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Seit wann wird Deutschland BRDigt?*

Oder 45 + 23 = 68 

Von Dr. Thor v. Waldstein

Was haben Claudia Roth und Ludwig Erhard gemeinsam? Was verbindet Cem Özdemir mit Konrad Adenauer? Glaubt man den vermeintlich „konservativen“ Verlautbarungen des deutschen Bürgertums, von den FAZ-Leserbriefspalten bis zu dem Politikteil der JF, stehen die verblichenen Gründerväter der Bundesrepublik für die gute alte Zeit des „Wir-sind-wieder-wer“ der 1950er und beginnenden 1960er Jahre. In diese heile Welt brachen dann 1968, quasi aus heiterem Himmel, die bösen Linken ein und zerstörten Tradition und Familie, so daß wir uns nicht wundern dürften, wenn die vorgenannten 68er-Figuren wie dieser „anatolische Schwabe“ und jene ebenso buntscheckige wie einfältige Grünen-Vorsitzende die mediale Szenerie beherrschen.

 

Beides, die Frühphase des Nachkriegsdeutschlands der ersten 20 Jahre und das politische Elend unserer Tage, hätte also, so lautet die Antwort auf die eingangs gestellten Fragen, nichts miteinander zu tun. 1968 sei gewissermaßen der Wendepunkt der BRD von einem trotz aller Verwerfungen positiven staatlichen Neuanfang der (West-)Deutschen zu der seitherigen abschüssigen Linie, die mit Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof begann und heute von nahezu jedem Vertreter der politischen Klasse, gleich welcher Couleur, verkörpert wird. Die nachfolgenden Zeilen wollen untersuchen, inwieweit diese Antwort einer genaueren Analyse dessen, was in (West-)Deutschland seit 1945 geschehen ist, standhalten kann.
Nach einem berühmten Satz von Ernst Forsthoff ist das Grundgesetz „nicht das Ergebnis einer politischen Entscheidung, sondern das Produkt einer Lage“. Und diese Lage war nicht gekennzeichnet von einer schöpferischen Atmosphäre, in der sich der deutsche Souverän nach dem nationalsozialistischen Debakel „in freier Selbstbestimmung“ (Präambel dixit) eine Verfassung gab. In Herrenchiemsee 1948 (und davor) bestimmten alliierte Interessen und nichts anderes den Gang der Dinge. So bezeichnete selbst einer der Väter des Grundgesetzes, Carlo Schmid, die u. a. von ihm unter alliierter Oberaufsicht ins Werk gesetzte westdeutsche Verfassung schließlich resignierend als „die Organisation einer Modalität der Fremdherrschaft“. Und diese Fremdherrschaft hatte unmittelbar nach dem Zeitpunkt begonnen, den der deutsche Soldat aus guten, der ideologischen Zukunft des Nationalsozialismus weitgehend gleichgültig gegenüberstehenden Gründen mit all seinem Mannesmut und seiner Opferbereitschaft bis zuletzt zu verhindern suchte: dem Zeitpunkt der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945. Schon wenige Wochen nach dem Einmarsch der Alliierten wurde die gesamte Klaviatur sozialpsychologischer Menschenbeherrschung virtuos zum Einsatz gebracht („reeducation“). Vielen Deutschen erschien schon wenige Jahre danach die Flucht aus dem eigenen hitlerkontaminierten Volk in das Bessersein des Westens als Königsweg der höchstpersönlichen individuellen Zukunft. Ein „Grundgesetz für (!) die Bundesrepublik Deutschland“, das in seinen ersten 19 Artikeln nicht vom Staat, sondern von Individuen und seinen (überwiegend pflichtenenthobenen) Rechten spricht, war für eine solche Zukunft durchaus der passende verfassungsrechtliche Rahmen. Mit deutscher Verfassungstradition hatte und hat dieses Gebilde wenig gemein, was i. ü. durchaus Absicht war: „Das deutsche Volk sollte sich der Verfassung anpassen, anstatt daß man die Verfassung dem deutschen Volke anpaßt“ (Günter Maschke). Auf dieser schiefen, in den Jahren von 1945–1949 angelegten Ebene schlitterte Westdeutschland dann in das sog. Wirtschaftswunder, dessen Wohlstandsexplosion den Blick auf das Politische endgültig vernebelte und zu dessen fatalen Fehlschlüssen bis heute die Annahme gehört, man könne alle politischen und sozialen Antagonismen einer Gesellschaft im Geld ertränken.

