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Stalingrad - Der Untergang der 6. Armee vor 60 Jahren

Eine schier endlose Kolonne von deutschen Kriegsgefangenen auf dem Marsch in eines der „Todeslager“, in denen viele durch Krankheit und Unterernährung innerhalb kurzer Zeit verstarben.
Das furchtbare Ende der 6. Armee: Leichenhaufen deutscher Soldaten am Ende der Schlacht. Das Sterben ging aber auch nach der Kapitulation auf den anschließenden Todesmärschen und den Lagern weiter. Nur rund 6000 kriegsgefangene Soldaten sollten die Heimat wiedersehen.
Gezeichnet von einer Schlacht, in deren Endphase und darüber hinaus es leichter war zu sterben als zu leben: Kriegsgefangene der 6. Armee.
Erst im Jahre 1999 war es dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge möglich in der Nähe des Dorfes Rossoschka einen Friedhof für rund 50.000 deutsche Gefallene aus dem Gebiet von Stalingrad einzuweihen. An die deutschen Vermißten erinnern 107 große Granitwürfel mit 103.234 Namen. Von einer österreichischen Kommission wurde 1996 ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Schlacht in der Nähe des Dorfes Petschenka errichtet. Persönlichkeiten aus allen politischen ­Lagern wie der jüdische Burgschauspieler Fritz Muliar und der sozialistische Bürgermeister von Wien, Dr. Helmut Zilk, wirkten in diesem Komitee mit. – Das Bild zeigt den deutschen Soldatenfriedhof.

In diesen Wochen jährt sich der Kampf um die am rechten Ufer der Wolga, etwas mehr als 1.000 Kilometer südlich von Moskau gelegene Stadt zum 60. Mal. Er kostete eine halbe Million Rotarmisten und 147.000 deutschen und verbündeten Soldaten das Leben sowie einer großen Zahl russischer Zivilisten. Weitere fast 90.000 Wehrmachtssoldaten starben in der Kriegsgefangenschaft. Zur Erinnerung an dieses Geschehen hat Dr. Reinhold Busch im Ares Verlag eine beeindruckende Sammlung von Augenzeugenberichten deutscher Soldaten herausgebracht, deren einleitender Text in der Folge wiedergegeben ist.

