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Der Nestbeschmutzer

Von Dr. Angelika Willig

Thomas Bernhard zum Achtzigsten

Autoren wie den vor 80 Jahren geborenen Thomas Bernhard wird Österreich nicht mehr viele hervorbringen. Und viele Österreicher sind mit dieser Aussicht ganz zufrieden. Sie können den Schriftsteller nicht leiden. Er gilt als „Nestbeschmutzer“, und es stimmt auch, daß die Heimat hier mit Schmähungen geradezu überzogen wird. Doch was man schmäht, wird dadurch zwangsläufig auch sichtbar. Und was in Bernhards Romanen sichtbar wird, ist ein Land, das es in den 60er und selbst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts noch gab, das aber inzwischen zunehmend unter der globalen Gleichmacherei verschwindet; ebenso wie andere europäische Länder und Landschaften.

In Thomas Bernhards karikierender Zeichnung tritt Österreich noch einmal unverwechselbar und plastisch hervor. Es fühlt sich kein Leser von diesem angeblich so unerträglichen Land abgestoßen oder gar gelangweilt, sondern im Gegenteil: Immer mehr möchte man von diesem schrecklichen, schönen, katholischen und nationalsozialistischen Österreich wissen und wird süchtig nach seiner Schilderung. Dieser Effekt wird in den kommenden Jahrzehnten noch zunehmen. Immer fremder wird uns das Enge und Charakteristische werden, das Bernhard in gekonnten Wendungen schmäht, und immer faszinierender wird es uns vorkommen. Aufgewachsen ist der Dichter im Salzburger Land, gelebt hat er teils hier und teils in Wien. Im Unterschied zu anderen Literaten, die ihr Glück in Italien oder in Amerika suchten, blieb Bernhard seiner gehaßten Heimat unbedingt treu. Sie ist die Grundbedingung für sein Schreiben. In diesem Sinne ist Thomas Bernhard gegen seinen Willen ein großer Heimatdichter geworden.

