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„Singend wollen wir marschieren in die neue Zeit“

Szene aus dem Film „Hitlerjunge Quex“

Von Manfred Müller

Das Selbstverständnis der Hitlerjugend in ihren Liedern


„Wer etwas vom Geist oder Ungeist dieser Zeit [der NS-Zeit] erfassen will, der muß sich mit ihren Liedern vertraut machen. Sie rissen mit, sie gingen unter die Haut, jedenfalls bei vielen, vielleicht bei den meisten. Und selbst wer sich innerlich ablehnend verhielt, der konnte sich dennoch nicht ständig dem Erinnerungszwang entziehen, den eine Melodie gelegentlich ausüben kann, oder auch nur ein Melodiefetzen, mag der Text noch so banal, ja trivial sein – man wird die Melodie so bald nicht wieder los.“ So urteilte 1992 der Zeitzeuge Hans Walter Klein (Jahrgang 1919), als er sich an die rauschhaften Monate des Vorfrühlings, Frühlings und Sommers 1933 erinnerte, die er als Schüler eines humanistischen Gymnasiums in Düsseldorf miterlebt hatte.1

Als nach dem 30. Januar 1933 ein Massenzustrom zu den NS-Organisationen, so auch zur Hitlerjugend, einsetzte, zögerte Klein noch. Die Aufbruchsstimmung, die von einer raffiniert-geschickten Propaganda optisch und akustisch im öffentlichen Raum gewaltig gesteigert wurde, löste bei dem Jungen einen „leichten Rauschzustand aus, der sich hin und wieder zur Begeisterung steigerte“. Ein wichtiger Eindruck für ihn: „Die Uniformierten, die man in der Öffentlichkeit sah, waren durchweg junge Menschen: Hitlerjungen, junge SA-Leute. Nationalsozialismus erschien uns als Revolution der Jugend.“2 Auch das Drängen des Direktors, die Schüler seiner Anstalt sollten möglichst alle der Hitlerjugend beitreten, verfing bei Klein nicht, obwohl der Schulleiter als Persönlichkeit (talentierter Lehrer, Reserveoffizier, nationalkonservativ mit sozialem Gespür, weltzugewandter evangelischer Religionslehrer) starken Eindruck auf den jungen Hans Walter machte. Ab 1929 organisierte dieser Lehrer eine schulische Winterhilfsaktion; seine Schüler brachten verarmten Düsseldorfern Lebensmittel ins Haus: „Das schickt Ihnen die Volksgemeinschaft!“ Die Rede dieses Direktors zur Verabschiedung des Abiturjahrgangs 1933 versetzte den Schüler Klein in eine Stimmung, die er Jahrzehnte später so zu benennen versuchte: „Hier fand ich einen unmittelbaren Bezug zum aktuellen politischen Geschehen, doch ganz anders als in den Reden der Parteileute. Die Niederungen der Nazi-Propaganda waren hier überwunden, statt dessen Ideale aufgezeigt, denen ich mich nicht entziehen konnte.“3 Und doch führte dies noch nicht zum HJ-Beitritt!

