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Das Vaterland ist nicht mehr da

Von Martin Lichtmesz

Tirade eines Auslandsösterreichers

„Was hast Du bloß immer mit Deutschland?“, fragte mich mein Vater einmal zu Beginn meiner publizistischen Tätigkeit für die „Junge Freiheit“ und andere bundesdeutsche konservative Medien. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich etwa sieben Jahre in Berlin verbracht, seither sind es beinahe doppelt soviele. Ich hatte mich mal wieder in einer Tirade über die damals schon aktiven Deutschlandabschaffer verloren, und wußte gar nicht, was ich antworten sollte, schien es mir doch evident zu sein, was ich „mit Deutschland habe“ und auch sonst jedermann, der sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft Europas macht.

Österreich, oder genauer: der Teil von Niederösterreich, in dem ich aufgewachsen bin, wird freilich immer meine eigentliche Heimat sein, mein Mutter- und Vaterland im buchstäblichen Sinne, aber das große Ganze, das große Kino, der große erweiterte Kultur-, Geschichts- und Sprachraum, das Herz Europas, zumindest meines Europas, wird für mich immer Deutschland bleiben. Und damit meine ich weder den bundesrepublikanischen Staat noch seine heutigen territorialen Grenzen. Damit meine ich mit Alexander Kluge ein „2000 Jahre altes Lebewesen“, einen Fluß, dessen geschichtlicher Strom auch mich ans Ufer einer irdischen Existenz gespült hat, ein Ufer, das ich mir wie jedermann nicht ausgesucht habe, aber von dessen Schicksal ich mich ebensowenig lösen kann, wie von meiner Sprache oder meiner eigenen Familie. Dieses große Ganze war immer schon da, unerkannt und im fernen Hintergrund stehend, aber ich konnte es erst erkennen, seit ich in Deutschland lebe. Es ist im Grunde für alle Österreicher immer schon da und heimlich vorausgesetzt, allerdings haben die allermeisten eine Käseglocke über ihren Kopf gestülpt, die jegliches Durchsickern eines wahrhaft geschichtlichen Bewußtseins verhindert und stattdessen die stickige Luft von nationalen Lebenslügen, populären Irrtümern und All-Gemeinheiten konserviert.

Insel der Seligen?

Ich weiß, daß viele Bundesdeutsche Österreich als eine Art Insel der Seligen betrachten, als eine Art besseres und weniger verkomplextes Liliput-Alpen-Deutschland, besonders was die politische Kultur betrifft. Nicht nur gibt es dort in Form der FPÖ eine starke, in breiten Schichten der Gesellschaft etablierte Rechtspartei, Österreich hat auch generell den Ruf, daß man dort rechts von der Mitte mehr sagen, denken und tun, pompöser, zünftiger und patriotischer sein darf als in der Bundesrepublik. Dieses Image hat einiges für sich. Der Festkommers der Burschenschaften findet (oder, wie man inzwischen leider sagen muß: fand) mitten in der Wiener Hofburg statt, der Tod Jörg Haiders führt beinah zu dessen nationaler Heiligsprechung, und ein Andreas Mölzer hat eine Kolumne in der riesigen Kronen-Zeitung, was im Nachbarland sowohl in Bild als auch FAZ undenkbar wäre.. In Österreich bezeichnen sich altkommunistische Bildhauer mit antifaschistischen Staatsaufträgen (ich meine hier natürlich den seligen Steinbrockenquerkopf Alfred Hrdlicka) unironisch als „großdeutsch“ und wünschen gelegentlich auch mal die „Nürnberger Rassengesetze“ an „den Hals“ von Gregor Gysi. Waldheim gewann seinerzeit den Wahlkampf mit der Parole „Jetzt erst recht!“, die auf eine Verleumdungskampagne antwortete, die von einem Großteil der Österreicher empört zurückgewiesen wurde. Ja, sogar den Sozialdemokraten wird nachgesagt, daß sie vaterlandsliebende Gesellen seien, und sei es nur, um das Rot-Weiß-Rot gegen die deutschnationalen Blauen in Front zu bringen. Nach einem apokryphen Kreisky-Wort bestand schließlich die bedeutendste politische Leistung des Landes nach 1945 darin, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen gemacht zu haben. Wobei unter Kreisky, dem jüdischstämmigen Sozialdemokraten, Wiesenthal-Intimfeind und wohl populärsten Staatsmann der zweiten Republik mehr „Ehemalige“ in der Regierung saßen als vorher oder nachher, von ihrem Kanzler unnachgiebig verteidigt. Damit war der Bürgerkrieg zum Wohle der Republik beendet – vorläufig wenigstens.
Seit Kreisky ging es mit dem österreichischen Regierungspersonal rasant bergab, und heute ist sein Niveau wohl auf dem Tiefpunkt angelangt. Das ist so schlimm geworden, daß ich zwecks Schmerzvermeidung mich kaum mehr darüber am Laufenden halte, welche Null denn nun gerade in der Regierung sitzt. Ich mußte eben in der Wikipedia nachsehen, wer denn gerade Präsident und Bundeskanzler ist. Ein Herr Fischer und ein Herr Faymann, aha, und entgegen der traditionellen schwarz-roten Verteilung, sind beide von der SPÖ. Prost Mahlzeit! Aber macht das denn noch einen Unterschied?

