte der Gauleiter von Thüringen, Dr. Artur Dinter, in immer stärkerem Maße versucht, religiöse Streitigkeiten in die NSDAP zu tragen und die Partei in Richtung einer deutsch-völkischen Sekte abdriften zu lassen. Eine Absicht, die schon immer die entschiedene Ablehnung des Parteiführers gefunden hatte und eine Frage, in der er zu keinem Kompromiß geneigt sein wollte. Nach langer Duldsamkeit verfügte er denn auch im Oktober 1928 den endgültigen Parteiausschluß Dinters. Solche Bestrebungen lagen zwar nicht in Josef Wagners Absicht, doch zeigten sie ihm auf, wie vorsichtig er als bekennender und praktizierender Katholik operieren musste.­Adolf Hitler selbst gehörte bis zu seinem Lebensende der katholischen Kirche an, so auch Dr. Goebbels. Und in München schritt der Reichsstatthalter Ritter von Epp alljährlich während der Fronleichnamsprozession in Parteiuniform hinter dem Baldachin mit der heiligen Monstranz einher. Die NSDAP stand gemäß ihrem Parteiprogramm auf der Grundlage eines „positiven Christentums“. Darunter verstand man eine „nicht-judaisierte“, christliche Lehre, welche sich dem Denken und Fühlen des arischen Menschen angepaßt hatte, die Liebe zum Nächsten und der Volksgenossen untereinander propagierte und sich somit für Arterhaltung und -entfaltung auswirke. Viele Nationalsozialisten bezeichneten sich, wie erwähnt, als „gottgläubig“, lehnten aber die christlichen Bekenntnisse ab. Der Begriff „gottgläubig“ wurde in amtlichen Dokumenten als Religionszugehörigkeit anerkannt. Ein exponiertes Beispiel ist etwa jenes des radikalen Schriftstellers Kurt Eggers, eines entlaufenen ehemaligen Pastors, der in seinen Werken und Schriften einer heroischen bis gewaltverherrlichenden Lebensanschauung des ewigen Kampfes und des sozial-darwinistischen Handelns das Wort redete; christliche Nächstenliebe wurde hier nur belächelt.­Schon in seiner ersten Rundfunkansprache nach Übernahme der Regierungsverantwortung im Reich sprach Hitler jedoch davon, dass er das Christentum als Basis der gesamten Moral in Deutschland ansehe. Dennoch war er kein „Kirchenfrömmling“, wie er sich ausdrückte, und nahm auch nicht am katholischen Gottesdienst teil. Im Grunde war er ein „abgefallener“ Katholik. Zu Beginn seiner Amtsführung erregte Hitlers öffentliche Abrechnung mit dem der Zentrumspartei angehörenden württembergischen Staatspräsidenten Dr. Bolz großes Aufsehen. Hitler reagierte stets äußerst empfindlich, wenn er das Gefühl hatte, dass Politik und Religion verquickt werden sollten. Auch um dies weitgehend zu unterbinden, schloss sein Vizekanzler von Papen im Juli 1933 – nach dem Vorbild der Lateranverträge zwischen dem faschistischen Italien Mussolinis und dem Vatikan – ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, was als erster außenpolitischer Coup des jungen NS-Staates angesehen werden kann. Als Folge dieser Einigung sah das Zentrum für sich keine Überlebensmöglichkeit mehr als politische Kraft im NS-Volksstaate und löste sich folgerichtig am 5. Juli auf. „Was die alten Parlamente und Parteien in sechzig Jahren nicht fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten weltgeschichtlich verwirklicht“ schrieb der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Faulhaber, in einem Hitler übersandten Glückwunschbrief.­

Hitlers Religiosität­

Bei aller Skepsis gegenüber dem politisierenden Teil des Klerus, pflegte der NS-Führer doch immer einen guten Kontakt zu vielen Würdenträgern der katholischen Kirche. Einer der ersten Bischöfe, die Hitler nach seiner Machtüberantwortung empfing, war der Osnabrücker Bischof Berning, der das fast zweistündige Gespräch als „herzlich und sachlich“ bezeichnete. Gleiches berichtete der Augsburger Weihbischof Eberle von seiner Zusammenkunft mit dem Staatsoberhaupt. Im November 1936 hatte Hitler Kardinal Faulhaber über drei Stunden auf seinem Berghof zu Besuch. Als der Kardinal vom Obersalzberg zurückkehrte, war er von Hitler tief beeindruckt und sah ihn als „geborenen Souverän“. Sein Fazit: „Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott“. Auffällig war auch die überaus herzliche Unterhaltung, die Adolf Hitler mit dem Doyen des Diplomatischen Korps, dem päpstlichen Nuntius Orsenigo, anläßlich des Neujahrsempfangs 1939 in der Neuen Reichskanzlei führte. Ein ähnlich gutes Verhältnis entwickelte sich auch zu dem Nuntius in Bayern, Alberto Vassallo-Torregrossa. Innerhalb der NSDAP spielten zu Beginn von Hitlers Karriere der Benediktinerabt Alban Schachleiter, der Pater Stempfle, ohne Wissen Hitlers im Zuge der Röhm-Revolte 1934 ermordet, sowie der Jesuitenpater Rupert Mayer eine gewisse Rolle.