1968 als Fortsetzung von 1945 mit anderen Mitteln

In dieser westdeutschen Nachkriegsentwicklung stellte „1968“ nicht einen Bruch dar, sondern in diesem vielzitierten Jahr kam dasjenige zum Durchbruch, was 1945/1949 politisch und verfassungsrechtlich in Trizonesien angerührt worden war: nämlich ein Staat ohne Volksbezug, ein Staat ohne Geschichte, ein Staat ohne Souveränität, ein Staat ohne tatsächliche innen- oder außenpolitische Handlungsfähigkeit, ein Staat, der von Anfang an von Voraussetzungen lebte, die zu erhalten, geschweige denn zu schaffen, er nicht in der Lage war. Anstatt 1968 diese parasitäre westdeutsche Existenz, mehr das Ergebnis einer Niederlage als eines Neuanfangs, von nationalen Positionen her auf Substanz abzuklopfen, gefielen sich die 68iger in der grotesken Manie, die wenigen – trotz und nicht wegen der bundesrepublikanischen Stahlbäder – verbliebenen deutschen Traditionen und Institutionen mit der antifaschistischen Abrißbirne endgültig zu zerstören: „Die deutschen Linken verfielen mit der antifaschistischen Fixierung in eine doppelte Täuschung. Sie begriffen nicht, daß sie nur ein Strategem der Besatzungsmächte zur Niederhaltung des deutschen Volkes fortsetzen. Ebensowenig durchschauten sie ihre antikapitalistischen Affekte. Ihre instinktive, gar nicht aus der Luft gegriffene Ablehnung der Entwicklungen in der Bonner Republik kam nicht aus der geschichtlichen Ungeduld über versäumte Revolutionen, die immer noch nicht auf der Tagesordnung standen, sondern aus dem verbotenen, verdrängten Geist der deutschen Volksgemeinschaft. Allein die Linke hätte nach 1945 die zukunftsmächtigen Institute des Dritten Reiches, vornehmlich in den Bereichen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, retten können, in dem es sie sozialdemokratisch einkleidete. Entgegen der Kriegspropaganda hatten die Alliierten das Dritte Reich nicht hauptsächlich seiner negativen, sondern seiner positiven Züge wegen zerschlagen; Roosevelt entschloß sich zum Krieg, als sein wirtschaftspolitisches Instrumentarium, der New Deal, versagte. Für die Bonner Republik wäre es besser gewesen, sie hätte aus den Fehlern des Dritten Reiches als aus den Fehlern der Weimarer Republik gelernt; kein Verschwörer des 20. Juli 1944 wollte die Parteiendemokratie restaurieren. Es war eine einmalige Chance. Die Linke hätte damals das ganze Volk hinter sich gebracht ...“ (Hans-Dietrich Sander). Daß sie diese Chance vertan haben und sich als nützliche Idioten der Westmächte gefielen, die nichts mehr fürchteten und fürchten als einen wiedererweckten furor teutonicus, das gereicht den deutschen Sozialisten, die – im Gegensatz zu ihren europäischen Gesinnungsgenossen – ein gestörtes Verhältnis zu ihrem eigenen Volk haben, zum Vorwurf. Es geht also gerade nicht darum, der Linken vorzuhalten, sie hätte 1968 mit ihren Aktionen die Gemütlichkeit des BRD-Neobiedermeier in Frage gestellt. Solche Fragezeichen hätten durchaus zu einem unvermeidbaren und wichtigen Zwischenschritt werden können, um eine Position zurückzugewinnen, von der aus die Souveränitäts- und Politikdefekte der BRD sukzessive hätten beseitigt werden können. Dazu kam es indes nie, weil sich die Linken als Super-Alliierte aufführten und aufführen, die – der Reeducation treu ergeben – in einem liberalistisch-individualextremistischen Land nichts Besseres zu tun haben, als 65 Jahre nach Kriegsende alle vermeintlich noch verbliebenen gemeinschaftsorientierten Werte der Deutschen mit dem antifaschistischem Hexenhammer zu verfolgen.

