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Charisma

Von Dr. Angelika Willig

Kunst wird wieder schön

In aller Stille hat sich im letzten Jahr eine Sensation ereignet – eine Kunstsensation. Auf den ersten Blick wirkt alles wie gehabt. Die Neue Nationalgalerie in Berlin, Mies van der Rohes eleganter Bau im Kulturforum, zeigt Werke der klassischen Moderne, also aus der Zeit von 1900 bis zu dem Zeitpunkt, da in Deutschland der Nationalsozialismus jeder freien Kunstentwicklung ein Ende machte. Diese Anfangsjahre der modernen Kunst gelten als besonders inspirierte, kühne und mutige Phase, der Aufbruch in eine anscheinend unbegrenzte Zukunft, in der alles erlaubt sein sollte. Das Jahr 1933 wirkt vor diesem Hintergrund wie der Einbruch eines Meteoriten, der plötzlich Finsternis verbreitet.

Wenn man aber genau hinschaut, finden sich in der Ausstellung ganz andere Hinweise. Vielen Besuchern mag es bei der gut eingeübten Begeisterung über bekannte kubistische und abstrakte Exponate gar nicht auffallen, sie müssen erst in den gelehrten Rezensionen nachlesen. So resümiert die liberale Wochenzeitung „Die Zeit“ kurz und bündig: „Die Moderne wäre auch ohne die Nazis an ihr natürliches Ende gekommen.“ Was heißt das? Woran läßt sich feststellen, was aus der Moderne geworden wäre, wenn die Nationalsozialisten nicht eingegriffen hätten? Für den Kenner läßt es sich an gewissen Anzeichen bereits vor 1933 feststellen, daß die Künstler vorsichtig nach einem Rückweg zu traditionellen Mitteln suchten, weil sie offenbar merkten, daß die Zukunft von Abstraktion und Experiment doch nicht so fröhlich und grenzenlos aussah, sondern schon sehr bald eine gewisse Ermüdung einsetzte. Diese Beobachtung kommt in der neuen Ausstellung und in den darauf folgenden Zeitungsartikeln zum Ausdruck, während sie bisher entweder versäumt oder verschwiegen wurde. Denn die erschreckende Folgerung daraus lautet, daß das Jahr 1933 künstlerisch kein unbegreiflicher Meteoriteneinschlag gewesen ist, sondern bloß die gewalttätige Verstärkung einer ohnehin vorhandenen Tendenz.

