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Ritterlichkeit in unserer Zeit

Von Dr. Franz Uhle-Wettler

Antithese zum modernen Fanatismus

Die Geschichte und die Epen vieler Völker berichten von Taten, die als ritterlich bezeichnet wurden, also mit einem Wort, das heute nur noch selten gebraucht wird. Zu den frühen Beispielen gehört eine Szene aus dem Nibelungenepos. Kriemhild hat endlich den Markgrafen Rüdiger von Bechelaren, Ehemann von Frau Gotelint, zur Teilnahme am Kampf gegen die Burgunder bewegen können. Doch als Rüdiger seinen Schild hebt und auf die Burgunder einstürmen will, ruft Hagen ihn an: „Ich stèn in grozen sorgen“, sprach aber Hagene / „den schilt den mir frou Gotelint gap ze tragene / den habent mir die Hiunen zerhouwen vor der hant.“ Daraufhin gibt ihm Rüdiger seinen eigenen Schild. Der Nibelungendichter fährt fort: „Do er im so willeclichen (bereitwillig) den schilt ze gebene bot / do wart genuoger (vieler) ougen von heizen trähen (Tränen) rot.“1

Friedrich Wilhelm I., genannt der Große Kurfürst, kämpft 1673 erfolglos gegen französische Truppen, denn deren Befehlshaber, Graf Turenne, ist ein genialer Feldherr. Schließlich winkt Erfolg doch: „Ein Franzose namens Villeneuve aus dem Lager Turennes bot dem Kurfürsten an, seinen eigenen General zu ermorden. Friedrich Wilhelm (. . .) warnte Turenne vor dem Verräter. Er fügt hinzu, er nütze gern die Gelegenheit, ihm zu beweisen, daß die Achtung vor Turennes Verdiensten nicht gemindert werde durch das Unheil, das die Franzosen über seine Länder gebracht hätten.“2
Von solcher Ritterlichkeit berichten auch Epen anderer Völker. Doch es gibt eine bemerkenswerte Ausnahme. Das „Buch des Dede Korkut“, kurz nach Nibelungenlied niedergeschrieben und von großer kultureller Bedeutung für die Türken, schildert die Einwanderung moslemischer Stämme aus dem heutigen Turkestan über den Kaukasus in die Türkei. Die Stämme müssen sich durch christliche Staaten durchkämpfen – und das Epos berichtet nichts von Ritterlichkeit, sondern nur von „Ungläubigen, den Rücken ihrer Kaftane geschlitzt, schwarzhaarig, Anhänger einer stinkenden Religion, Feinde des wahren Glaubens.“3 Ritterlichkeit in religiös aufgeladenen Kämpfen zu bewahren, war wohl schon damals schwierig.
Die Kriege des 20. Jahrhunderts wurden jedoch fast nur zwischen christlich geprägten Völkern ausgefochten. Die Religion hatte zwar bereits an Kraft eingebüßt, aber dafür hatten weltliche Ideologien nahezu religiöse Bedeutung gewonnen. Das führt zu der Frage, ob es im vergangenen Jahrhundert und heute wenigstens noch Reste der Ritterlichkeit und damit auch Menschlichkeit gab und gibt.

