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Heldischer Christus – Wehrhaftes Christentum

Wie die Heliand-Dichtung aus dem 9. Jahrhundert zeigt, sahen die Germanen in der frühen Missionszeit Christus als kämpferischen Kriegsherren. Nicht umsonst wurde auch der kriegerische Erzengel Michael, der die himmlischen Heerscharen in den Kampf gegen Luzifer und sein Gefolge führt, zum Patron der Deutschen.
Soldatenheilige wie Martin, Viktor, Quirin, Gereon oder (hier in einem Gemälde von Paolo Uccello aus dem 15. Jahrhundert) Georg zählten zu den beliebtesten Heiligen des deutschen Mittelalters.
Einem Gott zu dienen, bedeutete für die Germanen, für ihn zu kämpfen. Nach den Kreuzzügen wandelte sich die Vorstellung der „Militia Christi“ hin zu einem geistigen Kämpfertum für Christi Reich. Von der Tapferkeit einer solchen Haltung zeugt Dürers Stich „Ritter, Tod und Teufel“.

Von Manfred Müller

Für eine christlich-nationale Neubesinnung in der deutschen Kulturnation


Feministische Theologinnen und ihre männlichen Nachbeter konnten sich austoben: Schon vor Jahren haben sie im „Gotteslob“, dem katholischen Einheitsgesangbuch für den deutschen Sprachraum, die Wörter „Brüder“, „brüderlich“ und „Söhne“ ausgemerzt und sie so ersetzt oder ergänzt (oft unter Verstoß gegen das Metrum oder den sprachlichen Zusammenhang), daß die angebliche Frauendiskriminierung beseitigt wurde. Bei der anstehenden Neubearbeitung des Gesangbuches könnte es nun vielleicht auch das Wort „Held“ (für Christus oder den Erzengel Michael) treffen, da es angeblich auf „faschistoide“ Zusammenhänge verweist. Dann würden ein herrliches Osterlied („Das Grab ist leer, der Held erwacht …“), ein kraftvolles Lied von Angelus Silesius („Mir nach, spricht Christus, unser Held …“) und das kämpferische Michaelslied von Friedrich Spee („Unüberwindlich starker Held …“) aus der Liedersammlung verschwinden oder nur noch in verharmlosender Neufassung abgedruckt werden.

Jesus Christus, der Held, das ist ein Nachhall aus der frühen Missionsgeschichte unserer germanisch-deutschen Vorfahren. Die christlichen Missionare trafen bei den germanischen Völkern und Stämmen auf archaische Kriegergesellschaften mit einem Kriegerethos, in dem Kampf und Heldentum hohen Rang besaßen. Ein sprachliches Indiz hierfür sind die vielen Männer- und Frauennamen mit Wortbestandteilen, die auf das Kriegertum verweisen. So die Bildungen mit den Wortbestandteilen „gunt“, „hilti“, „hadu/hed“, „wig“, die alle „Kampf“ bedeuten. Beispiele: Günter, Hildegard, Hedwig, Ludwig. Hinweise auf Waffen bei den Wortbestandteilen „ger“ oder „ort“ (Speer bzw. Schwertspitze): Holger, Ortwin. Namensbildung mit „sigu“ (Sieg): Siegfried, Sigrid. Eltern legten bei der Namensbildung für ihre Kinder bestimmte Wünsche hinein: Walter (der im Heervolk Waltende), Wolfgang (der wie ein Wolf in den Kampf zieht). Viele weitere Namensbeispiele zeigen, wie stark der Kampfgedanke die Vorstellungen unserer Vorfahren bestimmte.
Man lese unser Nationalepos, das Nibelungenlied. In der überlieferten Textfassung ist archaisches, heidnisch-germanisches Erzählgut christlich-höfisch überformt. Gleich in der ersten Langzeilenstrophe der uns überlieferten Textfassung verweist der mit Namen nicht bekannte Dichter auf die von ihm verwendeten alten Berichte, in denen von „küener recken strîten“ (von Kämpfen kühner Streiter) und von „helden lobebaeren“ (ruhmwürdigen Helden) erzählt wird.

