Archiv > Jahrgang 2011 > NO III/2011 > Gründlichkeit 

Gründlichkeit

Von General Dr. Franz Uhle-Wettler

Größte Tugend und größter Fehler der Deutschen

„Wahrscheinlich zeigt diese Anekdote unterschiedliche Denkweisen, die aus unterschiedlichen Eigenschaften erwuchsen. Solche Eigentümlichkeiten der Völker sind nicht selten. Nur zwei Beispiele: Man braucht nicht lange zu überlegen, welche Nation so fromm ist oder sich als so fromm empfindet, daß sie meint, God’s Own Country mit einer special mission zu sein. Sogar britische Historiker schreiben ihrer Nation eine Frömmigkeit zu, die sich zu der Überzeugung verdichtete, „ein British gentleman sei ein besserer Mensch, als irgend ein anderes Volk hervorbringen kann.“ Es ist auch offensichtlich, welches Volk so stolz auf vergangene und vielleicht auch gegenwärtige Leistungen ist, daß es sich als grande nation betrachtet; schon die ersten zwei Seiten von de Gaulles Memoiren beantworten diese Frage.
Das legt die Frage nahe, welche eigentümliche Eigenschaft und Denkweise die Deutschen aufweisen. Vielleicht sollten wir es mit einer Eigenschaft versuchen, ebenso wie mit der Frömmigkeit bei Briten und Amerikanern sowie dem Stolz vieler Franzosen. Hier bietet sich die Deutschen oft zugeschriebene Gründlichkeit, also das Bestreben an, alles 100prozentig zu tun.“