Deutsche Ritterlichkeit in den Weltkriegen

Zum Verhalten der Deutschen: 1914 wurde die russische 2. Armee in der Schlacht von Tannenberg vernichtet und deren Oberbefehlshaber, General Samsonow, gab sich selbst den Tod. Wenig später erschallen in den russischen Stellungen bei Suwalki Trompetensignale, die weiße Fahne eines Parlamentärs und eine schwarz gekleidete Dame werden sichtbar, die russische Offiziere zu den deutschen Stellungen begleiten. Die Dame, Frau Samsonow, erhält Erlaubnis und zeitweise sogar ein Auto, wochenlang dicht hinter den deutschen Linien herumzustreifen und die Leiche ihres Mannes zu suchen. Schließlich helfen die Deutschen ihr, die gefundene Leiche durch die Linien zu bringen, sodaß sie auf dem Familienbesitz am Schwarzen Meer bestattet werden konnte.4
1916 ließ Generalfeldmarschall v. Mackensen nach der Niederwerfung Serbiens in einem Belgrader Park einen Gedenkstein mit deutscher sowie serbischer Inschrift errichten. Eine Tafel am Fuß des Steins besagt: „Denkmal für die serbischen Soldaten, die heldenhaft bei der Verteidigung Belgrads im Herbst 1916 gefallen sind. Auf Befehl des deutschen Oberbefehlshabers, Feldmarschall von Mackensen, als Ausdruck seiner Hochachtung für den tapferen Gegner errichtet.“5
Deutsche Ritterlichkeit gab es auch im Zweiten Weltkrieg. 1940 ließ die Wehrmacht alle norwegischen und holländischen Kriegsgefangenen frei, obwohl deren nach England geflohenen Regierungen zur Fortsetzung des Krieges aufriefen. Gleiches geschah 1941 mit den griechischen Kriegsgefangenen. Zur Beurteilung: Die Regierungen Englands und Frankreichs haben ihre letzten Kriegsgefangenen entgegen dem Genfer Kriegsgefangenenprotokoll von 1929 erst Ende 1948 bzw. 1949 entlassen.6
Während des Frankreichfeldzuges mußten am 1. Juni 1940 die bei Lille eingeschlossenen französischen Truppen kapitulieren. Deren Marsch in die Gefangenschaft gestatteten der Kommandierende General des deutschen XXXVI. Armeekorps und der Kommandeur der 267. Infanteriedivision, die Generale Wäger und Fessmann, noch unter Gewehr mit trotzig aufgepflanztem Bajonett. Sie selbst stellten sich an den Marschweg und ehrten den Gegner durch ihren militärischen Gruß und eine Ehrenkompanie.7
Das kann von den Vorgesetzten jener Generale nicht beanstandet worden sein, denn Gleiches geschah 1941 auf Kreta. Die Griechen hatten sich in Festungen an der Grenze zu Bulgarien tapfer verteidigt und mußten erst nach harten und für beide Seiten verlustreichen Kämpfen kapitulieren. Mehrfach ließen deutsche Offiziere die Verteidiger der niedergerungenen Festung antreten, um ihnen den Respekt vor ihrer Tapferkeit zu bezeugen, gestatteten den Abmarsch unter Waffen vorbei an einer deutschen Ehrenkompanie und hissten die deutsche Fahne erst, als die Griechen sie nicht mehr sehen konnten.8
Derartiges Verhalten endete sogar nach dem Beginn britischer Luftangriffe auf zivile Ziele im Reich nicht. 1942 waren britische Soldaten bei einem Angriff auf St. Nazaire gefallen. An der Beerdigung nahmen die Kameraden der Gefallenen teil, ein Musikkorps der Wehrmacht spielte und ein Ehrenzug schoß die üblichen drei Gewehrsalven über die Gräber.9
Aus dem Rußlandfeldzug 1941–1945 wird deutsche Ritterlichkeit nicht berichtet. Doch trotz der Verbrechen, die unter deutschen Fahnen in Sowjetrußland begangen wurden, ist erwähnenswert, wie sich nach sowjetrussischem Urteil die Soldaten der 6. Armee benommen haben, zumal auch in Südrußland, dem Einsatzgebiet dieser Armee, die Wehrmacht eine breite Spur von Verbrechen gezogen haben soll, bis die 6. Armee in Stalingrad ihr Ende fand.10
Nach der Befreiung des Großraumes Stalingrad hat der russische Inlandgeheimdienst NKWD das Verhalten der Bevölkerung während der deutschen Besatzung untersucht. Er kam zu dem Schluß, das mustergültig disziplinierte Verhalten der deutschen Truppen habe die Bevölkerung bewogen, massenweise zu kollaborieren.11

Ritterliches Japan

Nach der Eroberung Singapurs ließ der ­japanische General ­Yamashita ein großes Kreuz als Denkmal zu Ehren der gefallenen Briten errichten. Nach dem Krieg sprengten die Alliierten nicht nur dieses Denkmal, sondern auch einen Schrein mit der Asche japanischer Gefallener, und überlieferten ­Yamashita dem ­Henker.
Der englische Admiral Beatty begrüßte noch 1914 von den Briten gerettete deutsche Matrosen versenkter Kriegsschiffe mit den Worten „Ich bin stolz, so tapfere Männer an Bord meines Geschwaders zu begrüßen“, doch als vier Jahre später die deutsche Hochseeflotte nach Abschluß des Waffenstillstands mit England interniert wird, schärft der inzwischen zum Flottenchef gewordene Beatty per Tagesbefehl seinen Männern ein, daß der deutsche Seemann ein „verächtliches Vieh“ sei.