Das Positive in negativer Beleuchtung

Die Lektüre ist ein voyeuristisches Vergnügen. Allerdings handelt es sich um eine andere Art von Voyeurismus als zum Beispiel bei dem französischen Autor Michel Houellebecq, der nichts zu enthüllen vermag als die sattsam bekannte Flachheit und Oberflächlichkeit moderner Beziehungen. Thomas Bernhard hat noch Menschen und Dinge kennengelernt, an denen er sich sein Leben lang abarbeiten kann. Die Heimat hält ihn in ihrem bösen Bann, weil sich hier das ursprüngliche, harte, wirkliche Leben abspielt. In seinem Haß klammert er sich an jedes Detail seiner Umgebung und hämmert es dem Leser in steter Wiederholung ein. Natürlich schimpft Thomas Bernhard auch auf Vermassung und Modernisierung, doch das wäre zu einfach. Das Schimpfen auf Flachheit und Oberflächlichkeit wird selbst oberflächlich, sobald keine Substanz mehr vorhanden ist. Bei Thomas Bernhard ist die Substanz da. Indem er versucht, sich davon zu lösen, zeugt er davon. Er bleibt an die Eindrücke seiner Kindheit und Jugend und an die Bilder seiner Umgebung gekettet. Und genau das ist sein Glück als Schriftsteller. Denn daraus bezieht er seinen Stoff. Den Stoff, den neuere Autoren nicht mehr haben, und den sie sich mühsam aus allen möglichen Gebieten zusammensuchen müssen. Insofern ist Thomas Bernhard ein sehr altmodischer Autor. Er gehört noch zu denen, die nach Freiheit streben. Zugleich allerdings macht er sich über diese Freiheit keine Illusionen mehr. Sie bleibt bezeichnenderweise leer. So verweilt der Dichter nie länger bei dem, was er den heimatlichen Bindungen positiv entgegenzusetzen meint. Es ist vor allem eine traurig abstrakte Vorstellung von Geist und Kunst, bezeichnet mit Namen wie Glenn Gould oder Ludwig Wittgenstein. Was er glorifizieren möchte, schwindet unversehens unter den Händen des Künstlers hinweg, während das Objekt seiner Abneigung und seiner Verachtung umso plastischer und leuchtender hervortritt. Unwillkürlich kommt beim Lesen der Wunsch auf, die Vorzeichen umzukehren. Johannes Freumbichler, der Großvater und Förderer Thomas Bernhards, wäre gern ein berühmter Heimatdichter geworden, doch das Talent reichte nicht aus. Sein Enkel hat die nötige Begabung, aber er weigert sich störrisch. So bleibt sein Werk eine Art Negativ ohne die entsprechenden Abzüge.
„Auslöschung“ der eigenen Herkunft
Besonders naheliegend ist eine Umwertung für den letzten Roman mit dem Titel „Auslöschung“ (1988). Wie üblich gibt es eine zentrale Figur, die fast den gesamten Raum einnimmt und mit dem Autor zumindest teilweise identisch ist. Eine klassische Romankunst mit vielen Nebenfiguren erwartet man hier vergebens. Es bleibt nur die eine Stimme eines verzweifelten Ich. Dieses Gestaltungsprinzip ruft eine gewisse Monotonie hervor, die zum Stil von Thomas Bernhard gehört und durch das Mittel der Übertreibung noch gesteigert wird. Man gerät in einen Sog, der bis zum Schluß des Romans anhält. Dabei hat sich im Verlauf der „Handlung“ nichts geändert. Eine Entwicklung findet in diesem historischen Stadium nicht mehr statt.
Murau erhält ein Telegramm von seinen beiden Schwestern, das ihn nach Hause zurückruft. Seine Eltern und der Bruder sind tödlich verunglückt. Murau soll schnellstmöglich aus Rom, wo er seit einigen Jahren lebt, in seinen Geburtsort Wolfsegg kommen. Dieser Heimatruf trifft Murau mitten in einem Projekt, das sein Leben fast vollständig ausfüllt. Er will Wolfsegg und alles, was damit zusammenhängt, in seinem Inneren auslöschen. Seine römische Existenz ist im Grunde nichts anderes als dieser Versuch. Diese Existenz hat in sich keinerlei Bedeutung. Das fängt schon damit an, daß Murau in Rom keinem Beruf nachgeht, sondern neben einigen Privatstunden in Hotels und Cafés herumsitzt und das Geld ausgibt, das er von Wolfsegg erhält. Schon die finanzielle Seite signalisiert eine totale Abhängigkeit von Wolfsegg. Murau geriert sich als Literat und Freigeist. Doch geht es immer nur um die Verneinung des eigenen Herkommens. Liest man die „Auslöschung“ nicht im Hinblick auf die Intention des Autors, so wie man es uns in der Schule beigebracht hat, sondern gegen den Strich, so beinhaltet Wolfsegg alles, was Murau hat. Er ist in jedem Sinne der Erbe, aber nicht imstande, das Erbe anzunehmen. Murau hat sich in eine Utopie von Freiheit hineingesteigert, die ihn in der Welt umhertreibt, aber niemals zu einer Festigkeit führt. Woran er sich klammert, ist der Haß auf seine Herkunft. Das furchtbare Wort „Auslöschung“ bezieht sich schließlich nicht auf Wolfsegg, sondern auf Murau selbst.
Eine solche – unter Germanisten sicher verpönte – Auffassung läßt sich durch viele Stellen im Text belegen. So heißt es: „Ein solches Drama ist das großartigste Drama, das sich denken läßt. Dagegen ist die ganze weltliterarische Dramenliteratur lächerlich, dachte ich, wie ich den Salzburger Erzbischof die Totenmesse lesen gesehen und gehört habe. Wie gut, daß ich mich frühzeitig der katholischen Kirche entzogen habe, dachte ich.“ Hier wird klar, daß Thomas Bernhard mit der katholischen Kirche – genau wie mit dem Heimatland – eine Haßliebe verbindet. Er hat sich davon abgewandt, um nicht völlig darin aufzugehen. Vielleicht hat er sich sogar vorsorglich davon abgewandt, damit ihm diese Herkunft und Heimat nicht von anderen vor seinen Augen zerstört werden kann. Viele Stellen in „Auslöschung“ beziehen sich auf die moderne Kultur- und Naturzerstörung, so daß das einsame Ich sich jetzt von zwei Seiten angegriffen sieht: von der Vergangenheit und von deren Zerstörung. Er selbst will die Vergangenheit in sich auslöschen, während sie von außen viel wirksamer „ausgelöscht“ wird. Dies könnte eine Wende herbeiführen und den einzelnen auf die Seite des Herkommens treiben, doch das läßt der Autor nicht zu. Vielmehr bleibt am Ende nur noch die Selbstzerstörung: „Mein Rat an den denkenden Menschen kann nur der sein, sich vor der Jahrtausendwende umzubringen.“ Der Suizid sowie die Geisteskrankheit sind die letzten Refugien eines konsequent entfremdeten modernen Subjekts, das eine Wende nicht mehr zustande bringt. Wenn Thomas Bernhard diese Ausweglosigkeit nachvollziehbar gemacht hat, ist seine Berühmtheit bereits gerechtfertigt.