Die Gründlichkeit hat im 18. und 19. Jahrhundert erst die deutsche Philosophie und die Universitäten, dann Wissenschaft und Technik in oder gar an die Spitze der Welt geführt. Theodor Mommsens Corpus Inscriptionum Latinarum bezeugt heute mit, wie man sagt, mehr als 100 Bänden deutsche Gründlichkeit und ist weltweit unverzichtbar für jede gründliche Beschäftigung mit den alten Römern. Weitere Beispiele sind die von J. Krünitz ab etwa 1800 veröffentlichte Ökonomisch-technologische Enzyclopädie von 242 Bänden oder E. Erschs und J. Grubers 167-bändige Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste. Damit kann man kaum die 35 Bände der Encyclopédie raisonné des sciences vergleichen.
Die Forscher hatten sich ihre Aufgabe meist selbst gestellt; Richard Wagner: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun,“ also ohne nach Zeitaufwand, Lohn und Ruhm zu fragen. Das Ergebnis der Gründlichkeit: Von den 1900 bis 1915 verliehenen 30 Chemie- bzw. Physik-Nobelpreisen gingen 11 an Deutsche – als Zweite folgten die Briten mit fünf Preisen.
Aber schon bei unseren großen Philosophen führte die Gründlichkeit zum Aller-, Allerletzten. Kant befaßte sich mit dem „Ding an sich“, wie es „unabhängig vom erkennenden Subjekt für sich selbst“ besteht, Hegel sogar mit „dem Sein Gottes vor der Erschaffung der Welt“, also mit einer Frage, die nicht einmal die Bibel aufwarf. Hingegen gelten die Briten Hume, Locke und Mill als „Hauptvertreter des Empirismus“,1 also der Lehre, daß alle Erfahrung auf Beobachtung und Experiment gegründet ist. Die Folgen zeigt Goethes Bemerkung: „Während die Deutschen sich mit der Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt.“2
Mit diesem Urteil stand Goethe nicht allein. Das zeigt ein Poem Heines: „Franzosen und Russen gehört das Land / Die See gehört den Briten / Uns aber gehört im Luftreich des Traums /Die Herrschaft unbestritten.“
Die deutsche Gründlichkeit, er nennt sie Fundamentalität oder Tiefsinn, hat auch Friedrich Engels geschildert – und verspottet: „Wie man wohl weiß, besitzen wir Deutschen einen fundamentalen Tiefsinn oder eine tiefsinnige Fundamentalität. Sooft einer von uns etwas darlegt, hat er (…) zu beweisen, daß sowohl die ersten Prinzipien der Logik als auch die Grundgesetze des Universums von aller Ewigkeit her zu keinem anderen Zweck existiert haben als dazu, (…) zu dieser neuentdeckten, allem die Krone aufsetzenden Theorie hinzuleiten. Nicht weniger als ein komplettes ‚System der Philosophie‘, der Geistes-, Moral- Natur- und Geschichtsphilosophie; ein komplettes ‚System der politischen Ökonomie und des Sozialismus‘ und zum Schluss eine ‚Kritische Geschichte der politischen Ökonomie‘ – dicke Oktavbände, schwerfällig von außen und von innen, drei Armeekorps von Argumenten, ins Feld geführt gegen alle vorhergehenden Philosophen und Ökonomen.“3
Fragt man, ob Engels Recht hat, so findet man wiederum Goethe und Schiller: „Daß der Deutsche doch Alles zu seinem Äußersten treibet.“4 Goethe kritisierte die Neigung der Deutschen, von einem Extrem in das andere zu fallen, und rief uns zu: „Ihr seht schon recht manierlich aus – Kommt nur nicht absolut nach Haus!“
Wir können diese Aussagen daran messen, daß schon bei den Griechen die sophrosyne und die mesotes, das Maßhalten, und im Mittelalter die masze als Kern aller Tugenden galt. In dem bedeutendsten Heiligtum der Griechen, dem Tempel in Delphi, waren als Mahnung zwei Sprüche eingemeißelt: „gnothi seauton“, Erkenne Dich selbst, und medén ágan, Nichts im Übermaß. Aristoteles hat ein ganzes Buch über das Maßhalten geschrieben.5 Dort lehrte er, alles Gute liege zwischen den Extremen, so wie Freigebigkeit zwischen Verschwendung und Geiz, Tapferkeit zwischen Tollkühnheit sowie Feigheit, und wir dürfen ergänzen: so wie Gründlichkeit zwischen Oberflächlichkeit und Verbissenheit liegt. Ähnlich hat Stifter argumentiert: „Untergehenden Völkern verschwindet zuerst das Maß.“6 Schließlich Adenauer: „Der Deutsche neigt zum Extrem. Er ist oft zu theoretisch“7 – und das erinnert an das, was schon Goethe feststellte.
Aus alledem folgt: Auch für Gründlichkeit gilt: Wenn sie übertrieben und nicht mehr durch andere, meist vor-rationale, vor-aufklärerische Werte wie Anstand und Ehrgefühl im Maß gehalten wird, entstehen Gefahren, denn alles Maßlose, alles 150%ige ist über- oder gar unmenschlich und tendiert zum Verbrechen.