Heliand

Wollten Missionare den germanischen Bauern Christus verkündigen und sein Evangelium, das so viel Mediterranes und Orientalisches enthielt, taten sie gut daran, in der Lebenswelt der Germanen nach Anknüpfungsmöglichkeiten zu suchen, um diese Heilslehre den Germanen annehmbar zu machen.
Es ist ein Glücksfall, daß uns ein Paradebeispiel für solche Versuche überliefert ist: die Heliand-Dichtung, die ein sächsischer Klostergeistlicher im 9. Jahrhundert als dichterische Bearbeitung des Evangeliums geschaffen hat. In ihr hat er Personen und Landschaft, Lebensweise und Gebräuche ganz in eine germanische Lebenswelt versetzt. Da wandelt der Heiland mit seinem Gefolge unter umwölktem nördlichem Himmel und durch germanische Wälder. Der See Genezareth erinnert eher an die Nordsee als an ein palästinensisches Gewässer. Die Landesbewohner sind vorwiegend germanische Bauern. Christus hat den Rang eines Herzogs oder eines Volkskönigs, der von einer Gefolgschaft von Kämpfern („Degen“) begleitet wird. Für den Dichter ist Christus der „liebe Landeswart“, der „Drost“ (Herrscher im Volk). Die Jünger sind ihm wie die Männer einer „Trucht“ (Gefolgschaft) in der dem Gefolgschaftsführer geschuldeten Treue verbunden. Christus ist durch und durch Held, also jemand, der durch ein außergewöhnliches Maß an Kampfeskraft und Tapferkeit hervorsticht. Dies zeigt sich in seinem geistigen Ringen mit den Pharisäern, im Kampf gegen den Satan und die Dämonen – bis hin zum Aufbrechen der Tore der Unterweltsburg, um dem Satan die Seelen der Gerechten zu entreißen und sie zur Himmelsburg und auf den „grünen Anger“ des Himmelsreiches zu führen.
Selbstverständlich kämpft Christus auch, wenn es um die Ehre seines Vaters geht, mit dem Einsatz körperlicher Gewalt. Über die biblische Szene der Tempelreinigung heißt es beim Heliand-Dichter:

„… Dort traf er viel Juden
mancherlei Männer, in Menge zusammen,
die sich ihre Kaufstätte dort erkoren hatten,
mit Marktwaren schacherten. Münzhändler saßen
in dem Weihtum innen, hatten ihr Wechselgeld allzeit
zu geben bereit. Das war dem Gotteskinde
alles zum Ärgernis: er trieb sie aus dort,
weg von dem Weihtum, sagte, es wäre ein weiseres Tun,
wenn dorthin kämen zu beten die Kinder ­Israels,

daß der Siegeskönig sie von den Sünden ­erlöse,
als daß Diebe dort ihre Dingstätte halten,
verworfene Wucherer Wechsel betreiben,
offenes Unrecht …

So räumte und reinigte der reiche König
das heilige Haus …“

(Übertragung: Felix Fenzmer)
Heldisch ist Christus vor allem in seinem Leiden: „Ausgeliefert ward da der Menge aller Männer bester / in die Hand der Hasser, mit harten Banden / fest gefesselt; so empfingen ihn / die frevelgierigen Feinde … Der mächtige König / ertrug geduldig, was ihm tat das Volk.“

