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Kinderlosigkeit, politische Korrektheit und der „Untergang des Abendlandes“

Von Hans P. Arndt

Hat Oswald Spengler doch recht?

„Monumentale Städte, antik oder gegenwärtig, von Pergamon bis Dubai, sie alle provozieren stets die gleiche Frage: Wie viel Leere verbirgt sich hinter ihrem Pomp? Was soll das urbane Imponiergehabe kompensieren, übertönen?“ Diesen Fragen stellt sich Harald Harzheim in seinem Aufsatz „Wellness in Pergamon“ (Compact-Magazin 12/2011, S. 53–55) und kommt zu folgenden Schlüssen: „Soviel scheint sicher: Wo Prunk zum Alltag wird, ist der Originalitäts-Zenit bereits überschritten. Auch der Aufstieg Pergamons, einer Hochglanzkopie Athens, begann erst im 3. Jahrhundert vor Christi, also nach dem goldenen Zeitalter hellenistischer Kultur. Es bot der Welt kaum neue Visionen, sondern wiederholte bloß im vergrößerten Maßstab. Solches Aufblasen reduziert den Lebenswillen auf die pure Gegenwart. […]“ (ebda.) Die finale Begründung und kulturphilosophische Einordnung dieses Befundes versucht Harzheim mit Rekurs auf Spengler, wenn er mit diesem feststellt: „Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben, wohl als Einzelner, aber nicht als Menge“, als „Gesamtwesen erlischt die Furcht vor dem Tode.“ „Erst aus dieser Wertverschiebung“ – so Harzheim resümierend –, „von kollektiver Zukunft auf individuelles (Über-)Leben und Wohlstand, entstand die wirkliche Bedeutung Pergamons – als antikeWellness- und Therapiemetropole.“
Parallelen zu architektonischen, aber auch zivilisatorischen okzidentalen Entwicklungen lassen sich unschwer feststellen, ja sie drängen sich förmlich auf.
Mit ungetrübtem und für viele auch unbequemem Blick auf die kommenden gesellschaftlichen, sozialen und demographischen Verwerfungen – auch in unserem Lande – seien einige Gedanken formuliert: Spenglers Ausführungen und Überlegungen im II. Band seines epochalen Werkes Der Untergang des Abendlandes aus dem Jahr 1917 (S. 122–125) – von Harzheim als Erklärungsversuch bereits bemüht – haben an Aktualität – wie mir scheint – nichts verloren. Im Gegenteil: Heutige Begründungsversuche der Soziologen, wie ehedem, bezüglich der demographischen Verwerfungen erscheinen mir dilettantisch, läßt man sich, ohne die „politische Korrektheit“ zu beachten, auf Spenglers Gedanken ein.

