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Des Kaisers Prinz Eugen?

Generaloberst Hermann v. Kövess auf „No­nius“, Albanien 1916, Feldpostkarte nach einem Gemälde von R. A. Höger
Generaloberst Kövess (Bildmitte) mit Kaiser Karl und Zar Ferdinand v. Bulgarien, hinter der Front bei Rosulan 1916
Besuch eines Feldlazaretts: GO Kövess im Gespräch mit einem Feldpater der k. u. k. Armee, 1916
Dr. Julius Deutsch, der sozialistische Staatssekretär für Heerwesen, schreckte auch vor wahrheitswidrigen Behauptungen über Kövess und das AOK nicht zurück. Als Gründer und Obmann des republikanischen Schutzbundes floh Julius Deutsch nach dem Scheitern des Februar-Aufstandes von 1934 ins Ausland und kämpfte später als roter General im spanischen Bürgerkrieg.
FM Kövess v. Kövess­háza, Wien 1918

Von Mag. Georg Reichlin-Meldegg

Österreichs letzter Armeekommandant

Feldmarschall Hermann Baron Kövess von Kövessháza wurde im November 1918 von Kaiser Karl I. unter außergewöhnlichen Umständen in die Position des Armeeoberkommandanten befohlen. Erstmals widmet sich eine Biographie seinem Lebenzwischen endzeitlicher Monarchie und junger Republik. 

Im vollen Bewußtsein der hereinbrechenden Selbstauflösung der k. u. k. Armee notiert FM Hermann Baron Kövess von Kövessháza in den ersten Novembertagen 1918: „(…) Am 5.11. 1918 traf der Befehl des AOK ein, daß ich mich zur Übernahme des AOK schleunigst nach Wien zu begeben habe. Dieser Befehl war schon am 3. 11. 1918 an mich abgesendet worden, erreichte mich aber erst am 5. 11. 1918.“ Wie war es zu diesem augenscheinlich sehr überhasteten Befehl gekommen? Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner interpretiert diese dramatischen Stunden in seinem Standardwerk „Der Tod des Doppeladlers“ folgendermaßen: „Der Kaiser glaubte allerdings doch einen Weg gefunden zu haben, wie er selbst der Verantwortung für den Abschluss des Waffenstillstandes entkommen konnte. Er wollte den Oberbefehl niederlegen. Er beschwor den Generalstabschef [Arthur Frh. Arz v. Straußenburg], den Oberbefehl zu übernehmen, und händigte ihm am 3. November um 3 Uhr morgens ein liniertes Blatt mit den handgeschriebenen Worten aus. ‚Lieber GO Baron Arz. Ich ernenne Sie zu meinem Armeeoberkommandanten. Karl.’ Arz jedoch weigerte sich. (…)“­In dieser Zwangslage (fühlte sich Kaiser Karl doch – wie alle regierenden Habsburger – als „Mehrer des Reiches“) bestimmte er den Kommandanten der Heeresgruppe in Belgrad, FM Baron Kövess, zu seinem Nachfolger. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kövess das Kommando seiner Heeresgruppe an Erzherzog Joseph zu übergeben. GO Arz hatte demnach mitzuteilen: „S[eine] M[ajestät] hat gestern am 2. November den FM Baron Kövess zum Armeeoberkommandanten ernannt. Bis zum Eintreffen desselben hat GO Arz ihn zu vertreten.“ Tatsächlich war die Ernennung Kövess’ erst am 3. November möglich gewesen. Die Datumskorrektur war offenbar nachträglich erfolgt. Mit der Nennung des 2. November sollte wohl die Fiktion geschaffen werden, nicht der Kaiser, sondern der neue Armeeoberkommandant hätte den Waffenstillstand mit den Italienern abgeschlossen.­Untersucht man jedoch den zahlreichen Schriftwechsel der am Waffenstillstand mit Italien beteiligten Persönlichkeiten, so geht ganz klar daraus hervor, dass Kövess keineswegs eine Verantwortung für den Abschluß und Inhalt dieses Waffenstillstandsvertrages aufgebürdet werden kann.­