Der „Krist“ als Sieghelfer

Manche Germanen traten zu Zeiten des Römischen Kaiserreiches aus den unterschiedlichsten Gründen zum Christentum über, wenn sie es in persönlichen Kontakten kennengelernt hatten. Ausschlaggebend für die Christianisierung germanischer Stämme war etwas anderes. Die Missionare fanden heraus, daß die Missionierung von der Spitze her erfolgen mußte. Waren Adelige für das Christentum gewonnen, traten meistens auch ihre Gefolgschaften zu dem neuen Glauben über. Das berühmteste Beispiel ist der Übertritt des Frankenkönigs Chlodwig. Ganz wichtig für germanische Herrscher war die Frage, ob ein Gott, in dessen Dienst sie sich gestellt hatten, ein mächtiger Sieghelfer war. Folgt man dem Geschichtsschreiber Gregor von Tours, so hat sich Chlodwig, ein brutaler Machtmensch, in der Schlacht von Zülpich (496 n. Chr.) betend an Christus gewandt, als das Schlachtenglück sich den Alemannen zuneigte. Seine christliche Gattin hatte ihm Jesus als Sieghelfer empfohlen. Für den Fall des Sieges gab Chlodwig ein Taufversprechen: „Gewährst du mir jetzt den Sieg über diese meine Feinde und erfahre ich so jene Macht, die das Volk, das Deinem Namen sich weiht, an Dir erprobt zu haben rühmt, so will ich an Dich glauben und mich taufen lassen auf Deinen Namen. Denn ich habe meine Götter angerufen, aber, wie ich erfahre, sind sie weit davon entfernt, mir zu helfen. Ich meine daher, ohnmächtig sind sie, daß sie denen nicht helfen, die ihnen dienen.“
Die Lebensbeschreibung des Ansgar von Hamburg enthält ein anderes bezeichnendes Beispiel für diese germanische Denkweise. Wikinger rufen auf einem ihrer Raubzüge den „Krist“ an, von dem sie gehört haben, er vermöge mehr als andere Götter. In aussichtslos erscheinender Lage erfahren sie den sieggewährenden Beistand dieses „Krist“, und der Wikinger-Gefolgsherr und seine Gefolgschaft lassen sich taufen.
Solche Massenübertritte und Massentaufen brachten für sich natürlich noch nicht eine Verchristlichung dieser Menschen. Aber die Missionare konnten nun leichter im Herrschaftgebiet eines für das Christentum gewonnenen Fürsten versuchen, den Menschen Elementarkenntnisse des neuen Glaubens zu vermitteln. Freilich ließ sich kaum verhindern, daß noch jahrhundertelang Mischformen des Glaubens fortexistierten.
Wenn die Kirche Christus den „Herrn“ in spätantiker Weise als „kyrios“ oder „dominus“ verstand, ergab sich eine Konvergenz zu germanischen Anschauungen vom Kriegsherrn, wofür die Ausdrücke „frô“ (vgl. Fronleichnam!), „herro“ und „truhtîn“ zur Verfügung standen. Für Germanen war dies leichter verständlich, als wenn von Jesus als dem „Rabbi“ oder „Meister“ gesprochen wurde. Es dauerte noch Jahrhunderte, bis die Fülle und Tiefe der Christusgestalt und der christlichen Glaubensgeheimnisse bei denjenigen germanischen Stämmen und Völkern, die in einer langen Ethnogenese zum deutschen Volk im Rahmen des christlichen Reiches zusammenwuchsen, stärker ins Bewußtsein drang.

