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Ecclesia semper optanda

Botho Strauß nennt den im Buch Lesenden und den mit gefalteten Händen Betenden die beiden „Aristokraten des Bei-Sich-Seins“. — Zeichnung von Albrecht Dürer
Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn ist genauso wie Carl Schmitt und Günter Maschke als katholischer Rechtsintellektueller anzusprechen (v. o. n. u.).


Nicht nur Ernst Jünger, auch Alfred Döblin konvertierte zum Katholizismus und bezeichnete den Relativismus als „Ruin“.
Auch der Kampf gegen die Verhäßlichung der Welt ist untrennbar mit dem Wesen des Christentums verbunden. Die Kirche hat insbesondere unser abendländisches Schönheits- und Formenverständnis weitgehend geprägt. – Gemälde von Karl Friedrich Schinkel
Wenn man uns lehrt, daß es zehn Dimensionen gibt oder auch nicht, daß unnennbar viele Universen existieren oder auch nicht, daß wir biologisch determinierte Automaten seien oder auch nicht — wer will da einem Christen vorhalten, sein Gott sei phantastisch, unbeweisbar und „kaum zu glauben“?
Wer dem Ruf des Muezzins nichts besseres als den Klang der Kaufhausmusik entgegenzusetzen hat, tut vielleicht besser daran, zu kapitulieren. Ein Nein zur Moschee ohne einem Ja zur Kathedrale bleibt fragwürdig. Martin Mosebach: „Der Beweis ist immer noch nicht angetreten, daß ‚Bedrohung westlicher Werte‘ viel mehr heißt als ‚der Islam will uns unsere Pornovideos wegnehmen‘.“ – Früher Moschee, heute Kirche im ungarischen Pécs/Fünfkirchen.
Die christliche Barmherzigkeit ist nicht als sozialer Egalitarismus zu verstehen; sie dient in erster Linie nicht dem Schwachen, sondern der Seele des Mächtigen, die durch die Tugend gerettet werden soll. – Frans Francken, „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“.

Von Dr. Hans-Ulrich Kopp

Die Kirche als Option für Konservative

Botho Strauß, dessen Bocksgesang uns nur noch fern wie aus vergangenen Zeiten im Ohr lag, hat nach zwanzig Jahren mit einem neuen Text dieses Ranges die Arena betreten: dem „Plurimi-Faktor“ (Spiegel 31/2013). Sein wenig später erschienenes Buch „Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit“, aus dem der Essay exzerpiert war, ist ein Lobpreis des Idioten im Sinne des „Unbeteiligten“. Es ist aber auch ein neues Indiz dafür, daß sich konservative Intellektuelle dem Glauben zuwenden.