Das Italien Deutschlands

Österreich ist so etwas wie das Italien Deutschlands, im Guten wie im Schlechten: liebenswürdig, aber im Grunde erzkorrupt und etwas lächerlich. Wenn es mal hart auf hart kommt, hat man immer noch den „Schmäh“ als Dauerausrede parat, frei nach dem altbewährten Motto: die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Also wird erstmal losgewalzert statt beispielsweise garstig zu Tode bewältigt, wo man eh zu keinem Ende kommen kann. Die Stockwerke werden schön separat gehalten, Sprüchlein und Taten sind zwei verschiedene Dinge, und statt deutscher Gründlichkeit ist das muntere Durch-, Herum- und Herauswurschteln angesagt, welches sich schon im Gründungsakt der Nation nach dem Krieg zeigte, als man sich zum „ersten Opfer“ der Hitler‘schen Okkupationspolitik stilisiert hat.
Das empfinden heute manche Leute als grundlegendes Defizit, Erbsünde und sonstwie böse Verfehlung, aber letzten Endes war das nichts anderes als die rettende Notlüge, die uns vor der kompletten Neurotisierung und Erpreßbarkeit im bundesdeutschen Stil ebenso bewahrt hat wie die staatlichen Lebenslügen der DDR die Mitteldeutschen, die immerhin von außen oktroyiert waren. Wir aber haben uns unsere Lügen wenigstens selber gemacht. Und das ist gekonntes Durchwurschteln, konsequentes Inkonsequentsein. Und das war im großen und ganzen gut.
Das ist aber nur die eine Seite der Sachertorte. Die andere ist, daß alles, was in Deutschland an politischen und gesellschaftlichen Übeln, Affekten und Komplexen kursiert, eben auch in Österreich munter sein Unwesen treibt. In demselben Maße, in dem die zweite Republik ins Stadium der Altersdemenz und -dekadenz tritt, verschlimmert sich das noch. Man hat offenbar vieles nachzuholen, besonders was die „Vergangenheitsbewältigung“ (auch schon ein beinah antiquierter Begriff) angeht. Dabei werden Grade an Grunzdummheit, Niedertracht und Giftigkeit erreicht, die man sich in der Bundesrepublik, wo die Verve schon längst in klappernde, ritualistische Routine verpufft ist, kaum vorstellen kann.
Wo ich in Deutschland noch imstande bin, die Lage einigermaßen sachlich zu kommentieren, bin ich in Österreich beinah sprachlos vor Zorn. Ja, Deutschland wird vor unseren Augen planmäßig, „abgeschafft“ und abgewrackt, und das ist schon schlimm genug, denn wenn Deutschland fällt, fährt auch sein Wurmfortsatz Österreich, ja Europa selbst den Orkus hinab. Ganz Westeuropa befindet sich heute in einem rapiden Prozeß der kulturellen, demographischen, wirtschaftlichen, territorialen Enteignung . Was hier aufs Spiel gesetzt wird, können wir wohl noch gar nicht ermessen. Aber wenn ich dieselbe Abbruchsarbeit in Österreich, der patria mia, am Werke sehe, empfinde ich nur mehr einen tiefen, wilden Schmerz und einen unbändigen Zorn auf die unverzeihliche Idiotie und Fahrlässigkeit, mit der mein Land an die Wand gefahren wird. Das ist alles jenseits der Kommentierbarkeit, das ist nicht einmal mehr eine Operette oder ein Kabarett, dem könnten selbst ein Nestroy oder ein Karl Kraus keine Pointen mehr abgewinnen.