Soldatische Heilige

Erleichtert wurde die Missionierung, wenn sie mehr wollte, als das Heidnische mit einem hauchdünnen christlichen Firnis zu versehen, in der Regel dann, wenn man auf die Methode der Zerstörung und des Ausmerzens von Heidnischem verzichtete. Stattdessen wurden heidnische Kultstätten, Feste und Bräuche umgewidmet. Forscher, die vor allem in den 1920er und 1930er Jahren christliche Volkskunde betrieben, haben hierzu eine Fülle von Erkenntnissen bereitgestellt. Im Eifer und in ihrer Entdeckungsfreude schossen freilich manche Gelehrte weit über das Ziel hinaus.
So erwähnte Konrad Algermissen, daß in seiner niedersächsischen Heimat, beim kirchlich geprägten Flurbittgang (Gang um die Feldmark), das Lied von St. Michael als dem unüberwindlichen Helden gesungen wurde. Er hielt eine Entstehung dieses Liedes in der Zeit Heinrichs I. bei dessen Kämpfen gegen die heidnischen Ungarn für wahrscheinlich – mit der Annahme, die damaligen Krieger König Heinrichs hätten im Erzengel Michael vielleicht noch die Konturen des germanischen Gottes Odin/Wodan gesehen. Inzwischen weiß man, daß dieses berühmte deutsche Michaelslied eine Dichtung des Barockdichters Friedrich Spee SJ ist, der seinen Text einer französischen Melodie zugeordnet hat. Richtig dagegen ist z. B., was die Austauschbarkeit von Michael und Odin/Wodan betrifft, daß der nordische Brauch, die Odinsmine zu trinken (also zum Gedächtnis des germanischen Gottes Alkoholisches zu trinken), im Mittelalter in das Trinken der Michaelsmine übergangen ist.
Wurde in der frühen Missionszeit bei den Germanen Christus als kämpferischer Kriegsherr direkt oder indirekt dargestellt, lag es nahe, auch beliebte Heilige als kämpferisch-starke Helfer für die Menschen zu sehen. Ganz leicht war dies möglich bei dem Erzengel Michael, der im apokalyptischen kosmischen Kampf als Anführer der himmlischen Heerscharen den empörerischen Engel Luzifer und dessen gefallene Engel niederzwingt – Michael also als der wehrhaft-machtvolle Nothelfer gegen Teufel und Dämonen, der Schlachtenhelfer und Seelengeleiter, was alles mit germanisch-mythologischen Vorstellungen leicht zusammenzubringen war.
Unter den engeren Gefolgsleuten Christi faszinierte die bekehrten Germanen besonders der Apostel Petrus; deutlich an der Heliand-Dichtung zu beobachten. St. Peter war für sie eine Kämpfernatur, und er verfügte über die Torschlüssel zur Himmelsburg. Man wollte sich mit St. Peter gutstellen. Daher z. B. die große Zahl der Kirchenpatrozinien, die auf St. Peter lauten.
Wenn St. Martin zum Nationalheiligen der Franken wurde und er in fränkischen Siedlungsgebieten viele Kirchen und Kapellen erhielt, so rührte das kaum von der asketischen Strenge, dem mönchischen Lebensstil und der großen Frömmigkeit des Bischofs her. Den Franken imponierte vielmehr, daß er als junger Mann bis zum legendären Bekehrungserlebnis ein römischer Offizier gewesen war und als bewährter Sieghelfer angerufen werden konnte.
In alten Römerstädten am Rhein wählte die fränkische Bevölkerung gerne soldatische Heilige zu ihrem Stadtpatron, so etwa St. Viktor in Xanten, St. Quirin in Neuss, St. Gereon in Köln. Die mittelalterliche Kunst stellte Christus und alle diese Heiligen in der Regel als Einheimische dar, um die Identifikation der Gläubigen mit dem Heiligen zu erleichtern oder auch weil der Künstler den Heiligen in seiner Körperlichkeit ganz naiv als dem eigenen Volk und seinem Menschenschlag zugehörig betrachtete.