Strauß rühmte schon lange Nicolás Gómez Dávila, den kolumbianischen Philosophen des reaktionären Katholizismus, als überzeugende Stimme „der scharfsinnigen Gläubigkeit und Gegenmoderne“, und er bemerkte, „welche Anziehungskraft von einem Denken ausgeht, das in seinem dichtesten Kern aus Unbefragbarkeit und aus Frommheit besteht“. Hier nun spricht er zwar vorderhand nicht von Religion, sondern von Außenseitertum: den „Unverbundenen“, denen er zuruft: „Wir anderen müssen neue unzugängliche Gärten bauen!“ Doch der religiöse Subtext ist unverkennbar und tritt in einigen Passagen deutlich hervor. „Wir drängen den Gläubigen und Andersgläubigen neben uns unentwegt unsere Freiheiten auf, denken aber nicht daran, auch nur das Geringste von ihrer sittlichen Freiheitsbeschränkung nachahmenswert zu finden oder auf uns abfärben zu lassen … Aber Ihr Freizügigen! Seid ja geschlossener verhangen als jede Muslimin im Ganzkörpertuch. Eure Burka ist eine feste Hülle aus Sprachlumpen … Neugier und Respekt gegenüber den uns fremden Gesetzestreuen bleibt den wenigen vorbehalten … Die meisten wenden sich bereits mit Empörung ab, sobald ihrem gewohnten Lebensstil aus religiösen Gründen mit Distanz begegnet wird.“
Expressis verbis ist hier vom Islam die Rede, der beschämenderweise bereits im Herzen Europas sichtbarer ist als das abendländische Christentum. Fraglos geht es aber Strauß nicht um zeitgeistige Islamophilie, sondern darum, Religion (im präzisen Sinne des Wortes, die nicht zu verwechseln ist mit einer diffusen „Spiritualität“) als eine der verbliebenen Bastionen des Außenseiters zu legitimieren. Hofmannsthal zitierend, nennt er den ein Buch Lesenden und den mit gefalteten Händen Knienden die beiden „Aristokraten des Beisichseins“, deren Gestus die „vor sich hinquatschenden Kopien des Idioten“ ausschließe. Das im digitalen Massenbrei zur Seltenheit aufsteigende Buch werde sich „resakralisieren“, ist seine kühne Hoffnung. Und indem er „Klugheit und Einfalt“ als komplementäre Eigenschaften preist, die den „Ungerührten“ auszeichnen, greift er sicher nicht zufällig auf ein bekanntes biblisches Bild zurück: „Seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben“, mahnt Christus gemäß dem Matthäus-Evangelium die Jünger, als er sie aussendet, um sein Wort zu verkünden.
Der Strauß’sche Außenseiter ist, zumindest als Möglichkeit, homo religiosus. Er ist es gerade auch als der „Reaktionär“, der „als der echte Epiker das Gewesene verklärt, um es jederzeitlich zu machen“ – denn die Gegenwärtigkeit des vermeintlich Vergangenen ist das Essential des Glaubens, in der Realpräsenz Christi während der Eucharistie, aber auch in der Anschauung der „Ewigkeit, die schon begonnen hat und als Goldfolie hinter jeder historischen Zeit steht“ (Mosebach).
Dies erweist sich auch im Buch, wenngleich man hier kein „Credo in unum deum“ finden wird – nebelfrei aufgehellte Worte sind des Autors Sache nicht. Unverkennbar ist freilich die Fülle biblischer Zitierungen, die selbstverständliche Einbeziehung der Transzendenz. „Quod deus latuit. Was Gott ins Verborgene setzte, hütet der Idiot und schützt es vor den Übergriffen der zentraldemokratischen Heilsformel ‚Transparenz‘, ‚Öffentlichkeit‘, ‚Aufklärung‘.“ Oder: „Theophan der Rekluse“, ein 1988 von der russisch-orthodoxen Kirche kanonisierter Moraltheologe, „war schon dem Namen nach ein Gott durchscheinen lassender Mensch. Ähnlich läßt die Sprache, solange sie eine rumorende ist, eher Mythen durchscheinen als die ausgekühlte.“ Auffallend auch sein Mißbehagen an dem, der den neuen Menschen an die Stelle Gottes setzen wollte: „Das Abschreckende des Zarathustra bei heutiger nackter Lektüre: das geistig Martialische, das Willensmuskelpaket, dem der Sparringspartner fehlt, fast ein kämpferisches Grimassieren … Der Übermensch, was wird er sein? Ein technothymes Unikum, Kreuzung zwischen beseeltem Ding und dinggewordenem Mensch.“
Es scheint ein Teil der Verharmlosungsstrategie aller politischen Seiten zu sein, daß Straußens Anknüpfung an Mythos und Religion von kaum einem Rezensenten mit Ausnahme Lorenz Jägers thematisiert wird. Wir haben hier ein vorzügliches Dokument dessen vor uns, was vereinfachend als „Rückkehr der Religion“ bezeichnet wird, bei der es sich aber nicht um eine allgemeine Bewegung handelt – die Volkskirche als gesellschaftsprägende Kraft kehrt nicht zurück – ,sondern um die Rehabilitierung der Religion als metaphysische Beheimatung derjenigen, die sich, wie Strauß es formuliert, der Abwehr „anmaßender Dürftigkeit“ und der einhergehenden „Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche“ verschrieben haben. Denn wirklich ist die von Gott gestiftete, substantiell unveränderliche Kirche das griechische kyriakón, „dem Herrn gehörig“, damit menschlicher Verfügungsgewalt entzogen – weswegen selbst der Papst nicht berechtigt wäre, ihre Grundfesten zu „reformieren“. Etwas Undemokratischeres läßt sich schwerlich denken.

Europa als glaubensloser Sonderfall

Hört man hierzulande von der Kirche reden, so tritt uns seit langem das Bild einer Sterbenskranken entgegen. Während weltweit die römisch-katholische Kirche um 1,5 % jährlich wächst und die Zahl der Priester im Steigen begriffen ist, nimmt in deutschen Landen und den meisten Staaten Westeuropas die Zahl der getauften Christen ebenso ab wie die der Teilhabenden am kirchlichen Leben. Der britische Soziologe David Martin spricht von Europa als dem „Sonderfall“, da es zum „einzigen wirklich säkularen Kontinent der Erde“ geworden sei. Gravierender noch als der zahlenmäßige Bedeutungsverlust ist die innere Schwäche vieler Kirchenvertreter, die sie zu Mitläufern zeitbedingter Torheiten werden läßt. Vor diesem Hintergrund mag die Beobachtung, daß konservative Köpfe sich vermehrt der Religion zuwenden, irritieren. Doch steht der Abnahme dessen, was sich als amtskirchliche Bürokratie und gewohnheitsmäßiges Christentum darstellt, eine spürbare Zunahme des Glutkerns gegenüber, der den Glauben eigentlich ausmacht und um den sich geistig Tätige in freier Entscheidung sammeln. Damit bestätigt sich ein Wort Papst Benedikts in seiner berühmten Freiburger Rede von 2011: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden, … sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr [der Kirche] nur noch den Apparat sehen, ohne daß ihr Herz davon berührt wäre.“