­In tiefer Ergriffenheit wohnte Hitler 1934 den Oberammergauer Passionsspielen bei. Das Bild, welches Hitler bei Verlassen der Marinekirche in Wilhelmshaven zeigt und das über seinem Haupte gleichnishaft ein großes Kruzifix zeigt – eine glückliche fotografische Zufälligkeit – verstand die NS-Propaganda geschickt für ihre Zwecke auszunutzen, indem das Foto massenhaft reproduziert wurde. In seinen Reden und Ansprachen sprach Hitler oft von der „Vorsehung“, von „unserem Herrgott“, dem „Allmächtigen“, dem Segen des Himmels, seinem Glauben. Eine weitere Eigenart von ihm war es, Zitate des Johannes-Evangeliums oder katholischer Meßgebete abzuwandeln. Eine seiner großen Reden beschloss er 1933 mit einem feierlichen „Amen!“. Hitler bewunderte die jahrtausendealte Organisation der katholischen Kirche, ihre Hierarchien, ihre Dogmen und ihr Selbstverständnis als Männerbund. Besondere Wertschätzung brachte er dem christlich geprägten kulturellen Erbe des Abendlandes entgegen. In nahezu keiner seiner Reden versäumte er es, die Vorsehung zu erwähnen, die ihn dazu bestimmt habe, Deutschland zu erretten. „Das ist nicht Menschenwerk allein gewesen“, rief Hitler seinen Zuhörern 1937 in Würzburg zu und meinte damit den steilen Weg zur Höhe, den er und das deutsche Volk seit 1933 zusammen gegangen waren. Sehr oft verwandte er das Wort „ewig“, in einer Lagebesprechung vom 25. Juli 1943 rief er aus „mein Gott“ und „Herrgott Sakrament“, der 1. Mai war ihm „der glanzvolle Tag der Auferstehung des deutschen Volkes“, im Zusammenhang mit seinem gescheiterten Putschversuch vom 9. November 1923 sprach man von „Heiligen“, „Märtyrern“ und „Aposteln der Idee“. So wie in Trier der heilige Rock Jesu oder in Turin das Grabtuch des Gekreuzigten verwahrt wurde, besaß auch die NSDAP in der „Blutfahne“ – getränkt mit dem Blute eines an der Feldherrnhalle erschossenen Parteigenossen – eine Reliquie der Bewegung.­Seine Vorbehalte gegen das Christentum äußerte Hitler ausschließlich gegenüber dem inneren Zirkel seiner engsten Mitarbeiter, niemals in der Öffentlichkeit. Zwar favorisierte er eine Trennung von Kirche und Staat und polemisierte gegen die „politisierenden Pfaffen“, doch schreckte er vor einem offen ausgetragenen Kirchenkampf zurück. Aber auch die Versuche der „Deutschen Christen“, jener „SA Christi“ des evangelischen Reichsbischofs Müller, zu einer Einigung der Protestanten zu gelangen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Insgeheim spottete Hitler über die evangelischen Kirchenführer und ihre „abgetragenen Anzüge und unsaubere Wäsche“. Radikalere Kräfte in der Partei, wie etwa die Bestrebungen des Cheftheoretikers der Partei Alfred Rosenberg, dessen „Mythus“ er ablehnte, oder auch von Himmlers SS, wies er immer wieder in die Schranken. Zu einem seiner Adjutanten soll er in Anlehnung an ähnliche Sentenzen Friedrichs des Großen geäußert haben: „Ich habe dem Rosenberg immer gesagt, auf Priester- und Weiberröcke schlägt man nicht“. Es graue ihm davor, von der SS einmal zum „Heiligen“ gemacht zu werden, hat er bekundet. Doch er selber leistete derlei Byzantinismus nicht selten Vorschub, so etwa wenn er in einer Rede äußerte, das Werk, welches Christus begonnen habe, werde er zu Ende bringen. Etliche seiner Unterführer hoben ihren Führer auf eine nahezu gottgleiche Höhe. Rudolf Heß hatte 1938 ausgerufen: „Denn wir haben den Glauben, daß der Höchste uns den Führer gesandt zur Rettung aus tiefster Not. Indem wir zum Führer stehen, erfüllen wir den Willen dessen, der uns den Führer gesandt.