Militia Christi

Über Jahrhunderte herrschte in deutschen Landen ein wehrhaft-kämpferisches Christentum. In dem von Otto dem Großen geschaffenen Reichskirchensystem kamen die meisten Bischöfe und Äbte aus dem kriegerischen Adel; für das Mittelalter waren diese hohen Geistlichen in Waffen, die mit ihren Mannen ins Feld zogen, kein ungewohnter Anblick. Im Zeitalter der Kreuzzüge gewann die Vorstellung der „militia Christi“ (der Kämpferschar Jesu Christi) ihre Konkretisierung in den Kreuzfahrern und den geistlichen Ritterorden. Dies war ein europäisches Phänomen, da das germanische Kriegertum in den einzelnen europäischen Adelsgesellschaften (wenn auch von Land zu Land in unterschiedlicher Stärke) mentalitätsprägend geblieben war – auch dort, wo ein Sprachwechsel ins Nichtgermanische erfolgte.
Sehr zugespitzt hat der baltendeutsche Historiker Johannes Haller dies in seiner großen Papstgeschichte so ausgedrückt: „Die Germanen waren Christen, aber das Christentum war germanisch geworden. Sie waren Krieger, Kampf und Streit waren ihnen Bedürfnis und Lust. Die Friedensbotschaft des Evangeliums lief ihrer Natur zuwider. Einem Gotte dienen, bedeutete ihnen nur soviel, wie für ihn kämpfen.“ (Haller, Bd. 1, S. 274) Vielleicht ist es zutreffender, von einem Spannungsverhältnis zu sprechen, in dem Kampf und Friede standen. Man denke etwa an die mittelalterliche Gottesfriedensbewegung, mit der die Kirche das Fehdewesen einzudämmen versuchte.
Das Bild vom heldischen Christus wurde im Laufe der Jahrhunderte ergänzt und überlagert durch andere Christusbilder, die dem gläubigen Christen bei seinen Bemühungen um eine individuelle Christusbegegnung helfen sollen. Man greife zum Jesus-Buch des Exegeten Klaus Berger, der Jesus den heutigen Menschen unter Verzicht auf unverständlichen Theologenjargon und hochgestochenes Gerede nahezubringen versteht. Ein Vergleich mit den Jesu-Büchern des jetzigen Papstes lohnt sich.
Nach dem Scheitern der Kreuzzüge wandelte sich die Vorstellung von der „militia Christi“ hin zu einem geistigen Kämpfertum für Christi Reich. Von der Tapferkeit einer solchen Haltung zeugt Dürers „Ritter, Tod und Teufel“. Auch Luther sah sich wohl als einen Mann aus der „militia Christi“, wenn er sich in einen kosmischen Kampf zwischen Christus und dem Satan eingespannt sah, die um den Besitz von Kirche und Welt rangen.
Eine starke Neubelebung fand der Gedanke des wehrhaften Kämpfertums für Gott und sein Reich in den 1920er und 1930er Jahren im deutschen Volksraum. Das Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges und die latente Bürgerkriegssituation führten in der Weimarer Republik und in Österreich zu einem soldatischen Ruck durch die Gesellschaft und zu einer gewissen Militarisierung des vorpolitischen und politischen Raums. Das kirchliche Leben blieb davon nicht unberührt. Besonders stark wirkte sich das auf die konfessionellen Jugendverbände aus, die in Aufmärschen und Massenkundgebungen von einem „heiligen Kampf“ für den Anbruch einer neuen Zeit kündeten. Das populäre Lied der deutschen Jugendbewegung „Wann wir schreiten Seit an Seit“ ergänzten sie mit einer Christus-Strophe und beteuerten voll Inbrunst: „Christus, Herr der neuen Zeit“. Und die jungen Marschkolonnen bekundeten, „Kämpfer zu sein für Gott und sein Reich, mutig und freudig den Heiligen gleich“. Noch bis in die frühen 1960er Jahre war dieses Lied „Laßt die Banner wehen“ mit seiner unerschütterlichen Siegeszuversicht zu hören:
„Geht auch der Weg durch Nacht und durch Not, uns leuchtet sieghaft das Morgenrot.“ Bis in diese Jahre war unter den deutschsprachigen Katholiken ein Buch Hans Hümmlers mit dem bezeichnenden Titel „Helden und Heilige“ weit verbreitet, das dieser als Antwort auf die Abqualifizierung des Christentums durch neuheidnisch orientierte NS-Fanatiker geschrieben hatte.

… oder Schlaffi-Christentum?