Katholische Rechtsintellektuelle

Katholische Rechtsintellektuelle waren zwar nie ausgestorben. Wir brauchen nur Carl Schmitt zu erwähnen, der „das Ringen um die eigentliche katholische Verschärfung“ als „das geheime Schlüsselwort meiner gesamten geistigen und publizistischen Existenz“ bezeichnete, weiters Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn, der sich einen „katholischen rechtsradikalen Liberalen“ nannte, und Gerd-Klaus Kaltenbrunner, der sich eine Schwarzwälder Privatkapelle zum Refugium erkor. Unter den Lebenden ist Martin Mosebach notorisch (zuletzt mit „Der Ultramontane. Alle Wege führen nach Rom“). Aber auch Günter Maschke kann in diese Reihe gestellt werden. In dem Gesprächsband „Verräter schlafen nicht“ antwortet er auf die Frage, ob er an Gott glaube: „Nicht immer, aber oft.“ Und doch schien es fast, als versiege dieser stille Geistesstrom in der geistigen Wüstenlandschaft der deutschen Republiken an der Jahrtausendwende.
Non praevalebunt – es ist nicht soweit gekommen. Bereits im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts machen sich als Pioniere zwei große Denker auf den Weg nach Rom. Günter Nenning, der langjährige sozialistische Funktionär und Mentor der österreichischen Grünen, doch bald auch einer der wenigen, die sich den schmückenden Beinamen des Querdenkers wirklich verdienen, überrascht 1995 mit dem Werk „Mehr Opium, Herr! Rückwege zur Religion“. Darin zitiert er aus Charles Baudelaires Tagebuch: „Selbst wenn es keinen Gott gäbe, die Religion wäre immer noch heilig und göttlich.“ Und er findet so schöne Sätze wie: „Mag schon sein, daß der Gott der Frommen nur eine Karikatur Gottes ist, aber der Mensch als Gott ist die Karikatur der Karikatur.“ Oder: „Die Identität von Sinnlichkeit und Heiligkeit ist das große Thema der Zukunft von Religion.“
Nach einer vernichtenden Analyse der Zeit kommt er zu einem Schluß, der ihn als geschulten Dialektiker ausweist: „Es helfen nur noch die stärksten Bilder, die stärksten Geschichten. Nur die Religion liefert sie … Religion sind tausend Bilder und tausend Geschichten, die kein vernünftiger Mensch glauben kann. Wenn du sie in deinen PC eingibst, stürzt er ab. Religion ist zum Naserümpfen. Religion ist zum Wütendwerden. Religion ist zum Aufgeben … Religion ist jene umfassende, absurde Wirklichkeit, die unsere moderne, rationale Teilwirklichkeit zur Explosion bringt … Wiederkehr von Religion wird geschehen … aus der Halt- und Ratlosigkeit, Sinn- und Fühllosigkeit des modernen, postmodernen, post-postmodernen usw. Menschen. Nur noch die schärfste Medizin hilft: Kein Ismus, sondern Gott.“
Ein Jahr später konvertiert der im 102. Lebensjahr stehende Ernst Jünger zum Katholizismus. Der äußere Vollzug einer lange getroffenen Entscheidung, die sein Biograph Helmut Kiesel mit Verweis auf die in den „Marmorklippen“ und „Heliopolis“ auftretenden Geistlichen als „Eintritt in ein kosmisches Ordnungswissen“ beschrieb, ist nur für seines Werkes Unkundige überraschend, denn Gottsuchertum läßt sich spätestens während des Zweiten Weltkrieges bei ihm finden. Schon seinen Sohn Carl Alexander ließ er katholisch taufen, Carl Schmitt amtierte als Pate. Der Individualist und Waldgänger, der elitäre Widerständler gegen die „planmäßige Zeit“ und philosophierende Partisan hätte keiner Theokratie das Wort geredet; in gottloser Zeit aber beweist sich sein abenteuerliches Herz. „Im Grunde kommt nichts leichter zusammen als ein alter Priester und ein alter Soldat. Der eine hat sich für das Vaterland unten, der andere für das oben aufgeopfert; kein weiterer Unterschied“, notiert er 1995.