“ Hitler bekämpfte aber nicht nur die Amtskirchen, die Freimaurer oder die Anhänger General Ludendorffs, sondern wandte sich auch gegen einen neuen NS-Mystizismus. In einer aufsehenerregenden Rede vom 6. August 1938 führte er aus:­„Diese ganze Welt, die uns so klar ist in der äußeren Erscheinung, ist uns ebenso unklar in ihrer Bestimmung. Und hier hat sich die Menschheit demütig gebeugt vor der Überzeugung, einem ungeheuren Gewaltigen, einer Allmacht gegenüberzustehen, die so unerhört und tief ist, daß wir Menschen sie nicht zu fassen vermögen. Das ist gut! Denn es kann dem Menschen Trost geben in schlechten Zeiten, vermeidet jene Oberflächlichkeit und jenen Eigendünkel, der den Menschen zu der Annahme verleitet, er — eine ganz kleine Bazille auf dieser Erde, in diesem Universum — würde die Welt beherrschen und er bestimme die Naturgesetze, die er höchstens studieren kann. Daher möchten wir, daß unser Volk demütig bleibt und wirklich an einen Gott glaubt. Also ein unermeßlich weites Feld für die Kirchen, sie sollen daher auch untereinander tolerant sein! Unser Volk ist nicht von Gott geschaffen, um von Priestern zerrissen zu werden. Daher ist es notwendig, seine Einheit durch ein System der Führung sicherzustellen. Das ist die Aufgabe der NSDAP. Sie soll jenen Orden daher stellen, der, über Zeit und Menschen hinwegreichend, die Stabilität der deutschen Willensbildung und damit der politischen Führung garantiert.“

­Kirchenkampf­

Den Kampf gegen einen politisch motivierten Katholizismus hatte sich insbesondere die SS auf ihre Fahnen geschrieben, wie etwa anhand Reinhard Heydrichs 1936 erschienener Schrift „Wandlungen unseres Kampfes“ ersichtlich ist, in der es im Kapitel „Politischer Mißbrauch der Kirchen“ hieß: „Vor allem gilt es für uns, rechtzeitig die staats- und volksfeindlichen Absichten und Wirkungen der konfessionellen Kämpfe zu erkennen, deren Schauplatz Deutschland wieder einmal ist … Um aber die weltlichen Stellungen zu sichern und zu untermauern, wurden die Anhänger der Kirchen politisch organisiert. Vor der Machtübernahme kam in der reinen Form der Partei (Zentrum, Bayrische Volkspartei) der politisch weltliche Charakter klar zum Ausdruck. Heute sind schon frühere in weiser Voraussicht als Auffangorganisation gegründete Vereine usw. die Nachfolger der Parteien geworden (Katholische Aktion usw.). In kirchlicher Verbrämung wird hier die politische Durchdringung aller Gebiete unseres Volkslebens gefordert und angestrebt… So trägt man heute Mißtrauen und Zweifel in die vom Führer geeinte Gemeinschaft des Volkes und versucht, in Partei und Staat Zwietracht zu säen.“ Ein Mann wie Josef Wagner musste also schon damals gewarnt sein. Der Kopf der Katholischen Aktion, Klausener, wurde 1934 ein Opfer im Zuge der Röhm-Revolte, bei der nicht selten alte Rechnungen gleich mitbeglichen wurden.­Allmählich verschärften sich die Spannungen zwischen Kirche und Staat, insbesondere die homosexuellen Verfehlungen einiger katholischer Priester in den Jahren 1936/37 sorgten für großes Aufsehen, was wiederum die Hardliner innerhalb der Partei auf den Plan rief und eine regelrechte Prozeßwelle zur Folge hatte. Hanns Kerrl, Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten, bemühte sich um den Ausgleich, äußerte aber zugleich zu seinem Führer: „Wenn Ihr Kurs gegen das Christentum geht, so folge ich nicht.“ Der bekannte Ägyptologe Freiherr von Bissing schickte aus Protest gegen die offizielle Kirchenpolitik des Regimes sein goldenes Parteiabzeichen an Hitler zurück. Der konservative Reichspostminister Freiherr Eltz von Rübenach, den Hitler im Jahre 1937 als Auszeichnung ehrenhalber in die NSDAP aufnehmen wollte, lehnte dies offen ab – und trat zurück. Hitler sah all dem zunächst ruhig zu und äußerte im privaten Kreise lediglich, dass seine Gauleiter keine Kardinäle werden dürften. Zeitgleich brachte der Oldenburger Gauleiter Röver einen regelrechten Skandal ins Rollen, da er seinen Kultusminister anwies, die Kruzifixe im sehr stark katholischen südlichen Münsterland