Grunzdummheit ohnegleichen

Das beginnt schon mit einem beliebigen Blick auf ein beliebiges Wahlplakat. Nirgendwo sind die Politiker geschwätziger, unsäglicher, peinlicher, anbiedernder als in der Alpenrepublik, nirgendwo die Bewältiger bösartiger, hetzerischer und hemmungsloser, nirgendwo der gemeine Mann auf der Straße (nach dem seligen Erik von Kuehnelt-Leddihn auch „Neidgenosse“ genannt) dreister, besserwisserischer und anmaßender in seinen Ansprüchen. Das berühmt-berüchtigte „Mir-san-mir“-Feeling schmiedet hier ein zweischneidiges Schwert: einerseits hält es sein Zentralorgan, die Kronen-Zeitung, in erfolgreicher Frontstellung gegen den Rest der mehr oder weniger (auto-)gleichgeschalteten Medien (News, Profil, Österreich, Die Presse, Der Standard, Kurier, ORF…), andererseits hat es auch ein quer durch alle Lager gehendes, illusorisches Igelbewußtsein erzeugt, das zur Folge hat, daß mich auch intelligente und durchaus nicht weltfremde Menschen wie mein Vater oft fragen, was ich denn immer mit Deutschland hätte, mir aber gleichzeitig ständig was von Europa und der Globalisierung erzählen wollen. Genau entgegengesetzt der populären Meinung, muß, wer Ja zu Europa sagen will, zuerst Nein zur EU und dann Ja zu Deutschland sagen.
Zumindest den Teil mit der EU haben die Krone und ihre Leserbriefschreiber verstanden. Ja, ich weiß. Ich kenne alle Einwände gegen die Krone, und noch einige mehr dazu, aber sie minder zu achten, ihre katechontische Funktion zu verkennen (die zugegebenermaßen auch schon vor sich hinbröselt), ist das untrügliche Kennzeichen eines provinziellen und unaufgeklärten Gemüts. Aber wie soll das auch anders sein? Es gibt schlechthin keine Qualitätspresse in Österreich, weit und breit keine FAZ, keine Süddeutsche Zeitung, keine Zeit, keinen Focus, ja nicht mal eine taz (na gut – ich habe den Falter immer genossen, zumindest in Zeiten, bevor ich zu den finsteren Reaktionären überlief ). Wir sprechen von einem Land, in dem man ein seichtes Linksliberalen-Blättchen wie den Standard für „intellektuell“ hält, weil man die Näselstimme von Oscar Bronner aus der Radiowerbung (gibt es die eigentlich noch?) vage mit einem höheren Anspruch in Verbindung bringt. Was mich betrifft, so wurde ich des Blättchens prominentesten Titelseitenkolumnisten Hans Rauscher ohne Zögern als den wahrscheinlich dümmsten lebenden Menschen nominieren.