Das Ende der kaiserlichen ­Streitmacht­

Durch den in der Villa Giusti geschlossenen Waffenstillstand – und die bekanntlich daraus entstandene Konfusion auf österr.-ung. Frontseite – wurde fast das halbe Feldheer an der Südwestfront gefangen genommen, während der verbliebene Rest der k. u. k. Armee in die Heimat zurückflutete.­Gehorsam und loyal gegenüber der Krone, wie Kövess immer gewesen war, schiffte er sich demnach am 7. November in Apatin auf dem Donaudampfer „Ferencz József“ ein, um die Rückfahrt über Budapest nach Wien anzutreten.­Nachdem FM Kövess die Kommandoübergabe mit Erhzg. Joseph in Budapest abgeschlossen hatte, dampfte er am 8. November 1918 nach Wien weiter, wo er am 9. November spätabends eintraf. Dort übernahm sodann FM Kövess am 11. November befehlsgemäß das von Baden nach Wien verlegte AOK und führte es bis zu dessen Liquidierung am 20. Dezember 1918.­Mit nachstehenden dürren Zeilen der deutsch-österreichischen Staatskanzlei vom 19. Dezember 1918 war Kövess’ kurze Amtszeit als Oberkommandant unspektakulär zu Ende gegangen: „Seine Exzellenz den Herrn Feldmarschall von Kövess: Mit Beziehung auf die Rücksprache vom 17. Dezember beehre ich mich Ihre Exzellenz davon in Kenntnis zu setzen, daß der Staatsrat in seiner Sitzung vom 16. Dezember festgestellt hat, daß nach deutsch-österreichischem Recht ein Armeeoberkommando nicht besteht und daher kein Funktionär den Titel eines Armeeoberkommandanten zu führen berechtigt ist. (…) Der Staatskanzler, Dr. Karl Renner“­Zu Ende gegangen war damit auch die Existenz des kaiserlichen Heeres, das seit den Tagen des Generalissimus Wallenstein als stehendes Heer für den Schutz und Zusammenhalt des soeben untergegangenen Vielvölkerstaates gesorgt hatte. So führte beispielsweise das Dragonerregiment No. 8 seine Entstehung bis in die Jahre 1617 oder 1618 zurück. Glanzvoll war auch die Ahnenreihe der Heerführer dieser Wehrmacht: Nicht weniger als 295 Feldmarschälle standen in den Ranglisten der kaiserlichen Armee von 1600 bis 1918 verzeichnet. Das alles war mit einem Federstrich Geschichte.­

