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Kolonialherren

Von Carl Gustav Ströhm

Verfehlte EU-Politik in Bosnien

Wolfgang Petritsch und Bodo Hombach haben mit ihren Maßnahmen viel Porzellan zerschlagen und den Bemühungen um eine friedliche Zukunft der Region einen Bärendienst erwiesen. Die Folgen ihrer verfehlten Politik werden schon bald sichtbar
werden.

Die alte Weisheit des Konfuzius, wonach man nur alt genug werden müsse, um die – in diesem Falle: politischen – Leichen seiner Gegner und Konkurrenten stromabwärts treiben zu sehen, hat sich dieser Tage gleich an drei mehr oder weniger prominenten jetzigen oder ehemaligen Balkan-Funktionären der internationalen Staatengemeinschaft erfüllt. So wurde in Wien bekanntgegeben, daß der „hohe Repräsentant“ für Bosnien-Herzegowina, Wolfgang Petritsch, im kommenden Jahr Sarajevo verlassen wird, um als österreichischer Botschafter zur UNO nach Genf zu gehen, also auf einen vergleichweise nicht gerade einflußreichen Posten.
Fast gleichzeitig erklärte auch der bisherige Bevollmächtigte für den „Stabilitätspakt“, der Deutsche Bodo Hombach, seinen Rückzug – nicht nur aus dem Balkan, sondern aus der Politik: Er tritt in den Vorstand des Dortmunder WAZ-Konzerns ein (dem u. a. in Österreich Anteile an „Krone“ und „Kurier“ gehören) und wird im deutschen Wahljahr sicher dafür sorgen, daß die WAZ-Blätter stramm auf SPD Kurs einschwenken. Denn Hombach entstammt, ähnlich wie Petritsch, der Sozialdemokratie und war einst einer der Vertrauten des SPD-Bundeskanzlers Gerhard Schröder.
Der Dritte im Bunde hat den Balkan zwar seit geraumer Zeit verlassen, avancierte aber inzwischen zum außenpolitischen Berater des deutschen Kanzlers – ein Posten, von dem er unter skandalumwitterten Umständen zurücktreten mußte. Auch Steiner war und ist „rot“ eingefärbt. Alle drei „sozialistischen Balkan-Musketiere“ hatten während ihrer Tätigkeite eines gemeinsam: Sie konnten mit den Völkern, die sie verwalten, beraten, lenken und „überwachen“ sollten, nichts anfangen. Der Südosten Europas erschien ihnen als Fleckerlteppich wilder Nationalismen, die man – wenn man das segensreiche kommunistische Jugoslawien schon nicht direkt wiederauferstehen lassen konnte – am besten durch „Multi-Kulti“, möglichst große ethnische Vermischung und eine a-nationale, wenn nicht anti-nationale Politik beikommen mußte. Alle drei haben auf ihre Weise dazu beigetragen, daß etwa die katholischen Kroaten in Bosnien-Herzegowina – die kleinste unter den dortigen Volksgruppen – systematisch zurückgedrängt, schikaniert und geradezu verfolgt wurde.
Der aus Österreich stammende „hohe Repräsentant“ Petritsch brachte es auf diesem Feld zu einer gewissen Vollkommenheit. Er setzte selbstherrlich demokratisch gewählte Volksvertreter, Parteivorsitzende und Regierungsmitglieder – vor allem solche, die aus der kroatischen Volksgruppe stammten – ab, erteilte ihnen Verbot öffentlicher Tätigkeit (ein seit kommunistischen Zeiten nicht mehr gekannter Sanktionsakt). Mit Soldaten der internationalen SFOR-Truppe ließ er sogar mehrere Bankfilialen stürmen und verwüsten – unter dem Vorwand, man müsse gegen Geldwäsche und illegale Transaktionen der kroatischen Nationalpartei HDZ (Kroatische Demokratische Union) vorgehen. Das Resultat waren verängstigte Bankkunden, malträtierte Bankangestellte, verwüstete Schalter- und Büroräume. Bisher hat man von Resultaten einer „Untersuchung“ nichts gehört.
Binnen kurzem hatte sich Petritsch vor allem bei der kroatischen, katholischen Bevölkerung unbeliebt, wenn nicht gar verhaßt gemacht. Aber bis zum 11. September – dem Tage des Attentas von Washington und New York – schien trotz aller Konvulsionen alles nach Wunsch zu verlaufen. Der „hohe Repräsentant“ kämpfte an der Spitze seines bürokratischen Apparats – der weitgehend einer klassischen Kolonialverwaltung ähnelte – gegen den „Nationalismus“. Er setzte Politiker und Mandatare, die das Vertrauen ihrer Wähler genossen, ab – und setzte stattdessen vorzugsweise Ex-Kommunisten in Führungsfunktionen der bosnischen Regierung und Verwaltung: Leute, die sich neuerdings „Sozialdemokraten“ nennen, obwohl sie klassische kommunistische Karrieren hinter sich haben.
Zu allem Überfluß legte sich der österreichische „hohe Repräsentant“ auch noch mit der katholischen Kirche an und begann, öffentlich gegen den katholischen (kroatischen) Bischof von Mostar zu polemisieren. Das ging so weit, daß er den Oberhirten des politischen Extremismus bezichtigte.
Der Stabilitäts-Pakt-Bevollmächtigte Hombach trat zwar weniger in der Öffentlichkeit hervor und gab weniger provokante und umstrittene Erklärungen ab als sein österreichischer Kollege bzw. Genosse. Aber auch er verfing sich immer mehr im balkanischen politischen Gestrüpp. Hombach war zum Balkan gekommen, wie die sprichtwörtliche Jungfrau zum Kind: Er hatte ursprünglich Schröders Wahlkampf „gemanagt“ und wurde nach dem Wahlsieg der SPD über Kohl zum Kanzleramtsminister ernannt. Diesen Posten verließ er nach wenigen Wochen fast fluchtartig – es hieß, eine Hausbau-Affäre säße ihm im Nacken.