Verschweizerung

Bitte, ich habe nichts gegen das Provinzielle an sich. Im Gegenteil. Wer nicht auf dem Land oder zumindest in der Provinz aufgewachsen ist, ist in meinen Augen nur eine Art Halbmensch mit bedenklichen seelischen Defiziten. Aber das Provinzielle muß in einem dialektischen und ausgleichenden Verhältnis zum großen Ganzen stehen. Die Österreicher, die Joseph Roth beschrieb, lebten noch in diesem großen Ganzen, sie waren Teil einer Kultur, die sich von Prag bis Budapest, von Czernowitz bis Triest, von Preßburg bis Agram erstreckte. (Ich benutze gerne die deutschen Namen, weil sie so romantisch klingen.) All das bewahrte sie vor der Enge und Kleinkariertheit, die heute so typisch für sie sind. Das Einzige, das sie nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs vor dieser Entwicklung hätte retten können, wäre der Anschluß des verbliebenen deutschsprachigen Restes an das Deutsche Reich im Jahre 1918/19 gewesen. Diese schlüssige und vernünftige Option, die uns und der Welt womöglich auch 1933 und 1938 erspart hätte, wurde jedoch von den Siegermächten von Versailles und St. Germain trotz eines eindeutigen Beschlusses der sozialdemokratisch geführten „Nationalversammlung“ verboten. Österreich, das war im Grunde Habsburg, und der ganze große transleithanische und cisleithanische Raum, mit Wien als der altehrwürdigen Hauptstadt des alten, des „richtigen“ Reiches. Was nach dem verlorenen Weltkrieg folgte, war die zunächst erzwungene, dann freiwillige Verschweizerung. Auf diese sind wir heute mächtig stolz. In diesem Sinne war Dollfuß nicht weniger ein Schweizer als Schüssel oder Gusenbauer, ja sogar Haider mit seinem Ultra-Schweizertum, der Liechtensteinisierung Kärntens. Die Einigelung und Ent-Deutschung ihrer Identität nach 1945 war Schutzwall und Gefängnis der Österreicher zugleich. Heute sind sie dadurch zu kleinlichen Krämerseelen geworden, wie die Bänker und Käsemacher jenseits der Grenze, nur halt schlampiger, fauler und weniger effektiv. Und auch nach Zusammenbruch des Ostblocks bleiben die Österreicher in ihren überholten Alpenfestungswunschbildern und in ihrem größenwahnsinnigen Kleinheitswahn stecken.