Naturliebender heimatverbundener Lebensstil

Was unbedingt für die Haßliebe spricht, ist die Wahl von Bernhards Wohnort. Auch nach seiner Etablierung als freier Schriftsteller, als er die Möglichkeit gehabt hätte, in Rom oder in New York zu leben, bleibt er in Österreich, und nicht nur das: er richtet sich an drei ländlichen Orten jeweils ein Haus ein – das Haus in Obernathal ist heute als „Bernhard-Haus“ zu besichtigen – mit allen Kennzeichen eines naturliebenden heimatverbundenen Lebensstils. „Ich bin ein Waldmensch. Am liebsten bin ich im Wald“, hatte sein Held Murau ganz unvermittelt gesagt. Sogar der Mercedes des Schriftstellers hat die Farbe Grün.
Seine ursprüngliche Liebe gehört dem Heilen und Schönen, seine intellektuelle Sympathie dem Häßlichen und Monströsen. Das mag auch damit zusammenhängen, daß der Nicht-Akademiker in seinen Jugendjahren die Grundgedanken der „kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule aufgenommen haben wird. Besonders krass erscheint das Schreckliche im Roman „Verstörung“ (1967). Ein junger Mediziner soll von seinem Vater, einem Landarzt, in dessen Praxis eingeführt werden. Diese Praxis liegt inmitten eines düsteren Waldgebiets und besteht aus lauter unheilbar kranken und abstoßend wirkenden Patienten, die seit Jahrzehnten dahinvegetieren und ihre häusliche Umgebung vergiften. Wie Nietzsche idealisiert Bernhard das Leiden nicht, sondern beschreibt die daraus hervorgehende Charakterdeformation. Der junge Arzt scheint sich ebenso wie sein Vater in den Berufsalltag klaglos einzufügen. Zum Schluß kommt die Visite beim Fürsten, dem der Wald gehört und der offenbar an Schizophrenie erkrankt ist. Seitenlang entwickelt der Fürst gegenüber den einfachen Hausärzten sein kompliziertes Wahnsystem, das sich in mancher Hinsicht mit der Weltsicht von Thomas Bernhard deckt. Das Ich erscheint darin übermächtig und zugleich aufs äußerste in die Enge getrieben.
Bernhards eigene Gesundheit ist zeitlebens angegriffen durch eine Tuberkulose, die ihn schon als 16-jährigen befallen, aber auch vor den Anforderungen eines „normalen“ Lebens bewahrt hatte. Hier lernte er seine langjährige und erheblich ältere Lebensgefährtin kennen. Der Aufenthalt in der Lungenheilanstalt wird mehrfach thematisiert, besonders in dem Roman „Wittgensteins Neffe“ (1982). Der Ort tritt hier in Verbindung mit der bekannten Wiener psychiatrischen Klinik „Steinhof“, die in Bernhards Werk immer wieder auftaucht.

Das Ich friert ein und dörrt aus
Der frühe Roman „Das Kalkwerk“ (1970) ist ein Meilenstein. Bereits dieser Text fällt durch seine Handlungsarmut auf. Es beginnt wie im Krimi. Ein Mann ist verhaftet worden, weil er seine Ehefrau umgebracht haben soll, die seit langem hilflos im Rollstuhl sitzt. Als Motiv kommt entweder der Wunsch in Frage, die Kranke loszuwerden, oder eine Art „Sterbehilfe“. Doch die Untersuchung der Tat wird im Verlauf der Handlung nicht weiter thematisiert. Vielmehr geht es darum, das Leben der beiden Menschen im „Kalkwerk“ genau nachzuzeichnen. Der Ort tritt in den Mittelpunkt. Das Wohnen im Kalkwerk ist Ausdruck einer ganzen Welthaltung und strahlt darauf wiederum zurück. In der Fabrik wird schon lange nichts mehr produziert, das Werk ist stillgelegt und erscheint kalt, einsam und unwirtlich. Der Entschluß, dort zu wohnen, geht einseitig von Konrad aus, der sich von der Welt zurückziehen und auch mit den Dorfbewohnern nichts zu tun haben will. Er möchte – ähnlich wie in „Auslöschung“ – möglichst seine ganze Umgebung ausschalten und neutralisieren.
Unausgesprochen liegt darin ein riesiger Hochmut. Andere Menschen suchen eine passende Gesellschaft auf, Konrad lehnt jede Gesellschaft ab. Das paradoxe Resultat besteht darin, daß er völlig angewiesen ist auf seine, wie es heißt, „verkrüppelte“ und zudem ungebildete Frau. Das Scheitern des immensen Anspruchs, den das isolierte Ich stellt, zeigt sich darin, daß es in seiner Einsamkeit an die schlimmste Gesellschaft gekettet bleibt. Um der verachteten Welt eine eigene Leistung entgegenzusetzen, will Konrad eine Arbeit über „das Gehör“ schreiben, eine teils naturwissenschaftliche, teils philosophische Studie. Alles wird gemessen an dieser großen „Studie“, die nie geschrieben wird. Sie bleibt im Kopf von Konrad eingesperrt und kann nicht heraustreten. Denn der Mensch ist auf Austausch angewiesen und der geistige Mensch auf geistigen Austausch. Isoliert er sich, so verkümmert er bis hin zur Geisteskrankheit. „Andauernde Gesellschaftslosigkeit stumpft genauso ab wie andauernde Gesellschaft“, muß der Dichter feststellen. Was Konrad gefehlt habe, sei „Furchtlosigkeit vor Realisierung, vor Verwirklichung“.