Der Blick auf die Verbündeten Deutschlands zeigt weitere Beispiele ritterlichen Verhaltens. Im Dezember 1941 versenkten japanische Bomber und Torpedoflugzeuge vor dem heutigen Malaysia zwei britische Schlachtschiffe. Als weitere japanische Kampfflugzeuge eintrafen, morsen sie den britischen Kriegsschiffen, vier Zerstörern, die Überlebende der Schlechtschiffe bargen: „Wir haben unseren Auftrag erfüllt. Macht ruhig weiter.“ Am folgenden Tag entsandten sie ein Kampfflugzeug, einen Kranz abzuwerfen.12
Wenig später eroberten japanische Truppen unter General Yamashita Singapur. Dort errichteten sie einen großen Schrein zur Bergung der Asche der gefallenen Japaner sowie ein hohes Kreuz zu Ehren der gefallenen Briten und weihten beide Denkmale feierlich sowie gemeinsam mit britischen Kriegsgefangenen ein.13

England wandelt sich

Ein Blick auf die Kriegsgegner Deutschlands. Den Ersten Weltkrieg begann die britische Flotte mit einer ritterlichen Geste. Am 28. August 1914 versenkten Schlachtkreuzer unter Admiral Beatty in der Nähe von Helgoland drei kleine deutsche Kreuzer. Beatty empfing die geretteten Deutschen mit den Worten „Ich bin stolz, so tapfere Männer an Bord meines Geschwaders zu begrüßen“, und der britische First Lord of the Admiralty (Marineminister) ließ seinen deutschen Gegenspieler, Großadmiral v. Tirpitz, über die Schweiz unterrichten, sein Sohn sei unter den Geretteten.14
Doch ein erstes warnendes Zeichen kam 1916 nach der Schlacht am Skagerrak. Der britische Flottenchef wollte in seinem Schlachtenbericht erwähnen, daß die Deutschen 1977 britische Seeleute gerettet hatten. Doch das verhinderte der Außenminister, ein Lord Balfour. 1918 erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Beatty ist inzwischen Flottenchef geworden. Als die deutsche Hochseeflotte nach Abschluß des Waffenstillstands in England interniert wird, läßt er sie durch die triumphierend paradierende britische Flotte nach Scapa Flow einlaufen und erinnert in einem Tagesbefehl seine Männer daran, daß ein deutscher Seemann ein „despicable beast“, ein verächtliches Vieh ist.15
Aus dem Zweiten Weltkrieg ist dem Verfasser kein Beispiel britischer oder amerikanischer Ritterlichkeit bekannt. Das schließt nicht aus, daß es Beispiele gab; die Flut von Erinnerungs- und anderen Werken ist unübersehbar. Aber eine weit verbreitete Stimmung wird in dem Verhalten maßgeblicher Autoritäten deutlich. Als die deutschen und italienischen Truppen 1943 in Nordafrika kapitulieren mußten, lehnte es der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower ab, deren Oberbefehlshaber zu empfangen, denn er befinde sich auf einem crusade (Kreuzzug).16