Von Antifanten und Sackgässlingen

Es ist das Verdienst von Björn Clemens, in seinem sprachmächtigen Werk „Abendbläue“ dieses unsägliche „Austrinken des Untergangs“, dieses Ergötzen an der eigenen Schlechtigkeit, von dem die Deutschen seit 1945 gezeichnet sind, in den Mittelpunkt einer fulminanten Kritik gestellt zu haben. Dabei wendet er sich ausdrücklich gegen eine „Blickverengung auf 68, von dem angeblich alles Unheil seinen Ausgang nahm“ und rechnet ab mit jenem „Bildzeitungskonservatismus“, der – in Frontstellung gegen „links“ – den Status quo des bundesrepublikanischen Elends ad ultimo perpetuieren will. Der real existierende Liberalismus, der scheinbar alle Tugenden der Deutschen verätzt hat, bekommt von Clemens in einer „Typologie der Stunde Null“ einen Spiegel vorgehalten, der in dieser Schärfentiefe und Rücksichtslosigkeit als neu bezeichnet werden muß: Die Einwohner von Großwestdeutschland, die nur noch aus Bequemlichkeit deutsch reden, besteht doch ihre Bewußtseinswelt überwiegend aus Amerikanischem, werden kategorisiert in: Demopath, Resignant, Kapitulant, Ziffernmensch, Vergnügling, Bürgerling, Antifant oder konservativer Sackgässling. Dieser individuelle Beschreibungsansatz erscheint schon deswegen überzeugend, weil eine Staats- und Rechtsordnung, die vorgibt, den einzelnen und nicht die Gemeinschaft im Fokus zu haben, sich letztlich daran messen lassen muß, wie es denn am Ende um die „Qualität“ dieses umhegten Individuums tatsächlich bestellt ist. Die Bilanz ist vernichtend: Verfügte Deutschland im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und auch noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit über eine Vielzahl freier und prägender Individuen, die, wo nötig, kraft ihrer Persönlichkeit dem Zeitgeist nicht nur innerlich widerstanden, sondern auch aktiv widersprachen, so kann man heute Männer und Frauen, auf die Goethes Worte aus dem „Westöstlichen Diwan“
„Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn’ zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermißt;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bleibe, was man ist.“
zutreffen, mit der Lupe suchen, und zwar meistens vergebens. Bei Clemens erhält diese Heerschar grauer Mäuse, die sich „in der eindimensionalen Besitzwelt des Ziffernmenschen“ um ihre Individualrechte drehen und wenden und die gar nicht wissen, was (geistige) Freiheit ist, eine ebenso gnadenlose wie berechtigte Abfuhr. In messerscharfen Analysen und mit einem erstaunlichen sprachschöpferischen Mut geht Clemens den inneren Gesetzmäßigkeiten der „bunten Republik“ und ihrer zahllosen Lebenslügen auf den Grund. Der hohle Freiheitsbegriff aus der Mottenkiste von 1789 ff. („Freiheit wovon“ anstatt „Freiheit wozu“) gerät ebenso in das Zentrum einer beißenden Kritik wie die „Menschenwürdik“ als der – neben dem Liberalismus – zweiten zentralen „Verkürzungsideologie des Westens“.

Der Imperialismus des Westens

Clemens übersieht nicht den missionarischen Anspruch des Westens, alle Menschen dieses Planeten mit den Erbaulichkeiten von „freedom and democracy“ zu beglücken: „Der Westen kann nicht akzeptieren, wenn jemand seine Werte nicht übernimmt.“ Tatsächlich stellt gerade dieser ideologische Imperialismus des Westens, der den anderen Völkern ihr Recht nehmen will, nach ihrer eigenen jahrhundertelangen, im Zweifel ganz unwestlichen Tradition (weiter) zu leben, eine der entscheidenden Ursachen des Terrorismus dar. Clemens’ ungemein dichter Großessay, der in den Tiefen der deutschen Philosophie wurzelt, ist anzumerken, wie der Autor unter den Zuständen leidet, unter denen er und wir das zweifelhafte Vergnügen haben zu leben. Das bedingt gelegentlich eine gewisse Humorlosigkeit, der sich bisweilen ein Schuß Zynismus hinzugesellt. Beides ist aber vielleicht bei dem traurigen Thema unvermeidlich, jedenfalls für einen Autor, der mit Herzblut schreibt und sich Zarathustras Weisheit verbunden fühlen dürfte, wonach die großen Verachtenden „die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem anderen Ufer“. Zum Lesegenuß tragen viele Passagen gerade dadurch bei, daß Clemens die sattsam bekannte „Einerseits-andererseits-Rhetorik“ der edelfeuilletonistischen Politprosa meidet und in Kleistscher Radikalität „deutsch und deutlich“ die Dinge beim Namen nennt, die in der politisch-korrekten Wulffsgesellschaft unserer Tage entweder überhaupt nicht genannt oder lügenhaft umsponnen werden. Damit liegt der Autor ganz auf der Linie von Hans-Dietrich Sander, der dem Werk ein würdiges Geleitwort vorangestellt hat, dessen zuversichtliche Perspektive die Hoffnung noch nicht als abwegig erscheinen läßt, daß der westlichen Abendbläue doch noch eine deutsche Morgenröte folgen könnte.