aus den Klassenzimmern katholischer Schulen und öffentlichen Gebäuden entfernen zu lassen. Die starken Proteste aus dem Volke, die sich gegen diese rabiate Methode erhoben, zwangen Röver schließlich, seine Anweisung in öffentlicher Rede auf einer Massenversammlung rückgängig zu machen, auch das gab es im totalitären Staate. Starke Beachtung fand auch die Fehde zwischen Bischof Graf Galen und Rosenberg, anlässlich einer Rede des letzteren in Münster. „Mit brennender Sorge und steigendem Befremden“ begleitete Papst Pius XII. den Leidensweg der katholischen Kirche in Deutschland in seiner berühmten Enzyklika aus dem Jahr 1937. Doch „aus innerster Überzeugung und mit freiem Willen“ erklärten die Bischöfe Österreichs, allen voran Kardinal Innitzer, im März 1938 ihre Übereinstimmung mit dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Im Oktober des gleichen Jahres aber stürmten Gruppen der Hitler-Jugend das erzbischöfliche Palais in Wien aus Protest gegen eine sog. „Rosenkranz-Kundgebung“ der katholischen Jugend; Kardinal Innitzer gelang es nur mit Mühe zu fliehen.­Während des Krieges war Hitler mehr denn je zur Rücksichtnahme in der Kirchenfrage gezwungen und behielt sich die Auseinandersetzung mit ihr auf die Zeit nach dem „Endsieg“ vor. Noch 1940, nach dem grandiosen Sieg über Frankreich, läuteten tagelang alle Kirchenglocken im Reich und Hitler selbst betonte in seinem Aufruf an die Deutschen: „In Demut danken wir dem Herrgott für seinen Segen.“ Aber nur wenig später verlautbarte Martin Bormann, daß Nationalsozialismus und Christentum unvereinbar seien, und einmal noch, mitten im Kriege, im April 1941, wollte der Gauleiter des „Traditionsgaues“ München-Oberbayern, Adolf Wagner, in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister verbieten lassen, daß man den Schulunterricht mit einem Gebet beginnt; die Kruzifixe wollte er, wie seinerzeit in Oldenburg, entfernen lassen. Zahlreiche Eltern weigerten sich daraufhin ihre Kinder zur Schule zu schicken und an vielen Orten fanden Demonstrationen statt. Nur einen Monat später gab die bayerische Gauleitung nach; der Befehl wurde widerrufen. Der von Bormann und Himmlers SS zu Beginn des Jahres 1941 initiierte „Klostersturm“ wurde gleichfalls nach starken Protesten der Bevölkerung von Hitler verboten. Hitler verfuhr zwar nicht wie Napoleon, welcher viele Kirchen in Deutschland zu Pferdeställen hatte umfunktionieren lassen, oder wie Stalin, der sämtliche Klöster schließen ließ und Traktorendepots daraus machte, aber er ließ keinen Zweifel darüber, daß er die Kirchenfrage nach dem „Endsieg“ so oder so lösen würde. Nach Hitlers Ansicht müßten die christlichen Kirchen von selbst absterben, bis dort nur noch „Deppen und alte Weiblein“ säßen. Auch süffisante Äußerungen, wie man den Kirchen das Wasser durch die Einbehaltung der Kirchensteuer abgraben werde, sind bei ihm immer wiederkehrend. Bei seiner Beisetzung wolle er im Umkreis von zehn Kilometern „auch nicht einen Pfaffen“ sehen, so Hitler. Der Tod bedeutete für ihn die Auslöschung der menschlichen Existenz, darin stimmte er weitgehend der Auffassung der japanischen Nationalreligion des Shinto überein, jenem Amalgam aus Verehrung der Nation, des Tenno, der Ahnen und der Natur. Nach dem gescheiterten Bombenattentat des Grafen Stauffenberg auf Hitler wurden von etlichen Kanzeln beider christlicher Kirchen im ganzen Reich Dankgottesdienste für die wundersame Errettung des Führers abgehalten und Gebete für ihn gesprochen.­

Im Dotter des Leviathan