Moderne ist überholt

Es bedeutet aber noch mehr. Bis vor kurzem hatte die Kunstwelt verbissen an dem Dogma festgehalten, daß die traditionelle gegenständliche Malerei und Bildhauerei mit ihrem Anspruch auf Schönheit und Harmonie um das Jahr 1900 zwangsläufig von der Abstraktion abgelöst wurde. Die alten Kriterien sollten nicht mehr gelten. Die Zerstörung von Form und Schönheit erklärte man damit, daß der „moderne Mensch“ sich darin wiederfinde. Wer sich nicht darin wiederfinden wollte oder konnte, galt fortan als Banause, schlimmer noch als Nazi. Logischerweise hatten es die Deutschen nach 1945 besonders eilig, jede gegenständliche Kunst aus den Museen zu verbannen und „die Moderne“ als absoluten Maßstab für alle Ewigkeit festzuschreiben.
Nach mehr als 50 Jahren stellt sich nun allmählich heraus, daß die Künstler auch ohne nationalsozialistischen Terror ganz von selbst den Weg aus dem Käfig der Abstraktion zu einer neuen Natürlichkeit zu finden wissen. Es beginnt bereits bei jenen modernen Klassikern, deren Entwicklungsgang in der Berliner Ausstellung vorurteilsfrei gezeigt wird. Einige von ihnen kommen schon vor 1933 auf gegenständliche Formen zurück und tun damit etwas, was die Kunstideologen für gänzlich unmöglich erklärt hatten. Prominentes Beispiel ist der Bildhauer Rudolf Belling, Mitbegründer der modernen Skulptur. 1920 verkündete er: „Für mich ist Plastik zuerst Raumbegriff“ und schuf konstruktivistische Werke wie „Dreiklang“. Nur fünf Jahre später entstand ein „Kopf in Messing“, in dem die Frau des Künstlers eindeutig wiederzuerkennen ist, und 1929 präsentierte Belling sogar einen „Max Schmeling“ in realistischer Manier. Es gibt durchaus einen Weg von der Abstraktion zurück zur Gegenständlichkeit – sogar bei ein- und demselben Künstler.
Unter diesem Blickwinkel läßt sich die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts quasi neu schreiben. Als einen Weg nämlich, der vom vorübergehenden Experiment mit der Abstraktion langsam und auf Umwegen wieder zur Gegenständlichkeit zurückführt. Bestätigt werden wir dabei durch die Jahrtausendwende, zu welchem Zeitpunkt eindeutig wieder die gegenständliche, zum Teil sogar realistische Malweise dominiert.
Interessant ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der „Neuen Wilden“ in den 70er Jahren, eine damals überaus erfolgreiche Strömung, die mit expressionistischen Stilmitteln arbeitete. Wir erinnern uns: Mit dem Expressionismus hatte die Zerschlagung der gegenständlichen Welt angefangen. Sie führte bis zu Bildern, auf denen nur noch Farben und Flecken zu erkennen waren. Man glaubte, auch den Expressionismus in der Art einer historischen Gesetzmäßigkeit hinter sich gelassen zu haben. Georg Baselitz, Markus Lüpertz und andere Künstler begannen nun damit, wieder „expressiv“ wirkende Gestalten auf das Papier zu werfen. Baselitz stellt seine Bilder häufig auf den Kopf – vielleicht, um darüber hinwegzutäuschen, daß es sich um durchaus anschauliche, oftmals auf das Kriegserlebnis des Künstlers anspielende Darstellungen handelt. Die „Neuen Wilden“ bilden eine Art Durchbruch. Von nun an darf wieder mit einst verworfenen Mitteln gearbeitet werden, ohne sich in den Verdacht einer reaktionären oder gar „nazistischen“ Gesinnung zu bringen.

Langsamer Rückweg

Mit höchsten Preisen gehandelt wird heute das Werk von Gerhard Richter. Wer sich die Bilder ansieht, staunt über die akribische, handwerklich präzise Malweise. Realistisch ist das zwar nicht, aber erst recht nicht abstrakt. Auch die Darstellungen von einsamen oder gequälten Kindern bei Gottfried Helnwein wirken trotz Verfremdung ganz unmittelbar auf den Betrachter ein. Ein Kunstlexikon braucht man nicht, um ihre Aussage zu verstehen. Ganz selbstverständlich schieben sie sich zwischen die Magazinbilder, Fernsehbilder, Reklamebilder und die vielen Bilder des World Wide Web. Eine geschlossene Museumswelt, in der die Kunstpriester mit ihren Doktortiteln den Eingang kontrollieren, gibt es nicht mehr. Und damit ist auch das Diktat der Abstraktion gefallen.
Im Rückblick wird deutlich, wie sich schon die amerikanischen Pop-Art der Gegenständlichkeit wieder öffnet. Denken wir an die Darstellungen von Marilyn Monroe oder die berühmte „Suppendose“ von Andy Warhol. Die Beispiele erscheinen jetzt in einem neuen Licht. Zwar trivialisierte die Pop-Art bewußt die Malerei, welche einst religiösen und mythologischen Gegenständen vorbehalten war. Andererseits aber machte bereits Warhol den Realismus wieder salonfähig. Die Pop-Art wurde auch deshalb in den 60er Jahren so enthusiastisch begrüßt, weil auf den Bildern wieder etwas Konkretes und sogar attraktive Motive zu sehen waren. Von tristen grauen Leinwänden und geometrischen Figuren hatte man offenbar schon damals genug.
Es ist erstaunlich, wie lange sich eine Kunstdoktrin gehalten hat, die mit der Wirklichkeit schon längst nicht mehr übereinstimmte. Im Grunde sind es nur die ersten Nachkriegsjahre, in denen nach dem Motto „Nach Auschwitz läßt sich keine Blume mehr malen“ die reine Abstraktion von New York aus in die gesamte westliche Welt gepredigt wurde. Diese Verhaltensmaßregel hat gerade die deutschen Künstler lange verunsichert. Besonders die Darstellung des wohlgeformten menschlichen Körpers hatte man ganz der Werbung überlassen. Riesige Plakate mit schönen Frauen und aggressiv dreinblickenden Männern galten nicht als „faschistische Ästhetik“, solange sie für Autos oder Haarwaschmittel Reklame machten. Die Künstler hingegen scheuten vor jeder Berührung mit Muskeln und Brüsten zurück und schichteten stattdessen lieber undefinierbaren Unrat auf, um ihn dann als Kunst zu bezeichnen. Im Zweifelsfall ließ sich alles als Zeichen der tiefen Betroffenheit interpretieren.
In der DDR sah die Sache anders aus. An den Hochschulen wurde Malen noch in traditioneller Weise gelehrt. Nur die Motive sollten klassenkämpferisch zu verwenden sein. Sogar ein heroischer Zug ist im Rahmen des „sozialistischen Realismus“ durchaus erwünscht. Aus diesem speziellen Klima entstand nach der Wende die „Neue Leipziger Schule“ mit Neo Rauch, Tilo Baumgärtel, Peter Busch, Martin Kobe und anderen. Die ungeniert gegenständliche Malweise zusammen mit einer ironischen Haltung sowohl zur Demokratie wie zur Diktatur hat dieser Kunstrichtung schnell zu Höchstpreisen in den USA und in aller Welt verholfen. Die gleichen Kunsthändler, die so lange vom Primat der Abstraktion durchdrungen waren, kauften jetzt gierig bunte Phantasiewelten von Neo Rauch und stramme deutsche Jungs von Norbert Bisky. Das Geld geht immer dahin, wo der Zeitgeist ist. Und dessen Richtung hatte sich eindeutig geändert.