Deutsch und deutlich

Umso unverständlicher mutet es an, warum ein so kluger und verdienstvoller Mann wie Günter Zehm, der unverdächtig ist, den westlichen Werten zu nahe zu stehen, es für angebracht hält, die „Abendbläue“ einer Art Generalverriß zu unterziehen („Björn Clemens und die Stunde Null“, in: „JF“ vom 9. April 2010). Unabhängig davon, daß man Clemens einiges vorwerfen kann, nur nicht, daß er „kreuzbrav“ ist, bzw. davon, daß sich Zehm in unnötige Polemik versteigt („Clemens hält sich in der Freizeit, wenn er sich von juristischen Scharfsinnigkeiten erholen will, für einen ‚Metaphysiker‘ ...“), muß man nach der Lektüre dieses „Pankraz“-Artikels die Befürchtung haben, daß Günter Zehm auch über 50 Jahre nach seiner Übersiedelung von der DDR in die BRD über den zuletzt genannten Staat (und seine Geschichte) Illusionen hegt. Sicher ist die Clemenssche Einschätzung der Person von Rudi Dutschke als „größte(n) Deutsche(n) nach 1945“ eine der wenigen Fehlgriffe der „Abendbläue“. Aber heißt das im Umkehrschluß, daß man die BRD-Zustände, denen die Dutschkesche Kritik in den 1960er Jahren galt, über den grünen Klee loben muß? Ist es wirklich so schwer zu begreifen, daß das politisch Wesentliche der 23 Jahre von 1945 bis 1968 nicht die westdeutsche Schönwetterperiode mit Italienreise und Heinz-Erhardt-Filmen war, sondern die von alliierten Zeitbomben („Frankfurter Schule“) befeuerte Inkubationsphase, in der die militärische Niederlage in die geistig-ethische Niederlage der Deutschen umgemünzt wurde? Wann begreifen die Konservativen endlich, daß 1968 nichts anderes war, als die Fortsetzung von 1945 mit anderen Mitteln? Wann wird den ewig Blauäugigen in diesem Lande dämmern, daß die ethnische Verabschiedung der Deutschen aus ihrer angestammten Heimat, die wir jetzt erleben, einem geheimen Einverständnis zwischen „1945“ und „1968“ entspricht? Wann wird der brave Bourgeois in Bundesrepublikanien verstehen, daß der „Nasenring“ (Armin Mohler), an dem ein altes Kulturvolk seit Jahrzehnten vorgeführt wurde und wird (angebliche „Bewältigung“ einer Vergangenheit, die nicht vergehen soll), den Deutschen 1945 und nicht 1968 angebracht wurde? Die von Zehm allen Ernstes positiv rezitierte trügerische Formel des Nierentisch-Nationalismus „Wir sind wieder wer“ (Ludwig Erhard) war und ist demgegenüber eine der großen Lebenslügen der Nachkriegsdeutschen: „Weder sind sie wieder der, der sie einmal waren, noch können sie ‚wer anders‘ sein, solange das Gewicht der Niederlage von 1945 noch auf ihnen lastet.“ An der Richtigkeit dieses Satzes von Hans-Joachim Arndt aus seinem Hauptwerk „Die Besiegten von 1945“ (1978) hat sich auch 20 Jahre nach der Wende von 1989/91 nichts geändert und wird sich auch nichts ändern, solange die Richtlinien der Politik in dieser zutiefst verletzten Nation von zum Teil ferngesteuerten, zum Teil ahnungslosen Figuren bestimmt werden, die sich vor allem darin einig sind, daß die „gefährlichen Deutschen“ nie wieder erhobenen Hauptes über sich selbst bestimmen dürfen. Falls die Deutschen noch beabsichtigen sollten, ihren Urlaub von der Geschichte zu beenden und ihre endgültige BRDigung abzuwenden, werden sie auf so unabhängig-ernste Köpfe wie Björn Clemens nicht verzichten können.


* Zugleich Rezension von: Björn Clemens, Abendbläue – Die Typologie der Stunde Null, Mengerskirchen 2010.

 

 

 

 

 
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