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Balance, Harmonie, Einheit

In bürgerlichen Kreisen herrscht oft eine einseitig ökonomische Sichtweise, aber auch gewisse Strömungen des Christentums haben die Natur zu einem Ausbeutungslager degradiert. – A. Paul Weber, Erschließung
Auf der britischen Kanalinsel Sark kann man ein Leben in Autarkie zumindest noch in Ansätzen nachvollziehen. – Kirche mit Pferdegespann
Die Ambulanz von Sark, eines der wenigen motorisierten Fahrzeuge auf der ganzen Insel
An solch unberührten Küsten kann man nachvollziehen, warum das naturnahe Leben als Initiationsweg dienen kann.
Wenn die Nacht wieder als Nacht erfahrbar wird, können wir nachvollziehen, warum sie stets als tief geistige Zeit galt und welche Kraft von den Sternen ausgeht.
Gemeinhin wird angenommen, dass Dinge wie Steine unbelebt sind, doch das ist sehr oberflächlich. In Wahrheit sind selbst Elektronen lebendig, lebendig durch die göttliche Liebe.

Von Johannes Auer

Aufbruch zu einer naturnahen Lebensweise im Geiste der ursprünglichen Überlieferung


Die Umweltbewegung steckt seit ihren Anfängen in einer „Krise“. Das spirituelle Element wurde, wenn überhaupt, in ernsthafter Weise nur am Rande integriert. Die biologische Landwirtschaft entwickelt sich in eine gefährliche Richtung und fällt der Industrialisierung immer mehr und mehr zum Opfer. Ähnlich verhält es sich im „bürgerlichen“ Leben. Es bedarf einer breiten Rückbesinnung auf die traditionalen Werte, die ein naturnahes Leben ausmachen. Diese Werte sind umfassend mit den Begriffen „Balance“, „Harmonie“ und „Einheit“ beschrieben. Die Reihenfolge dieser Wörter ist, wie alles in der Welt der Tradition, keine Willkür. Doch bevor man sich an die Definition dieser Begriffe wagen kann, bevor der Aufbruch an sich beginnt, muß man sich der ewigen Wahrheiten rückbesinnen. Zu dieser „Rückbesinnung“ gehört auch eine schonungslose Analyse der Realität und die Bewußtwerdung der Grenzen menschlichen Daseinsvermögens. Plädoyer für einen Aufbruch zu einer naturnahen Lebensweise im Geiste der ursprünglichen Überlieferung.