Wir leben heute in einer unheldisch-dekadenten Zeit, in dem die Christenheit im deutschen Kulturraum, zugespitzt gesagt, das Bild eines Schlaffi-Christentums bietet. Gutmenschentum, Wehleidigkeit und ein Extrem-Pazifismus durchziehen in vielen katholischen Gottesdiensten die Fürbittgebete. Das geistig-geistliche Kämpfertum, das der Apostel Paulus im Brief an die Epheser den Christenmenschen nahelegt, ist daher kein Leitthema religiös-kirchlicher Erziehung in unserer Zeit. Da geht es eher um gefühlsselige Mitmenschlichkeit bis hin zur völligen Selbstaufgabe, wenn kämpferische Selbstbehauptung angebracht wäre.
Eine geistige Offensive zu einer Re-Christianisierung des deutschen Volkes wurde nach dem Ersten Weltkrieg angestrebt und war auch für einige Jahre nach der Geschichtskatastrophe von 1945 erkennbar. Aus der Rückschau muß man feststellen, daß dies unrealistisch war. Zwar gab es im Deutschen Reich 1933 nur 2,7 Millionen Konfessionslose oder Angehörige nichtchristlicher Religionsgemeinschaften, d. h. 4 % der Gesamtbevölkerung. Auf zwei Protestanten kam ein Katholik. Im protestantischen Volksteil war die Entfremdung der Getauften von ihrer Kirche durch die Säkularisierungsschübe aber schon sehr weit fortgeschritten. Günstiger sah es im katholischen Volksteil aus (ca. 50 % Messebesucher an Sonntagen), aber auch hier war vieles nur Konvention und unverstanden-oberflächliches Mitmachen aus Familientradition.
Der Kirchenkampf des Dritten Reiches, die atheistische Durchführung der DDR-Gesellschaft, die hedonistische Medien-Omnipotenz und der Konsum-Materialismus in den deutschsprachigen Staaten seit Jahrzehnten haben dazu geführt, daß die Christenheit (in Deutschland) gewaltig geschrumpft ist und der Gedanke an eine Re-Christianisierung der deutschen Nation noch weniger Realisierungschancen zu haben scheint als früher.
Das Christentum in deutschen Landen befindet sich fast überall in der Defensive, mitunter bekommt man den Eindruck, es befinde sich in der Auflösung. Die übermächtig erscheinenden Gegenströmungen gegen ein schlicht gelebtes Christentum, wie es das Leben einer langen Kette unserer Vorfahren prägte, sind: der Materialismus, vorwiegend in Gestalt des subkulturellen und kulturellen Amerikanismus mit Konsumwahn und Hedonismus-Raserei; die permanente Bewußtseinsüberwältigung der medienhörigen Massen durch die medialen Super-Vormünder (mit ihrer zynischen, antiidealistischen, gemeinschaftsfeindlichen Stoßrichtung); der kulturelle Überfremdungsstrom, in dem bis jetzt die orientalische, stark durch den Islam bestimmte Lebensform dominiert.
Christen im deutschen Kulturraum nehmen nahezu alles hin, was sie zutiefst empören müßte. So die totale Porno-Durchdringung der öffentlichen Sphäre, die krassen Blasphemien und die Verhöhnung des Christlichen, die Entfernung christlicher Symbole aus dem öffentlichen Raum und aus unserer Kulturlandschaft, die mephistophelische Zerstörung christlich-deutscher Kultur (z. B. in der sog. Entrümpelung von Lehrplänen) und die Verdrehung und Umkehrung natürlicher und sittlicher Ordnungsvorstellungen (Musterbeispiel: die Gender-Ideologie). Was bei unseren Ahnen sittlich verwerflich war, gilt nun als chic. Man vergesse nicht: der Teufel ist der große Durcheinanderwerfer (griechisch: diabolos!). Ein Blick in die Hexenküche von Goethes Faust-Dichtung kann erhellend sein. Der geil-perverse Mephisto und die steril-geilen Hexen gewinnen heute hohe Aktualität.

Wieder kämpferisch werden

„Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, erbarm Dich, Herr!“ Diese Zeilen aus einem protestantischen Kirchenlied stehen auch im katholischen „Gotteslob“. Eben darum geht es im deutschen Kulturraum: daß die Christen erwachen und wieder kämpferisch werden. Hier einige Richtpunkte, bei denen auch Nationalisten und Patrioten, sofern sie keine Christen (mehr) sind, im Sinne einer strategischen Bundesgenossenschaft zustimmen könnten:
Einsatz für die Gesundung der Familien, die im gegenwärtigen Gesellschaftssystem von Verformung und Auflösung bedroht sind. Christliche Familie bedeutet immer auch die Sorge um die Aufzucht von Kindern, in denen unsere Abstammungsgemeinschaft fortlebt und in denen Gottes Schöpfungsordnung sich durch unsere Mithilfe fortsetzt.
Einsatz für die Wahrung der Würde unserer Volksgenossen, die, wenn wir im christlichen Sinne an unsere „Nächsten“ denken, zunächst einmal in Frage kommen. Würde, das bedeutet Sicherung der materiellen Existenz, Ermöglichung der Persönlichkeitsbildung im Sinne einer sittlichen Wertordnung, liebevolle Versorgung im Alter und bei Krankheit.
Abwehr der Wesenszerstörung unserer Nation, die sich als organische Einheit nach dem Willen Gottes (Völker als Gedanken Gottes!) im Laufe vieler Jahrhunderte herausgebildet hat. Bewußtwerdung, daß wir einer großen deutsch-abendländisch-christlichen Kultur angehören, die erlebt und gelebt werden soll (z. B. Kirchen nicht nur als großartige Museen der Kunst, sondern als Erlebnisorte des mit allen Sinnen vollziehbaren Kults).
Kein demütig-verschämter, gutmenschlicher Rückzug vor den Dominanzansprüchen des Islam mit seinen politischen und kulturellen Facetten. Ausfüllen der entstandenen religiös-ideologischen Freiräume durch unsere eigene kraftvolle Religiosität, unser eigenes, vielfältig mit dem Christentum verflochtenes Brauchtum, unser abendländisch geprägtes Denken und unsere christlich geformten Ordnungsvorstellungen.
Entschiedene Christen und entschiedene Nationalisten und Patrioten sollten in der Existenzkrise unseres Volkes den Schulterschluß suchen. Im Wesenskern unserer Nation und im Wesenskern des von vielen Generationen unseres Volkes gelebten Christentums sind heilende Kräfte verborgen – wir müssen sie nur wirksam werden lassen!
Der Dichter Will Vesper hat 1937 gegen die neuheidnische Intoleranz und oft beschämend zur Schau gestellte Ignoranz einflußreicher Zirkel in und am Rande der damaligen Staatspartei ein eindringliches Gedicht veröffentlicht. Es könnte vielleicht heute ein wenig helfen, Christen und Nichtchristen im nationalen Spektrum zusammenzuführen:

Bekenntnis
Meine Väter und Mütter von altersher
Beten zu dem Heiligen Christ,
– nun tausend Jahre lang.
Es war ihnen manchmal bitter schwer,
wie all Bauernwesen ist,
wenn er mit ihnen rang.

Wohl hörten sie manchmal, er sei von weit
aus fremdem Osten gekommen.
Aber sie hatten ihn längst bereit
in ihr eigen Geschlecht,
in Brauch und Recht,
in ihr Herzblut aufgenommen

Und tausend Meister malten schlicht
gut deutsch sein Wesen und Gesicht.
Von ihm sang Sage und Gedicht.
Die deutsche Orgel von ihm spricht
Ewig mit Engels Munde.

Heiliger Christ,
der du bist
meinem Volk und Land
der Heliand,
heilig dein Namen!
So wie bisher, in Ewigkeit! Amen.

Treiben die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Verhältnisse demnächst vielleicht auf eine Extremsituation mit revolutionärer Zuspitzung zu, steht möglicherweise zu befürchten, daß der uns Deutschen nachgesagte „furor tutonicus“ sich in Zorn-, Wut- und Gewaltausbrüchen regen wird. Das weckt zwiespältige Gefühle, könnten doch nihilistische Kräfte die Oberhand gewinnen. Finis Germaniae? Kein Volk und kein Land besteht ewig. Dennoch werden nationalbewußte Christen in jeder Situation aus Verantwortung vor Gott und dem Vaterland betend, arbeitend, argumentierend und helfend darauf hinwirken, daß die in unserer Nation noch immer vorhandenen Begabungen und Energien für eine Neuformung hin zum Guten mobilisiert werden können.

Literatur

Algermissen, Konrad: Germanentum und Christentum. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Frömmigkeit, 6. Aufl. Hannover 1935
Angenendt, Arnold: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900, Stuttgart 1990
Angenendt, Arnold: Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997
Berger, Klaus: Jesus, München 2004
Eggers, Hans: Deutsche Sprachgeschichte, Bd. I: Das Althochdeutsche, Reinbek b. Hamburg 1963 (Rowohlts deutsche Enzyklopädie Bd. 185/186)
Haller, Johannes: Das Papsttum. Idee und Wirklichkeit, Bd. I: Die Grundlagen, Reinbek b. Hamburg 1965 (Rowohlts deutsche Enzyklopädie, Bd. 221/222)
Hasenfratz, Hans-Peter: Die religiöse Welt der Germanen. Ritual, Magie, Kult, Mythus, Freiburg i. Br. 2. Aufl. 1994
Pahlke, Georg: Trotz Verbot nicht tot. Katholische Jugend in ihrer Zeit, Bd. III: 1933–1945, Paderborn 1995
Schaafhausen, Friedrich Wilhelm: Der Eingang des Christentums in das deutsche Wesen, Bd. I: Von der Antike bis zum Zeitalter der romanischen Dome, Jena 1929

 
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