Rassebewußtsein – Rassismus

Ein Beispiel: Rassebewusstsein und sogar Rassismus, die Herabsetzung anderer Rassen, gab es früher überall. Heinrich Mann sagte den Untergang der Kultur voraus, solange man die Juden, „die wilden Tiere im freien Spiel der Kräfte duldet, anstatt sie auszurotten oder in Käfige zu sperren.“ Sein Bruder Thomas empfahl, gegen die russischen marxistischen Juden „mit standrechthafter Kürze“ vorzugehen.8
Als der Verfasser 1950/51 in den USA studierte, war es sogar in Ohio, einem der Nordstaaten, für ein „weißes“ College undenkbar, einen Farbigen zuzulassen, und zudem galt jeder als farbig, der nur ein einziges Tröpfchen „falsches“ Blut in den Adern hatte. Die gleiche Attitüde galt auch den Juden, die geschäftlich, nicht aber gesellschaftlich akzeptiert wurden. Mithin mußte jeder, dem eine Studentenverbindung die Mitgliedschaft anbot, eine Erklärung abgeben, daß er aus „weißem, nordkaukasischem Blut“ stammt, also Arier ist. Der Verfasser fragte, wie er das nachweisen solle? Niemand wußte eine Antwort. Schließlich sagte er, als Offiziersanwärter der Wehrmacht hätte er einen „Arischen Nachweis“ beibringen müssen, ob der genüge. Erstauntes Schweigen.
Rassismus war also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts leider fast normal. Aber Deutsche haben ihn unter Hitler und Himmler „zum Äußersten“, „absolut“ (Goethe) und mit „tiefsinniger Fundamentalität“ (Engels), also mit 150%iger Gründlichkeit betrieben. Das Ergebnis ist bekannt.
Eigenarten der Völker haben vermutlich ihren Ursprung oft in ihrer geschichtlichen Erfahrung. Wenn das zutrifft, ist anzunehmen, daß sie lange, sehr lange wirken. Geht man diesem Gedanken nach, etwa anhand der Frage, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen, so stößt man schon nach dem ersten der beiden verlorenen großen Kriege auf Bemerkenswertes.
Die Frage, wie es zur Niederlage 1918 gekommen ist, war berechtigt. Aber die Suche nach den Ursachen, die Bewältigung der Vergangenheit, wurde 150%ig, verbissen-maßlos betrieben. Das zeigen die Urteile von Zeitzeugen, deren Urteilsvermögen schwer anzuzweifeln ist. Maximilian Harden schrieb im April 1919, jeder „Fant“ erdreiste sich, gefallene Größen „anzupissen“ und wiederholte den Vorwurf des „Anpissens“ im November 1919 noch einmal. Theodor Wolf fühlte sich durch die „Manie“, alle Schuld auf ein Haupt abzuladen, an altorientalische Tyrannen erinnert. Walter Rathenau kritisierte ebenfalls jene, die alle Schuld auf ein Haupt (er nannte Ludendorff) abladen.9 Thomas Mann hat noch schärfer geurteilt.