­Solcherart waren die Umstände, die Gauleiter Josef Wagner in der Zeit seiner Denunziation vorfand. Mitten in dieser Phase der anti-kirchlichen Stimmung zog sich Wagner das Mißfallen der SS zu, weil er sich schützend vor die katholische Kirche und den polnischen Bevölkerungsanteil in seinem schlesischen Gau gestellt hatte. Unmut erregten auch seine Planungen einer radikalen und zugleich reformierenden Umgestaltung seines Gaues Westfalen-Süd. In einem Aktenvermerk aus dem Dezember 1939 zitierte Martin Bormann eine Entscheidung Hitlers, wonach Wagner sich nach Bochum zurückziehen und die Teilung des Gaues vorbereitet werden solle. Doch vollzogen wurde diese Absicht noch nicht. Spätestens seit 1940 wurde Josef Wagners Sturz jedoch geradezu systematisch vorbereitet. Im April dieses Jahres erinnerte Bormann Hitler daran, daß noch alles „beim alten“ sei, daß sich Wagner resistent zeige und auf Schlesien nicht verzichten wolle. Die gesamten Querelen zogen sich über Monate hin. Am 9. Januar 1941 legte Wagner schließlich seine Ämter als Gauleiter und Oberpräsident der Provinz Schlesien nieder und kehrte nach Bochum zurück. Am 28. Januar 1941 verfügte Hitler die Teilung des Gaues Schlesien in die selbständigen Gaue Niederschlesien unter Gauleiter Karl Hanke und Oberschlesien unter Fritz Bracht. Quasi als „Entschädigung“ verlieh man Wagner das Kriegsverdienstkreuz und machte ihn zum Staatssekretär für die Preisbildung.­Schon lange aber war Bormann Wagners demonstrativer Katholizismus ein Dorn im Auge. Dann ereignete sich für die Gegner Wagners ein erfreulicher Umstand: Josef Wagners sehr junge Tochter Gerda verliebte sich in den etwas zwielichtigen jungen SS-Anwärter Klaus Weill von der Leibstandarte Adolf Hitler; sie wurde schwanger und wollte ihn heiraten. Das Ehepaar Wagner verweigerte jedoch seine Einwilligung, da Weill aus der Kirche ausgetreten und lediglich „deutschgläubig“ sei. Frau Wagner schrieb in einem wütenden und anklagenden Brief an Gerda, wenn die Heirat doch vollzogen werde, so würde man sie aus der Familie verstoßen. Weill sandte den Brief seinem obersten Vorgesetzten Heinrich Himmler, der ihn wiederum Bormann übergab, welcher ihn direkt an Adolf Hitler weiterleitete. Dann wurde Weill nach Berlin zitiert, um über die Lage auszusagen.­Am Abend des 8. November 1941 sprach Hitler traditionell zum Jahrestag seines Putsches im Münchener Löwenbräukeller. In seiner Ansprache gab er eine deutliche Warnung ab: „Sollte aber irgendeiner ernstlich bei uns hoffen, unsere Front stören zu können, ganz gleich, woher er stammt, aus welchem Lager er kommt, so – Sie kennen meine Methode – sehe ich dem immer eine gewisse Zeitlang zu. Das ist die Bewährungsfrist. Aber dann kommt der Augenblick, an dem ich blitzartig zuschlage, und das sehr schnell beseitige. Und dann hilft alle Tarnung nichts, auch nicht die Tarnung mit der Religion.“ Es könnte sein, daß diese Redesequenz durchaus auch ein Wink mit dem Zaunpfahl an seinen frommen Gauleiter Josef Wagner gewesen ist. Am folgenden Tag versammelten sich die Reichs- und Gauleiter der NSDAP im Führerbau zu einer Tagung. In auffallendem Ernste begrüßte Hitler die Teilnehmer. Er begann: „Meine Parteigenossen! Ich lasse Ihnen nunmehr durch Parteigenossen Bormann den Brief einer Mutter vorlesen.“ Für alle Anwesenden vollkommen überraschend, verlas Bormann dann den Brief Frau Wagners. Dann ergriff Hitler das Wort und sagte: „Meine Herren! Dieser Brief ist von der Ehefrau eines Mannes aus Ihrer Mitte geschrieben worden… Ein Mann, der die Ansichten einer solchen Frau billigt, kann nicht länger Mitglied dieses Führerkorps sein.“ Mit lauter und scharfer Stimme fuhr Hitler fort: „Herr Wagner! Verlassen Sie sofort und unverzüglich diesen Raum und dieses Haus.“ Der ehemalige Gauleiter in Magdeburg-Anhalt, Rudolf Jordan, bemerkte in seinen Erinnerungen, man habe zunächst gar nicht genau gewußt, welcher Wagner denn gemeint sei, denn es gab drei Gauleiter dieses Namens, die sich im Saale befanden.­Da jedoch erhob sich, völlig überrascht und konsterniert, Josef Wagner und verlangte das Wort, um sich zu verteidigen, doch Hitler schnitt ihm barsch das Wort ab, wiederholte seine Aufforderung und bedeutete ihm, daß er ihn bereits aus dem Führerkorps der NSDAP ausgestoßen habe. Jordan wörtlich: „Uns alle überfällt eine beklemmende Stimmung… Wagner erhebt sich und verlässt schwankend den Raum. Es bleibt zunächst Totenstille im Saal. Viele von uns senken den Kopf. Das Geschehen ist für sie noch unfassbar. Mancher von uns denkt: Jetzt muß draußen ein Schuß fallen. Das kann ein Mann nicht überleben. Es fiel kein Schuß.