„Vorwärts! Vorwärts!“

Im Herbst 1933 wurde für die Mittelstufenschüler dieses Gymnasiums eine Filmvorführung während der Unterrichtszeit angesetzt. Vorgeführt wurde der Film „Hitlerjunge Quex“. Am 11. September 1933 war dieser Film im Münchner Ufa-Palast uraufgeführt worden. Es war die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Karl Aloys Schenzinger aus dem Jahr 1932, eine säkularisierte moderne Märtyrergeschichte, die das Leben und Sterben des Berliner Hitlerjungen Herbert Norkus (Jahrgang 1916) aufgriff. Norkus war beim Verteilen von Propagandamaterial von Jungkommunisten niedergestochen worden. Zur politischen Sinndeutung dieses Jungenlebens hatte Reichsjugendführer Baldur von Schirach (Jahrgang 1907) ein „Fahnenlied“ geschrieben, das von Hans-Otto Borgmann (Jahrgang 1901) eine suggestive Vertonung erhielt.4
Vorwärts! Vorwärts! Schmettern die hellen Fanfaren.
Vorwärts! Vorwärts! Jugend kennt keine Gefahren.
Deutschland, du wirst leuchtend stehn,
mögen wir auch untergehn.
Vorwärts! Vorwärts! Schmettern die hellen Fanfaren.
Vorwärts! Vorwärts! Jugend kennt keine Gefahren.
Ist das Ziel auch noch so hoch,
Jugend zwingt es doch.
Unsere Fahne flattert uns voran,
in die Zukunft ziehn wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not
Mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsere Fahne flattert uns voran.
Unsre Fahne ist die neue Zeit.
Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit.
Ja, die Fahne ist mehr als der Tod!
Diese Eingangsstrophe des Liedes idealisiert den unbändigen Drang der Jugend, allen Widerständen und Gefahren zum Trotz, Neues (hier eine glänzende Zukunft Deutschlands) zu errichten. Der Refrain nimmt das Fahnen-Motiv auf, das in den 1920er und 1930er Jahren quer durch die ideologischen Lager in zahlreichen Liedern besungen wurde, und bringt es den Singenden und Hörenden nahe. Die Fahne steht stellvertretend für die Marschierenden, sie symbolisiert für die Hitlerjugend die erstrebte Zukunftsordnung. Damit steht sie für die „neue Zeit“, von der nach dem Ersten Weltkrieg die Jugendbünde aller politisch-ideologischen Richtungen sangen: „Wann wir schreiten Seit an Seit … Mit uns zieht die neue Zeit.“ Den Text dieses Liedes hatte der sozialdemokratisch orientierte Volksschullehrer Hermann Claudius für die Hamburger Sozialistische Arbeiterjugend geschrieben. Nach 1933 stand Claudius, ein Nachfahre von Matthias Claudius („Wandsbecker Bote“), im Lager der Nationalsozialisten.5 Die Hakenkreuzfahne des Schirach-Liedes führt die für sie Kämpfenden über die Diesseitigkeit hinaus: Wer für sie fällt, tritt ein in einen metaphysischen Raum, lebt fort im „Ewigen Deutschland“.
Strophe 2 preist die Jugend unter der Hakenkreuzfahne als „der Zukunft Soldaten“. Unter Anspielung auf die Bürgerkriegssituation in der Endphase der Weimarer Republik werden die „Träger der kommenden Taten“ als unwiderstehlich dargestellt: „Ja, durch unsre Fäuste fällt, wer sich uns entgegenstellt.“
Die Professoren Barbara Stambolis und Jürgen Reulecke, beide Experten der historischen Jugendforschung, haben 2007 in einen Sammelband über Lieder im „Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts“ einen Aufsatz des Historikers Axel Schilde (Jahrgang 1947) aufgenommen, der das „Fahnenlied“ der HJ sehr gründlich im Hinblick auf Text und Melodie untersucht und die filmische Verwendung des Liedes sehr treffend nachzeichnet. Besonders eindrucksvoll ist nach Schilde die Schlußsequenz gestaltet: „Der Hitlerjunge Quex stirbt … mit den Worten ‚Unsre Fahne flattert uns voran‘, auf den Lippen. Aus dem Körper des sterbenden Jungen tritt ein Heer von Braunhemden und Fahnen ins Bild, bis ein Hakenkreuz als ‚Erlösung signalisierendes Emblem‘ das Bild füllt. In mehrfachen Überblendungen verschmelzen (sic!) der sterbende Hitlerjungen mit den Fahnen und Marschkolonnen zu einer heroischen Szenerie.“6
Nach Schilde wurde „Vorwärts! Vorwärts! …“ zum „kanonischen Kultlied der Hitlerjugend und zu einem Ohrwurm“. Begründung: „Die einfache Rhythmik, Melodik und Harmonik erlauben das Singen des Liedes bei Parteiveranstaltungen als auch bei Wanderungen und in Zeltlagern. Bei großen HJ-Aufmärschen wurde es wie eine Jugend-Nationalhymne gesungen.“7
Der propagandistische Einsatz des „Fahnenliedes“ hatte sicherlich bei vielen Jugendlichen eine ähnliche Wirkung wie bei dem erwähnten Zeitzeugen Klein (Beitritt zur HJ). Anders war es bei zahlreichen Jugendlichen, die über das Elternhaus, Verwandte, Freundeskreis, Kameraden usw. sehr starke Anti-NS-Einflüsse erfahren hatten. So zum Beispiel Walter Scherf (Jahrgang 1920), auf den ein französischer Anti-Kriegsfilm gewaltigen Eindruck gemacht hatte. Als 14jähriger sah er dann in der Schule den „Hitlerjungen Quex“: Schirachs Lied „sangen wir stehend und mit zu Sieg Heil ausgestreckter Hand mit. Rings um mich spürte ich bedingungslose Begeisterung ausbrechen. Die Bubenstimmen überschrien einander. Ein Fanfarenzug fiel ein … Ich sang mechanisch mit und war plötzlich allein unter den zerfetzten und im Stacheldraht hängenden Soldaten des Films von den hölzernen Kreuzen (= Kinofilm nach einem pazifistischen französischen Roman über den Ersten Weltkrieg).“8 So blieb der HJ-Film bei Scherf wirkungslos.