Vorliegender Essay entspringt einer jahrelangen Beschäftigung des Autors mit Fragen des Naturschutzes, und damit auch mit Fragen der biologischen Landwirtschaft1. Seit einigen Jahrzehnten wird die desaströse Zerstörung unseres Planeten wahr- und durchaus auch ernstgenommen. Um diese Zerstörung zu verhindern, haben sich unterschiedlichste Gruppierungen gebildet, die wiederum in ganz unterschiedlichen Weltanschauungen wurzeln. Der falsche und tödliche Umgang mit der Schöpfung, mit der uns umgebenden sinnlich wahrnehmbaren Natur, nimmt täglich und stetig zu. Der Fleischkonsum im Westen hat perverse Höhen erreicht. Fleisch ist längst kein Lebensmittel mehr. Tiere, unsere Mitgeschöpfe, werden gequält, mißhandelt und ausgebeutet, in einer Weise, die man nur noch als diabolisch bezeichnen kann. Dennoch hat in der Bevölkerung, trotz einer angeblich erhöhten Sensibilität, keineswegs ein Umdenken stattgefunden. Immer noch und immer mehr Menschen streben nach dem, was hier im Westen als „Wohlstand“ verkauft wird. Die dramatischen Entwicklungen unserer Zeit, sind keine Entwicklungen, die besonders neu wären, seit langem ist bekannt, daß wir Menschen die Schöpfung zerstören, aber die meisten Menschen, die dies erkennen, fragen sich nur in sehr oberflächlicher Weise, wenn überhaupt, was sie ändern können. Ein Beispiel hierfür ist die Richtung, in welche sich die biologische Landwirtschaft bewegt. Diese wird immer bedenklicher. Rund um die biologische Landwirtschaft hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt, die selbstverständlich auch versucht, diese immer mehr in Richtung „Industrie“ zu lenken. Wie wäre es sonst möglich, daß ein großer Teil der Vertreter der biologischen Landwirtschaft, die Produzenten, die Konsumenten, die „Zwischenhändler“, die Krise nicht bekämpfen, sondern die biologische Landwirtschaft pervertieren, indem sie sie der modernen industrialisierten Landwirtschaft unterwerfen. Tomaten und Zucchini im Winter sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Die großen Konzerne bieten ja biologische Produkte nicht etwa an, weil ihnen an dieser Form der Landwirtschaft etwas liegt, sondern weil sie ihr „Sortiment“ damit erweitern, sprich, neue kaufkräftige Konsumenten gewinnen wollen. Das größte Problem scheint hier einmal mehr, und darauf werden wir noch ausführlich zu sprechen kommen müssen, die Sichtweise des modernen Menschen zu sein, der erstens die Welt stets aus einem anthropozentrischen Blickwinkel wahrnimmt, der also das „Ego“ als Absolut setzt, und damit einhergehend: zweitens die rein quantitativ-ökonomische Sichtweise, welche also das Dasein auf Erden rein nach seinem materiellen Gewinnstreben beurteilt, also Reichtum als die zweite große Absolute vergötzt.
Biologische Landwirtschaft wird somit oft von ihrem „Gesundheitswert“ für den Menschen gesehen. Das ist natürlich nicht gänzlich verkehrt, es offenbart jedoch eindeutig, daß hier wenig bis nichts begriffen wurde. Die biologische Landwirtschaft, darauf werden wir in Teil 2 noch näher eingehen, war an sich stets als ein Gegenkonzept zur vollautomatisierten und industrialisierten Landwirtschaft gedacht. Die sogenannte „Direktvermarktung“, die „Regionalität“, und (natürlich) die Achtung vor der Natur sollten im Vordergrund stehen. Doch heute sind diese ursprünglichen Gedanken immer mehr vergessen. Ein gutes Beispiel ist hier die „Regionalität“, die Verkürzung der Transportwege.
Regionalität ohne biologischen Landbau2 ist allerdings ebenso unsinnig. Der städtische Gutbürger kauft zwar einmal die Woche am „Bauernmarkt“ ein, er fühlt sich dabei unglaublich gut, weiß aber eigentlich gar nicht „was“ er kauft. Ich erinnere mich in diesem Moment an eine Begebenheit, die mich selbst an der Echtheit solcher Märkte zweifeln ließ: ich wollte auf einem Bauernmarkt Eier kaufen. Die freundliche Verkäuferin hatte allerhand anzubieten, was aus Eiern produziert war. Ich war mir zunächst sicher, daß diese Eier aus Freilandhaltung sein müßten, wie könnte es auch auf einem Bauernmarkt anders sein, doch die Nachfrage nach der Herkunft der Eier belehrte mich eines besseren: die Eier kamen von einem Bauern, der Bodenhaltung praktizierte. Bodenhaltung ist eine verharmlosende Bezeichnung für Massentierhaltung unter grauenhaften Bedingungen, wo Hühner zwar nicht in Käfigen eingesperrt werden, aber dafür zu Massen „am Boden“, die Bewegungsfreiheit ist gleich Null. Die Verkäuferin ist natürlich im Recht, sie verkauft die Eier für einen Bauern, also darf sie am „Bauernmarkt“ ihre Waren feilbieten, aber natürlich ist eine derartige „Regionalität“ vollkommen sinnlos. Als jemand, der selbst jahrelang Hühner hielt, weiß ich um die Bedürfnisse des Huhns. Es sonnt sich leidenschaftlich, es scharrt im Boden, es frißt Würmer und schläft liebend gern an einem schattigen, im Winter an einem sonnigen Ort. Diese Möglichkeiten werden dem Huhn meist nicht gewährt, und gerade hier hegte und hege ich Hoffnungen in die biologische Landwirtschaft: dem Huhn als Geschöpf sein Recht, seine „rechte“ Behandlung, zukommen lassen zu können. Wir sehen bereits jetzt am Anfang eine der Problematiken, mit welchen wir uns auseinandersetzen müssen:
Der Versuch einer grundsätzlichen Stärkung des naturnahen Denkens3 wird heute nämlich in sehr einseitiger Weise gesehen und, kein Wunder, meist von der falschen Herangehensweise begleitet, nämlich innerhalb rein materiell-quantitativer Kriterien und meist ohne Werte, die die Welt der Tradition ausmachen. Daher wird dieser Essay auch in mehreren Teilen erscheinen. Diese „Werte“ nämlich, welche die „Welt der Tradition“ auszeichnen, sind in unserer heutigen Welt derart unbekannt, daß wir uns gezwungen sehen, geradezu bei null zu beginnen, denn ohne eine gründliche Erklärung dessen, was diese Werte ausmacht, in welchem Boden sie wurzeln, welche Kraft sie antreibt, bleibt der Versuch einer echten Wende vollkommen sinnlos. Daher wird dieses „Vorwort“ einen breiten Raum einnehmen müssen! Gerade bei der Thematik des Naturschutzes ist es daher doppelt geboten, die Spreu vom Weizen zu trennen und damit auch einen echten Aufbruch wagen zu können. Dieser „Aufbruch“ darf allerdings wiederum nicht in quantitativer Weise verstanden werden und wird keinen Aufruf zur Bildung einer (politischen) Bewegung darstellen, davon jedoch später mehr.