Schröder schob seinen Getreuen dorthin ab, wohin seit alters her Staatsdiener verfrachtet wurden, die im Westen nicht gut getan hatten: in den Balkan. Für diesen geschundenen Raum war er immer noch gut genug.
Der Balkan – besonders aber Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, natürlich auch Serbien und nicht zuletzt auch Kroatien, obwohl es – weil katholisch und „lateinisch“ geprägt, nicht zum klassischen Balkan gehört – ist ein sehr kompliziertes und gelegentlich explosives Gebilde, gewachsen in Jahrhunderten, heimgesucht von Türkenkriegen, in seiner ganzen Geschichte bis in die jüngste Vergangenheit fremdbestimmt und dazu von verschiedenen, gegensätzlichen Kulturen, Religionen, Mentalitäten und Nationalitäten überlagert: dieser Balkan bedarf, wenn man mit ihm fertigwerden und ihn im eigenen Sinne beeinflussen will, einer zwar manchmal energischen, aber hauptsächlich einfühlsamen Diplomatie. Wer sich in diesem prekären Raum aufführt wie ein Elefant im Prozellanladen, wer Gefühle verletzt, statt auf sie einzugehen (und mögen sie dem Neuling noch so abstrus erscheinen) – der öffnet die Büchse der Pandora und schafft neue Animositäten.
Erstaunlicherweise haben maßgebliche Repräsentanten des Westens die verschlungenen balkanischen Probleme nicht durch Einfühlungsvermögen, sondern durch Beharren auf vorgefaßten westlichen Klischees zu lösen versucht. Die drei sozialdemokratischen Balkan-Musketiere waren geradezu typisch dafür: Wenn die Wirklichkeit nicht so ist, wie ich sie mir vorstelle – umso schlimmer für die Wirklichkeit. Überdies spielten bei ihrem Verhalten natürlich auch persönliche Elemente eine Rolle: Es war ein phantastisches Gefühl, unbeschränkter Herr etwa über Bosnien und seine Bewohner zu sein, Huld und Ungnade nach Gutdünken verteilen zu dürfen. Einer solchen Versuchung, die ja meist mit einem „Verlust der Bodenhaftung“ einhergeht, können nur wenige widerstehen. Auch muß man sich die Distanz zwischen „hohen Repräsentanten“ und internationalen Bürokraten einerseits und der Bevölkerung andererseits vorstellen. Alle westlichen Vertreter in Bosnien beziehen – bis hin zum letzten „internationalen Polizisten“ – im Vergleich zu den Einheimischen sagenhafte Gehälter und genießen Privilegien erster Güte. Welch eine Verbindung zur Lebenswirklichkeit ist da noch möglich?
So wurde auf dem Balkan, wo die verschiedenen Religionen und Nationen schon immer hart aufeinanderstießen, munter drauflos verwaltet und angeordnet. Zunächst wurden die Moslems auf Kosten der Kroaten bevorzugt. Dann wurden die a-nationalen Wende-Kommunisten in Schlüsselstellungen gehievt – weil für den Westen offenbar Ex-Kommunisten leichter zu „handhaben“ sind als störrische einheimische Nationalisten. Es entstand zwischen Sarajevo und Mostar eine Art „mobbing“-Situation: alle hatten sich darauf eingespielt, auf den bzw. die Schwächsten einzuprügeln – und das waren nach Lage der Dinge nun einmal die Kroaten. So kam es dazu, daß die Vertreter des Westens in diesem Raum sich vorzugsweise an den einzigen „westlich“ orientierten Kräften und Personen – die Schuhe abputzten.
Doch wie schon gesagt: der 11. September hat auch hier die Perspektiven verschoben. Jetzt stellt sich heraus, daß die internationalen Repräsentanten – statt kroatische Banken stürmen zu lassen – sich lieber um das Einsickern von Fundamentalisten in die Strukturen des bosnischen Islam hätten kümmern sollen. Genau das ist nicht geschehen. Jetzt zeigt sich auch, auf wen der Westen in diesem Raum eigentlich überhaupt noch zählen kann. Schon mit dieser „Wende“ ist die bisherige Politik gescheitert – und so ist die personelle Veränderung an der Spitze auch ein zumindest indirektes Eingeständnis, daß der bisherige Amtsinhaber keine Lorbeeren geerntet hat.
Ebenso verhält es sich im Falle Hombach. Statt Stabilität auf dem Balkan zu schaffen, wurde der Mann aus dem Rheinland zum unfreiwilligen Zeugen weiterer Destabilisierung, Stichwort: Mazedonien, dann aber auch Kosovo, demnächst Montenegro – und auch der „serbische Kuchen“ ist noch nicht gegessen. Auch Hombach mußte erkennen, daß hier kein Ruhm zu ernten war – und so warf er das Handtuch.
Natürlich wird die vielzitierte internationale Gemeinschaft die Hintergründe durch einen Vorhang schöner Werte und Lobeshymnen auf die Verdienste der Ausgeschiedenen und Zurückgetretenen kaschieren. Nur dem geübten Auge wird nicht entgehen, daß hier die ersten Folgen einer verfehlten Balkan- und Südostpolitik sichtbar wurden.

 
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