Nach der Niederlage vor Moskau im Winter 1941/42 verzichtete Hitler darauf, im Bereich der Heeresgruppe Mitte noch einmal einen Großangriff zu starten. Vielmehr wurde der Schwerpunkt der militärischen Operationen in den Südabschnitt verlegt. Hier hatten Durchbrüche der Sowjets auf Charkow im Mai 1942 mit einer empfindlichen Niederlage geendet, so daß der hier errungene Sieg die Zuversicht auf weitere Erfolge stärkte.
Hitler wollte gegen den Rat seiner Generäle zwei Ziele gleichzeitig erreichen, nämlich an der Wolga bei Stalingrad die Schiffahrt und damit die Zufuhr kriegswichtigen Materials aus Zentralasien und dem Kaukasus unterbinden und außerdem die Ölquellen im Kaukasusgebiet in die Hand bekommen. Aber allein die Ausdehnung eines Frontschlauches bis Stalingrad bedeutete die Entstehung einer Flanke von etwa 700 km. Deren Sicherung machte allein 50 Divisionen erforderlich; ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, die sich für den Nachschub ergaben. Das ganze Unternehmen hätte nur bei einem vollständigen Zusammenbruch der sowjetischen Fronten gelingen können, sprich: unter der Voraussetzung, daß sich die Rote Armee bereitgefunden hätte, sich Kampf und Vernichtung auszusetzen. Statt dessen zogen sich ihre Einheiten in die Tiefe des Raumes zurück. Als sich die Spitzen des XIV. Panzerkorps in der Zeit vom 19. August bis zum 2. September 1942 der Stadt näherten und die Wolga erreichten, krallten sich sowjetische Truppen in den Ruinen entlang eines Streifens des Flusses fest; von dort konnten sie nicht mehr vertrieben werden. Die eingesetzten deutschen Einheiten verbluteten während der nächsten Monate in mehreren Angriffswellen beim Kampf um die Ruinen der Häuser und Fabriken. Die Stadt versank in dieser Zeit in Schutt und Asche.
Am 19. November begann der sowjetische Großangriff von Norden und Süden auf die schwachen Flanken, die von ungenügend ausgerüsteten rumänischen, italienischen und ungarischen Armeen gesichert wurden. Er führte innerhalb von nur vier Tagen am 23. November zum Zusammentreffen der sowjetischen Stoßkeile bei Kalatsch und damit zur Einkesselung der 6. Armee. Damit drohte auch die in den Kaukasus vorgedrungene 4. Panzerarmee von der deutschen Front abgeschnitten zu werden.
Strategisch wäre es jetzt erforderlich gewesen, die 22 deutschen und 2 rumänischen Divisionen rasch zurückzuziehen – solange dies noch möglich war – bzw. deren Ausbruch aus dem Kessel zu befehlen, um die Front zu verkürzen. Der Oberbefehlshaber der 6. Armee, General Paulus, bat daher in einem Fernschreiben an Hitler um Handlungsfreiheit. Alle militärischen Berater des „Führers“ waren der Auffassung, daß es unmöglich sei, die 280.000 Mann im Kessel aus der Luft zu versorgen und drängten auf Ausbruch. Schon wurde die 6. Armee verständigt, sich entsprechend vorzubereiten, als Göring am Morgen des 24. November – gegen den Rat seiner Experten – großmäulig mitteilen ließ, die Luftwaffe sei imstande, die eingeschlossene Armee zu versorgen. Damit war Hitlers Wunsch gerettet, die Stadt um jeden Preis zu halten – zum Entsetzen von Paulus und seiner Kommandeure, die resignierten. Allein General von Seydlitz lehnte sich auf und forderte in einer Denkschrift vom 25. November den sofortigen Ausbruch. Paulus jedoch war nicht hart genug, sich einem Führerbefehl zu widersetzen, zumal Ungehorsam in seinen Augen, zum Prinzip erhoben, jede Führung zu zerstören drohte. Seydlitz fügte sich.
Trotzdem lief am 12. Dezember 1942 das „Unternehmen Wintergewitter“ zum Aufbruch aus dem Kessel halbherzig – d. h. mit ungenügenden Kräften – an. Sieben Tage später standen die Entsatz-Divisionen nur noch 50 km vom südwestlichen Kesselrand entfernt, als die Operation infolge zunehmender sowjetischer Gegenangriffe steckenblieb. Wieder wurden die Vorbereitungen zu einem Ausbruch aus dem Kessel gestoppt. Aber zu diesem Zeitpunkt war ein Gelingen schon fraglich geworden; es gab die ersten Hungertoten. Spätestens jetzt war klar, daß es einen Entsatz nicht mehr geben würde und das Schicksal der Eingeschlossenen besiegelt war, zumal sich die Front immer weiter vom Kessel entfernte und die Versorgung der 6. Armee zeitweise nicht einmal zehn Prozent der zugesagten Menge erreichte.
Von nun an ging es darum, die Verteidigung im Kessel zu organisieren und so viele sowjetische Kräfte wie möglich zu binden. Anfang Dezember 1942 kam es zu massiven Angriffen der Sowjets auf die westliche Kesselfront und den sogenannten Nordriegel; beide Stellungen konnten unter hohen Verlusten gehalten werden. Ein Ultimatum zur Kapitulation wurde von Paulus abgelehnt; danach erfolgte am 10. Januar 1943 der Großangriff auf den Kessel, der langsam von Westen nach Osten aufgerollt wurde. Verbissen wurden jetzt die letzten Verteidigungskräfte mobilisiert und „Festungs-Bataillone“ aus Trossen und versprengten Einheiten gebildet. Der Verlust des letzten Flugplatzes Stalingradskij am westlichen Stadtrand am 23. Januar bedeutete endgültig das Ende aller Hoffnungen auf Rettung der Eingeschlossenen. Die Reste der 6. Armee zogen sich mehr oder weniger fluchtartig in die Trümmer der Stadt zurück. Am 26. Januar zog Paulus mit seinem Stab in den Keller des Kaufhauses Univermag am Roten Platz. Die Reste der 297. Infanterie-Division legten dann als erste ihre Waffen nieder und begaben sich in Gefangenschaft. Trotz der verzweifelten Lage, ausgehender Munition und Verpflegung und fehlender Aussicht auf eine militärische Wendung der Lage befahl Hitler das Ausharren bis zur letzten Patrone. Seydlitz befahl seinem Korps, die letzte Munition zu verschießen und den Kampf einzustellen, woraufhin er abgesetzt und sogar seine Verhaftung erwogen wurde. Am 27. Januar wurde der Kessel endgültig in einen Nord- und einen Südteil gespalten, die jetzt unabhängig voneinander kämpften.
Am 31. Januar begab sich Paulus mit seinem Stab und den dort eingesetzten Sicherungstruppen „persönlich“ in Gefangenschaft, ohne eine Kapitulation zu unterzeichnen. Er weigerte sich den Sowjets gegenüber, die Einstellung der Verteidigung des Nordkessels zu befehlen, so daß dieser erst am 2. Februar aufgab.
Etwa 90.000 meist verwundete, kranke und halbverhungerte Soldaten, viele mit Erfrierungen, gerieten in Gefangenschaft; annähernd 147.000 waren gefallen, etwa 35.000 konnten ausgeflogen worden. Die meisten der Gefangenen gingen auf den Todesmärschen und in den Todeslagern um Stalingrad zugrunde; nur rund 6000 von ihnen sollten die Heimat wiedersehen.



Reinhold Busch (Hg.)
STALINGRAD
Der Untergang der 6. Armee. Überlebende berichten464 Seiten, ca. 50 ganzseitige S/W-Bilder, Hc.€ 24,90

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