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Rechter Rausch

Von Tomislav Sunic

Drogen und Demokratie

Man sagt, daß Morphium gut sei für Menschen, die unter starken Depressionen oder auch nur unter ausgeprägtem Pessimismus leiden. Obwohl diese Droge erstmals Ende des 19. Jahrhunderts in einem Laboratorium entstand, wurde ihre Basissubstanz – Opium – schon früher von vielen Aristokraten und reaktionären Denkern gebraucht.

So liebte es der junge und etwas geheimnisumwitterte Dichter der Deutschen Romantik, Novalis, Opium zu rauchen und in Form eines Saftes zu trinken, wohl um seinen Hang zum Tod, der u. a. im Gedicht „Sehnsucht nach dem Tod“ zum Ausdruck kommt, zu lindern. Die frühen Dichter der Romantik lehnten die Philosophie des Rationalismus und historischen Optimismus ab. Sie wandten sich nach innen, ihren Gefühlswelten zu, und hüllten sich in jene nachdenkliche Einsamkeit, die auch der Gebrauch von Opiaten endlos bietet.
Vor langer Zeit, irgendwo an den Küsten des nördlichen Afrika, verschlug es Homers Odysseus mit seinen Männern in das mythische Land der Lotosblume. Sobald die Seeleute aus Ithaka von dieser Pflanze gegessen hatten, vergaßen sie ihre Geschichte und ihre Heimat. Nur unter großen Qualen gelang es Odysseus, sie aus diesem künstlichen Paradies zu lösen. Was kann schlimmer für ein Volk, eine Nation sein, als das kollektive Gedächtnis zu verlieren und damit die eigene Geschichte?
Anders als viele moderne Möchtegern-Konservative und Tele-Evangelisten waren die Griechen und Römer keine Heuchler. Sie bekannten sich frank und frei zu den Freuden des Weines und der Liebe. „Sine Cerere et Baccho friget Venus“ – ohne Essen und Wein verwelkt auch das Liebesleben.

Eskapismus einst …

Die Flucht vor der beginnenden Industrie- und Massengesellschaft war eines der Hauptmotive für den Drogengebrauch unter reaktionären Poeten und Denkern, die der sich wandelnden Welt nicht anders begegnen konnten. Die Ankunft des frühen Liberalismus und Sozialismus war nicht bloß von rauchenden Fabriksschloten begleitet, sondern ebenso von Vereinzelung, Verfall und Dekadenz. Wenn man also schon nicht ans sonnige Mittelmeer entkommen konnte, dann mußte man sich zumindest sein eigenes, künstliches Paradies im regnerischen und nebligen London schaffen. In seinem Essay „Confessions of an English Opium Eater“ erzählt der junge englische Tory Thomas de Quincey ebenso von seinen Soho-Eskapaden mit der armen Prostituierten Anna wie auch von seinen spirituellen Reisen im Nachgeschmack des Opium-Genusses. De Quincey schildert dabei das Gefühl, wenn eine einzige Lebensminute zur Dauer eines Jahrhunderts anschwillt und so dem unerbittlichen Fluß der Zeit endlich ein Ende bereitet.
Auch Charles Baudelaire, der französische Symbolist und Dichter des 19. Jahrhunderts, erfaßte die Mystik von Opium. Er führte die aristo-nihilistisch-konservativ-revolutionäre Tradition des Rauschgift-Genusses mit einer Wasserpfeife, im speziellen der pakistanischen Huka, weiter. Von seinem einsamen Standpunkt aus beobachtet Baudelaire den Niedergang des alten Frankreich, in dem die Dampfwalze des anrollenden Liberalismus und Demokratismus mitleidslos alle Ästhetik und Poesie niederwalzt.