Eine Karriere mit Hindernissen­

Die Familie Kövess war ursprünglich ein altes westungarisches Geschlecht, das im Komitat Zala, einer Region um den Plattensee (Balaton), beheimatet war. Geboren am 30. März 1854 in Temesvár als Sohn eines Generals, unterzog sich Hermann Kövess am 30. April 1865 der Aufnahmeprüfung am k. k. Hainburger Kadetten-Institut. Von 1868 bis 1872 war Kövess Zögling der Technischen Militärakademie. In Klosterbruck befanden sich unter seinen neuen Kameraden die späteren Generäle Ernst Frh.v. Leithner und Oskar Potiorek, der vor allem rund um das Attentat auf den Thronfolger Ezhzg. Franz Ferdinand und nachfolgend während des Balkanfeldzuges gegen Serbien als Oberbefehlshaber der k. u. k. Streitkräfte für unrühmliche Schlagzeilen gesorgt hatte. Kövess beendete seine Akademiezeit mit Klassenrang 12 und der persönlichen Charakterisierung „gelassen, sehr strebsam und anständig“.­Nach Ablauf der vorgeschriebenen Truppendienstzeit wurde Kövess sodann am 1. 11. 1886 zum I. Korpskommando nach Krakau versetzt. Während seiner dortigen Tätigkeit sollte er die Prüfung zum Stabsoffizier absolvieren, um dann endgültig in den Generalstab aufgenommen zu werden. Was nun folgte, war der erste herbe Rückschlag in seiner bisher so erfolgreichen Militärlaufbahn, denn er scheiterte bei dieser sogenannten „Erzengel-Prüfung“, die im Frühjahr 1888 stattfand, und wurde somit nicht in den Generalstab übernommen.­Dieses Negativerlebnis sollte für die nun eintretende Stagnation seiner weiteren Karriere maßgeblich verantwortlich sein, und führte nicht zuletzt dazu, daß seine Laufbahn erst im Verlauf des 1. Weltkrieges zum angestrebten Ziel und Höhepunkt führen konnte. Obwohl Kövess sich ständig um eine Modernisierung der k. u. k. Streitkräfte in taktischer und operativer Hinsicht bemüht hatte und auch die Verbesserung der Ausbildung und Ausrüstung sein großes Anliegen gewesen war, bekam er schon während der ersten Kampfhandlungen an der Ostfront die Versäumnisse und Fehleinschätzungen der Armeeführung zu spüren, als er sich oftmals mit weit unterlegenen Kräften der russischen Übermacht stellen musste.­In den Erinnerungen des Generalstabsoffiziers im AOK und nachmaligen Minister in der Regierung Schuschnigg, Edmund Glaise von Horstenau, steht Hermann von Kövess sehr lebendig vor uns: „Er fiel durch sein gegen alle Vorschriften glattrasiertes Gesicht auf, das von einem dichten Haarschopf gekrönt war. Als er – ehemals Genist – zum Inspizierenden der Tiroler Befestigungen ernannt wurde, war das für ihn, der schon seinerzeit bei der ‚Erzengelprüfung‘ in den Generalstab durchgefallen war, ein Signum abeundi. Er hielt aber tapfer durch und bekam schließlich das Hermannstädter [XII.] Korps. Hier sollte er bei den schon berühmten Kaisermanövern 1912 ‚abgeschossen‘ werden, er kam aber mit einem blauen Auge davon. Im Sommer 1914 winkte neuerlich der ‚blaue Bogen‘ mit der Pensionierung. Da brach der Krieg aus. Wohl wurde der rangjüngere General v. Böhm-Ermoli sein Armeeführer. Aber er würgte den Groll hinunter und überstand alle Klippen der ersten Schlachten. Schließlich stieg er 1915 doch zum Armeeführer [3. Armee, sodann 7.] auf, wurde Eroberer von Belgrad, behauptete sich auch weiter, während rechts und links von ihm jüngere Armeekommandanten vom Schicksal weggefegt wurden.“­