„Es zittern die morschen Knochen“

Beim Nürnberger Siegertribunal wurde von der Anklage dem Reichsjugendführer ein anderes sehr bekanntes Lied als Beleg für Kriegsverherrlichung und Welteroberungspläne vorgehalten: „Es zittern die morschen Knochen“. Von diesem Lied mit seinem „hämmernden Marschrhythmus“ distanziert sich Zeitzeuge Klein sehr stark: „Im Kampf gegen die Monotonie der Märsche spielten Lieder eine große Rolle. Sie wurden ebenso eingesetzt wie an den Kameradschaftsabenden, wenn der Scharführer mit seinem Programm am Ende war. ‚Ein Lied!‘ klang dann zackig der Befehl. ‚Es zittern die knorschen Mochen (statt: morschen Knochen) …‘ schrie einer wie aus der Pistole geschossen. Gröhlendes Zustimmungsgeheul. Ich hatte das Lied noch nie gehört. Verballhornung von Liedtexten, Banal-Parodien waren damals üblich …“9
Das Lied stammt von Hans Baumann (Jahrgang 1914), der, als Sohn eines Berufssoldaten, Volksschullehrer werden wollte. Seit 1926 gehörte Baumann dem katholischen Schülerbund Neudeutschland (ND) an. 1932 nahm er an Exerzitien teil, verpflichtend vorgeschrieben für alle, die im Bund „Ritter“ werden wollten. Dort trug Baumann außerhalb des religiösen Exerzitien-Programms selbstgedichtete und -komponierte Lieder vor. Der Jesuitenpater, der die Exerzitien gab, sorgte dafür, daß die Texte (darunter „Es zittern die morschen Knochen“) 1933 im Münchner Kösel Verlag erschienen. Inzwischen war Baumann zur Hitlerjugend übergetreten.
1934 wurde der Volksschullehrer und Jungvolk-Führer Baumann aus dem Bayerischen Wald nach Berlin in die Reichsjugendführung berufen. Mit seinem dichterischen und musikalischen Talent entwickelte er sich im Dritten Reich zum erfolgreichsten Liedermacher der damaligen Jahre. Für Heinz Schreckenberg hat der „Hitler-Barde“ in seiner Baumann-Biographie ein „katholisches Janusgesicht“. 10
Die gedruckte Urfassung des Gedichts von 1933 lautet in Strophe 1 so:
Es zittern die morschen Knochen
der Welt vor dem roten Krieg,
wir haben den Schrecken gebrochen,
für uns wars ein großer Sieg.
Wir werden weitermarschieren,
wenn alles in Scherben fällt –
und heute gehört uns Deutschland
und morgen die ganze Welt …
In den Zeilen dieses „berüchtigten Liedes“11 läßt ein Radikal-Jugendbewegter seinen Antigefühlen gegen die Alten, die politisch völlig versagen, freien Lauf. Diese Alten haben eine Riesenangst vor dem „roten Krieg“, mit dem die sowjetischen Bolschewisten und ihr Anhang Deutschland und Europa niederzuwerfen drohen. Nicht so die Jungen, für die Baumann spricht. Sie werden dieser großen Auseinandersetzung nicht ausweichen, lassen sich durch nichts mehr erschrecken und finden mit einer solchen Kampfmoral das einigende Band für Deutschland und die Welt. Das sind gewaltige Übertreibungen, damals jugend- und zeittypisch (man vergleiche das Jugendmotiv in den zeitgenössischen Dichtungen des Expressionismus!). Als solche hat sie der erwähnte Jesuitenpater sicher auch angesehen und bei Baumann keine konkreten Welteroberungspläne angenommen – wie sollte ein junger Mensch wie Baumann in der damaligen deutschen Misere der Massenverelendung und der politischen Ohnmacht des Reiches auf Planung weltweiter Angriffskriege kommen?
Die Kritik der NS-Gegner setzt vor allem beim Kehrvers ein: In den Fassungen verschiedener Jahre steht mal „gehört uns Deutschland“, mal „da hört uns Deutschland“. Baumann zog sich auf die zweite Formulierung zurück.12 Strophe 2 geht von der Schreckensvision einer völlig zertrümmerten Welt aus und setzt dem in jugendlichem Überschwang entgegen: „… wir bauen sie wieder auf“. Daß Baumann bei aller Zerstörungs-Rhetorik und -Bildlichkeit immer auch die Zerstörung der scheinbar überholten Denkgebäude und Denkweisen der „Alten“ im Sinn hatte, macht eine 1934 hinzugekommene Strophe deutlich:
Und mögen die Alten auch schelten,
so laßt sie nur toben und schrein,
und stemmen sich gegen uns Welten,
wir werden doch Sieger sein.
1936 setzte Baumann eine weitere Strophe hinzu, in der sein Lied als ein Bekenntnis zum Befreiungsnationalismus ausgegeben wird und die Kritiker als böswillige Verächter der neuen nationalsozialistischen Ordnung hingestellt werden:
Sie wollen das Lied nicht begreifen,
sie denken an Knechtschaft und Krieg –
derweil unsre Äcker reifen.
Du, Fahne der Freiheit, flieg!
Wir werden weitermarschieren,
wenn alles in Scherben fällt;
die Freiheit stand auf in Deutschland
und morgen gehört ihr die Welt.