“­Man muß sich vergegenwärtigen, wie stark und unmittelbar ein solches Verhalten des unbedingten Gehorsam einfordernden Hitler in einem totalitären Staate auf die im Führerbau versammelten hochrangigen Amtsträger der NSDAP gewirkt haben muß. Wie paralysiert verfolgten die anwesenden Gauleiter die Szenerie, woran sich auch der schwäbische Gauleiter Karl Wahl später noch nach Jahrzehnten gut erinnerte: „Totenbleich stand (Wagner) auf und bat energisch ums Wort, worauf Hitler ihn nochmals und noch schroffer als vorher zum sofortigen Gehen aufforderte. Noch nie hatte ich Hitler so gesehen. Bormann und Himmler waren die einzigen, die darüber sichtlich Genugtuung empfanden, alle anderen waren bestürzt, ja fast gelähmt vor Entsetzen über das Unrecht, das da so urplötzlich und unerwartet einem Kameraden zugefügt wurde, daß … keiner sogleich imstande war, dem Unglücklichen beizustehen. Hitler war die Schockwirkung auf die Tagungsteilnehmer durch die mangelnde Aufmerksamkeit bei seinem anschließenden Vortrag nicht entgangen.“­Anders als Jordan und Wahl beurteilte Dr. Goebbels den Hergang des Geschehens um Wagner am 10. November 1941 in seinem Tagebuch: „[ Der Führer] beginnt damit, daß er ein klirrendes Scherbengericht an dem Gauleiter Wagner-Bochum vornimmt. Dieser hat sich, wie ich auch niemals früher anders erwartet hatte, von einer so miserablen Seite gezeigt, daß er von seinem Gauleiterposten entfernt werden muß. Seine klerikale Einstellung ist eines Gauleiters unwürdig. … Damit ist die Partei zwei Nieten los [außer Wagner auch Pfeffer von Salomon, W. B.], eine Maßnahme, die schon lange fällig war. Wenn dieser Fall auch in der Öffentlichkeit kaum Wellen schlagen wird, so ist der Führer angesichts dieser neuen menschlichen Enttäuschung doch nur zu bedauern.“ ­Nur wenige Tage später heißt es bei Goebbels, Wagner sei ein durchaus „pfäffischer Mensch“ gewesen, der unter Umständen sogar von der Katholischen Aktion in die NSDAP geschleust worden sei. Auch in seinem Reichskommissariat habe Wagner fast durchweg ehemalige Zentrumsleute untergebracht. Man solle froh sein, daß er aus den Reihen der Partei entfernt worden sei.

­Ein Exempel statuieren­

Nach einer Weile sprach Hitler, wieder in gemäßigtem Tone, zu Reichsschatzmeister Schwarz: „Leiten Sie die Pensionierung Wagners in die Wege. Ich wünsche nicht, daß Wagner seine Dienste für die Partei umsonst geleistet hat, sie soll [die Pension, W. B.] nach dem Ableben Wagners auch seiner Frau als Witwe zugutekommen.“ Auch den Hinterbliebenen der Toten des 30. Juni 1934 hatte Hitler zum Teil hohe Renten aussetzen lassen; selbst in einigen Fällen der Witwen des 20. Juli 1944 handelte er ähnlich und sogar die ehemaligen politischen Gegner, wie etwa der einstige preußische Innenminister Severing oder der nachmalige Bundeskanzler Adenauer bezogen großzügige Pensionen aus der NS-Staatskasse.­Während die Reichs- und Gauleiter noch im Führerbau zusammensaßen, erhielt Parteirichter Buch von Hitler den Auftrag, ein Parteiausschlußverfahren gegen Josef Wagner einzuleiten. Dieses fand im Februar 1942 im Dienstgebäude des Obersten Parteigerichts im München statt. Zu Beisitzern wurden unter anderem die Gauleiter Röver (Weser-Ems), Robert Wagner (Baden), Dr. Hellmuth (Mainfranken) und Jordan (Magdeburg-Anhalt) sowie der stellvertretende Gauleiter der Saarpfalz Ernst Ludwig Leyser bestellt. Wagner erschien in Zivil und war ganz in Gedanken versunken. Rudolf Jordan hatte vor Verhandlungsbeginn Gelegenheit, mit dem Delinquenten einige kurze Worte zu wechseln; Jordan: „Ich trat zu ihm hin und gab ihm die Hand. Noch war er nur angeklagt, noch war er nicht verurteilt. Das sollte ihm dieser stumme Handschlag sagen.“ Auch sein Oldenburger Gauleiterkollege Carl Röver drückte Wagner kameradschaftlich die Hand. Wagner wurde in der Verhandlung vorgeworfen, er habe seine Kinder auf eine Breslauer Klosterschule geschickt, während sie beim HJ-Dienst kaum zu sehen gewesen wären. Wagners Ehefrau habe überdies an den Papst geschrieben und vor diesem im Vatikan einen Kniefall vollführt. Josef Wagner verteidigte sich vor dem Parteigericht sehr geschickt mit dem Hinweis auf das im Parteiprogramm beschworene „positive Christentum“ der NSDAP. Von dem Brief seiner Frau habe er nichts gewußt.