Das Geistige wird zur Geisteskrankheit

Da liegt der entscheidende Punkt. Denn was ist es eigentlich, das Thomas Bernhard so haßerfüllt als „österreichisch“, „katholisch“, „nationalsozialistisch“, als „grotesk“, „verlogen“ und „dumpf“ bezeichnet? Es ist schlicht die Wirklichkeit. Immer haben Dichter und Denker diese Wirklichkeit mit einer gewissen Furcht und Abneigung betrachtet und sich nach dem Reich des Geistes und der Freiheit gesehnt. Sie haben aber gleichzeitig in schmerzlichen Widerspruch dazu auch die Wirklichkeit geliebt in Form der Frau, in Form der Natur und in Form der Heimat. Diese Liebe hat sich Thomas Bernhard verboten. Und deshalb wird das Reich des Geistes immer mehr zu einem Ort der Geisteskrankheit – Steinhof als letzte Heimat.
Mit einem gewissen Recht kann man dem Dichter auch einen extremen Snobismus vorwerfen. Den ernüchternden und „deprimierenden“ Erfahrungen stellt er eine übertrieben idealisierte Geistigkeit gegenüber. In dem kurzen Roman „Der Untergeher“ wird das eigens thematisiert. Man erfährt hier, daß zur durchweg abgelehnten Realität auch der Kunst- und Kulturbetrieb gehört, das routinemäßige Opern- und Konzertwesen, die Salzburger Festspiele insbesondere, und die Karriere von Sängern und Musikern. Auch hier herrscht angeblich wie überall der „Stumpfsinn“ – ein Schlüsselwort. Die hohe Meßlatte, die zu diesem Ergebnis führt, geht immer wieder von einzelnen Genies aus. Im „Untergeher“ ist es der Pianist Glenn Gould, der es schon bald ablehnte, öffentliche Konzerte zu geben und nur noch auf Plattenaufnahmen zu hören war. Der Roman beruht auf der Fiktion, daß zwei junge österreichische Pianisten zusammen mit Glenn Gould an einem Meisterkurs bei Wladimir Horowitz in Salzburg teilnehmen. Während Gould bald weltberühmt wird, enden die beiden anderen als Durchschnitts- und als gescheiterte Existenz. Der „Untergeher“ kann es sein Leben lang nicht verwinden, daß er niemals so gut Klavier spielen wird wie Gould. Wie im „Kalkwerk“ ist es auch hier die absolut geniale geistige Leistung, die an der Realität scheitert und den Menschen zerstört.
Nie scheint Bernhard auf den Gedanken zu kommen, daß die abstrakte Trennung von wirklichem Leben und künstlerisch-wissenschaftlicher Leistung, die Trennung Materie und Geist, der Grundfehler unserer Zivilisation ist. „Er sei sich der Tatsache bewußt“, heißt es von Konrad, „daß es überhaupt keinen idealen, geschweige denn den idealsten Moment oder Augenblick oder Zeitpunkt überhaupt geben könnte.“ Und doch handelt er über Jahrzehnte so, als ob dieses Bewußtsein der Realität nicht vorhanden wäre. Und der Dichter geht trotz allem in der Sympathie für diese selbstzerstörerischen Charaktere auf. Er begreift sie – unbewußt – als Verkörperung der Epoche.
In dem Roman „Alte Meister“ (1985) findet eine Destruktion aller überlieferten Bildungsgüter statt. Am meisten trifft es den österreichischen Klassiker Adalbert Stifter. Dabei muß man wissen, daß Bernhard Jahre vorher Stifter als „den Größten“ gelobt hatte. Und eine seltsame Nähe zwischen den Autoren ist nicht von der Hand zu weisen. Die Erzählung „An der Baumgrenze“ erinnert in manchem an Stifters „Bergkristall“. Allgemein bekommen Landschaften und Dinge für Stifter wie für Bernhard eine Bedeutung, die über die Menschen beinahe hinausgeht. Nur sind es bei Stifter kostbare Gegenstände, bei Bernhard solche, die einen eigenen Schrecken verbreiten. Doch Stifter hat sich die positive Haltung hart erarbeitet. Persönlich leidet er unter Melancholie und endet durch Selbsttötung. Auch eine gewisse Provinzialität ist beiden Autoren gemeinsam, die konstitutiv zum Werk gehört und die Rede von der „österreichischen Literatur“ nahelegen. So könnte das „Kalkwerk“ als eine moderne Antwort auf den „Nachsommer“ gelesen werden. Die geheime Gefährdung, die von der Harmonie des „Nachsommer“ ausgeht, schlägt hier ins Schauerliche um.