Ivangorod, Serbien, Montenegro, Albanien

­Es waren diese vier Namen, welche Kövess als Heerführer in den Ruhmesblättern der österr.-ung. Armee verewigten. Während der Herbst- und Winterzeit 1914 erlitt Kövess’ XII. Korps schwere Verluste. Zu Beginn des Jahres 1915 wurde das Korps auf ein Armeegruppe vergrößert und Kövess mit seiner Truppe dem deutschen General von Woyrsch unterstellt. Während der Durchbruchsschlacht von Tarnów-Gorlice erreichte die Armeegruppe Kövess am 2. Mai 1915 die Weichsel und stürmte Anfang August die russische Festung Ivangorod, das strategische Ziel dieser Operation.
Nach seinem großen Erfolg in Ivangorod übernahm Kövess im September 1915 das Kommando über die neu formierte 3. k. u. k. Armee gegen Serbien. Dieser schlagkräftigen Armee gelang es unter der Führung von Kövess, als zweitem österreichischem Heerführer nach Prinz Eugen von Savoyen, am 9. Oktober 1915 Stadt und Festung Belgrad zu erobern, nachdem Tage zuvor gegen heftigsten Widerstand der Serben Donau und Save übersetzt werden konnten.
Sogar in der Dokumentation „Österreich-Ungarns letzter Krieg“ kann man eher selten verwendete Formulierungen lesen, die indes von verhaltener Jubelstimmung zeugen: „Zusammenfassend darf wohl gesagt werden, daß die Geschichtsschreibung diese Strombezwingung nach Vorbereitung und Durchführung zu den schönsten Beispielen solcher Unternehmungen zählen wird. Der österr.-ung. Wehrmacht im besonderen, die ihr Lieblingslied vom ‚Prinzen Eugenius, dem edlen Ritter‘ seit Jahresfrist nicht nur an die Ruhmestat dieses großen Heerführers, sondern auch an das Mißgeschick der ersten serbischen Feldzüge im Weltkriege erinnerte, wurde die Wiedergewinnung von ‚Stadt und Festung Belgerad‘ zur ersehnten Genugtuung für unverdient erlittene Schicksalsunbill.“
Gemeinsam mit der deutschen Heeresgruppe von Mackensen und bulgarischen Truppen war es nunmehr möglich, ganz Serbien zu besetzen. Für seine Verdienste bei der Niederwerfung Serbiens hatte Hermann von Kövess das Militärverdienstkreuz 1. Klasse mit der Kriegsdekoration und den höchsten königlich-preußischen Orden „Pour le mérite“ erhalten.
Die serbische Armee war somit geschlagen und zersprengt, die flüchtenden Reste wurden von den siegreichen verbündeten Armeen energisch verfolgt, wenn auch die Einkreisung und Vernichtung des tapferen Gegners nicht gelungen war. Die Reste der serbischen Armee flüchteten nach Montenegro. Die k. u. k. 3. Armee war bis zum Jahresende 1915 an die Nord- und Nordostgrenze von Montenegro gelangt und nahm die Verfolgung auf. Kövess übersiedelte im Jänner 1916 nach Sarajewo, um von dort den Feldzug gegen Montenegro zu leiten.
Dem Einmarsch in Montenegro standen beinahe unüberwindliche Hindernisse entgegen, die im wesentlichen im unwegsamen Terrain und in der ungünstigen Jahreszeit – Jänner 1916 – lagen; doch wurden einmal mehr alle Schwierigkeiten überwunden und – wie vor Belgrad – wieder der „Stier bei den Hörnern gepackt“, so geschehen bei dem als uneinnehmbar geltenden Schreckensberg, dem Lovćen.
Dennoch war im Verlauf der Kämpfe der 3. Armee die erste Station auf dem so unerwartet raschen Sieg die Einnahme des Lovćen, der am 11. 1. 1916 von der 47. ID, die Bestandteil der 3. Armee war, erstürmt wurde. Montenegro, unter König Nikitas I., mußte die Waffen strecken. Die 3. Armee fiel nun mit großem Schwung in Albanien ein, eroberte Scutari und schließlich Ende Februar 1916 die von den alliierten Truppen verteidigte Hafenstadt Durazzo. Nach der ebenso raschen Eroberung von Albanien wurde Kövess mittels Allerhöchsten Handschreibens zum Generalobersten ernannt. Er war damit neben Conrad der einzige nicht erzherzogliche Armeekommandant, der bis zu diesem Zeitpunkt in diesen Rang vorgerückt war.