In jüngster Zeit haben mehrere Intellektuelle als Anhänger oder Sympathisanten eines konservativen Katholizismus auf sich aufmerksam gemacht. Matthias Matussek, seit 1987 beim „Spiegel“, dessen Kulturressort er lange leitete, legte 2011 „das katholische Abenteuer“ vor und sagte der „Süddeutschen Zeitung“: „Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war.“
„Cicero“-Kulturredakteur Alexander Kissler hat seit 2003 mehrere katholische Bücher publiziert; in seinem jüngsten, „Papst im Widerspruch“, preist er Benedikt XVI. als „radikalen Nonkonformisten“. „Die Kirche, die mich anzieht, säuselt nicht. Sie ist von stolzer Formenstrenge. Von vornehmer Gegenweltlichkeit. Sie riskiert es, nicht modern zu sein.“
Peter Seewald, der 1968 Marxist wurde, selbstverständlich aus der Kirche austrat und eine linksradikale Wochenzeitung gründete, sah sich 1996 nach einem Interview mit Kardinal Ratzinger zur Rückbesinnung und zum Wiedereintritt in die katholische Kirche veranlaßt; von ihm erschienen zuletzt „Licht der Welt“, ein Gespräch mit Papst Benedikt, und das Bekenntnisbuch „Als ich begann, wieder an Gott zu denken“.
Jan Roß, der als „Zeit“-Redakteur ebenfalls auf eine progressive Biographie zurückblickt, hat 2012 mit seiner Streitschrift „Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird“ Aufsehen erregt: „Ich versuche zu zeigen, … daß nach wie vor Religion ein Garant für ein Menschenbild ist, das nicht banal ist, das dem Menschen Optionen sichert, das ihn nicht der Gefräßigkeit des Hier und Jetzt ausliefert.“ Und: „Der Verzicht auf die Suche nach dem Absoluten, eine Welt ohne große Wahrheitsansprüche und religiöse Leidenschaften wäre nicht menschenwürdig. Sie wäre der Triumph der Banalität.“
Lorenz Jäger ist zu nennen. Seine öffentliche Distanzierung von einer bestimmten Rechten ist leider vielfach mißverstanden worden. Er nahm seinen Abschied von der „Ideologie der Großindustrie und der Kriegsverkäufer“ und von einer unklar motivierten, aus den USA gespeisten Islamkritik, aber ausdrücklich nicht vom genuin Konservativen, worunter er versteht, „ein Gefühl für das Gewicht der Wirklichkeit zu haben … und – nicht weniger wichtig – jedenfalls die Sehnsucht nach Maßstäben, die von oben kommen, vielleicht von Gott. Aber das ist die Sache von Einzelnen, keine Partei und kein Volkstribun wird’s richten“. Jägers Bücher „Hauptsachen. Gedanken und Einsichten über den Glauben und die Kirche“ und „Fromme Übungen“ lassen nicht an Traditionsbewußtsein und rechtem Sinn vermissen.
Neben denen, die sich entschlossen dem Christentum zuwenden, finden sich weitere, die ihm zumindest Respekt erweisen. Rüdiger Safranski antwortet auf die Gretchenfrage: „Ich behalte jedenfalls den Fuß in der Tür, damit sie nicht zufällt und man ganz eingeschlossen ist in die blödsinnige Immanenz. Der eindimensionale Mensch ist heutzutage wohl die größte geistige Gefahr. Also, ich glaube an den Glauben.“ Martin Walser nennt Religion „anspruchsvoller als jede andere Denk- und Ausdrucksbemühung“ und dichtet: „Ich bin an den Sonntag gebunden, wie an eine Melodie, ich habe keine andere gefunden, ich glaube nicht, aber ich knie.“
Welche Erklärungen finden wir für all dies? Anregend hat zweifellos für viele das Pontifikat Benedikts XVI. gewirkt, das als Gegenbild zum herrschenden Pseudoliberalismus weithin ausstrahlte; der jetzige Papst emeritus ist ein geistvoller Konservativer. Mosebach sagt zurecht: „So unbeliebt er deshalb bei seinen von der Gegenwartskultur eingeschüchterten deutschen Amtsbrüdern auch war, so sehr faszinierte er Intellektuelle, die der Kirche fernstehen. Oberflächliche Versöhnungsrhetorik konnte diesen Kreisen ohnehin keinen Eindruck machen; statt dessen erlebten sie in seiner Person den authentischen Repräsentanten einer Religion, von der sie nicht wußten, ob sie sie noch als ‚gefährlich‘, oder womöglich als einzig verbliebenes Gegenmodell zur säkularen Gesellschaft empfinden sollten.“ Jedoch reicht die geistige Strahlkraft auch einer so bedeutenden Persönlichkeit kaum aus, um das beschriebene Phänomen begreiflich zu machen. Zwei weitere Ursachen sollen hier angesprochen werden.