Weg zum literarischen Erfolg

Die meisten Österreicher kennen Bernhard als den Verfasser des Theaterstücks „Heldenplatz“, das 1988 am Wiener Burgtheater unter der Regie von Claus Peymann aufgeführt wurde. Damals entstand ein Skandal, der wochenlang die Zeitungen und Leserbriefspalten beschäftigte. Verfaßt als Auftragswerk zum Jahrestag des Anschlusses von 1938, handelt das Stück von einer jüdischen Familie, die heute aus Österreich emigrieren will. Der Skandal geht von den vielen Österreich-Beschimpfungen im Stück aus, die einen neuen Höhepunkt erreichen, und besonders von der Behauptung, daß sich an der inneren Haltung der Österreicher seit 1938 nicht viel geändert habe. Diese Behauptung enthält insofern eine gewisse Wahrheit, als die Menschen sich im Kern immer gleich bleiben und eine siegreiche und vielversprechende Macht überall mit Freuden begrüßt wird. Mit solchen Tatsachen kann sich der feinsinnige Autor zeitlebens nicht abfinden und stänkert vehement dagegen an, worüber sich wiederum das Publikum aufregt – und noch häufiger amüsiert. Die zahlreichen Theaterstücke von Bernhard sind leichter konsumierbar als die Romane und literarisch wohl nicht so bedeutend. Auch hier fehlt die echte dramatische Handlung. Der Dichter schreckt vor dem Spiel mit bekannten Klischees nicht zurück wie in dem Stück „Über allen Gipfeln ist Ruh“, wo das Bildungsbürgertum vorgeführt wird.
Man ist gar nicht so verwundert, wenn man erfährt, daß der junge Thomas Bernhard es zunächst mit positiven Heimatschilderungen versucht hatte und sich eindeutig gegen das Vordringen der Moderne wandte. Der Erfolg dieser Texte blieb allerdings aus. Der Schriftsteller nahm sich daraufhin ausdrücklich vor: „Es darf nichts Ganzes geben, man muß es zerhauen. Etwas Gelungenes, Schönes wird immer mehr verdächtig. Man muß ja auch einen Weg möglichst an einer unvorhergesehenen Stelle abbrechen …“ Warum muß man das? Um die Wahrheit auszudrücken? Oder auch, um das literarische Publikum für sich einzunehmen? Sein schriftstellernder Großvater Johannes Freumbichler war sein Leben lang arm und unbekannt geblieben. Da der uneheliche Knabe die meiste Zeit beim Großvater lebte, hat er dessen Mißerfolg und Verbitterung hautnah miterlebt. Das sollte ihm nicht passieren. Vielleicht ist ein Gutteil jener Nestbeschmutzerei, über die sich Konservative so erregen, nichts als ein Mittel, um bei den Progressiven Eindruck zu schinden und Literaturpreise zu kassieren. So depressiv wie sein leiblicher Vater, der dem Alkoholismus verfiel und sich umbrachte, ist jedenfalls Thomas Bernhard nie gewesen. Er lebte gern und gut und besonders gern in Österreich. Er war gesundheitlich geschädigt, hielt sich aber unter der Pflege seines Arztes und Halbbruders mit vielen Medikamenten so lange wie möglich am Leben. Literarische Skandale unter und zerstreuten ihn wahrscheinlich am besten. Mit „Heldenplatz“ hat sich der ehemalige Schauspielschüler noch eine schöne Abschiedsvorstellung gegönnt.

 

 

 

 

 
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