… und Eskapismus heute

Wenn man den Eskapismus der Postmoderne studiert, ist es unmöglich, die linke Subkultur und ihre pseudo-intellektuellen Sprachrohre zu umgehen. Die sogenannten 68er schrien nicht nur nach Befreiung von der politischen Autorität, sondern auch nach freiem Sex und Drogen. Sind diese linken Forderungen nicht Teil der modernen Religion der Menschenrechte? Schon zu Beginn der 60er Jahre erreichten diese Ideen durch ihre musikalischen Sprachrohre wie die Rolling Stones und Bob Dylan Millionen junger Leute in Nordamerika und Europa mit Slogans wie „Everybody must get stoned“.
Die Antwort der Rechten auf die Dekadenz der liberalen Demokratie war freilich die einer nihilistischen Gegen-Dekadenz. Der wesentliche Unterschied dabei ist, daß die reaktionären Rechten Drogen zu elitistischen und esoterischen Zwecken einnahmen. Die Ablehnung aller Demokratie, sei sie sozialistischer oder liberaler Ausrichtung, war für sie schon eine Temperament- und Stil-Frage. Als im 20. Jahrhundert der Lauf der Geschichte vom ersten in den fünften Gang schaltete, stellten viele rechte Dichter und Denker die Frage: Was tun, nach der Orgie? Der rechtsgeneigte französische Autor Jean Cocteau beantwortete diese Frage auf seine Weise: „Alles, was wir tun in unserem Leben, selbst wenn wir lieben, machen wir in einem schnellen Zug, der in Richtung Tod fährt. Opiumrauchen bedeutet, aus diesem Zug auszusteigen.“
Haschisch und Marihuana ändern die Körpersprache und vergrößern die soziale Philanthropie. Das Rauchen von Joints führt zu ungewöhnlicher Lachbereitschaft. Daher kann man Haschisch als kollektive Droge bezeichnen, die maßgeschneidert für Menschen ist, welche durch ihren Lebensstil Einsamkeit verabscheuen und wie Dickens’ sprichwörtliche Mrs. Jellyby einem Humanismus aus zweiter Hand und reuelosem Globalismus huldigen. Im heutigen Zeitalter einer promiskuitiven Demokratie nimmt es nicht wunder, daß Marihuana von zahllosen jungen Menschen im ganzen liberalisierten Europa und Amerika konsumiert wird. In den permissiven Gesellschaften unserer Zeit ist alles erlaubt, vorausgesetzt, man gefährdet die „political correctness“ nicht. Wie der Wein während der letzten zweitausend Jahre das politische Gesicht des Westens geändert hat, so hat Marihuana in den letzten dreißig Jahren die Zukunft der westlichen Jugend völlig zerstört. Wäre Stalin ein wenig intelligenter gewesen, hätte er nur in seiner transkaukasischen Heimat Marihuana-Felder anlegen lassen müssen. Statt dessen kümmerten sich die kommunistischen Tyrannen nur um die „killing fields“ des Gulag.
Der Vorteil von Liberalismus und sozialer Demokratie ist, daß diese via sex, drugs and rock’n’ roll, also durch die Mechanismen von Konsumismus und Hedonismus, tatsächlich gut funktionieren; was die Knüppel des Kommunismus nicht vermochten, erreichen die Joints des Liberalismus: Ohne Zweifel kann die westliche Jugend politisch korrekt am besten kontrolliert werden, wenn sie in Techno-Konzerten wie menschliche Herden zusammengetrieben und in holländischen coffee-shops legal mit Marihuana und unter dem Tisch mit crack, speedball und horse versorgt wird. Sind all diese Dinge nicht logische Bestandteile der liberalen Theologie der Menschenrechte?
Von Kokain wird berichtet, daß es erotische Gefühle steigern und den Geschlechtsakt verlängern kann. Der spätfranzösische faschistische Dandy und Autor Pierre Drieu La Rochelle liebte Koks und begehrte alle möglichen Drogen sowie alle unmöglichen Frauen. Das Problem dabei ist nur, daß der „Kokser“ oftmals das Gefühl von unsichtbaren Käfern hat, die von seinen Füßen hinauf zu den Knien kriechen, sodaß er schließlich von der Vorstellung befallen wird, nicht mit einer schönen Frau, sondern mit einem gräßlichen Reptil zu schlafen. In seinen autobiographischen Romanen Le feu follet und L’homme couvert de femmes ist La Rochelles Held ständig von Frauen bedeckt und von Opium- und Heroinräuschen benebelt. In seinen langen, intellektuellen Monologen sagt dieser Held von La Rochelles Romanen: „Eine französische Frau, sei sie eine Hure oder nicht, möchte gehalten und beschützt werden; eine amerikanische Frau zieht, wenn sie nicht auf der Jagd nach einem Ehemann ist, oberflächliche Beziehungen vor … Drogenkonsumenten sind die Mystiker einer materialistischen Zeit. Da sie nicht länger die Welt beseelen und verschönern können, tun sie es in einer umgekehrten Weise mit sich selbst.“ Letztlich endet La Rochelles Held mit Selbstmord durch Heroin und Revolver. Als 1945 der Sieg der Alliierten bevorstand, wählte der geistige Führer der erloschenen eurofaschistischen Internationale Pierre Drieu La Rochelle ebenso den Suizid.