Zum einen dürfte die schier unfaßbare Bodenlosigkeit der herrschenden Ideologien und Ersatzreligionen bei Nachdenklichen eine diametral entgegengesetzte, in subkutanen Gefilden tradierte Anschauung wieder in den Blick gerückt haben: jene christliche Anthropologie, die nicht den gegenderten neuen Menschen propagiert und damit – wie noch jedes Projekt des neuen Menschen – eine Katastrophe menschheitsgeschichtlichen Ausmaßes heraufbeschwört, sondern die unbeirrt auf den alten Adam verweist und sich nicht scheut, ihn geradewegs auf seinen tiefsten Urgrund zurückzuführen, den ersten Beweger alles Seienden.
Je schwerer erträglich, zugleich auch machtergreifender die Ideologien werden, desto mehr stellt sich die Frage, ob es nebst allerlei systemimmanenten Modifikationen eine gänzlich andere Option gäbe. Der entschiedenste und unaufhebbare Widerspruch zum gesichts- und kulturlosen, sein vermeintlich „sozial konstruiertes“ Geschlecht auslebenden Massenmenschen ist der nach Gottes Willen geschaffene Mensch. Denn seine je eigene personale Würde als Teil der Schöpfung („Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, du bist mein!“) und seine Berufung zur Unsterblichkeit („Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“) entziehen ihn vollständig dem Menschheitsexperiment der Sozialingenieure. Kirche als Verkörperung einer überweltlichen Instanz erblüht immer von neuem dort, wo irdische Herrschaft ein legitimes Ordnungsprinzip vermissen läßt und der geistige Mensch, der nicht vom Brot alleine lebt, durch sie einen glaubhaft begehbaren Weg aus der geistigen Wüste findet. Nicht zufällig macht sich ein erster großer Konversionszug namhafter europäischer Intellektueller in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg auf, als die alte europäische Ordnung abgelöst wird durch scheiternde Demokratien und nachfolgende Gewaltherrschaften. Alfred Döblin, der 1941 konvertiert, bekennt in der legendären Dankesrede zu seinem 65. Geburtstag, der Relativismus sei der Ruin, heute gelte es, das Absolute anzuerkennen.
Siebzig Jahre später sind die Herrschaftsverhältnisse, unter formaler Beibehaltung demokratischer Strukturen, kraft ihrer technischen Möglichkeiten und medial bewirkten Konformitätszwänge totaler als seinerzeit; selbst der Ausweg der physischen Auswanderung, der noch allen früheren Generationen offenstand, ist angesichts der Angleichung der Verhältnisse nahezu gegenstandslos geworden. Wo aber die Seitwärtsbewegung nicht mehr möglich ist, findet die Aufwärtsbewegung als bleibende Option in das Bewußtsein zurück. Das Haus Gottes zu betreten und sich der Transzendenz zu öffnen, heißt, sich der Manipulierbarkeit durch Zeitgenossenschaft und staatliche Allmachtsphantasie zu entwinden.
Das Petruswort „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“ ist eine der entscheidenden Rückversicherungen des Christen gegen die Vereinnahmung durch seine Zeit und ihre Zumutungen. Jan Roß konstatiert: „Was der religiöse Staatsbürger hat, ist ein distanziertes Verhältnis zum Staat, das ist … nicht schlecht, sondern richtig … Religion ist eine sehr fundamentale Art, davon überzeugt zu sein, daß es wichtigere Dinge gibt und daß man im Zweifel anderen Instanzen verpflichtet ist.“ Ähnlich sagte schon Nenning: „Die Bindung an Gott ist die Voraussetzung von Freiheit. Dieser einzige Zwang, diese letzte Bindung befreit zur Freiheit von jedem sonstigen Zwang, jeder sonstigen gemußten Bindung – ist die gedrückte Stahlfeder für den Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit.“