Sowjets und Westallierte

Anders sowjetische Generale. Nach der Kapitulation Stalingrads empfingen sie Generalfeldmarschall Paulus. 1945 waren bei der Kapitulation Deutschlands in Kurland die Fronten noch gefestigt, sodaß sowjetische Divisionen ihnen bekannten deutschen Divisionen gegenüberstanden. Mehrfach baten sowjetische Generäle Kommandeur und Stab „ihrer“ deutschen Division zu einem Treffen – so wie es im 18. und 19. Jahrhundert fast üblich gewesen war.17
Anders verhielt sich die Sowjetarmee 1944/45 in Deutschland, womit sie sogar die Interessen des eigenen Staates schädigte, der doch Deutsche auf seine Seite ziehen wollte. Vermutlich wurde deshalb das furchtbare Verhalten nach der deutschen Kapitulation rasch unterbunden. Es ist bezeichnend, daß der Verfasser 1945/46 über Kriegsgefangenenlagern in Libau große Banner sah, von denen auch aus anderen Lagern berichtet wird:18 „Die Hitlers kommen und gehen. Das deutsche Volk bleibt bestehen. Stalin.“ Sogar für die Stalinisten waren die Deutschen ein von den Faschisten verführtes, aber im Grunde anständiges Volk.
Anders wiederum die Westalliierten. Die Auffassung, die Deutschen seien ein verderbtes Volk, sodaß seine Umerziehung eine Sache von „very fundamental importance“ sei, war weit verbreitet, und Umerziehung wurde schon 1918 offizielles Programm.19 Eine Folge: Im Januar 1944 teilte Churchill den Mitgliedern seines Kabinetts mit, was er unter bedingungsloser Kapitulation verstehe und, nicht extra betont, was sie demnach zu vertreten hätten. Weit an der Spitze steht, Deutschland müsse in unabhängige Staaten zerbrochen werden. Weitere Pläne bis hin zur Vertreibung aller Deutschen ostwärts der Oder braucht man nicht zu erwähnen, denn für sie ist ein Hinweis Churchills bezeichnend: Man müsse es vorerst bei dem Ausdruck „unconditional surrender“ belassen, denn eine Erklärung seines Inhalts würde den deutschen Widerstand verstärken.20 Man kann hinzusetzen, daß Churchill, als er 1945 erstmals wieder deutschen Boden betrat, vor seinem Gefolge und dem Empfangskomitee demonstrativ die Hose öffnete und urinierte – und andere taten das Gleiche.21
Die Beurteilung Churchills ist Sache der Briten. Aber Deutsche sind berechtigt, zu fragen, aus welcher Quelle die Auffassung stammt, besiegte Gegner dürften in einer Weise behandelt werden, die sonst negativ beurteilt wird. Hier hilft ein Blick in jene Länder, in denen Ritterlichkeit selten war. Schon 1914 und 1915 unterrichteten die höchsten kirchlichen Autoritäten Englands, der Lordbischof von London und der Erzbischof von Canterbury als Primas der anglikanischen Kirche ihre Gläubigen, der Kampf gegen Deutschland sei der „größte“ Kampf, der je für die „christliche Religion“ gekämpft worden sei. Es sei ein Heiliger Krieg. „Wir sind auf der Seite der Christenheit gegen den Antichrist und (…) haben nur zu wählen zwischen den durchnagelten (nailed) Händen Christi und der gepanzerten (mailed) Faust der Deutschen.“

Während die sowjetischen ­Generale Feldmarschall Paulus nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad ehrenvoll empfingen, verweigerte der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower 1943 in Nord­afrika den Empfang des Ober­befehlshabers der kapitulierenden deutschen und italienischen Truppen mit der ­Begründung, er befinde sich auf einem Kreuzzug.
Sowohl Engländer wie Amerikaner sind vom Puritanismus Calvins geprägt. Dieser lehrte, daß Gott die Menschen bei der Geburt entweder zur Seligkeit oder zur Verdammnis bestimmt. Diese Lehre wurde offensichtlich schon während des Ersten Weltkriegs auf ganze Völker übertragen, wenn der Erzbischof von Canterbury den Krieg als „Heiligen Krieg … gegen den Antichrist“ bezeichnete, und der Nobelpreisträger Rudyard Kipling meinte: „Heute gibt es nur noch eine Einteilung: Menschen – und Deutsche.“