Aa scho wuascht

Oder sehe ich das alles, wie gesagt, nur subjektiv so nichtswürdig und peinlich, weil es mir nochmal viel näher steht als irgendeine bundesdeutsche Kapriole und auf der eigenen Haut klebt wie eine nasse Lederhose? Gegenüber dem eigenen Stall ist man eben doch empfindlicher und intoleranter als in Nachbars Haus. „Right or wrong, my country“, das ist wie „Drunk or not, my mother.“ Wenn die Verblödung im heimischen Akzent spricht, dann klingt sie noch viel, viel blöder als in der Hochsprache oder Fremdsprache. Bei jedem Besuch in der alten Heimat kommt mir immer ein Qualtinger-Wort in den Sinn: „Dort, wo es einem schlecht geht, ist das Vaterland.“ Da fallen mir gleich wieder Dinge ein, die ich leider nicht erfolgreich zu verdrängen imstande war. Ich zitiere beliebig und zufällig, was mir gerade in den Sinn kommt. Da tauchen beispielsweise Telefonprotokolle auf, in denen man mitlesen kann, wie sich ein Herr Maischberger (FPÖ) und ein Herr Karl-Heinz Grasser (ÖVP) und ein Herr Plech gegenseitig den Reibach zuschustern, und vor lauter Schusterei den Überblick über ihre Geldsäcke verlieren:
Meischberger: Wo woar mei Leistung?
Plech: Deine Leistung war, ah, deine Leistung woar, ahhhh dass du, i bin jetzt völlig durcheinander wegen der anderen Gschicht, vollkommen, weil i hob des.
Oder ich lese eine Diskussion über die Aussetzung der Wehrpflicht, die von der in diesem Fall nicht mehr ganz so katechontisch agierenden Kronen-Zeitung ebenso dumm angegriffen, wie sie von ihren eher zaghaften Verfechtern verteidigt wird, die in einem Marketing-Slang vom Bundesheer sprechen, als handele es sich um eine Art Freizeitclub, den man „attraktiver“ machen müsse. Der gegenwärtige Verteidigungsminister, eine Gestalt von schon beinah bundesdeutscher, Wulff-artiger Seifigkeit, ist allen Ernstes ein ehemaliger Zivildiener, der die Wehrpflicht abschaffen will, und der zu Schaumschlägereien wie diesen imstande ist: ihn „fasziniere“ (!) am Bundesheer, daß „Vertreter der Zivilgesellschaft und der österreichische Soldat, wenn sie ihre Sache ernst nehmen, ein gemeinsames Ziel haben: die uneingeschränkte Verwirklichung der Werte des Humanismus“, natürlich nicht ohne den Wink zu vergessen, daß „Menschlichkeit nicht an unserer Staatsgrenze“ ende. Hindukusch läßt grüßen! Wenn nach Carl Schmitt betrügen will, wer „Menschheit“ sagt, dann erst recht, wer „Menschlichkeit“ mit „Auslandseinsätzen“ zusammenbringt. Geniale Ideen, wofür das ungeliebte Bundesheer denn nütze sein könne, hat auch der Ex-„Geilomat“ und jetzige sogenannte „Integrationsstaatssekretär“ Sebastian Kurz, der das Heer für ein prima Mittel hält, die „Integration“ und das „Österreich-Bewußtsein“ zu fördern, das unterdessen die Genossen von den Grünen aus unerfindlichen Gründen nach Kräften zu bekämpfen suchen. „Viele Migranten befinden sich in einer Identitätskrise, fühlen sich in Österreich wie auch in ihren Herkunftsländern als Fremde“, so äußert sich löblich einfühlsam der 25jährige Kurz, aber wenn man mich fragt, dann ist die „Identitätskrise“ der Migranten nicht gerade meine größte Sorge. Gewiß nicht angesichts einer mit mathematischer Sicherheit heranrollenden demographischen Umwälzung, in der sich die Identitätsfrage vor allem der Gruppe stellen wird, die zur Minderheit schrumpfen wird. Vor allem aber nicht, wenn ich jedes Jahr den weiteren „Fortschritt“ meines 4000-Seelen-Heimatortes in Niederösterreich sehe, dessen Einwohner ihre Häuser zunehmends mit Sicherheitstüren und Alarmanlagen ausstatten müssen, auf dessen Bahnhof man kaum ein deutsches Wort mehr hört und der von immer mehr und mehr fremden Gesichtern und unruhigen Jugendlichen aus allen Winkeln der Erde bevölkert wird. Ich lese, daß eine Frau Inci Dirim, erste Professorin für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Wien, ihre „Identitätskrise“ kurzerhand dadurch gelöst hat, daß sie Österreich „schon integrationsbedingt“ zum „mehrsprachigen Land“ erklärt, und die Klassifizierung von Türkisch als „Fremdsprache“ als „rassistisch“ ablehnt. In Wien wurden in diesem Frühjahr ein paar militante einheimische Islam-Konvertiten gefaßt, die angeblich den Reichstag sprengen wollten (was sich als Ente erwies), in Graz wurde im September mit Steuergeldern eine schwachsinnige Statue errichtet, geschaffen von einem „deutsch-türkischen“ Künstler, die einen Ritter mit nacktem Unterleib zeigt, eine „unzulänglich gerüstete und antiheroische Figur, die sich gängigen Narrativen entzieht“ um das Bild von Graz als „Bollwerk gegen die Türken als ‚historisches‘ Feindbild“, na, vermutlich, hm, „kritisch zu hinterfragen“ (oder so).
Im Juli heiratet mein treuester Wiener Freund in einer kleiner Salzburger Kirche. Seine Tochter wird auf einen habsburgischen Namen getauft. Ich bin als Trauzeuge anwesend. Zur selben Zeit lese ich endlich Joseph Roths grandiosen Roman „Radetzkymarsch“, die unerbittliche Schilderung einer Welt im Zusammenbruch, die mich in merkwürdiger Weise immer wieder an die Welt erinnert, in der ich heute, hundert Jahre nach dem unglücklichen Carl Joseph von Trotta, lebe. „Wir alle leben nicht mehr“, spricht der polnisch-galizische Graf Chojnicki in eine Runde, die den Ernst der Lage noch nicht erfaßt hat, „das Vaterland ist nicht mehr da.“ Einen Tag nach der Hochzeit, ich noch mitten in die Roth-Lektüre vertieft, melden die Zeitungen, daß Otto von Habsburg im Alter von sagenhaften 98 Jahren verstorben ist. Aber das ist vermutlich, wie man in Wien sagt, „aa scho wuascht“.

 

 

 

 

 
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