Vergangenheitsbewältigung

Das drängt zu der Frage, ob die Vergangenheitsbewältigung nach dem verbrecherischen 150%igen Rassismus der NS-Zeit heute maßvoll betrieben wird. Hoffnung weckt, dass Adenauer seine eben zitierte Kritik an der deutschen Neigung zum Extrem mit der Feststellung schloß: „Wir haben aber teures Lehrgeld bezahlt.“
Fragt man also, ob heute jemand die VB, positiv oder negativ wertend, wenigstens „kritisch hinterfragt“, was viele sonst loben, so findet man bei uns wenig. Umso bemerkenswerter ist manch Urteil aus anderen Ländern, etwa von Timothy Ash. Ash verweist darauf, daß für „Trauerarbeit“ und „Vergangenheitsbewältigung“ im Englischen nicht einmal ein Wort vorhanden ist. Das gibt zu denken, denn auch andere Völker haben manches getan, was eine Bewältigung nahelegen könnte, etwa die teils auf britische Anregung und insgesamt mit britischer Zustimmung10 vollzogene ethnische Säuberung großer Teile des heutigen Osteuropa von 15 Millionen Deutschen, zudem unter schauerlichen Umständen.
Dennoch stellt Ash fest, bei der VB handele es sich um „eine deutsche Spezialität“, zumal andere Völker bei der Konfrontation mit dunklen Seiten ihrer Vergangenheit sich oft für einen Schlußstrich entschieden hätten. Jedenfalls habe die Bundesrepublik bei der VB „eine neue Norm der Vollständigkeit gesetzt“, also besonders gründlich gearbeitet.11
Gräbt man noch etwas tiefer, so findet man bald, was zu Kommentaren reizt. Diejenigen, die heute bei der Vergangenheitsbewältigung eine „neue Norm“ setzen, sie also wohl „bis zum Äußersten“ und „absolut“, 150%ig betreiben, scheinen anzunehmen, gerade sie hätten aus der deutschen Geschichte gelernt. Das reicht bis zu skurrilen Zeugnissen.12 Einige Beispiele. Sie scheinen unbedeutend zu sein. Aber sie sind so bedeutend wie die Bewegung eines Zeigers in einem Instrument, die Wichtiges anzeigt.
Eine persönliche Erinnerung. Als der Verfasser 1984 nach Rom versetzt wurde, war er weit und breit der höchste NATO-Offizier. Mithin glaubte er, italienischem Brauch folgen und einen Höflichkeitsbesuch auch beim Oberbürgermeister machen zu müssen, obwohl ihm abgeraten wurde, denn der Mann sei Kommunist. Zufällig kam das Gespräch auf das Mussolini-Denkmal, das noch heute an herausragender Stelle in Rom steht. Der Oberbürgermeister ließ es gerade restaurieren und die Inschrift „Mussolini – Dux“ (Mussolini – der Führer) neu vergolden. Er fragte, wieviele Hitlerdenkmäler in Deutschland noch stünden. Die Antwort machte ihn nachdenklich. Er sagte, er bewundere die Deutschen wegen ihrer Leistungen in Wissenschaft und Technik. Aber er könne nicht übersehen, daß deutsche Gründlichkeit auch zu Verbrechen geführt habe. Er liebe deshalb die mittelmeerische Kultur, die weniger gründlich und mithin menschlicher sei.
1986 urteilte eine Theologin, Dorothea Sölle, sie schäme sich, „zu diesem Volk zu gehören, seine Sprache zu sprechen, seine Lieder zu singen“. 13 1997 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine den Aufsatz eines Musikwissenschaftlers, der anhand der Johannes- und der Matthäus-Passion „nachwies“, daß Bach – Bach! – in der Tradition steht, die von Luther über Bach in die Gaskammern von Auschwitz führte. Die FAZ publizierte diesen Aufsatz sogar vor dem Karfreitag, wenn oft eine der Passionen aufgeführt wird.