Kreuzzug im 20. Jahrhundert

Diese Kreuzzugsstimmung hat noch nach dem Kriegsende sogar in sublimen Bereichen fortgewirkt. Auf dem 1921 geweihten Grabmal des Unbekannten Soldaten in der Londoner Westminster Abtei steht, man habe ihn „unter den Königen“ beigesetzt, weil er „dem Herrn“ Gutes getan hat, indem er „für die heilige Sache der Gerechtigkeit und die Freiheit der Welt“ gekämpft habe. Daß Deutschland 1914–18 die „Freiheit“ der Welt vernichten wollte, wird nicht jedermann und vor allem nicht jeder Ire, Bure oder Inder gleich erkannt haben.
Auch in den USA herrschte Kreuzzugsstimmung. Am 10. Jänner 1918 beten die Abgeordneten des Parlaments (House of Representatives) gemeinsam: „Allmächtiger Gott! (…) Du weißt, daß wir in einem Kampf auf Leben und Tod gegen eine der schändlichsten, gemeinsten, gierigsten, geizigsten, blutdurstigsten, geilsten und sündigsten Nationen sind, die jemals die Geschichtsbücher geschändet haben.“ So geht es weiter bis zur Bitte, daß Gott die Sterne, die Winde und die Wogen zum Kampf gegen die „hungrigen und wölfischen Hunnen“ einsetzt, „von deren Fängen Blut und Schleim tropfen“.22
Solche Äußerungen waren bei den deutschen und österreichischen Autoritäten jener Zeit nicht denkbar. Aber ein kleines Ereignis illustriert die Folge der Wandlung des Krieges vom Kampf Gleichwertiger zum Kampf der Guten gegen die Bösen, sogar wenn die Wandlung nur von einer Seite bewirkt wurde. In den letzten Minuten des Ersten Weltkriegs warf ein deutscher Infanterieoffizier ein Maschinengewehr auf die Brüstung seines Schützengrabens und schoß Feuerstoß auf Feuerstoß in die Gräben der überraschten Briten. Als der Waffenstillstand begann, hielt er inne, erhob sich, grüßte, verbeugte sich höflich und ging – wie ein Schauspieler, der am Ende eines Aktes die Bühne verläßt und zugleich andeutet, daß ein neuer Akt folgen wird.23 Anders formuliert: Dem Gewaltfrieden eines gewonnenen Kreuzzuges folgt oft ein neuer Krieg. Churchill scheint das geahnt zu haben. Das zeigt seine Äußerung 1940 „One hun alive is a war in prospect“, wenn ein Hunne übrig- bleibt, ist der nächste Krieg abzusehen“.24
Wie bereits gezeigt wurde, gab es Ritterlichkeit, vielleicht mit Ausnahme einiger kleinerer Staaten wie Finnland, 1939–1945 lediglich in Japan, in der Sowjetunion und Deutschland. Mithin muß nur noch erwähnt werden, daß das Fehlen der Ritterlichkeit bei Briten und Amerikanern mit den Verbrechen des NS-beherrschten Deutschlands nicht zu tun hat. Das zeigt das Geschehen um die Denkmäler in Singapur. Der von General Yamashita in Singapur errichtete Schrein für die Asche der gefallenen Japaner wurde 1946 gesprengt (Grabschändung?). Gleiches geschah dem Denkmal zu Ehren der Briten25, und Yamashita ließ ein Tribunal der Sieger nach dem vielleicht umstrittensten aller derartigen Prozesse am Henkerstrick sterben.
Als letztes zwei Beispiele der Folgen kreuzfahrerischen Denkens. England hob erst im März 1919 die Lebensmittelblockade auf. Bis dahin sollen sogar in Böhmen, das die Sieger der Tschechoslowakei geben wollten, noch im Februar 1919 20 % der Kinder tot geboren worden sein und 40 % starben innerhalb des ersten Lebensjahres.26 – Als Folge des von den USA veranlaßten Embargos gegen den Irak sind in den Jahren vor dem 3. Golfkrieg, also im Frieden, mehrere hunderttausend Iraker, vor allem Greise und Kinder gestorben.27 Sucht man nach den geistigen Quellen dieses Verhaltens, so hilft wiederum ein Blick in die Geschichte. Viele Verbrechen wurzelten in einer entfesselten, also fanatisierten Moral. Frühe Beispiele bringen die Ketzerkreuzzüge. Robespierre wollte mithilfe des terreur liberté , Freiheit, mittels der Guillotine fraternité, Brüderlichkeit, verwirklichen. Hitler und seine Schergen haben geglaubt, sie täten mit dem, was wir unter dem Stichwort „Auschwitz“ zusammenfassen, der arischen Rasse und damit der Menschheit insgesamt Gutes.

Was entfesselt mörderischen Fanatismus?