Revolution?

Es ist erstaunlich, daß Baldur von Schirach in einem seiner Lieder 1933 einem gedanklich-sprachlichen Radikalismus verfiel, der ihn in die Nähe der schlimmsten Phase der Französischen Revolution brachte: der Jakobiner-Diktatur mit ihrer Schreckensherrschaft, für die das Schreckenssymbol der Guillotine steht.
Es dröhnen Trommeln durch das Land,
die Trommeln der HJ.
Die Fahne weht in unsrer Hand,
die Fahne ist das Vaterland,
ihr Feind muß aufs Schafott!
HJ marschiert!
Nimmt man diese Drohbotschaft wörtlich, dann heißt das: Die Feinde der HJ und damit des Vaterlandes müssen öffentlich geköpft werden. Die dritte Strophe rechtfertigt die blutige Abrechnung:
Als Hitlerjungen schlug man tot
Die Besten der Nation!
Wir sind das letzte Aufgebot
und tragen Fahnen blutigrot
für Deutschlands größter Sohn!
HJ marschiert!
Das Lied gelangte nicht in die offiziellen Liederbücher der Hitlerjugend, erreichte jedoch über die HJ-nahe Liedersammlung „Uns geht die Sonne nicht unter“, die bis zum Kriegsende in millionenfacher Auflage erschien, sehr viele junge Menschen.
Ursprünglich nannte der NS-Jugendverband sich „Hitler-Jugend. Bund deutscher Arbeiterjugend“. In den Gruppen der Frühzeit, die mehrheitlich aus Jungarbeitern bestanden, hielt man sich, was das Singen angeht, gerne an Lieder der SA und der Partei, in denen die „Befreiung“ der deutschen Arbeit besungen und kräftige sozialistische Töne angeschlagen wurden. Ein gutes Beispiel für diese Arbeiter-HJ ist das sogenannte Wiener Jungarbeiterlied, das Roman Hädelmayr 1926 schrieb; als Melodie diente das Trio eines „Frontkämpfermarsches“ von Fritz Mahrer. Hier nimmt die Kapitalismuskritik eine antijüdische Färbung an:
Es pfeift von allen Dächern:
Für heute die Arbeit aus,
es ruhen die Maschinen,
wir gehen müd nach Haus.
Daheim ist Not und Elend,
das ist der Arbeit Lohn,
Geduld, verratne Brüder,
schon wanket Judas Thron.
Die folgenden Strophen deuten an, wie aus Hunger, Not, Zorn und Empörung das Kampfverlangen auf die Straßen getragen und ein revolutionärer Kampf unter der roten Fahne und dem Hakenkreuz („vom Freiheitslicht umloht“) geführt wird: „Gebt Raum der deutschen Arbeit …!“
Motive des Sozialistenliedes „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ verband Arno Pardun 1931 mit der Losung des linken Flügels der verbotenen deutschen Burschenschaft aus der Metternich-Ära („Volk, ins Gewehr!“; bei Pardun: „Volk ans Gewehr!“):
Siehst du im Osten das Morgenrot,
ein Zeichen zur Freiheit, zur Sonne!
Wir halten zusammen, ob lebend, ob tot,
mag kommen, was immer da wolle.
Warum jetzt noch zweifeln,
warum jetzt noch hadern,
noch fließt uns deutsches Blut in den Adern:
Volk, ans Gewehr, Volk ans Gewehr!
Ein geknechtetes, betrogenes Volk soll endlich allen Hader der Klassen im Befreiungskampf überwinden:
Jugend und Alter und Mann für Mann
umklammern das Hakenkreuzbanner.
Ob Bürger, ob Bauer, ob Arbeitsmann,
sie schwingen das Schwert und den Hammer
für Hitler, für Freiheit, für Arbeit und Brot.
Deutschland erwache, ende die Not!
Volk ans Gewehr, Volk ans Gewehr!
Diese Strophe hämmert den Singenden und Hörenden die damals populären Losungen ein. Das offizielle Liederbuch der HJ übernahm nicht die grausame antijüdische Drohung: „… und Juda den Tod!“, die von brutalen Trupps an dieser Stelle mitunter gesungen wurde.
Als die Massenverelendung 1932 noch mehr zunahm, duldete die NS-Führung noch stärkere revolutionäre Töne, obwohl Hitler beim Ulmer Reichswehrprozeß (1930) einen Legalitätskurs beschworen hatte. Der schlesische HJ-Führer Werner Altendorf (Jahrgang 1906) schrieb einen leidenschaftlichen Kampfgesang, in dem in allen drei Strophen jeweils der Ruf „Revolution! Revolution!“ gellend erklingt. Das Lied „Hört ihr es grollen durch Straßen und Gassen“ wird Männern mit Sturmfahnen, also eher SA- und SS-Männern als Hitlerjungen, in den Mund gelegt. Gleichwohl wurde dieses Lied von der HJ gesungen; es fand später Aufnahme ins offizielle HJ-Liederbuch.
Hört ihr es grollen durch Straßen und Gassen,
seht ihr die Männer die Sturmfahnen fassen,
hört ihr den klirrenden, gellenden Ton?
Revolution! Revolution!
Und wir recken zum Himmel die Hand,
und es gellt als ein Schwur durch das Land unser Schrei.
Wir tragen Hunger und Schmerzen,
die hemmen nicht unsern Schritt.
Wir tragen in hämmernden Herzen
den Glauben an Deutschland mit!
Die unbedingte Bereitschaft, Leib und Leben für Deutschland zu opfern, ist bei diesen Kämpfern mit der Vision eines Sieges der Freiheit verbunden (Strophe 3):
Heißa, die Mauern, die Ketten zerspringen,
Brüder, wir werden die Freiheit erringen,
ferne da leuchtet der Morgen uns schon!
Revolution! Revolution!
Wenige Monate später gelangten die Nationalsozialisten ohne blutig-revolutionäre Kämpfe, wie sie dieses Lied andeutet, im Deutschen Reich an die Macht und gestalteten Gesellschaft und Staat mit vielerlei Eingriffen oft revolutionärer Art um. Werner Altendorf wie zahlreiche andere Nationalsozialisten setzten nun statt auf blutige Bürgerkriegskämpfe ganz stark auf eine Bewußtseinsrevolution, nämlich durch Überwindung des Klassenkampfes eine solidarische Volksgemeinschaft herbeizuführen! Dies ist die große Zukunftsaufgabe, die Altendorfs neues Lied besingt:

„Die Zeit der jungen Soldaten“

Ein junges Volk steht auf zum Sturm bereit!
Reißt die Fahnen höher, Kameraden!
Wir fühlen nahen unsere Zeit,
die Zeit der jungen Soldaten.
Vor uns marschieren mit sturmzerfetzten Fahnen
die toten Helden der jungen Nation
und über uns die Heldenahnen.
Deutschland, Vaterland, wir kommen schon!
Altendorf greift hier den Jugend-Mythos auf, formt ihn soldatisch aus und trifft mit dem Soldatischen (Leitfigur Soldat in der bündischen Jugend!) das Lebensgefühl eines großen Teils der damaligen männlichen Jugend. Er versteht das Volk als eine große metaphysische Einheit, die weit über die jetzt lebenden Volksangehörigen hinausgreift: Die Weltkriegstoten gehören dazu und ebenso die „Heldenahnen“, die in früheren Jahrhunderten für Deutschland gekämpft und geblutet haben. Das sind Anklänge an die „Wacht am Rhein“ und an manche Lieder von Ernst Moritz Arndt aus den Befreiungskriegen. Wichtiger als der Blick zurück ist für Altendorf der Blick auf die jetzt beginnende Zukunftsgestaltung:
Wir sind nicht Bürger, Bauer, Arbeitsmann,
haut die Schranken doch zusammen, ­Kameraden,
uns weht nur eine Fahne voran,
die Fahne der jungen Soldaten.
Vor uns marschieren usw.
Strophe 3 appelliert an die Treue der Kameraden. Gegen „Macht und List“ der Feinde wird der „Herrgott, der im Himmel ist“, ihnen helfen, denn er liebt die Treue der jungen Soldaten. Es fällt auf, daß Altendorf hier die christlich geprägte Gottesvorstellung und nicht etwa dubiose heidnisch geprägte Anschauungen benutzt, daß er auf Hitlerkult und auf Antijüdisches verzichtet – gute Voraussetzungen, daß dieses Lied über den noch engen Kreis der bereits NS-Begeisterten hinaus 1933 und später Anklang finden konnte. Bezeichnend die Anmerkung des Zeitzeugen Klein im Rückblick auf das Liedrepertoire: „Selbstverständlich wurden auch ‚harmlose‘ Lieder mit unverfänglichen Texten gesungen: ‚Ein junges Volk steht auf …‘, knabenhaft und fröhlich.“ 13
Klein gehörte zu den unzähligen jungen Menschen, die in den Schulen der Weimarer Republik oder in Jugendverbänden dieser Zeit mit dem Musikgeschmack und der Singepraxis der deutschen Jugendbewegung in Berührung gekommen waren. Trotz mancher verbaler Attacken gegen das angebliche Versagen der deutschen Jugendbewegung durch Schirach und andere HJ-Führer knüpfte die Reichsjugendführung an Jugendbewegtes an. Dies war nicht verwunderlich, da das Kulturamt der Reichsjugendführung, insbesondere die Hauptabteilung Musik, sehr fähige junge Experten beschäftigte, die fast alle einen jugendbewegt-bündischen Hintergrund hatten.14
Auch hier ist eine Passage bei Klein recht aussagekräftig. Er verweist auf den schulischen Brauch im Fach Musik „zu Beginn des Unterrichts ein Lied zu singen, dessen Text dann einem Octav-Heftchen einverleibt wurde. Allmählich hatte sich eine stattliche Sammlung von Texten gebildet, wie ‚Aus grauer Städte Mauern …‘, ‚Ein Heller und ein Batzen …‘, ‚Nur der Freiheit gehört unser Leben …‘ (Dies wäre aber erst ab 1936 möglich gewesen. M. M.), ‚Wir wollen zu Land ausfahren …‘, ‚Es klappert der Huf am Stege …‘, ‚Der mächtigste König im Luftrevier …‘ oder ‚Wildgänse rauschen durch die Nacht …‘„. Dazwischen schoben sich nach Klein ab 1933 auch andere Lieder, „noch nicht Nazi-Liedgut im eigentlichen Sinne, ... aber doch dem ‚neuen Geist‘ verwandt.“ Es tauchten dann auch „eindeutigere Texte“ auf. Klein nennt „Siehst du im Osten das Morgenrot“ mit dem „aufrüttelten Refrain: ‚Volk ans Gewehr‘„. Klein nennt in diesem Zusammenhang auch zwei Beispiele aus jenem Komplex, bei dem aus Soldatenliedern durch kleine Textveränderungen Kommunistenlieder und dann NS-Kampfgesänge geworden waren („Als die goldne Abendsonne“ und „Auf, auf zum Kampf“). Der Zeitzeuge verweist schließlich noch auf zwei Lieder mit „Ausnahmestellung“ („in der Regel feierlichen Gelegenheiten vorbehalten“): „Der Gott, der Eisen wachsen ließ …“ von E. M. Arndt und „Heilig Vaterland, in Gefahren, deine Söhne sich um dich scharen“ von dem protestantischen Kirchenlieddichter R. A. Schröder aus dem Jahr 1914.15
Wie stark prägend solche Lieder im Kontext einer sich jeweils ergänzenden Erziehung durch Elternhaus, Schule, Staatsjugend (und teilweise auch Kirche) im Sinne einer vaterländischen Haltung (mit Bereitschaft, auch das eigene Leben zu opfern) sein konnten, kann man einem exemplarischen autobiographischen Text des Schriftstellers Dieter Wellershoff, eines typisch linksliberalen westdeutschen Literaten, entnehmen. 1985 schrieb er: „Wir, lauter achtzehnjährige Kriegsfreiwillige, meistens Schüler mit Notabitur oder Schüler von Forstakademien, viele von uns, auch ich, HJ- oder Jungvolkführer, verfluchten nicht den Krieg , sondern die nun schon dreiviertel Jahr lang andauernde infanteristische Ausbildung. Ungeduldig warteten wir auf den Fronteinsatz … Alle hatten wir an Lagerfeuern des Jungvolks oder HJ gesungen: ‚Heilig Vaterland in Gefahren, deine Söhne sich um dich scharen. Eh der Fremde dir deine Krone raubt, Deutschland, fallen wir Haupt bei Haupt.‘ Es war uns ernst damit …“16
Was an Liedern in der Hitlerjugend eingeübt wurde, ging zum Teil auf Vorgaben zurück, welche die Reichsjugendführung insbesondere mit den ausgearbeiteten Plänen für die Gestaltung der Heimabende ins Land geschickt hatte. Vieles hing aber auch von den Vorlieben und Abneigungen der HJ-Führer und ihrer jeweiligen Gefolgschaften ab sowie vom Charakter der Einheiten: In der Motor-, Flieger-, Marine-HJ wurde ein wenig anders gesungen als in der Stamm-HJ; wesentlich höher war das Niveau natürlich in den Spielscharen der HJ, die sich mit Lied, Instrumentalmusik und Laienspiel befaßten. Suchte man nach neuen Liedern, die aus dem Kulturamt der Reichsjugendführung kamen, tat man als HJ-Führer einen guten Griff, wenn man sich an Lieder hielt, die von Herbert Napiersky (Jahrgang 1904) kamen. Seine Vertonungen waren fast immer sehr eingängig und gefällig. Die Texte (eigene und fremde), die Napiersky auswählte, kreisten meistens um Motive wie Fahne, Trommel, Kameradschaft oder Soldatisches und brachten so vieles von dem, was er als Bündischer vor seinem Eintritt in die Reichsjugendführung gemacht und geliebt hatte, in die Singepraxis der Hitlerjugend ein.17
Die Hitlerjugend hatte wie die gesamte NS-Bewegung eine Männerlastigkeit. In den Liederbüchern, die von der Hitlerjugend benutzt wurden, dominierten (sieht man von den Volksliedern ab, die übernommen wurden) betont männliche Kampf- und Bekenntnislieder, in denen sehr oft „soldatische Männerbundgefühligkeit“18 deutlich zutage trat.

Der BDM

1937 zählten Jungmädelbund und Bund Deutscher Mädel bereits 2,8 Millionen Mitglieder (bei 5,8 Millionen der gesamten Staatsjugend; bis 1939 wurde diese Gesamtzahl auf 8,1 Millionen gesteigert). Werner Klose hat in seinem Dokumentarbericht „Generation im Gleichschritt“ festgehalten: „Die Mädchenorganisation hatte, abgewandelt auf die Bedürfnisse der weiblichen Jugend, dieselben Aufgaben wie die der Jungen und entwickelte auch ähnliche Dienstformen: Heimabend, Sportnachmittag, Fahrt und viele Sonderdienste, die der Berufsförderung oder Sozialarbeit dienten: Landdienst, Lehrgänge auf BDM-Hauswirtschaftsschulen, Ausbildung von ‚Gesundheitsmädeln‘ durch BDM-Ärztinnen.“ Wichtig der Hinweis Kloses, daß es verboten war, den „Ordnungsdienst“ der Jungen nachzuahmen. „Dennoch konnte man immer wieder stramm exerzierende Mädchengruppen beobachten, zumal wenn die Mädchen an größeren Aufmärschen teilnehmen mußten.“19
Die Rücksichtnahme auf Charakter, Bedürfnisse und Interessen der Mädchen bestätigt sich auch, wenn man das 1937 eingeführte offizielle BDM-Liederbuch „Wir Mädel singen“ betrachtet. Es enthält die wichtigsten NS-, HJ-Kampf- und -Bekenntnislieder, verzichtet aber auf manche „Ohrwürmer“ wegen des betont männlichen Charakters, so etwa auf das beliebte Altendorf-Lied „Ein junges Volk steht auf zum Sturm bereit“. Das schloß nicht aus, daß solche Lieder in vielen Gruppen eingeübt und bei passender Gelegenheit gesungen wurden. Das BDM-Liederbuch konzentriert sich sehr stark auf Volkslieder und bringt in dieser Sparte auch manche Neuentdeckungen. Die BDM-Führung erhoffte sich von diesem Liederbuch, daß „unsere Mädel nicht nur mit einer unbändigen Freude singen, sondern daß sie auch zu einer Pflege des Liedes kommen, wie sie uns Deutschen immer gemäß gewesen ist“.20