Die „bürgerlichen“ Kreise und die Zerstörung der Tradition

Wenn in den sogenannten bürgerlich-konservativen4 Kreisen (naturgemäß auch den vermeintlich christlich-konservativen) die Rede auf den Naturschutz kommt, erntet man nicht selten Gleichgültigkeit, Gehässigkeit und/oder Augenrollen. An dieser dramatischen Tatsache ist nicht selten eine einseitig ökonomische Sichtweise schuld, aber auch, und in besonderer Weise, eine Verengung innerhalb gewisser Strömungen des „Christentums“5 selbst, die die sinnlich wahrnehmbare Natur zu einem Ausbeutungslager degradiert hat. Der litauische Philosoph Algis Uždavinys schreibt zur westlichen Philosophie:
„Modern Western philosophy has been systematically reduced to a philosophical discourse of a single dogmatic kind, through the fatal onesidness of its professed secular, humanistic mentality, and a crucial misunderstandig of traditional wisdom. The task of the ancient philosopher was to contemplate the cosmic order and its beauty; to live in harmony with it and to transcend the limitations imposed by sense experience and discursive reasoning. “6
Es ist einerseits die Säkularisierung, die diesen Schaden anrichtete, aber andererseits auch eine Fehlentwicklung im westlichen Christentum selbst, die quasi eine Vorbedingung für die spätere vollkommen säkularisierte Ausbeutungsmaschinerie der Natur wurde. Die Geschichte des Abendlandes ist in der Tat eine Geschichte des kontinuierlichen Abstiegs, den man selbst dann konstatiert, wenn man der Meinung sein sollte, daß es das „christliche Abendland“ jemals gab. So entfernte sich das westliche Christentum in seinen Hauptströmungen von einem einheitlichen kosmischen Denken. Die „konservativ-bürgerliche“ Sichtweise auf den Naturschutz geht daher meist mit einer Zuordnung des Naturschutzes in ein „linkes“ Eck einher und diskreditiert den Naturschutz daher als Ganzes. Jedoch, und das wird aus dem unten Beschriebenen deutlich werden, ist nichts falscher als die Zuordnung des Naturschutzes als „linkes“ Gedankengut. Unter „links“ wird hierzulande hauptsächlich „sozialistisches“, (gesellschaftlich) „liberales“ und auch anti-religiöses „Denken“ subsumiert. Doch an dieser Stelle läuft man als ein wirklich der ursprünglichen Tradition7 verpflichteter Autor schon Gefahr, in die Diskursfalle unserer Zeit zu tappen. Vor lauter (auch notwendiger) Klarstellungen, was man alles nicht ist, vergißt man, was man in erster Linie ist, was das „harmonische Weltbild8“ in seinem Kern9 ausmacht. Gewiß, wir sind heute (vielleicht) mehr denn je dazu angehalten, uns selbst gegenüber der „Zeit“ zu prüfen, unser Verhalten abzuwägen, das Vertretbare herauszuschälen und das Gute zu erkennen und ihm zuzustreben. Wie wir noch sehen werden, handelt es sich bei den Fragen rund um eine traditionale Lehre von der Natur und ihrer Beziehung zum Menschen um eine, besonders in der modernen Welt, sehr organische, umfassende, aber auch (im Heute) sehr komplexe Thematik, denn es gehört mehr zu dieser Frage, als heute manche glauben, und diese Frage greift direkt in das Herz der ursprünglichen Überlieferung.

Umkehr, radikale Wende und Aufbruch?