­Weder Parteirichter Buch, noch die beisitzenden Gauleiter hielten einen Parteiausschluß für rechtens, lediglich die Aberkennung der Ämterfähigkeit wurde beschlossen. Hitler aber weigerte sich, den Gerichtsspruch anzuerkennen und setzte Wagners Ausschluß durch. Es ist bemerkenswert, daß Hitler gerade im Fall Wagner eine derart ungewöhnliche Härte walten ließ, konnte er sich doch sonst nur nach monatelangen Überlegungen dazu entschließen, einen verantwortlichen Mann von seinem Amt abzuberufen, zumal dann, wenn es sich um einen verdienten „alten Kämpfer“ seiner Bewegung handelte. Die Vorgänge um Helmuth Brückner, oder um die ebenfalls abgesetzten Gauleiter Karpenstein und Kube zeigen dies deutlich. Auch im Falle Ernst Röhm war es nicht anders gewesen. Und der Korruptionsvorwurf gegen den rabiaten Herausgeber des antisemitischen Stürmer und Gauleiter des Frankenlandes, Julius Streicher, war an Schwere viel bedeutender. Auch hatte Wagner den Führer zu keiner Zeit persönlich angegriffen oder herausgefordert. Es stellt sich also die Frage, ob er bei Josef Wagner nur aus einer Laune heraus nicht zu einem Kompromiß geneigt war oder er hier ein Exempel statuieren wollte.­

Der Fall Schlitt

­Seine Ablehnung gegen nahezu alle Juristen hatte seit 1942 im Zusammenhang mit dem sogenannten „Fall Schlitt“ eine steigende Radikalisierung erfahren. Für die Beurteilung des „Falles Josef Wagner“ ist es daher notwendig, den „Fall Schlitt“ zu kennen. Im März 1942 wurde vor dem Oldenburger Oberlandesgericht gegen den 29jährigen Bautechniker Ewald Schlitt verhandelt, der – offenbar in geistiger Umnachtung – seine kranke Frau während eines Bombenangriffs so geschlagen hatte, daß sie an den Nachwirkungen verstarb. Zuvor soll Schlitt seine Frau jahrelang derart mißhandelt haben, daß sie in Geisteskrankheit verfiel. Die zuständigen Richter erkannten in diesem Fall lediglich auf fünf Jahre Zuchthaus.­Hitler, dem die Angelegenheit zu Ohren gekommen war, verlangte von Franz Schlegelberger, der nach dem Tod Franz Gürtners das Reichsjustizministerium kommissarisch leitete, die Aufhebung des Urteils. Hitler soll Schlegelberger deshalb mitten in der Nacht angerufen und in den Hörer geschrien haben: „Ein Gewaltverbrecher wie dieser Schlitt geht für fünf Jährchen in einen sicheren Bau, und das auf Staatskosten, während Hunderttausende von anständigen Männern an der Front ihr Leben einsetzen für ihre Frauen und Kinder! Ich werde Sie und die gesamte Justiz zum Teufel jagen, wenn dieses Urteil nicht umgehend revidiert wird! Umgehend! Und wenn das nicht geschieht, dann werde ich die gesamte Rechtsprechung und die gesamte Strafverfolgung einfach dem Reichsführer SS überantworten!“­Um Hitlers Willen Genüge zu tun, veranlaßte Schlegelberger, daß Schlitt nach Leipzig gebracht, von einem „Besonderen Strafsenat des Reichsgerichts“ zum Tode verurteilt und bereits am 2. April hingerichtet wurde. Das Urteil des Oberlandesgerichtes war damit aufgehoben. Hitler nutzte diesen Fall um in seiner Reichtagsrede vom 26. April 1942 einen Rundumschlag gegen die gesamte Justiz zu vollführen und die Reichstagsabgeordneten aufzufordern, ihn de facto zum „Obersten Gerichtsherrn“ zu machen:­„Ich erwarte dazu allerdings einiges: Daß mir die Nation das Recht gibt, überall dort, wo nicht bedingungslos im Dienste der größeren Aufgabe, bei der es um Sein oder Nichtsein geht, gehorcht und gehandelt wird, sofort einzugreifen und dementsprechend handeln zu dürfen…Ich bitte deshalb den Deutschen Reichstag, um die ausdrückliche Bestätigung, daß ich das gesetzliche Recht besitze, jeden zur Erfüllung seiner Pflichten anzuhalten bzw. denjenigen, der seine Pflichten nach meiner Ansicht mit gewissenhafter Einsicht nicht erfüllt, entweder zur gemeinen Kassation zu verurteilen oder ihn aus Amt und Stellung zu entfernen ohne Rücksicht, wer er auch sei oder welche erworbenen Rechte er besitzt. Und zwar gerade deshalb, weil es sich unter Millionen Anständigen nur um ganz wenige einzelne Ausnahmen handelt, denn über allen Rechten auch dieser Ausnahmen steht heute eine einzige gemeinsame Pflicht … Ich werde von jetzt ab in diesen Fällen eingreifen und Richter, die ersichtlich das Gebot der Stunde nicht erkennen, ihres Amtes entheben … in dieser Zeit gibt es keine selbstheiligen Erscheinungen mit wohlerworbenen Rechten, sondern wir alle sind nur gehorsame Diener an den Interessen unseres Volkes.“­