Am 10. Juni 2009 veröffentlichte die gleiche Zeitung einen Artikel von Klaus Harpprecht, eines in der Bundesrepublik wichtigen Intellektuellen, zur Varus-Schlacht 9 n. Chr. Er kam zu dem Schluß: „Ach, hätte Varus doch obsiegt (…) und den Limes so weit nach Norden verschoben, wie es denn anging. Kein Preußen, kein Zweites, kein Drittes Reich.“ Im gleichen Jahr schrieb am 11. November Kerstin Decker in der taz die schon satirisch klingenden Zeilen: „Im Jahr 9 fielen die Deutschen zum ersten Mal im weltgeschichtlichen Maßstab auf. Ehrlicherweise müssen wir sagen: negativ. Äußerst negativ. Da schlägt ein Barbarenhaufen, der nichts kennt als das ewige Dämmerlicht seiner germanischen Hirne und Wälder, eine Hochzivilisation entzwei. Machen wir uns eigentlich klar, welche Schuld unsere Vorfahren auf sich geladen haben.“
Am 20. Juli 2009 wurden in Berlin Rekruten vereidigt. Frau Merkel war bei ihrer Ansprache binnen 60 Sekunden beim Holocaust, den sie zudem hebräisch Shoa nannte – wohl, ohne zu überlegen, wie viele der jungen Männer das Wort kennen. Und wenige Minuten später versicherte sie den Rekruten, daß sie nicht mehr zum „Kadavergehorsam“ erzogen werden. Sie führte so die Kriegspropaganda der Alliierten fort, an die dort wohl nur noch ideologisch Beflügelte glauben.
Zudem hat sich die deutsche Gründlichkeit bei der Trauerarbeit zu einer jener Pseudoreligionen verdichtet, die auch die Politik beeinflussen. Das reicht bis zu der Auffassung, die deutsche Schuld dürfe niemals, also auch in tausend Jahren nicht vergehen und sei moralische Grundlage der Bundesrepublik. So sind die Deutschen wohl das einzige Volk, bei dem das Wort „typisch deutsch“ (oder englisch usw.) einen negativen Unterton hat.
Das lockt, dem geistigen Hintergrund dieser Vergangenheitsbewältigung nachzugehen. Immerhin hat Thomas Mann schon über die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzende VB – er nannte sie Selbstkritik – wie folgt geurteilt: „Die Tatsache besteht, daß die deutsche Selbstkritik schnöder, bösartiger, radikaler, gehäßiger ist als die jedes anderen Volkes, eine schneidend ungerechte Art von Gerechtigkeit, eine zügellose, sympathielose, lieblose Herabsetzung des eigenen Landes nebst inbrünstiger, kritikloser Verehrung anderer.“14 In der Bundesrepublik braucht man nicht lange zu fragen, wem heute die „inbrünstige und kritiklose Verehrung anderer“ (Th. Mann) bei Kleinreden von deren Verbrechen gilt.
Fragt man nach dem Motor dieser Attitüde, so ist die Antwort leicht: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, und deshalb müßten wir die Vergangenheit „aufarbeiten“, tönt es allüberall. In der Tat: die alttestamentarische Tradition lehrt, daß „bis ins dritte und vierte Glied“ (Generation) „Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß“ gefordert und gebüßt werden muß.15