Gegen die Verhäßlichung der Welt

Untrennbar verbunden mit dieser in einem überkonfessionellen Sinne gewissermaßen „protestantischen“ Haltung des Christenmenschen ist auch sein Protest gegen die Verhäßlichung der Welt. Kissler weist darauf hin, „wie sehr unser abendländisches Schönheits- und Formenverständnis durch die Kirche geprägt wurde“. Maschke erinnert sich: „Katholizismus bedeutet aber auch, diese irdische Welt zu verschönen, zu verzaubern, zu durchseelen, das Licht des Überirdischen im Irdischen ahnbar werden zu lassen … Es war vor allem anderen die Schönheit der katholischen Kirche, die mich in den Bann schlug, und Schönheit ist ein gewaltiges Argument, weil sie vermuten läßt, daß sie aus der Wahrheit erfließt. Was, wenn nicht die Verehrung Gottes, sollte ein Werk der Schönheit sein?“
Eine weitere Ursache der neuen Zuwendung zur Kirche findet sich in der Brüchigkeit des wissenschaftlichen Weltbildes, die durch dieses selbst hervorgerufen wurde.
Nach einer verbreiteten Vorstellung sei Religion der Versuch einer prärationalen Welterklärung, der sich durch den zunehmenden Erkenntnisfortschritt, besonders die Entdeckung der Naturgesetze und die Erforschung des Kosmos, erledigt habe. Der Mensch vor seiner Aufklärung sei verdammt gewesen zu glauben, der aufgeklärte könne es nicht mehr. Genauer betrachtet war die kirchliche Lehre zu keiner Zeit dergestalt, daß sie leichterdings und unversehens zu glauben war. Im zweiten Jahrhundert schreibt Athenagoras von Athen: „Gott ist unerschaffen, ewig, unsichtbar, unergründlich, unbegreiflich und unendlich.“ Auch vor zweitausend Jahren hatte man noch keinen wiedererweckten Toten gesehen, war nie Zeuge geworden, wie einer auf den Wassern ging, Blinde sehend machte und dem Sturm Einhalt gebot. Noch viel weniger als diese „kleinen Wunder“ war es dem Denken unserer Vorfahren inhärent, daß Gott selbst sich durch seinen Sohn in die Welt begibt und bis zum Kreuzestod erniedrigt. Die noch nie dagewesene Kreuzestheologie war von Anfang an das ganz andere, das in höchstem Maße Staunenswerte, der „Skandal des Kreuzes“. Die Schrift hat es so festgehalten: „Während die Juden Zeichen fordern und die Griechen Weisheit suchen, verkündigen wir Christus, den Gekreuzigten – für die Juden ein Ärgernis (skandalon), für die Heiden eine Torheit, für die aber, die berufen sind, … Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen.”
Somit mußte das Christentum nicht erst auf Galilei oder Darwin warten, um allem Bekannten und Erwartbaren zu widersprechen. Vielmehr ist es vom ersten Augenblick an ein Zuruf an die Glaubenswilligen, sich einem unerhörten Gegenüber zu öffnen. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ – das heißt auch: legt nicht Eure Maßstäbe und Denkgewohnheiten an mich an, denn ihr werdet mich in ihnen nicht erkennen. Daher kann auch keiner auf den Totenscheinen, die der Kirche im Laufe der Zeiten ausgestellt wurden, ein Datum angeben. Und in unseren Tagen kommt ihr eine Kehre der Wissenschaft zu Hilfe: diese selbst mehrt mit neuer Erkenntnis die Fragen und ist forschend auf ein Feld gelangt, auf dem sie ihren festen Grund verloren hat.