Das führt zu der Frage, was eine Moral bis zum mörderischen Fanatismus entfesselt. Bei „den Hitlers“ war es der Rassismus. Bei „den Stalins“ der Klassenhaß. Könnte es bei Amerikanern und Briten fragwürdig angewandte religiöse Moral gewesen sein? Beide Völker sind vom Puritanismus Calvins geprägt. Calvin lehrte eine „doppelte Prädestination“: Gott hat die einen schon bei der Geburt zur ewigen Seligkeit, die anderen zur ewigen Verdammnis bestimmt. Deshalb kann schon am Erfolg im weltlichen Leben abgelesen werden, wer zu den Erwählten und wer zu den Verdammten gehört.
Wenn diese Lehre auf größere Menschengruppen oder gar auf ein Volk angewendet wird, droht die Teilung der Menschheit in gute und böse Völker – was die bereits zitierten höchsten weltlichen und kirchlichen Autoritäten der USA und Englands schon im Ersten Weltkrieg machten. Gleiches taten schon 1915 weltbekannte Literaten, darunter der Nobelpreisträger Rudyard Kipling: „Heute gibt es nur noch eine Einteilung: Menschen – und Deutsche. Die Menschen haben den Deutschen seit langem satt, ihn und alles, (…) was er sagt, tut, denkt und glaubt. Von einem Ende der Erde zum anderen wünschen sie nichts sehnlicher, als daß diese unsaubere Sache aus der Gemeinschaft und aus dem Gedächtnis der Völker hinausgeworfen wird.“28 Und wiederum ist bei den deutschen und österreichischen Nobelpreisträgern jener Zeit, bei Mommsen, Eucken, Heyse und Hauptmann, solch Denken unvorstellbar.
Diese religiös befeuerte Kreuzzugsstimmung lebt auch heute. Ein US-Präsident bekennt 2002 öffentlich: „Ich bin der religiöseste Präsident der amerikanischen Geschichte und ein demütiger Sünder, der die Erlösung sucht (…). Ich beginne jeden Morgen auf den Knien mit gefalteten Händen. Ich bete dauernd, am Tisch und bevor ich zu Bett gehe.“ So weit, so gut. Doch der „mächtigste Mann der Welt“ schließt: Gott ist angesichts des Guten und des Bösen nicht neutral. Gott ist mit Amerika.“29 Hieraus folgt “Who is not for us, is against us.” Wer uns nicht folgt, ist gegen uns, denn er widersetzt sich dem Volk, mit dem Gott ist und das sich deshalb gern als God’s own people und als people oft the covenant sieht, als das Volk, mit dem Gott einen Vertrag geschlossen hat.
Was folgt aus alledem? Zweifellos eines: Auch in heutigen Kriegen gilt, was seit jeher gilt: Friede wird nur möglich, wenn die Kreuzfahrerei endet, der Gegner als Mensch geachtet wird und Ritterlichkeit gerade gegenüber einem Besiegten selbstverständlich ist, wenn z. B. deutsche Offiziere gefangene Führer der Taliban höflich und mindestens – mindestens! – mit Handschlag empfangen.