Altmeisterliche Fähigkeiten

Bei der „Neuen Leipziger Schule“ könnte es sich durchaus um eine neue „Blase“ handeln, die in den nächsten zehn Jahren platzt. Der Kunstmarkt heizt sich genauso auf wie der Geldmarkt. Doch auch ruhigere eigenwillige Künstler mit „altbackenem“ Respekt vor ihrem Gegenstand kommen wieder zum Zuge. Ende November begann im Museum der bildenden Künste in Leipzig die Ausstellung „Verwandlung der Götter“ mit Bildern des heute 41-jährigen Michael Triegel. In der Presse wird sein Porträt des amtierenden Papstes vorab vorgestellt. Ein Bild vom Papst? Geschaffen von einem zeitgenössischen Maler? Da denkt man sofort an Ulkereien und Obszönitäten, wie es bei religiösen Gegenständen seit langem schon gang und gäbe ist. Gerade hier fühlen sich moderne Künstler oftmals von der Tradition so erdrückt, daß Ausbrüche von Wut und Haß, ja von Gewalt kaum zu unterdrücken sind. Wie geht nun der Maler Michael Triegel im Jahre 2010 mit dem Motiv des Papstes um? Vorsichtig, respektvoll, bescheiden und altmeisterlich stellt er den weißhaarigen Herrn mit Ring und Kreuz auf seinem Renaissancesessel dar, ein Schriftstück in der Hand und den Betrachter von der Seite her nachdenklich anblickend. Triegel, obwohl konfessionslos, hat auch schon den Regensburger Bischof porträtiert. „Die letzte große Provokation besteht darin“, so erklärt er, „ein Auftragswerk zu malen nach Manier der Alten Meister“.
Sieht man sich dagegen das „schwarze Quadrat“(1915) von Kasimir Malewitsch an, kann man kaum noch begreifen, welche Bedeutung diese „Ikone der Moderne“ einst gehabt hat. Die öde schwarze Fläche schien die Kunstgeschichte gleichsam abzuschließen. Daß es trotzdem weitergegangen ist, erscheint wie ein Wunder.
Ist das nun die von Konservativen wie Walter Marinovic oder Richard W. Eichler so lange herbeigesehnte „Wiederkehr des Schönen“? Nicht unbedingt. Was ist zum Beispiel von der aktuellen Ausstellung im Hamburger Bahnhof zu halten, dem neuen zeitgenössischen Museum in Berlin? In der großen Eingangshalle, hell und kühl mit vielen silbernen Streben gestaltet, residieren derzeit zwanzig lebende Rentiere. Der Boden ist mit Holzwolle bedeckt, und Mitarbeiter des Tierheims laufen umher, um die Ausscheidungen der Tiere in regelmäßigen Abständen zu entfernen. Trotzdem riecht die Halle, genauer das Kunstmuseum, deutlich nach Zoo oder Zirkus. Die Kinder sind jedenfalls begeistert. Die Erwachsenen entdecken hinten ein paar riesige Pilz-Plastiken und oben große Volieren mit Kanarienvögeln, deren Piepen wohl zusätzlich Atmosphäre schaffen soll. Ist das noch „moderne Kunst“ oder schon „Rückkehr zur Natur“? Carsten Höller, für die Installation verantwortlich, ist studierter Landwirt und will auf eine Weise, die im modernen Kunstbetrieb offenbar ankommt, den Zugang zum Elementaren eröffnen. „Soma“ heißt die Ausstellung, übersetzt der Körper; gemeint ist hier allerdings ein „mystischer Rauschtrank“.