Die Wissenschaft hat weniger Antworten denn je

Noch vor zwei Generationen schien klar zu sein, was die Welt und den Menschen ausmachte: man glaubte, kosmologische Daten und Condition humaine solide errechnet zu haben. Heute ist die vermeinte Sicherheit dahin. Die moderne Physik diskutiert die Existenz von zehn oder mehr Dimensionen und unendlich vielen Paralleluniversen. Die aus den Fugen geratene Mathematik stimmte erst wieder, als die Forscher sechs weitere Raumdimensionen anfügten – doch eine zehndimensionale Raumzeit war entstanden. Sie entdeckten Raumknäuel, die ungeheuer viele Formen annehmen können. Sie kamen auf die Zahl von 10500. Sodann fanden sie, daß jede dieser Formen in einem eigenen Universum realisiert sein könnte. Die Stringtheorie beschreibt somit ein Multiversum aus 10500 Kosmen, von denen jeder seine eigenen Naturgesetze kennt. Eine Theorie, unbewiesen, wohl unbeweisbar und ebensowenig zu widerlegen. In Chestertons Schelmenroman „Die Rückkehr des Don Quichotte“ sagt die Hauptfigur, der Bibliothekar Herne: „Das ist das Paradoxe, durch das Berechnen sind die Dinge unberechenbar geworden.“
Auch das scheinbar klare Menschenbild der Naturwissenschaft hat sich verflüchtigt, seit die einst selbstverständliche Annahme einer autonomen Subjektstellung des Menschen von der Hirnforschung bestritten wird. In den Neurowissenschaften wird die Frage des freien Willens kontrovers diskutiert. Namhafte Vertreter des Faches wie Roth und Singer vertreten die Theorie, neuronale Prozesse gingen dem Willensakt voraus. Dieser Infragestellung der Personalität wird von anderen entschieden widersprochen. Letztgültige Antwort ist von nirgendwoher zu erhoffen, so daß, wie Mosebach feststellt, „der intelligente Skeptiker den Wahrheitsanspruch der Wissenschaft längst schon zurückgewiesen hat“. Von den ehernen Gewißheiten des vorangegangenen Menschenalters ist kaum etwas geblieben. Wenn Carl Schmitt in einer frühen Studie („Theodor Däublers Nordlicht“, 1916) über die „armen Teufel“ der Moderne noch schrieb: „Sie wissen alles und glauben nichts“, so könnte er heute ergänzen: „Sie wissen auch nichts mehr.“
Für Dávila ist folgerichtig nur das „Fragment“ der „Ausdruck redlichen Denkens“, da der Mensch lernen mußte, daß er „zwischen Fragmenten lebt“. Was in der Philosophie nicht Fragment sei, werde zum „Betrug“, denn über ein kohärentes Weltbild verfüge nur Gott. Wer sich heute der Kirche zuwendet, mag also argumentieren: Wenn man uns lehrt, daß es zehn Dimensionen gebe, oder auch nicht, daß unnennbar viele Universen existierten, oder auch nicht, daß wir biologisch determinierte Automaten seien, oder auch nicht – wer will dann einem Christen vorhalten, sein Gott sei phantastisch, unbeweisbar und „kaum zu glauben“?
Der amerikanische Teilchenpysiker Emanuel Derman formuliert es als neutraler Beobachter so: „Ich bin nicht religiös, aber ich bin anti-antireligiös. Die todernsten missionarischen Atheisten sind meist Psychologen … Aber die meisten Physiker wissen: je tiefer man in die Erforschung der Elementarteilchen eindringt, desto verrückter wird es. Das heißt nicht, daß man an Gott glauben müßte. Wohl aber sollte man einsehen, wie wenig wir darüber wissen, woher die offenkundigen Gesetze der Welt kommen. Und man sollte etwas demütiger mit dem Glauben anderer Menschen umgehen.“
Daß sich der Glaube seinerseits nicht im Sinne menschlichen Erkenntnisvermögens „beweisen“ läßt, verliert demgegenüber an Bedeutung. Es handelt sich heute nicht mehr um die Konkurrenz von Glauben und Wissen, sondern zweier Glaubensrichtungen: der gottlosen und der Gott anerkennenden. Dabei genießt letztere den Vorzug, als sittliches System menschliche Tugenden zu begründen und Beurteilungsmaßstäbe an die Hand zu geben. „Wenn man die Religion“, so Günter Maschke, „frei nach Freud als Illusion bezeichnet, dann bleibt immer noch die Frage, inwieweit die Illusion die Illusionslosigkeit befördern, steigern, ja erst erschaffen kann. Die These von der Erbsünde, die schon manchen erhabenen Intellekt beleidigte, bietet immerhin den Einstieg zu einer realistischen Anthropologie, und je heftiger an sie geglaubt wird, desto realistischer kann das daraus folgende Menschenbild sein.“ Mosebach spitzt diesen skeptischen Realismus noch zu, wenn er über das „Taufwasser der Sündenvergebung“ sagt: „In diesem Wasser badet, wer Einsicht in seine eigene Unvollkommenheit erlangt hat. Könnte man in dieser Einsicht nicht ein erstes Zeichen einer – jedenfalls geistigen – Gesundheit sehen?“

Ist das Christentum eine „Fremdreligion“?