Der englische konservative Aristokrat Aldous Huxley kann nicht umgangen werden, will man kommunistische Pathologie (Brave New Word Revisited) und marxistische, halbintellektuelle Schizophrenie (Grey Eminence) studieren. Als Romancier und Essayist war es sein lebenslanger Wunsch, sich vom Fluß der Zeit loszureißen. Mexikanisches Meskalin und die künstliche Droge LSD eröffneten ihm einen neuen intellektuellen Horizont, um das Ende seiner Welt und den Beginn einer neuen, dekadenten zu beobachten. Offenbar ist Meskalin ideal, um Farben wahrzunehmen. Jeder Tropfen auf Seurats stillem Wasser, jeder Hauch auf Dufys Blättern, ja jeder Stein in der stillen Natur des alten Vermer ergießt sich in Abertausenden neuen Farben. In seinem Essay The Doors of Perception notiert Huxley, daß „Meskalin alle Farben in größerer Kraft leuchten und dem Beobachter die unzählbar feinen Unterschiede bewußt werden läßt, für die er, ohne Droge, gänzlich blind ist“. Seine intellektuellen Experimente mit halluzinogenen Drogen setzte er für Jahre fort, und sogar auf seinem Totenbett in Kalifornien 1963 fragte er nach LSD – und bekam es: wohl um malerischer in die zeitlose Unendlichkeit zu gleiten.
Und was gibt es über den mehr als 100 Jahre alt gewordenen und stets rätselhaft gebliebenen deutschen Essayisten und Novellisten Ernst Jünger zu sagen, den auch der junge Adolf Hitler im Deutschland der Weimarer Republik gerne las und den Dr. Joseph Goebbels für eine Zusammenarbeit mit dem NS-Regime gewinnen wollte? Jünger jedenfalls, der aristokratische Einzelgänger, verweigerte sich allen Annäherungsversuchen der Nationalsozialisten und bevorzugte statt dessen seine „kriegerischen Reiseberichte“. In seinem Essay Annäherungen: Drogen und Rausch beschreibt er seine tiefen Beziehungen mit Drogen. Durch sie wurde er fähig, die gnadenlose Mauer der Zeit zu durchbrechen und sich in die fließende Unendlichkeit zu stehlen: „Die Zeit verlangsamt sich … Der Fluß des Lebens fließt sanfter … Die Ufer verschwinden.“ Helmut Kohl und François Mitterand freilich schätzten es zwar, im Sinne der franko-deutschen Versöhnung den alten Jünger zu treffen und zu lesen, doch vor seinem Kontakt mit Drogen schreckten sie zurück.
Auch Jüngers Zeitgenosse, der expressionistische Dichter und Arzt Gottfried Benn, nahm Drogen. Seine medizinischen Beobachtungen, die er in verschiedenen Gedichten verarbeitete, sammelte Benn als Pathologe – also Totenarzt – im Berlin der niedergehenden liberalen Weimarer Republik. Immer wieder tauchen in seinen Gedichten namenlose Tote auf, hingestreckt auf den Seziertischen des Pathologischen Instituts. Er beschreibt die toten Leiber junger Prostituierter, aus denen quietschende Mäuse schlüpfen. Trotz seiner politischen Neigungen lehnte er Auszeichnungen des NS-Regimes ab – und wurde doch am Ende des Krieges wie Tausende andere europäische Künstler in die Vergessenheit verbannt, vielleicht auch, weil er einmal bemerkt hatte, daß „große Gehirne nicht durch Milch, sondern durch Alkaloide gestärkt“ würden.
Moderne Psychiater, Ärzte und Soziologen liegen falsch mit ihrer Diagnose der Drogenabhängigkeit unter so großen Teilen der westlichen Jugend. Sie erkennen nicht, daß man, um Drogenmißbrauch zu bekämpfen, seine sozialen und politischen Hintergründe ändern muß, bevor man seine tödlichen Konsequenzen verhindern kann. Da die Krux des modernen liberalen Systems die Diktatur des Wohlgefühls und des Dogmas eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums ist, werden viele irregeleitete junge Menschen zum Fehlglauben geführt, daß jedem ewiger Spaß zusteht. In der Scheinwelt der Mediensignale ist es für viele schon eine sofortige Instant-Befriedigung, wenn sie sich in die Figuren der täglich laufenden soap-operas hineinversetzen. Bevor sie drogenabhängig werden, sind sie schon abhängig von der Scheinwelt des Fernsehens, die ihnen in subtiler Weise vermittelt, daß jedermann schön, reich und berühmt sein muß. In diesem Zeitalter einer TV-Mimikry werden die kopflosen jungen Massen gleichsam zu Impresarios ihres eigenen Narzißmus.
Doch solche Selbsttäuschungen können zu ernsthaften Depressionen führen, die wiederum Drogenkonsum und Selbstmord zur Folge haben. Kein Wunder, wenn in den liberalsten Ländern des Westens, wie Kalifornien, Niederlande und Dänemark, die höchste Korrelation zwischen Drogenabhängigkeit und Selbstmord besteht.
Während der Drogenmißbrauch einiger reaktionärer und konservativer Denker immer dem isolierten und prometheischen Wunsch, der Zeit zu entfliehen, entsprang, verbrennt derselbe Joint in linken Händen mehr als nur die Finger des Individuums: er vergiftet die gesamte Gesellschaft.

 

 

 
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