Belehrung und Genuß

Was die Kunst betrifft oder das, was man dafür hält, haben wir sicher noch nicht ausgelitten. Vieles wird dem allseits interessierten Publikum noch aufgetischt werden, was nicht unbedingt genießbar i und sein Geld jedenfalls nicht wert ist. Doch die Zeiten, in denen der Kunstbegierige vor leeren Tellern stehen gelassen wurde, vor Leinwänden, auf denen nichts zu sehen war, was überhaupt irgendeinen Sinn, eine Reaktion oder eine Emotion hervorrief, sondern bloß müde Ratlosigkeit, diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Mit dem „Ende der Geschichte“ hat sich auch das angebliche Ende der Kunst als Irrtum erwiesen. Alles ist wieder möglich, Rentiere, Mickymäuse, Päpste, Engel und nackte Brüste, Meisterschaft und Naivität, Weltverbesserung und purer Genuß. Das alles kann Kunst (wieder) sein und unendlich viel mehr. Es wird wieder spannend.
Im Herbst lief im Kulturzentrum Schloß Bonndorf die Ausstellung „Gegenständliche Kunst heute“ mit Volker Blumkowski, Johannes Grützke, Cordula Güdemann, Volker Stelzmann u. a. Solche Zusammenstellungen hatte es auch früher schon gegeben. Diesmal aber wird zumindest einer der Aussteller, der russische Maler Pavel Feinstein, im etablierten Feuilleton ausführlich besprochen. Abgedruckt ist ein Selbstbildnis als Affe, gemalt in ruhigem nüchternem Stil, so daß der Laie kaum sagen kann, aus welchem Jahrhundert das Bild eigentlich stammt. „Die Maler können heute nicht mehr malen“, hieß es lange beim konservativen Publikum. Jetzt wissen wir es besser. Die Maler durften lange nicht malen. Das Verbot ist nun gefallen. Und wie schreibt die „Zeit“ plötzlich mit größter Selbstverständlichkeit: „Vielleicht sind die von der Gegenständlichkeit befreiten Maler unfreier als die anderen. Denn die Faszination eines Gesichts, die Spannung einer Landschaft, die Gewitztheit einer Allegorie bleibt ihnen verschlossen. Und nicht zuletzt das ist der Grund, warum es mit der expressiv-abstrakten Kunst rasch wieder vorbei ist und das Pathos der großen Gesten umkippt in große Langeweile.“
Eine sehr schöne Einsicht. Nur leider etwas spät: Generationen von Künstler und Kunstbetrachtern sind von den Irrlehren der falschen Kunstpriester um Freude, Erfolg und Verdienst gebracht worden. Es gibt vieles nachzuholen und wiederzuentdecken.

 

 

 

 

 

 
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