Es entsteht der Typus des Fellachen

Spengler: „Und nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das Wachsein immer angespannter wird, endlich jene Erscheinung hervor, die im stillen längst vorbereitet war und jetzt plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen. Es handelt sich hier nicht um etwas, das sich mit alltäglicher Kausalität, etwa physiologisch, begreifen ließe, wie es die moderne Wissenschaft selbstverständlich versucht hat. Hier liegt eine durchaus metaphysische Wendung zum Tode vor. Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben, wohl als einzelner, aber nicht als Typus, als Menge; in diesem Gesamtwesen erlischt die Furcht vor dem Tode. Das, was den echten Bauern mit einer tiefen und unerklärlichen Angst befällt, der Gedanke an das Aussterben der Familie und des Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des verwandten Blutes innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als Pflicht dieses Blutes, das Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als Verhängnis empfunden. Nicht nur, weil Kinder unmöglich geworden sind, sondern vor allem, weil die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben sie aus. Man versenke sich in die Seele eines Bauern, der von Urzeiten her auf seiner Scholle sitzt oder von ihr Besitz ergriffen hat, um dort mit seinem Blute zu haften. Er wurzelt hier als der Enkel von Ahnen und der Ahn von künftigen Enkeln. Sein Haus, sein Eigentum: das bedeutet hier nicht ein flüchtiges Zusammengehören von Leib und Gut für eine kurze Spanne von Jahren, sondern ein dauerndes und inniges Verbundensein von ewigem Land und ewigem Blute: erst damit, erst aus dem Seßhaftwerden im mystischen Sinne erhalten die großen Epochen des Kreislaufs, Zeugung, Geburt und Tod, jenen metaphysischen Zauber, der seinen sinnbildlichen Niederschlag in Sitte und Religion aller landfesten Bevölkerungen findet. Das alles ist für den ‚letzten Menschen‘ nicht mehr vorhanden. Intelligenz und Unfruchtbarkeit sind in alten Familien, alten Völkern, alten Kulturen nicht nur deshalb verbunden, weil innerhalb jedes einzelnen Mikrokosmos die über alles Maß angespannte tierhafte Lebensseite die pflanzenhafte aufzehrt, sondern weil das Wachsein die Gewohnheit einer kausalen Regelung des Daseins annimmt. Was der Verstandesmensch mit einem äußerst bezeichnenden Ausdruck Naturtrieb nennt, wird von ihm nicht nur ‚kausal‘ erkannt, sondern auch gewertet und findet im Kreise seiner übrigen Bedürfnisse den angemessenen Platz. Die große Wendung tritt ein, sobald es im alltäglichen Denken einer hochkultivierten Bevölkerung für das Vorhandensein von Kindern ‚Gründe‘ gibt. Die Natur kennt keine Gründe. Überall, wo es wirkliches Leben gibt, herrscht eine innere organische Logik, ein „es“, ein Trieb, die vom Wachsein und dessen kausalen Verkettungen durchaus unabhängig sind und von ihm gar nicht bemerkt werden. Der Geburtenreichtum ursprünglicher Bevölkerungen ist eine Naturerscheinung, über deren Vorhandensein niemand nachdenkt, geschweige denn über ihren Nutzen oder Schaden. Wo Gründe für Lebensfragen überhaupt ins Bewußtsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig geworden. Da beginnt eine weise Beschränkung der Geburtenzahl — die bereits Polybius als das Verhängnis von Griechenland beklagt, die aber schon lange vor ihm in den großen Städten üblich war und in römischer Zeit einen erschreckenden Umfang angenommen hat —, die zuerst mit der materiellen Not und sehr bald überhaupt nicht mehr begründet wird. Da beginnt denn auch, und zwar im buddhistischen Indien so gut wie in Babylon, in Rom wie in den Städten der Gegenwart, die Wahl der ‚Lebensgefährtin‘ — der Bauer und jeder ursprüngliche Mensch wählt die Mutter seiner Kinder — ein geistiges Problem zu werden. Die Ibsenehe, die ‚höhere geistige Gemeinschaft‘ erscheint, in welcher beide Teile ‚frei‘ sind, frei nämlich als Intelligenzen, und zwar vom pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fortpflanzen will; und Shaw darf den Satz aussprechen, ‚daß die Frau sich nicht emanzipieren kann, wenn sie nicht ihre Weiblichkeit, ihre Pflicht gegen ihren Mann, gegen ihre Kinder, gegen die Gesellschaft, gegen das Gesetz und gegen jeden, außer gegen sich selbst, von sich wirft‘. Das Urweib, das Bauernweib ist Mutter. Seine ganze von Kindheit an ersehnte Bestimmung liegt in diesem Worte beschlossen. Jetzt aber taucht das Ibsenweib auf, die Kameradin, die Heldin einer ganzen weltstädtischen Literatur vom nordischen Drama bis zum Pariser Roman. Statt der Kinder haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche Aufgabe, und es kommt darauf an, ‚sich gegenseitig zu verstehen‘. Es ist ganz gleichgültig, ob eine amerikanische Dame für ihre Kinder keinen zureichenden Grund findet, weil sie keine Season versäumen will, eine Pariserin, weil sie fürchtet, daß ihr Liebhaber davongeht, oder eine Ibsenheldin, weil sie ‚sich selbst gehört‘. Sie gehören alle sich selbst und sie sind alle unfruchtbar. Dieselbe Tatsache in Verbindung mit denselben ,Gründen‘ findet sich in der alexandrinischen und römischen und selbstverständlich in jeder anderen zivilisierten Gesellschaft […] und es gibt überall, im Hellenismus und im 19. Jahrhundert so gut wie zur Zeit des Laotse […] eine Ethik für kinderarme Intelligenzen und eine Literatur über die inneren Konflikte von Nora und Nana.
Kinderreichtum, dessen ehrwürdiges Bild Goethe im Werther noch zeichnen konnte, wird etwas Provinziales. Der kinderreiche Vater ist in Großstädten eine Karikatur — Ibsen hat sie nicht vergessen; sie steht in seiner Komödie der Liebe.
Auf dieser Stufe beginnt in allen Zivilisationen das mehrhundertjährige Stadium einer entsetzlichen Entvölkerung. Die ganze Pyramide des kulturfähigen Menschentums verschwindet. Sie wird von der Spitze herab abgebaut, zuerst die Weltstädte, dann die Provinzstädte, endlich das Land, das durch die über alles Maß anwachsende Landflucht seiner besten Bevölkerung eine Zeitlang das Leerwerden der Städte verzögert. Nur das primitive Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken und zukunftsreichen Elemente beraubt. Es entsteht der Typus des Fellachen. […]“