Die viel diskutierte „ökologische Wende“ findet also bis heute nicht statt, diesen sehr nüchternen Befund kann man generell ausfertigen. Warum das so ist, dies ist unter anderem Inhalt dieses ersten einführenden Beitrags. Zunächst einmal stehen wir bei der Erklärung, Ausformung und der möglichen Auslebung des „harmonischen Weltbildes“, also eines Lebens in der rechten Haltung zur Natur, vor dem Problem des technischen Fortschritts, dem Problem der scheinbaren Unumkehrbarkeit des Zeitenlaufs, der den Menschen, wiederum scheinbar, in fixe Bahnen zwingt und dem Menschen auch gewisse Umstände und Verhaltensweisen aufzwingt. Die Problematik bei einer radikalen Wende liegt schon einmal darin, daß wir an eine Vielzahl von (zweifelhaften) Errungenschaften der Industrialisierung gekettet sind, die uns, als das Leben „einfacher“ machend, verkauft werden, und es in rein materieller Hinsicht auch in mancher Hinsicht einfacher machen. Dazu zählen die Entwicklungen in der Technik ebenso wie moderne Formen des Heizens, des Kühlens, der Nahrungsmittelerzeugung10 wie auch Gegenstände des täglichen Bedarfs (wie z. B. Kleidung). Doch diese Sicht greift bereits viel zu weit vor. Eine der großen Problematiken in der „Aussöhnung“ von Mensch und Natur, welche ja schließlich alle Naturschutzbestrebungen anzupeilen vorgeben, liegt darin, daß nicht wenige glauben, man könnte dies innerhalb der Kategorien der Moderne tun. Dies ist, man muß dieses Faktum verinnerlichen, weder von der praktischen, noch von der geistigen Sichtweise möglich. Seyyed Hossein Nasr drückt dies in einem Interview mit der einflußreichen englischsprachigen türkischen Zeitung „Sunday´s Zaman“ folgendermaßen aus:
„(...) But what has taken place is that it has developed what is called postmodernism, which tried to negate even the categories of modernism – for example, rationalism, which is one of the pillars of 18th century modernism, and empiricism. In a sense it is dissolution of modernism, but nevertheless it belongs to modernism as such. That is, modernism contained within itself the seeds of its own destruction. And we see this in postmodernism. But that doesn‘t mean that this whole phenomenon is gone by any means.
The second difference is that in the 19th century, when people talked about modernism, they talked about its social implications. People were not aware that modernism leads to the death and destruction of the natural environment in which we live. Even now people don‘t want to accept that; they want to evade this. They say, „Oh this or that is due to bad engineering, bad planning,“ but it‘s really due to a worldview that negates the fact that nature is, by itself, sacred and has its own rights, and that goes against tens of thousands of years of human experience and human perception in relation to nature. So this is, yes, something that has changed, but not in the nature of modernism itself, as it continues to be a philosophy that tries to see reality independent of divine reality, which posits the independence of man from any other agency in the universe and makes the powers of thinking and of doing independent of both the spiritual element within man and religion and revelation. That has continued very much unabated. “11
Der zentrale Satz aus diesem Interviewauszug: „Even now people don’t want to accept that; they want to evade this. They say, ´Oh this or that is due to bad engineering, bad planning, ´ but it’s really due to a worldview that negates the fact that nature is, by itself, sacred and has its own rights, and that goes against tens of thousands of years of human experience and human perception in relation to nature.”12, spiegelt auch die zentrale Fragestellung dieses Essays wieder: wie kann der Mensch in Einklang mit der Natur leben, wenn seine Lebenswirklichkeit diesem Unterfangen diamentral entgegengesetzt ist? Und ist so ein Leben unter diesen Vorzeichen, unter diesen Rahmenbedingungen, überhaupt möglich?
Diese Frage ist keine Randfrage, obwohl man sie erst dann erfüllend beantworten kann, wenn man sich über die Grundlagen und über die geistigen Gegebenheiten sowohl des Lebens in der Überlieferung, als auch des Lebens in dieser konkreten Welt, bewußt geworden ist. Die Gefahr ist allerdings, daß man, auch vor lauter Eifer, in einen Rigorismus verfällt, der nicht nur ungesund, sondern in hohem Maße auch unehrlich ist. Wir alle, die wir in dieser Zeit leben, stehen schon einmal grundsätzlich vor dem banalen, aber kaum umgehbaren Problem, Geld verdienen zu müssen. Dieses Geld müssen alle, beispielsweise auch in Österreich, bis zu einem gewissen Grad verdienen, unabhängig davon, ob sie als (beispielsweise) Selbstversorger leben könnten oder nicht. Denn die Sozialversicherung muss bezahlt werden, der Strom muss bezahlt werden usw. Natürlich, so könnten manche argumentieren, sei der Strom nicht überlebensnotwendig, und natürlich brauche man auch keine Sozialversicherung, man könne ja, Beispiele gäbe es genug, als eine Art „Nomade“ leben. Wir übersehen nur allzu oft, daß gewisse moderne Entwicklungen erst seit einem sehr kurzen Zeitraum überhaupt in dieser Welt existieren, in dieser kurzen Zeit aber haben es diese Erscheinungen der modernen Technik geschafft, derart um sich zu greifen, daß es unmöglich scheint, ohne sie zu leben. Dieser Text ist auf einem Computer geschrieben und, natürlich, per e-Mail versandt, auch diese Methode ist, ich gebe es zu, ein Zugeständnis an die Zeit, ein Zugeständnis, um das sich vor 20 Jahren noch nicht die breite Masse Gedanken machen mußte. Diese Entwicklungen scheinen uns aus dem Grund unumkehrbar, weil es eine Art unbewußter Massenhysterie gibt, die in einer Dynamik endet, die uns alle in die Unumkehrbarkeit eines fatalen technischen Fortschritts drängt. Daß anderes möglich ist, zeigt jedoch das Beispiel der Insel Sark:

Die Insel Sark als Beispiel für Hoffnung

Der Autor dieser Zeilen hat sich im Sommer 2012 auf den britischen Kanalinseln aufgehalten und ist dorthin auf dem Wege der Eisenbahn und des Schiffs gekommen. Auf der kleinen Insel Sark angekommen, die bis heute übrigens eine Art „Feudalsystem“ ihr Eigen nennt, kann man ein Leben in Autarkie zumindest in Ansätzen noch nachvollziehen. Das Verbot des Automobils hat man auf dieser Insel bis heute durchgehalten, einzig Traktoren sind erlaubt, die Nahrung wird soweit als möglich lokal produziert, und man läßt sich, auch wenn man vom Tourismus abhängig ist, keineswegs von diesem verbiegen: haben „Restaurants“ (eigentlich Gasthöfe) geschlossen, was häufig und besonders in den Abendstunden vorkommt, dann haben sie geschlossen, keine Ausnahme für auch noch so hungrige Touristen. Sark ist in der Tat ein lebendiges und auch gutes Beispiel für ein mögliches Modell für eine Neuorganisation des menschlichen Lebens in Einklang mit der Natur, und in möglichst großer Autarkie. Man muß allerdings hierbei sofort dazu bemerken, daß das Leben auf Sark nicht annähernd so gelagert ist wie in unseren Breiten. Obwohl Sark auch über die ganz „normalen Annehmlichkeiten“ wie Strom, Hotels und importierte Waren verfügt, ist das Leben für die Einheimischen in touristenarmen Zeiten relativ isoliert. Erreichbar nur mit dem Schiff und über einen kleinen Hafen, ist diese Autarkie auch eine Abgeschiedenheit, die die Menschen und ihren Charakter formte. Politisch hält man sich nach wie vor an ein eigenes System. Das, was wir in der modernen Welt alles so „genießen“ können, z. B. Theater, Kino, Bars, ein Überangebot an unterschiedlichen „Shopping-“Möglichkeiten, sucht man dort freilich vergeblich. Dafür findet man eine enorme Fülle an Natur, Ruhe und auch Möglichkeiten der Besinnung. Die traditionalen Künste des Landbaus, der Viehhaltung (Schafe), des Handwerks und der Fischerei sind dort noch lebendig.
An den Klippen von Sark kann man, in eine solche Atmosphäre eingebettet, zumindest erahnen, was es bedeuten würde, das Göttliche durch ein Leben in und mit der Natur13 zu erfahren, und der aufmerksame und sensibilisierte Beobachter wird merken, daß unser hochtechnologisiertes Leben diese Erfahrung beinahe unmöglich werden läßt. So habe ich persönlich noch nie einen derartigen schönen, hellen und nahen Sternenhimmel erleben können und dürfen wie auf Sark, denn Sark hat (bewußt) keine Straßenbeleuchtungen. Die Nacht ist hier als Nacht erfahrbar, besonders, wenn man, wie wir, mit dem Zelt auf Sark reist. Man kann bei dieser Erfahrung nachvollziehen, warum die Nacht stets eine tief geistige Zeit war, in der beispielsweise der Sufi besonders meditierte, besonders den Tesbih14 zur Hand nahm und nimmt, und dabei in der Stille den Namen Gottes durch Wiederholung internalisiert. Es wird einem auch bewußt, welche Kraft von den Sternen ausgeht und welche besondere Wegführung gerade in klaren Nächten von der himmlischen Wirklichkeit, die ja besonders durch das Sternenfirmament durchscheint, für uns ausgehen kann.