Amnestia

Aber dem widerspricht die europäische Tradition. In vielen altgriechischen Friedensverträgen versprechen die Vertragspartner adaia, Nicht-Erinnern und amnestia.16 Die germanische Gudrun-Sage berichtet: Ein Kronprinz raubt die berauschend schöne Prinzessin Gudrun einer anderen Königsfamilie. Gudrun wird, da sie sich weigert, den Kronprinzen zu heiraten, jahrelang wie eine Magd behandelt – ein weiteres Verbrechen. Doch schließlich kann Gudruns Familie ihre Tochter befreien und die räuberische Königsfamilie gefangennehmen. Aber Gudruns Eltern fordern keine Bewältigung der Vergangenheit und kein Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sie ziehen einen Schlußstrich, indem sie Heiraten zwischen den verfeindeten Familien arrangieren, sodaß endlich Friede möglich wird. Falls Sagen das Denken der Völker spiegeln, ist diese Sage wichtig.
Das Reich Karls d. Gr. zerbrach nach mehreren Kriegen erst in drei Staaten, dann in Frankreich und Deutschland. Schlimmes geschah in diesen Bürgerkriegen. Doch mehrere der die Kriege beendenden Verträge enthalten Bestimmungen des Vergessens. Der englische Bürgerkrieg (ab 1642) endete mit einem Gesetz über Straflosigkeit.17 Art. 2 des Westfälischen Friedens 1648 lautet „In amnesia consistit substantia pacis“, das Vergessen ist die Grundlage des Friedens. Nach dem gleichen Grundsatz handelten die Bourbonen, als sie 1814 auf den Thron in Paris zurückkehrten, und 1830 erneut die Orleans‘. 1918 hat Deutschland im Frieden von Brest-Litowsk nicht die Auslieferung des Zaren, von Kriegsverbrechern oder „Kriegsverbrechern“ gefordert. Noch 1923 forderte der Friede von Lausanne zwischen der Türkei und Griechenland das Vergessen beiderseitiger Taten. Andersartige Forderungen erhoben erstmals(!) – die Staaten der „westlichen ‚Werte‘gemeinschaft“ in Versailles; ihre erste und nur „vorläufige“ Liste von auszuliefernden Kriegsverbrechern nannte 895 Personen, dabei vom Kaiser an abwärts alle, die jemals im Reich Rang und Namen gehabt hatten.18 Und heute gilt eine Schlußstrich-Forderung in der Bundesrepublik fast als Sünde.
Zuzugeben ist, daß in manchen Fällen wohl beide skizzierte Traditionen jene Extreme verkörpern, die schon die Antike ablehnte. Die mittlere Position würde Prozesse wegen Verbrechen beider(!) Seiten erlauben, aber mit neutralen Richtern, gleichem Maßstab für Taten beider Parteien und mit Verjährung der Strafverfolgung oder wenigstens der Strafvollstreckung. Jedenfalls ist nicht selbstverständlich, daß – anders als in vielen anderen Staaten – die deutschen Politiker und Intellektuellen dem alttestamentarischen Grundsatz folgen und die alteuropäische Tradition mißachten. Zuzugeben ist allerdings: Diese Attitüde bringt ihnen Vorteile: Auch wer ihnen mit Argumenten widerspricht, macht sich als „Revisionist“ oder gar als „Rechter“ verdächtig, sie setzen sich selbst in die höchste moralische Position und sie gewinnen viel Unterstützung im In- und Ausland.