Großdeutschland

Sucht man in den Liederbüchern nach einer großdeutschen Orientierung, so ist es bei dieser Staatsjugend, die den Namen eines Österreichers trägt, eine Selbstverständlichkeit, daß bei der Liedauswahl in den offiziellen und HJ-nahen Sammlungen eine borussisch-kleindeutsche Verengung nicht stattfindet. Nach dem „Anschluß“ Österreichs ans Deutsche Reich wird „Großdeutschland“ hier und auch in den Schulliederbüchern deutlich herausgestellt. So enthält zum Beispiel das 1939 eingeführte offizielle HJ-Liederbuch „Unser Liederbuch. Lieder der Hitler-Jugend“ im Kapitel „Großdeutschland“ 14 Lieder, die aber zum Teil eher indirekt Großdeutsches bekunden. Ganz eindeutig ist die „Großdeutsche Hymne“, eine Reaktion auf die 1938 vollzogene Erweiterung der Nationalstaatsbildung. Die Vertonung des Textes von Schirach besorgte Hans Otto Borgmann, der schon 1933 mit seiner Vertonung des Fahnenliedes für den Film „Hitlerjunge Quex“ so großen Erfolg gehabt hatte.
Großdeutschland bist du genannt,
du Heimat, leuchtendes Land
mit den grünen Matten im goldenen Glanz,
du Volk im Erntekranz!
Großdeutschland bist du genannt,
du Heimat, leuchtendes Land!
Brüder, faßt des Führers Fahnen
für des Reiches Herrlichkeit!
Indem die Hymne „des Reiches Herrlichkeit“ als Zielvorstellung für das gerade errungene „Großdeutschland“ nennt, eröffnet sie den Mitgliedern der Staatsjugend (je nach deren Wissenstand und persönliche geschichtliche Wertschätzung) die Möglichkeit, Traditionen der Reichsgeschichte zu assoziieren und für nationalsozialistische Zielvorstellungen fruchtbar werden zu lassen.
Strophe 2 verweist darauf, daß fast Unmögliches geschichtliche Wirklichkeit geworden ist und daß in „Glück und Leid“ die deutschen Brüder jetzt die ersehnte Volkseinheit erleben.
Großdeutschland, früher so fern,
nun strahlst du hell wie ein Stern.
Denn wir wurden Brüder in Glück und Leid,
ein Volk in Einigkeit.
Großdeutschland, früher so fern,
nun strahlst du hell wie ein Stern.
Sei gegrüßt von Öst’reichs Alpen
bis zum großen deutschen Meer.

„In den Ostwind hebt die Fahnen!“

Da die NS-Machtpolitik bis zum „Anschluß“ als konsequenter und wirkungsvoller Kampf gegen die verhaßte Siegerordnung von Versailles und St. Germain ausgegeben werden konnte, hatten auch erbitterte Gegner des NS-Systems es schwer, eine großdeutsche Ausrichtung der Hitlerjugend anzugreifen, zumal „Großdeutschland“ einer alten deutschen Sehnsucht (aufgegriffen durch die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts) entsprach. Leichter und nachvollziehbarer ließ sich die Arbeit der Hitlerjugend angreifen, wenn dort in Wort und Lied einem „verspäteten Imperialismus“ gehuldigt wurde. Kritiker setzen in diesem Zusammenhang gerne bei den Ostland-Liedern an und ordnen sie einer imperialistischen Boden- und Raumpolitik gen Osten zu.
Im offiziellen Liederbuch der HJ stehen hierzu zwei Lieder. Diese bauen auf dem historischen Volkslied „Naar Oostland wellen wij rijden“ aus Flandern auf, in dem die deutsche Ostkolonisation des Mittelalters thematisiert wird. In der deutschen Jugendbewegung wurde dieses Lied aus dem 19. Jahrhundert (mit Erinnerungsresten aus mittelalterlicher Zeit) in einer Übertragung von Walther Hensel gesungen. In dieser Fassung ist es auch im offiziellen HJ-Liederbuch abgedruckt: „Nach Ostland wollen wir reiten“. (Niederländisch „rijden“ bedeutet ganz allgemein „fahren“, gedacht war in dem Lied wohl an die Ochsenkarren der flämischen Kolonisten.) Hieran knüpft „Nun wird zu eng das weite Land“ von Hans Baumann an (man fühlt sich an den berühmt gewordenen Romantitel „Volk ohne Raum“ von Hans Grimm erinnert). Die Losung des Liedes: „Weib und Kind und Knecht und Gesind’, auf die Wagen und auf die Pferde“! Mit „Schwert und Pflug“ wird man der fremden „Wildnis“ ein „deutsch Gesicht“ geben. Es klingt alles ganz un-neuzeitlich und erinnert überaus stark an die historische deutsche Ostkolonisation, insbesondere an das Wirken des Deutschen Ordens und des Schwertbrüderordens.
Bestätigt wird das durch das bekanntere Baumann-Lied „In den Ostwind hebt die Fahnen“ aus dem Jahr 1935.
In den Ostwind hebt die Fahnen,
denn im Ostwind stehn sie gut!
Dort befehlen sie zum Aufbruch,
und den Ruf hört unser Blut.
Denn ein Land gibt uns die Antwort,
und das trägt ein deutsch Gesicht:
Dafür haben viel’ geblutet,
und drum schweigt der Boden nicht.
Wenn das Land im Osten, wie behauptet wird, ein „deutsch Gesicht“ trägt und in geradezu mystischer Weise Deutsche zu einem Aufbauwerk nach Osten ruft, so können damit nicht die Weiten der Ukraine, Weißrußlands oder Rußlands gemeint sein, sondern Landstriche mit Städten, Burgen, Schlössern und Kirchen, wo die Steine seit dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit deutsch sprechen, wo aber die deutschen Kolonisationsleistungen längst abgebrochen und die erbrachten deutschen Menschenopfer scheinbar vergeblich gewesen sind. Für den Geschichtskundigen geraten hier jene Lande des Deutschordenslandes in den Blick, die an Polen verloren gegangen sind, und jene Ordenslande im Baltikum, in denen nach dem Ersten Weltkrieg eigene Nationalstaaten entstanden. Deutsche Freikorpskämpfer hatten nach dem Ersten Weltkrieg als Lohn für ihren Abwehrkampf gegen die Bolschewisten auf Landzuteilung im Baltikum gehofft. In den Gemeinschaften der bündischen Jugend wurden über diese Kämpfe Lieder gesungen, hier mag Baumann angeregt worden sein. Hans Baumann gibt dem neuen Aufbruch von Kolonisatoren gen Osten eine metaphysische Dimension. In der Schlußstrophe seines Liedes heißt es:
In den Ostwind hebt die Fahnen,
denn der Ostwind macht sie weit!
Drüben geht es an ein Bauen,
das ist größer als die Zeit.
Als dann im Zweiten Weltkrieg deutsche Armeen tief nach Rußland hinein vorstießen, lag die Versuchung für Jugendliche nahe, bei einem solchen Lied ähnliche Vorstellungen zu assoziieren, wie es nationalsozialistische Fanantiker taten: mit konkreten Planungen oder mit phantastischen Schwärmereien über ein Großgermanisches Reich bis zum Ural. Intendiert war das sicher nicht, als Baumann diesen Text und die markig-hämmernde Melodie dazu schrieb.