Diese Erfahrung, gepaart mit einem tiefen Bewußtsein für die übernatürliche Wirklichkeit, kann daher eine der wichtigsten Hilfen werden, wenn es darum geht, die Natur als Weg der Initiation wahrzunehmen, und es wird erfahrbar, warum besonders die unberührte Natur als Heiligtum diente und dient, als Ort des Kultes und der Erfahrung der Präsenz des Göttlichen in der sinnlichen Welt. In der hochtechnisierten und, in jeder Beziehung, „maschinierten“, Stadt ist das kaum mehr so möglich, und es erfordert ein ungeheures Maß an Bewußtsein, in einer Großstadt nicht die Präsenz des Göttlichen in allem Geschaffenen zu vergessen. Und hierbei ist tatsächlich alles „Seiende“ gemeint. Maulana Sheikh Nazim, der Sheikh des Naqschbandi-Sufi-Ordens, schreibt dazu:
„Es gibt kein Ding unter den Geschöpfen, das der Schöpfer haßt. Der Beweis dafür ist ihr Dasein. Wären Sie dem Haß Allahs ausgesetzt, könnten sie nicht existieren. Denn alle Schöpfung erscheint kraft Seiner Göttlichen Liebe. Er liebt die Geschöpfe, und sie erscheinen. Daher trägt alles Seiende göttliche Liebe in sich. (…) Wir glauben, ja wissen bestimmt, daß alles Seiende lebt. Gemeinhin wird angenommen, daß die Dinge, Steine zum Beispiel, unbelebt sind. Leben wird erst den Pflanzen, Tieren und Menschen zuerkannt. Dies ist aber sehr oberflächlich. In Wirklichkeit nämlich sind selbst die Elektronen, die Herrn Einstein verblüfften, lebendig. Lebendig durch die göttliche Liebe, die ihr Herr in sie gegeben hat und die sie mit Lichtgeschwindigkeit kreisen läßt.“15
Wer eine solche Sichtweise verinnerlicht und noch dazu das Glück hat, wirkliche Natur erfahren zu dürfen, der wird feststellen, daß die harmonische Weltsicht in der Moderne kaum mehr möglich ist. Natürlich hat der Mensch, der ja einen grundsätzlichen Sensus für das Gute und Schöne, also für die Natur, in seinem Innersten behält, begonnen, sich Refugien zu schaffen, in welche er sich zurückziehen kann. Selbst Menschen, die wenig oder gar keinen Kontakt zur unberührten Natur in ihrem Leben hatten, halten sich daher oft gerne in städtischen Grünanlagen auf. Die „Stadtparks“ in den angelsächsischen Ländern sind hier ein gutes Beispiel. Und dennoch muß man konstatieren, daß nichts die unberührte und jungfräuliche Natur und die Erfahrung, welche man in ihr machen kann, zu ersetzen vermag. Es wird in diesen, meinen Überlegungen zu einem naturnahen Leben noch die Rede von der „Gartenkunst“ sein, einer Kunstform, die man tatsächlich als „Gottesdienst“ bezeichnen kann.
An diesem Punkt darf man allerdings noch nicht zu weit vorgreifen, denn zunächst einmal gilt es, die grundsätzlichen Überlegungen zu den Begriffen „Balance“, „Harmonie“ und „Einheit“ fortzuführen, daher müssen wir noch einmal zu unseren Überlegungen, die Insel Sark betreffend, zurückkehren:
Selbst in vermeintlichen „Paradiesen“ wie Sark, das zweifelsohne in dieser Hinsicht zu den wenigen (auch politischen16!) Refugien im modernen Europa gehört, hat das moderne Leben seinen Tribut gefordert. W-LAN ist allgegenwärtig, Handys funktionieren, Traktoren fahren,  und zu essen gibt es auch alles Mögliche, außer Fast-Food, so weit ist man dann noch nicht. Das politische System hat sich, geringfügig, aber doch, geändert. Aber alles hält sich in einer gewissen Balance, Sark wurde noch nicht restlos modernisiert. Und dennoch: wenn selbst eine Insel wie Sark von der Moderne eingeholt wird: können wir der Moderne und ihren negativen Konnotationen nicht entfliehen?