Wie die VB im Ausland gesehen wird

Andererseits fordert bei der VB die anzustrebende Mitte zwischen den Extremen Kenntnis auch der dunklen Seiten der eigenen Geschichte.19 Fraglich ist also nur, wie wir die VB betreiben. Deshalb kann interessieren, wie die deutsche VB im Ausland gesehen wird. Sie wird dort oft positiv beurteilt, zumal (oder weil?) sie das Gefühl, den (ehemaligen?) „Hunnen“ moralisch überlegen zu sein, bestätigt. Aber es gibt auch andere Stimmen, die selten zitiert werden. Beispiele:
Frankreich: Ein ehemaliger deutscher Jude, heute Franzose, Alfred Grosser, gilt als „Altmeister der historisch-politischen Aufklärung“ (FAZ). Er schreibt 2005: „Die dumme(!) Behauptung, Hitler sei gewissermaßen die Krone des Baumes der deutschen Geschichte gewesen und nicht nur ein dicker Ast neben anderen, hat die deutsche Öffentlichkeit dazu geführt, den ganzen Baum mitsamt den Wurzeln zu fällen.“ An anderer Stelle sagt Grosser, die Auseinandersetzung um die NS-Vergangenheit nähme oft(!) „masochistische Züge an“.20
England: Unter dem Titel „Die russischen Kriegsromane der 1990er Jahre – Eine Frage der nationalen Identität“ untersucht Univ.-Prof. Frank Ellis in der Salisbury Review, also in einem Blatt des Deutschland und den Deutschen meist abgeneigten britischen establishments, die neue russische Kriegsliteratur. Prof. Ellis verweist einleitend darauf, daß viele Völker Schwierigkeiten mit dunklen Seiten ihrer Geschichte haben: „Die gaullistische Propaganda war auf den Mythos gegründet, die Franzosen hätten sich selbst befreit und allgemein der deutschen Besatzung Widerstand geleistet; so versuchte sie die Franzosen, Vichy verschweigend, in einen der Sieger zu verwandeln (…) In Deutschland schufen die edelmütigen und entschlossenen Bemühungen von Politikern der Rechten und der Linken, die Nazi-Vergangenheit zu bewältigen, unglücklicherweise einen psychologischen Terror, der ebenso widerlich ist wie alles, was Goebbels auferlegte. Auf allen Ebenen des Erziehungssystems und der deutschen Medien wird den Deutschen unaufhörlich das Gehirn gewaschen (…) Die Bereitschaft so vieler Deutscher, sich an endloser Selbstgeißelung zu beteiligen, und so zu denken, wie das Establishment bestimmt, ist geistesgeschichtlich ebenso unnormal wie der französische Bombast über Widerstand gegen Nazi-Besatzung und Selbstbefreiung.“ Besonders bemerkenswert ist an diesem Urteil, daß es in einer Zeitschrift und dort in einem Zusammenhang (russische Kriegsromane) erscheint, wo man es wahrlich nicht erwartet.21
Griechenland: Gregor Manousakis, Politologe und Diplomat, wertet mehrere Fälle der Vergangenheitsbewältigung, z. B. den Fall Jenninger, als Beispiele eines „linken McCarthyismus“, einer „Tyrannei“, bei der „generell die eigene Nation und ihre Geschichte diffamiert werden.“22
Estland: Staatspräsident Meri warnte 1995 in Berlin: „Deutschland ist eine Art Canossa-Republik geworden, eine Republik der Reue. Als Nichtdeutscher erlaube ich mir die Bemerkung: man kann einem Volk nicht trauen, das rund um die Uhr eine intellektuelle Selbstverachtung ausführt.“23
USA: Prof. Dr. Showalter, ein auch in der Bundesrepublik anerkannter Militärhistoriker urteilt, es sei geradezu „ironic“, daß die ausgewogenste Beurteilung der Wehrmacht von einem Israeli (Martin van Creveld) geschrieben wurde. Hingegen konzentrierten sich die Historiker sowohl der DDR als auch der Bundesrepublik – die er also parallelisiert – im Dienst einer neuen Staatsordnung (new order) nur auf die Fehler und das Versagen deutscher Militärs. Das aber berge die Gefahr beträchtlicher Übertreibung und Verdrehung (overkill and distortion).24
Das führt zu dem Urteil, daß übertriebene Gründlichkeit der Kardinalfehler der Deutschen sein könnte. Dabei bleibt offen, was zu tun ist. Vielleicht sollten wir uns an Erich Kästner halten: „Was auch immer geschieht: / Nie dürft Ihr so tief sinken / von dem Kakao / durch den man euch zieht / auch noch zu trinken.“ Mithin müssten wir allen Äußerungen unseres politischen und intellektuellen establishments mit ausgeprägter Skepsis begegnen.
Am Schluß von alledem muß der Verfasser ein Versagen bekennen. Er hätte gern diese Darstellung deutscher Gründlichkeit etwas aufgeheitert. Aber er hat nur ein einziges Beispiel erheiternder Gründlichkeit gefunden. Es kommt vom Hindukush, dorther, wo „Deutschland verteidigt wird“! Die Soldaten dort sind „im Einsatz“! Ihr Lager heißt deshalb „Feld“-Lager! Aber auch dort muß gründliche Ordnung herrschen. Folglich stehen im Feldlager Radarfallen, um Soldaten, die im Einsatz sind und Deutschland verteidigen, zu fangen.25 Vielleicht dürfen wir wenigstens über dieses Zeugnis deutscher Gründlichkeit lächeln.