Anmerkungen

1 Nibelungenlied, hrsg. von H. Brackert. Fischer TB, 1973, Vers 2194, 2194
2 Friedrich der Große: Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg. Heyne Verlag, München 1975, S. 47
3 Das Buch des Dede Korkut. Manesse Verlag, Zürich 1958, S. 47
4 A. Noskoff: Der Mann, der Tannenberg verlor. Berlin 1938, S. 96 ff.
5 Abbildung bei F. Uhle-Wettler: Höhepunkte und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte. 3. Aufl., Graz, Ares Verlag, S. 71. Weitere Photos im Besitz des Verfassers. – Als der Verfasser nach einem Photo suchte, war das Denkmal bei Angehörigen der deutschen Botschaft in Belgrad unbekannt. Erst die nachdrückliche Forderung, Serben zu fragen, machte dieses Zeugnis deutscher Ritterlichkeit wenigstens Angehörigen der deutschen Botschaft bekannt.
6 Forschungsbericht der von der Bundesregierung eingesetzten „Wissenschaftlichen Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte“, Band 15: Eine Zusammenfassung. Bielefeld 1974, S. V und 194 ff.
7 Abbildung bei Uhle-Wettler, a. a. O., S. 285.
8 Abb. vom Antreten einer Ehrenkompanie bei F. Uhle-Wettler und A. Harvey: Kreta und Arnheim – die größten Luftlandeoperationen des 2. Weltkrieges. Graz, Stocker-Verlag, 2004, S. 80. Zitate aus der amtl. Griechischen Darstellung dieser Kämpfe (Hellenic Army General Staff, Army History Directory: An abridged history oft he (…) Greek-German war 1940–1941, Athens 1997, S. 196 ff.) ebendort, S. 81 f. und Abb. eines griechischen Gemäldes dieser Ereignisse aus der Ausstellung „Rupel April 1941. Der heroische Widerstand des Festungskomplexes ‚Eisenkastell‘ Athen 2002“ ebendort, S. 83/84.
9 Abb. in Soldatenjahrbuch, Jahrgang 1996. München 1996, S. 51
10 Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht – Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944, Ausstellungskatalog. Hamburg 2002, S. 94 ff., 100–179, 397 ff., 598 ff.
11 „Sonderbericht über das Verhalten der Jugendlichen in den besetzten Bezirken des Stalingrader Gebietes“ des Leiters der NKWD des Stalingrader Gebiets vom 15. April 1943, in: A. Epifanow/H. Mayer: Die Tragödie der deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad von 1942–1956 – nach russischen Archivunterlagen. Osnabrück, Biblio, 1996, S. 149 ff. Der Bericht legt dar, daß „die konterrevolutionären Elemente von der Wehrmacht massenhaft zur aktiven verräterischen Tätigkeit herangezogen worden sind“ – „Die meisten Jugendlichen zeigten sich (…) als nicht standhaft und feige; sie gingen auf die Seite des Feindes über (…) und es gab sogar offizielle Eheschließungen.“ Als Ursache nennt der NKWD-Bericht die „mustergültige“ Disziplin der Wehrmacht.
12 F. Owen: The Fall of Singapore. 3. Aufl. London 1972, S. 58
13 Syonan Times, Singapur, 12. September 1942. Abb. in F. Uhle-Wettler, Der Krieg, S. 89
14 Einzelheiten bei F. Uhle-Wettler: Alfred von Tirpitz. 2. Aufl. Graz, Ares Verlag, 2008.
15 Geoffrey Bennett: The battle of Jutland. London 1974, dt. Die Skagerrakschlacht, Heyne TB, München 1976, Fußnoten 185 und 212
16 D. Eisenhower: Crusade in Europe. New York 1948, S. 156 f.
17 Deutsches Soldatenjahrbuch, Jahrgang 1990, S. 425
18 C. v. Witzendorff: Erinnerungen, Eigenverlag, 1994, S. 112 (Empfang deutscher Generäle durch einen russischen General), S. 117 (Banner).
19 N. Pronay und Keith Wilson (Hrsg.): The political re-education of Germany (…) after World War II. London 1984, S. 40 ff.
20 W. Churchill: The Second World War, Vol. 4, S. 689 f.
21 W. Churchill: A. Bryant: Triumph in the West. London 1959, S. 423; Generalleutnant Browning: A. Bryant: A bridge too far, dt. Die Brücke von Arnheim. Frankfurt 1975, S. 173; US General Patton: M. Blumenson (Hrsg.): The Patton Papers, Tagebucheintrag Pattons vom 24. März 1945.
22 England: M. Veale: Advance to barbarism – The development of total warfare from Sarajevo to Hiroshima. London 1968, S. 142 f. – USA: Congressional record. Sixty-Fifth Congress, second session, Volume LVI, Part 1, Washington, Government Printing Office, S. 761 f. – Ablichtung des Wortprotokolls im Besitz des Verfassers.
23 D. Goodspeed: The German Wars 1914–1945. Boston (USA) 1977, S. 263.
24 John Colville: The Fringes of ­Power – Downing Street Diaries. London 1985, vol. I: 1939–1941, S. 311. Ähnliche Äußerungen schon 1940 wie „Wir werden Deutschland in eine Wüste verwandeln‘, man müsse sie alle „kastrieren“, S. 227 und 288.
25 Der Verfasser wurde in den 90er Jahren mehrfach als Militärberater nach Singapur eingeladen. Lange suchte er vergeblich nach den ihm aus der Literatur bekannten Denkmälern. Heute steht dort ein Schaukasten, der das Geschehene berichtet und durch Photos belegt sowie illustriert.
26 John Fuller: The conduct of war. London 1961, S. 217. Der spätere US-Präsident Hoover beurteilte die Aufrechterhaltung der Blockade bis in den März 1919 als ein „Verbrechen gegen die Zivilisation”; zit. mit Quellenangabe bei Ch. Tansill: Backdoor to war, dt. Die Hintertür zum Kriege. Düsseldorf 1956, S. 48 f.
27 Herfried Münkler: Der neue Golfkrieg. Reinbek 2002, S. 110 ff.
28 R. Kipling, zit. bei D. Aigner: Fetisch und Tabu, in: Criticon, Nov./Dez. 1987, S. 259. Hierzu auch St. Wallce: War and the Image of Germany. Edinburgh 1989, bes. S. 43 ff. und 58 ff., sowie J. Piper. The American Churches in World War I, Athens, Ohio, S. 49 ff.
29 Zit. nach Bericht Corriere della ­sera 1. Mai 2002, S. 14

 
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