Wenn man der religiösen Antwort auf die Grundfragen der Existenz grundsätzlich Raum gewährt, scheint sich gleichwohl die Frage zu stellen, mit welchem Recht das Christentum eine Vorrangstellung vor anderen Bekenntnissen beanspruchen dürfe. Für den Konservativen stellt sich dieses Problem allerdings nicht. Denn zum einen gilt für ihn ein Prinzip, das bei aller Vielfalt und gelegentlichen Widersprüchlichkeit konservativen Denkens Bestand hat: nicht die Tradition ist rechtfertigungsbedürftig, sondern die Neuerung. Da sich also unser Volk von Anbeginn mit dem christlichen Glauben verbunden hat, so besitzt dieser das gute alte Recht. Wilhelm Schäfer schrieb: „Das Christentum ist an uns geschehen, seine zweitausendjährige Existenz in uns läßt sich nicht ausstreichen … Was wir in seinem Auftrag wurden, das ist unsere Geschichte … Und unsere Geschichte ist kein Bilderbuch, das wir weglegen können; denn wir selber sind es, die darin geschahen.“ Atheismus und Agnostizismus waren und sind immer Möglichkeiten, aber die Hinwendung zu anderen Religionen ist mit dem Willen, unser nationales Erbe anzunehmen, unvereinbar.
Hinzu tritt das Wissen um die religiöse Dimension jenes bedrohlichen Gegenwartsphänomens, das unsere Existenz als Kulturnation angeht: wer dem Ruf des Muezzins nichts Besseres als den Klang der Kaufhausmusik und das Schellen der Mobiltelephone entgegenzusetzen weiß, tut vielleicht besser daran zu kapitulieren. Sein Besitztum ist keiner Verteidigung wert. Ein Nein zur Moschee ohne ein Ja zur Kathedrale bleibt fragwürdig und Mosebachs Befürchtung virulent: „Der Beweis ist immer noch nicht angetreten, daß ‚Bedrohung westlicher Werte‘ viel mehr heißt als: ‚Der Islam will uns unsere Porno-Videos wegnehmen.‘“
Vorbehalte gegen die Kirche werden auch von nationaler und völkischer Seite gepflegt, zuvorderst da sie eine „Fremdreligion“ sei. Tatsächlich reiste der Heilige Bonifatius, eigentlich Wynfreth (Winfried), der Apostel der Deutschen, einige Kilometer über den Kanal aus dem benachbarten Britannien an, sein geistiges Rüstzeug entstammte der römischen Welt, die im Westen und Süden an Germanien grenzte. Die seinerzeit in unseren Wäldern verehrten Götter waren hingegen von weither aus dem indoeuropäischen Vielvölkerherd, tausende von Kilometern entfernt im Osten, gekommen; der einäugige Wodan-Odin hat daher Entsprechungen im keltischen, baltischen und lateinischen Kulturkreis. Mit der Ursprünglichkeit des Heidentums ist es also nicht weit her, und eine „rein deutsche“ Religion wird man auch in der fernsten Vergangenheit nicht finden.
Daß Christus Jude gewesen sei, ist ein kaum noch erhobener, aber sicher nicht gänzlich verschwundener Einwand. Es trifft in kulturgeschichtlicher Betrachtung zu, ist aber als Glaubensinhalt nicht relevant. Der von der Jungfrau geborene Sohn, zugleich Mensch und Gott, ist ontologisch, nicht biologisch zu deuten. Der Herr selbst sagt, daß er nicht Nachfahre, sondern Vorfahr Davids ist, der präexistente Menschensohn (Mk 12, 35).
Häufig hört man, die christliche Lehre sei der „Katechismus der Schwachen“, sie propagiere Selbstaufgabe und Nachgiebigkeit. Das Gebot der Feindesliebe geht jedoch logisch von der Existenz des Feindes aus und findet nur darin seinen Sinn; es besagt gerade nicht, es gäbe keine Feindschaft. Der Feind gehört zur Vollständigkeit der Welt, daher auch das „bonum certamen“ des Paulus: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft.“ Die christliche Barmherzigkeit ist im übrigen nicht als sozialer Egalitarismus zu verstehen; sie dient überhaupt nicht in erster Linie dem Schwachen, sondern der Seele des Mächtigen, die durch geübte Tugend gerettet werden soll. Schließlich ist die chiliastische Heilserwartung alles andere als Fortschrittsoptimismus: die Welt bedarf der Erlösung, weil es dem gefallenen Menschen nicht gelingen wird, selbst Vervollkommnung zu erlangen. Die kirchliche Deutung des menschlichen Schicksals entspricht damit dem, was auf politischem Gebiet als skeptisches Menschenbild oder rechter Realismus bezeichnet wird. Sie ist gerade in einer relativistisch gesinnten Zeit, in der sie nicht „erfolgreich“ ist, mehr denn je eine Einladung an den Konservativen, für den eben nicht gilt, was Hermann Keyserling in seinem „Reisetagebuch eines Philosophen“ sagt: „Das wirklich Bedenkliche ist, daß unsere Zeit Erfolg und Vollendung verwechselt.“

 
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