Was man nicht denken darf

Diese für unsere Kultur und damit für unsere Nachkommen unmittelbar wirksam werdenden Entwicklungen – und an diesen hege ich keine Zweifel – lassen mich Konrad Paul Liesmanns Überlegungen zu Nietzsche in seinem Werk „Philosophie des verbotenen Wissens“ (Hamburg 2011, S. 18–19 und 22.) an den Schluß dieses Beitrages setzen:
Liesmann: „Der Verdacht, daß ein selbstreflexives Wesen, das vor allem die normativen Grundlagen einer Gesellschaft zum Gegenstand hat, der kollektiven und individuellen Lebenspraxis eher hinderlich sei, begleitet die Philosophie seit der Antike; die radikale Zuspitzung, die dieser Verdacht durch Nietzsche erfährt, bedeutet, daß solch ein Wissen tatsächlich schädlich ist und der Mensch es sich auch dort versagen muß, wo ihn keine anderen Umstände an solch einem Wissen hindern als der eigene Wille zum Leben. Der für die Moderne gerne postulierte Wille zum Wissen hat bei Nietzsche so eine konterkarierende Instanz erhalten, die diesen Willen manchmal schwächt, manchmal überhaupt aufhebt: Unter Perspektive eines Willens zum Leben wird aus dem Willen zum Wissen mitunter durchaus ein Wille zum Nichtwissenwollen. […] Das soziale verbotene Wissen fällt in einer Wissensgesellschaft, stärker vielleicht als in anderen, mit einem individuell verbotenen, das heißt verinnerlichten Wissen zusammen. Wo es keine offiziellen Verbote im Bereich der Informationsannahme und -weitergabe mehr gibt, müssen innere Instanzen diese Aufgabe übernehmen. Deshalb die übergroße Bedeutung, die der moralische Diskurs gegenwärtig einnimmt. Moralische Überzeugungen schützen davor, etwas auch nur in Erwägung zu ziehen, was man besser nicht wissen sollte. Das Gewissen dient heute weniger als Schutz vor unsittlichen Handlungen, es gibt vielmehr deutlich Auskunft, was man nicht zu denken wagen darf.“
„Das verbotene Wissen, das nicht gewußt werden darf, ist für Nietzsche aber das Apriori der Moral. Moral gründet im Verbot des Wissens. Moralische Normen funktionieren nur, weil darauf verzichtet wird zu wissen, wie diese Normen entstanden sind, was sie eigentlich bedeuten und wem sie nützen. Jede Moral, so ließe sich Nietzsches Verdacht radikalisieren, hat ein spezifisches Unwissen zur Voraussetzung, ein über die Erkenntnis verhängtes Tabu. Wird dieses Verbot aufgehoben, wird dieses Unwissen zu einem Wissen, fällt die Moral in sich zusammen. Wie kaum ein anderer Denker war Nietzsche diesem Sachverhalt auf der Spur – auch wenn nicht einmal er bereit war, den Preis dieser selbstdestruktiven Reflexion voll und ganz zu bezahlen.“
Treffender läßt sich die Eigendynamik der „Politischen Korrektheit“ und die damit einhergehende Erkenntnisverweigerung nicht ausdrücken. Benedikt XVI. brachte die Dramatik dieser Entwicklung folgendermaßen auf den Punkt: „Die westliche Welt scheint ihrer eigenen Kultur überdrüssig, das Reich Gottes scheint keine geschichtlich-politische Bedeutung (mehr) zu haben.“

Das Individuum von der Gemeinschaft an denken

Voraussetzung für eine Wende – wenn sie denn noch möglich sein sollte – ist, daß die Gemeinschaft und die damit verbundene Solidarität als Erfolgsvoraussetzung für das Individuum gelernt und wahrgenommen wird, zumal der nachhaltige Erfolg des Individuums an den Erfolg der Gemeinschaft gebunden ist – und umgekehrt. Erst diese Erkenntnis als emotionales Wissen um das alternativlose Dependenzverhältnis von Gemeinschaft und Individuum läßt eine Umkehr denken. Voraussetzung ist, wie dies Yves Kugelmann für das Judentum beschreibt, daß die Gemeinschaft „[…]das Individuum von der Gemeinschaft aus denkt und nicht umgekehrt. Die Verhaftung in Gemeinschaft entlässt das Individuum in eine vernunftsgebundene anstatt radikale Freiheit.“ (Kugelmann, Yves: Familienfest Pessach. In: aufbau. Das jüdische Monatsmagazin. Nr. 4. April 2012. S. 5.)
Es bleibt jedoch zu befürchten, daß die europäischen Völker, welche ihre Aufgaben und Pflichten vor der Zukunft vergessen, dies eines Tages schwer büßen müssen.



 
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