Balance, Harmonie, Einheit

Wir können. Aber die Frage ist, wie weit wir hierfür gehen können und müssen. Welche Lebensform nähert sich einem Leben in Balance, Harmonie und Einheit am besten an? Und müssen wir wirklich eine radikale Wende wagen? Mit „Radikalität“ ist das stets so eine Sache: viele verstehen darunter eine bruchartige Bewegung, die in totaler Manier eine Revolution, also eine totale Umkehrung, fordert, die dann natürlich, geistig wie physisch, eine „Gewalt“ erfordert. Keine „Waffen-Gewalt“, aber doch zumindest eine wirkliche gewaltige Umkehr. Das stimmt teilweise. In der Tat müssen wir uns bewußt werden, daß unser derzeitiger Lebensstil als Ganzes in den Abgrund führt, unweigerlich. Es gilt aber genauso anzuerkennen, daß sämtliche Brüche, die den Menschen gewaltsam, und im Wortsinn, „brechen“, meist nicht von langer Dauer sind. Daher setzt das harmonische Leben dem heute oftmals materialisierten Naturschutzgedanken eine tief geistige Antwort entgegen. Eine Antwort, die auf das Göttliche baut, die sich aus der ewigen und tiefen Überlieferung speist und die über den Alltag und über das Zeitliche dieser Welt hinausweist. Ja, man könnte sagen: der harmonische Naturgedanke blickt hinter die Kulissen des Sichtbaren und offenbart gerade dadurch den ewigen göttlichen Wert in allem, was geschaffen wurde. Die Kernbegriffe dieses naturnah-harmonischen Lebens sind Balance, Harmonie und Einheit.
In diesem ersten Teil, der der geneigten Leserschaft der Neuen Ordnung vorgelegt wird, war es zunächst wichtig, einen gewissen Rahmen dessen abzustecken, was wir in den weiteren Folgen aufbereiten werden. Es geht also zunächst einmal darum, die Grundlagen zu erarbeiten. Aber bei diesen allgemeinen Feststellungen dürfen wir nicht stehenbleiben. Es muß, und das wird bei allen Naturschutzinitiativen vernachlässigt, einen Weg hinaus aus dem Desaster geben. Dabei darf man sich keineswegs in eine Endzeitnostalgie versteigen, die Arme verschränken und das Weltenende erwarten: ein solches Verhalten wäre gegen das Göttliche gerichtet, denn Gott allein kennt den Zeitpunkt, an welchem es zu Ende ist  ...