Anmerkungen

1 Kroeners Philosophisches Wörterbuch, 15. Aufl., 1960, Stichworte Kant, Hegel, Locke. Sehr ähnlich fast alle Aufsätze in H. J. Sandkühler (Hrsg): Handbuch des dt. Idealismus, Stuttgart, Metzler, 2005
2 W. Mommsen: Die politischen Anschauungen Goethes, Stuttgart, DVA, 1948, S. 296
3 F. Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Einleitung zur englischen Ausgabe, S. 7, zitiert in F. Uhle-Wettler („U. Werner“): Der Sowjetische Marxismus, 2. Aufl. 1964, S. 73 f.
4 Zit bei W. Mommsen, a. a. O., S. 294
5 Nikomachische Ethik
6 A. Stifter: Vorrede zu „Bunte Steine“ (1853).
7 K. Adenauer: Erinnerungen 1945–1953, Stuttgart, dva, 1965, S. 507
8 Artikel „Der jüdische Glaube“, zit bei F. Fest: Die Unwissenden Magier – Über Thomas und Heinrich Mann, Berlin, Siedler, 1985, S. 77, nach K. Schröter: Heinrich Mann in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck, Rowohlt, S. 34 ff; Th. Mann: Tage
bücher 1918–1921, hrsg.
von P. de Mendelssohn, 2. Aufl., Frankfurt 1981, S. 223
9 M. Harden: Die Zukunft, Heft 27/28, April 1919, S. 52 f.; 28. Jahrgang, Heft 8, S. 259; W. Breucker: Die Tragik Ludendorffs, 1953, S. 114. Inhaltlich ebenso wie Rathenau auch F. Fischer: Bethmann Hollweg, in: W. v. Sternburg: Die deutschen Kanzler, Königstein, Athenäum, 1985, S. 88
10 Churchill unterrichtete am 14. Jänner 1944 sein Kabinett über das, was er unter unconditional surrender verstehe und welchen Forderungen er zustimmen werde. Hierzu gehöre u. a.: Übergabe großer Mengen (vast quantities) von Maschinen sowie von mindestens vier Millionen Deutschen „für viele Jahre“ Zwangsarbeit an Rußland sowie weiterer Deutsche an weitere Staaten, die Gleiches verlangen werden, und auch Abtrennung aller deutschen Gebiete ostwärts der Oder sowie Abschiebung der deutschen Bevölkerung (The Second World War, Band IV, Boston 1950, S. 689 f.).
11 FAZ vom 25. Juli 1998, S. 6
12 Z. B.: Goethe, Kant, Schiller, Clausewitz, Hegel, Marx und Engels haben Friedrich „den Großen“, d’Alembert ihn den größten Philosophen seiner Zeit (A. v. Hase: Die These von der puisance éphémere, in: Milgeschichtl. Mitteilungen 2/90, S. 30) und Napoleon hat ihn „unsterblich“ genannt. Noch 1991 hat Sebastian Haffner den alten Beinamen verteidigt, den ihm die Nachwelt nicht „hämisch mißgönnen“ sollte (Helden und Heldenverehrung, in: Im Schatten der Geschichte, 3.Aufl. München, dva., TB 1991, S. 201 ff; ders: Preußen ohne Legende, TB Goldmann 1981, S. 78). Doch heute wissen es viele bundesrepublikanische Geistesgrößen eben besser. In der Berliner „National“galerie heißt der Preußenkönig bei der Erklärung der Menzel-Bilder zwar auf Englisch noch Frederick the Great, aber auf deutsch Friedrich II.
13 Recht positiv zitiert FAZ 9. 10. 2010, S. 35
14 Th. Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, Fischer TB, Frankfurt 1988, S. 289
15 2. Moses 20, 5; 2. Moses 21, 23 f.
16 Viele Beispiele bei Chr. Maier: Das Gebot zu vergessen (…) Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, München, Siedler, 2010.
17 A. Bahring: Aufarbeitung – Eine dt. Spezialität? FAZ vom 25. 7. 1996, S. 6
18 B. Schwengler: Völkerrecht, Versailles und die Auslieferungsfrage, Stuttgart 1982, u. a. S. 325 ff.
19 Der Verfasser hat in seinen Veröffentlichungen u. a. verwiesen auf den Genozid an den Juden, das Sterben russischer Kriegsgefangener, auf Himmlers Rede in Posen, auf den Kommissar- und auf den Barbarossa-Befehl.
20 H. Kohler, Rezension von A. Grosser: Wie anders ist Frankreich, in FAZ vom 29. September 2005
21 The Russian War Novels of the 1990s – A question of
national identity, in Salisbury Review, Vol. 22, Autumn 2003
22 G. Manousakis: Irra
tionale Elemente deutscher
Politik – Von Bismarck bis Schröder, Athen 2005, S. 10, 90, 95, 100).
23 Lennart Meri: Ansprache in Berlin am 3. Oktober 1995; zit. nach Wikipedia, Lennart Meri
24 D. Showalter, Rezension von F. Uhle-Wettler: Höhepunkte und Wendepunkte der dt.
Mil. Geschichte, in: MGM, hrsg. vom MGFA, 2/85; ähnlich ders. bei Stig Förster: Operationsgeschichte heute, in Milgeschichtl. Zschr., hrsg. vom MGFA, 61, Heft 2 (2002), S. 309, Fußnote 2

 

 

 

 

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com