„Nur der Freiheit gehört unser Leben“

Von Hans Baumann sind zahlreiche unpolitische Lieder (Typus: „Es geht eine helle Flöte, der Frühling ist über dem Land“) nach 1945 lebendig geblieben und in Jugendgemeinschaften unterschiedlicher weltanschaulicher Orientierung und in Schulen gesungen worden. Aber auch ein Lied wie „Nur der Freiheit gehört unser Leben“, das keineswegs unpolitisch war, überdauerte die deutsche Geschichtskatastrophe von 1945.
Nur der Freiheit gehört unser Leben,
laßt die Fahnen dem Wind!
Einer steht dem andern daneben,
aufgeboten wir sind.
Freiheit ist das Feuer,
ist der helle Schein,
so lang sie noch lodert,
ist die Welt nicht klein.
Baumann machte damit einem traditionellen deutschen Freiheitslied, „Freiheit, die ich meine …“ von Max von Schenkdorf aus der Zeit der Befreiungskriege, Konkurrenz, ein Lied, das in seiner Sprache etwas altmodisch-betulich wirkt. Baumanns Lied erzielte vor allem wegen des zündenden Refrains große Resonanz: Baumann greift hier den Freiheitsbegriff metaphorisch sehr ansprechend auf und verortet ihn, für alle echte Jugend typisch, als einen Drang ins Große und Weite. Freiheit, das zeigen dann die weiteren Strophen, läuft letztlich auf einen idealistischen Dienst für das Land hinaus:
Daß dem Lande die Sorgen versinken,
darum stehen wir auf;
unsre Fahnen das Morgenrot trinken,
eure Herzen reißt auf!
„Morgenrot“, das bedeutet wie schon bei Eichendorff (Baumann war ein guter Eichendorff-Kenner!): Jugend und Aufbruch.
Gegen eine Strophe, die das offizielle HJ-Liederbuch 1939 nicht abdruckte, ließen sich berechtigte Einwände erheben.
Daß die Heimat den Frieden soll finden
suchen wir nach dem Feind.
Keiner soll seine Garben hier binden,
der es falsch mit uns meint.
Jeder Singende konnte „Feind“, diese Leerstelle der Strophe, inhaltlich nach Belieben füllen. Zu denken war wohl eher an einen inneren als an einen äußeren Feind. Aber waren das alles wirkliche Feinde, die von einer raffinierten NS-Propaganda in jeweils fallbestimmter Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheiten und Unwahrheit präsentiert wurden? Und sollte es wirklich Aufgabe von Angehörigen der Staatsjugend sein, „Feinde“ aufzuspüren?
Streicht man diese Strophe, wie das die Reichsjugendführung tat, wirkt dieses Lied keineswegs „nazistisch“. Die gedanklichen und metaphorischen Schnittmengen zu vergleichbaren soldatischen und bündischen Liedern sind groß. Nach 1945, in der Zeit des Kalten Krieges, paßte der Refrain besonders gut zu den Zeittendenzen, denn der von den USA geführte „Westen“ benutzte ganz stark das Freiheitsmotiv als propagandistisches Mittel.
Welche Auffassung von Freiheit hatten Baumann und diejenigen, die im Dritten Reich mit ihm übereinstimmten, im Sinn? Daß Baumann überwiegend die kollektive (nationale) Freiheit besang, ist bei der Textanalyse unübersehbar und erklärt sich aus dem Kampf aller politisch-ideologischen Richtungen des deutschen Volkes gegen die Knechtung durch die Siegerordnung der Pariser Vorortverträge. Wie aber sahen Baumann und die, die mit ihm übereinstimmten, die individuellen Freiheitsrechte? Ganz sicher fühlten sie sich nicht als Sklaven in der Neuordnung von Volk und Staat, die der Nationalsozialismus damals vornahm. Dies galt insbesondere dann, wenn sie „Freiheit wozu“ stärker betonten als „Freiheit wovon“. Wer im großen und ganzen mit der neuen Ordnung übereinstimmte, fühlte sich nicht unfrei. Darüber empörte sich die Minderheit derjenigen, die das NS-System partiell oder gänzlich ablehnten.
Auch wer sich in einem autoritären bzw. tendenziell totalitären System (wie dem Nationalsozialismus) freudig bejahten Bindungen verpflichtet weiß, kann beim Eintreten bestimmter geschichtlich-politischer Veränderungen vor die Frage gestellt werden, ob er noch der „Freiheit“ dient. Für Hans Baumann trat diese Krisensituation im Rußlandfeldzug ein. Er hat daher in der Nachkriegszeit erwogen, die Druckerlaubnis für einen Teil seines literarisch-musikalischen Schaffens zu widerrufen. Dies ist letztlich nicht geschehen. Aber Antifa-Vorkämpfer einer noch zu vollendenden tiefen politisch-geschichtlichen Zäsur versuchen eifrig, Baumanns Freiheitslied aus Liederbüchern entfernen zu lassen und das Singen dieses Liedes als ethisch nicht vertretbar hinzustellen.21
Es gab wohl keine Generation der Deutschen, in der so viel wie in den Jahren von 1933 bis 1945 gemeinsam gesungen worden ist: freiwillig-begeistert, routinemäßig, auf leichten oder starken Druck hin oder widerwillig-ablehnend. Die Lieder der „braunen Staatsjugend“ waren ein wesentlicher Bestandteil der damaligen musikalischen Volkskultur. Wer sich damit heute befaßt, stößt immer wieder auf die Frage: Was war an diesen literarisch-musikalischen Beständen und was war an der Singepraxis wertvoll, weniger wertvoll, wertlos oder gar verderblich? Um diese Bewertungen vorzunehmen, bedarf es aber zunächst der Bestandsaufnahme des Faktischen. Obige Streifzüge durch dieses Liedgut sollen dazu einen kleinen Beitrag leisten.