Das Ende­

Am 12. Oktober 1942 wurde der Parteiausschluß Josef Wagners rechtskräftig, und bereits am 21. November verfügte Hitler kategorisch, das Oberste Parteigericht habe sich künftig nicht mehr „nach formalrechtlichen Anschauungen, sondern nach der politischen Notwendigkeit der Bewegung zu richten“. Inzwischen hatte sich Wagner in eine bescheidene Wohnung nach Berlin zurückgezogen. Botschafter von Hassel hat berichtet, Wagner habe auch nach seiner Entlassung den Kontakt zu dem preußischen Finanzminister Popitz und Generaloberst Beck aufrechterhalten und auch die enge Verbindung zu Männern wie Eugen Gerstenmaier und Adam von Trott zu Solz gesucht. Nach dem 20. Juli 1944 soll Wagners Name sowie der des Gauleiters Bürckel in den Listen von Admiral Canaris aufgetaucht sein, in der die Personen aufgelistet waren, die nach einem erfolgreichen Putsch hohe zivile Ämter in der neuen Regierung hätten übernehmen sollen.­Die Berichte über Wagners Leben nach seiner Absetzung sowie die Umstände seines Todes könnten widersprüchlicher kaum sein. Angeblich soll Hermann Göring Wagner mit einer Tätigkeit im Siedlungswerk der Skoda-Werke im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren betraut haben. Ab Oktober 1943 wurde Wagner auf persönliche Veranlassung Himmlers von der Gestapo überwacht und nach dem Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944 verhaftet und in das Berliner Gestapogefängnis verbracht. Möglicherweise hing dies mit Wagners Kontakten zu seinem ehemaligen Referenten während seiner Tätigkeit als Reichspreiskommissar zusammen. Es handelte sich hierbei um Peter Yorck von Wartenburg, einem Mitbeteiligten am Komplott gegen Hitler. Angeblich soll Wagners Ehefrau ihren Mann unter einer großen Anzahl Erschossener im Reichssicherheitshauptamt identifiziert haben. Der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht hat bezeugt, daß er noch im Februar 1945 mit Wagner im Potsdamer Gefängnis gesprochen habe. Danach ist er vermutlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert worden. Der stellvertretende Gauleiter der Saarpfalz, Leyser, sagte aus, Wagner sei wahrscheinlich am 22. April 1945 dort umgebracht worden. Zu vermuten ist jedoch eher, daß er von der Roten Armee liquidiert wurde. Wagners Gauleiterkollege Hartmann Lauterbacher verbreitete noch eine andere Version der Dinge: „Wagner wurde nicht, wie die Legende behauptet, hingerichtet oder in ein Konzentrationslager gesperrt, sondern nach Mecklenburg in einen kleinen Ort verbannt.“ Und Hans Speidel schließlich, einst Rommels Generalstabschef während der Invasionsschlacht und zeitweilig zusammen mit Wagner inhaftiert, berichtete: „Am 13. Februar [1945, W. B.] wurden meine Mithäftlinge … und ich nach Wittenberg zurücktransportiert. Nur Gauleiter Josef Wagner blieb zurück. Wir werden nie seinen Gesichtsausdruck vergessen, wie ihn dieser Schlag, die sichere Aussicht auf ein furchtbares Los, traf. Kurz darauf wurde er gehängt, ein Mann, der aus seiner religiösen Überzeugung heraus Unrecht nicht hingenommen hatte.“ Es ist heute so gut wie unmöglich, die ganze Wahrheit über das Schicksal Josef Wagners zu erfahren; zu verworren waren die Geschehnisse in der Endphase des Dritten Reiches. Die Erinnerung an Josef Wagner aber wurde innerhalb der NSDAP schnell ausgelöscht, wie zuvor bereits in den Fällen Röhm und Heß. Wagners Name wurde aus allen Büchern getilgt und verschwand von allen Straßenschildern im Deutschen Reich.

 
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