Fortsetzung in NO Nr. II/2013

Anmerkungen

1  Der Autor vorliegender Zeilen hat den Beruf des Gärtners erlernt.
2  Im biologischen Landbau gibt es, wie wir noch sehen werden, unterschiedlichste Zertifizierungsmethoden, eine ausführliche Darlegung dessen, was biologischen Landbau wirklich ausmachen sollte, werden wir in Teil 2 in der nächsten Ausgabe der Neuen Ordnung betrachten.
3  Eine Erklärung dessen, was wir unter „naturnahem Denken“ verstehen, folgt in diesem Beitrag und seinen Fortsetzungen.
4  In diesem Zusammenhang sehen wir uns dazu gezwungen, einmal grundsätzlich festzustellen, daß wir uns immer wieder wundern, daß man unser Denken dem tagespolitisch „rechten“ oder gar „nationalen“ Denken zuordnet. Unsere Zeilen sind (so hoffen wir) im Geiste der Tradition geschrieben und haben nichts mit jenem „rechten“ oder „nationalen“ Denken zu tun, welches sich gerade besonders stark nach der Französischen Revolution gebildet hat. Wer unsere Zeilen liest und auch, zumindest ansatzweise, nachvollziehen kann, der wird von einer solchen Zuordnung Abstand nehmen müssen, denn sie wäre gänzlich falsch.
5  Die bedenklichen Entwicklungen, die das Christentum in dieser Beziehung nahm, finden ihren Niederschlag unter anderem auch im Verhältnis des Westens zum Fleischkonsum. Die Negierung jeglicher ritueller Schlachtordnung, das Christentum kennt keine „rituelle“ Schlachtung, drückt daher auch das Verhältnis vieler Christen zum „Tier als Ware“ aus. Wie wir später sehen werden, hat die rituelle Schlachtung besonders im Islam dieselbe traditionale Ausprägung wie bei den sogenannten „Indianern“ in Nordamerika.
6  Vorliegendes Zitat entstammt einer Besprechung des Werkes „On the Origin of Beauty. Ecophilosophy in the Light of Traditional Wisdom“, die in der Temenos Academy Review Volume 15 erschien, das Werk ist sehr zu empfehlen, daher hier volle Angabe seiner Daten: Skelly, Ian, „On the Origin of Beauty. Ecophilosophy on the Light of Traditional Wisdom by John Griffin, with a foreword by Salish Kumar. Bloomington IN: World Wisdom Books, 2011. 261 pp. $23.95/£15“, Temenos Academy Review 15, 2012, S. 209. Der Autor dieser Zeilen hofft auf das Verständnis der Leser der Neuen Ordnung, daß er die Zitate, welche im Original in Englisch sind, auch im Englischen beläßt, er ist kein professioneller Übersetzer, und jede Übersetzung birgt daher besonders das Risiko eines Sinnverlustes. Wir beschränken uns bei fremdsprachigen Zitaten ohnehin auf die Sprache „Englisch“, daher hoffen wir, daß für all jene, die des Englischen nicht mächtig sind, diese Zitate aus dem Geschriebenen verständlich werden.
7  Die „ursprüngliche Tradition“ ist die eine universelle Wahrheit, die alle authentischen Überlieferungen umfaßt.
8  Das harmonische Weltbild war in der „Welt der Tradition“ nicht erklärungsbedürftig. Die Problematik unserer Zeit besteht vor allem darin, daß wir diese Begriffe erst definieren müssen.
9  Trotz aller exoterischen Unterschiede gibt es einen esoterischen Kern, der vom ersten Tag der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht unabänderlich durch die Zeiten führt.
10  Im Grunde genommen handelt es sich bei vielem, was uns als „Nahrungs“- oder gar als „Lebensmittel“ verkauft wird, keinesfalls um solche, sondern maximal um „Genußmittel“. Dazu zählt unter anderem die gesamte Palette der Fertignahrung.
11  Kiger, James, “You cannot be fighting against God while trying to have peace on earth”, Interview mit Seyyed Hossein Nasr, veröffentlicht in: “Sunday´s Zaman“, 1. Februar 2009, online auf: www.todayszaman.com/news-165664-you-cannot-be-fighting-against-god-while-trying-to-have-peace-on-earth.html, zuletzt abgerufen: 25. Februar 2013;
12  Siehe oben
13  Einmal mehr drängt es mich an dieser Stelle festzuhalten, daß ich durchaus zu der „persönlichen“ Erkenntnis gelangt bin, daß ein naturnahes Leben in unserer Zeit als Weg der Initiation dienen kann. Ein solches Leben gelingt allerdings bestimmt nur absoluten Ausnahmen. Als ein Beispiel sei hier Henry David Thoreau angeführt. Thoreaus Naturbetrachtungen sind denn auch die reinsten Meditationstexte, die Tiefe seines Denkens kann jedem, der sich ernsthaft für so einen Weg interessiert, Anleitung und Begleitung sein.
14  Gebetskette im Islam
15  Nazim, Maulana, Sheikh, „Tā Wadūd oder: Was treibt die Elektronen um den Kern?“, in: Nāzim, Maulānā, Sheikh, Muhammad, ´Adil al-Haqqānīs, „Der Weg der Weggefährten – Aus den Versammlungen des Meisters des ehrenwerten Naqschbandī-Ordens, Maulānā Sheikh Muhammad Nāzim ´Adil al-Haqqānīs“, Spohr-Verlag, 2008, e-book, S. 15–16
16  Immer gemessen am ursprünglichen Ideal, ist naturgemäß auch auf Sark der Rückschritt weitgreifend, besonders, was die Religion betrifft. Aber es geht, wie wir noch sehen werden, besonders in der Moderne immer um Annäherungen an das Ideal, nicht unbedingt immer um absolute Entsprechung.


 
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