Anmerkungen

1 Hans Walter Klein: Unbesonnte Vergangenheit. Erlebnisse und Reflexionen 1925–1945, München 1992, S.?58. Nach Kriegsdienst und englischer Gefangenschaft studierte Klein Germanistik und klassische Philologie. Staatsexamen, Promotion zum Dr. phil. – Liedzitate und Angaben zu den Liedern habe ich meiner privaten Liederbuchsammlung entnommen. Kein gesonderter Nachweis.
2 Klein, S.?32.
3 Klein, S.?35 f.
4 Kurt Schilde: „Unsre Fahne flattert uns voran!“ Die Karriere des Liedes aus dem Film „Hitlerjunge Quex“, in: Barbara Stambolis/Jürgen Reulecke (Hg.): Good-bye memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S 185 ff.
5 Hans Sakrowicz/Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon, Berlin 2011, S.?195 ff. – Zum Komplex „neue Zeit“ vgl. Thomas Koebner u. a. (Hg.): „Mit uns zieht die neue Zeit“. Der Mythos Jugend, Frankfurt/M. 1985.
6 Schilde, S.?193.
7 Schilde, S.?195.
8 Walter Scherf: Dreiunddreißig war ich dreizehn, Edermünde 2001, S.?58 und S.?21 – Scherf wurde nach dem Zweiten Weltkrieg einer der Inspiratoren der jugendbewegten Bünde und machte sich einen Namen als Märchenforscher.
9 Klein, S.?83 f.
10 Heinz Schreckenberg: Der Hitler-Barde Hans Baumann und sein Wirken vor 1945. Ein katholisches Janusgesicht, Berlin 2009.
11 Winfried Mogge: „Und heute gehört uns Deutschland …“ Entstehung und Nachwirkung eines Liedes 1933–1993, in: Stambolis/Reulecke, S.?177.
12 Mogge, S.?181 f.
13 Klein, S.?84.
14 An der Spitze der Abteilung Musik im Kulturamt der Reichsjugendführung stand Wolfgang Stumme (Jahrgang 1910), der aus der bündischen Jugend kam.
15 Klein, S.?57 f.
16 Dieter Wellershoff: Die Arbeit des Lebens. Autobiographische Texte, Köln 1985, S.?56.
17 Napiersky machte nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft an einem Düsseldorfer Gymnasium beruflich Karriere, hatte die Schreibweise seines Familiennamens leicht geändert (am Ende ein „I“ statt eines „Y“), verhielt sich völlig unpolitisch und galt als einer der führenden Köpfe im Düsseldorfer Musikleben. 1965/66 war ich als junger Studienreferendar Kollege von N., der damals wenige Jahre vor seiner Pensionierung stand. Gelegentlich sprach ich ihn einmal auf sein Lied „Nun trag die Trommel vor uns her, Kamerad, und schlag das Fell“ an. Er reagierte panikartig. Im Vorfeld der linken Kulturrevolution befürchtete er offenbar, in eine Enthüllungskampagne zu geraten.
18 Jürgen Reulecke: „Wir reiten die Sehnsucht tot“ oder: Melancholie als Droge. Anmerkungen zum bündischen Liedgut, in: Stambolis/Reulecke, S.?117.
19 Klose, S.?111 und S.?183. – Das ab 1938 aufgebaute BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ sollte den 17–21 Jahre alten Mädchen verfeinerte und speziellere Bestätigungsmöglichkeiten bieten. Als Arbeitsgemeinschaften wurden u.?a. angeboten: Sport, Gymnastik, Gesundheitsdienst, Spiel und gesellige Kultur, persönliche Lebensgestaltung, Werkarbeit, Musik, Auslandskunde, Hauswirtschaft, bäuerliche Berufsertüchtigung. Singen und Musizieren gingen bei „Glaube und Schönheit“ im Niveau über den üblichen Dienst bei HJ und BDM deutlich hinaus. Klose, S.?184 f.
20 Wir Mädel singen. Liederbuch des Bundes Deutscher Mädel, hg. vom Kulturamt der Reichsjugendführung, Wolfenbüttel und Berlin 1937, S.?1.
21 Die Jugendbildungsstätte Ludwigstein führte vom 11.–13. November 2016 auf Burg Ludwigstein (Witzenhausen) eine Tagung durch: „Musizieren, marschieren, sterben“. Sie behandelte die „Musik- und Liederproduktion in der Hitlerjugend am Beispiel des Liederdichters Hans Baumann und des Musikfuntkionärs Wolfgang Stumme“. Dort wurde auch über das Lied „Nur der Freiheit gehört unser Leben“ und die Frage, ob dieses Lied heute noch in einer bündischen Gemeinschaft gesungen werden sollte, diskutiert.

 
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