Nach Czernowitz und ­Siebenbürgen

GO Kövess machte schließlich im Mai 1916 Conrads’ „Strafexpedition“ in das venetianische Tiefland und die Po-Ebene mit und musste, als im Juni überraschend die russische Brussilow-Offensive an der Ostfront losbrach, die Rückkehr an einen altbekannten Kriegschauplatz vornehmen. Kövess war durch die Beurteilung der Lage in seinem Kampfabschnitt zu dem nüchternen Ergebnis gekommen, daß er mit solch schwachen Truppen nicht bestehen konnte und reichte ein Rücktrittsgesuch von seinem Kommando ein. Thronfolger Erzhzg. Karl lehnte ab.
Nun hatte – auf ausdrücklichen Wunsch des Thronfolgers – GO Kövess die 7. Armee zu führen. Zum ersten Mal wurde Kövess vom AOK in einer Frage der Stellenbesetzung nicht brüskiert, denn es wurde erstmals berücksichtigt, daß er der Rangältere gegenüber GO Böhm-Ermoli war. In harten Abwehrkämpfen konnte er ein Eindringen der Russen nach Ungarn verhindern.
Kövess gelang es, mit seiner 7. Armee Anfang August 1917 die Hauptstadt der Bukowina, Czernowitz, sowie den größten Teil der Bukowina zurückzuerobern. Als Kaiser Karl I. am 6. August 1917 das befreite Czernowitz besuchte, überreichte er Kövess sein „Allerhöchstes Handschreiben“ über die Ernennung zum Feldmarschall. Doch auch diese höchste Ehrung verlief nicht ganz ohne Mißstimmung: Kövess hatte schon einige Tage zuvor ein Schreiben des Generaladjutanten und Vorstandes der Militärkanzlei S. M., FML von Marterer, datiert vom 31. Juli 1917, aus Reichenau erhalten.
„Euer Exzellenz! Mit besonderer Freude schreibe ich diese Zeilen. Seine k. u. k. Apostolische Majestät geruhten mich zu beauftragen Euerer Exzellenz mitzuteilen, daß der Allerhöchste Herr am 17. August Euere Exzellenz zum Feldmarschall zu ernennen beabsichtigen. Da es aber die Verhältnisse unmöglich machen, Euere Exzellenz auf einen dieser hohen Charge entsprechenden Posten zu stellen, vielmehr die Belassung Euerer Exzellenz unter dem Kommando Sr. k. Hoheit des Herrn Generaloberst Josef erfordern, so erwartet Seine Majestät mit Bestimmtheit, Euer Exzellenz werden in diesem Unterstelltbleiben keine Zurücksetzung erblicken. (…) Zum Allerhöchsten Geburtstagsfeste dürften Euere Exzellenz hierher berufen werden. (…)“
FM Kövess verblieb somit vorerst unter dem Kommando von GO Erzhzg. Josef. Auf diese peinliche Situation folgte für Kövess wieder ein Lichtblick: Auf Vorschlag des Kapitels des Militär-Maria-Theresien-Ordens wurde FM Kövess in den folgenden Tagen das Kommandeurskreuz verliehen, schließlich mit Wirkung vom 17. August in die ungarische Baronie erhoben.
Im Zusammenhang mit den Operationen zur Wiedereroberung Ostgaliziens und der Bukowina traten auch auf dem Südflügel der Ostfront die verbündeten deutschen und öster.-ung. Armeen zum Gegenangriff an. Die Offensive zielte auf die Eroberung der Moldau und das Niederwerfen des rumänischen Heeres, um auch diesen Gegner friedensbereit zu machen. Mitte Jänner 1918 übernahm Kövess daher das Kommando über eine nach ihm bekannte Heeresfront in Klausenburg (Siebenbürgen), doch wurde diese schon Anfang April nach den Friedensschlüssen von Brest-Litowsk und Bukarest wieder aufgelöst. Bis Ende September 1918 blieb Kövess ohne Kommando.
Anfang Oktober 1918 übernahm Kövess in Belgrad das Kommando über eine neu geschaffene Heeresgruppe am Westbalkan, wobei er direkt dem AOK unterstellt war. Sein Auftrag war der Schutz der Reichsgrenze entlang der Donau nach der Kapitulation Bulgariens. Aber angesichts der chaotischen Begleitumstände im Oktober 1918 war der Auftrag nicht mehr zu erfüllen.

Charakterbild in deutschen Augen

Interessant ist, wie unterschiedlich FM Kövess von Spitzenrepräsentanten des deutschen Verbündeten, die mit ihm während des Krieges eng zusammengearbeitet hatten, beurteilt wird:
GO Hans v. Seeckt: „Ein allgemein und militärisch sehr gebildeter Soldat von guten liebenswürdigen Formen; körperlich leidlich frisch. Wenig initiativ und leicht in schwierigen Lagen außer Fassung. Ausgesprochen schwarzseherisch und sehr besorgt um Erhaltung des leicht erworbenen Feldherrenruhmes (Serbien, Montenegro) und seiner Würde als Armeekommandant; daher nicht leicht zu behandeln und schnell verletzt. (…) Erkenntnis für die Schäden der österr. Verhältnisse und volle Anerkennung der deutschen Leistungen vorhanden.“
GFM August von Mackensen hingegen resümierte: „Kövess war für mich Österreichs neuer Prinz Eugen, Österreichs volkstümlichster General. Laudon, Erzherzog Karl u. Radetzky mögen als Feldherren bedeutender gewesen sein. Kövess war jedenfalls von allen Generalen der k. u. k. Wehrmacht, über die ich im Weltkriege ein Urteil gewann, der tüchtigste und zugleich als Mensch mir höchst sympathisch. (…)“

Armee in Liquidation

Als FM Kövess in den bereits erwähnten Novembertagen 1918 von Kaiser Karl zum Oberkommandanten der k. u. k. Armee ernannt worden war, kam es zum Jahresende 1918 zu dramatischen Positions- und Machtkämpfen zwischen alter und neuer Staatsmacht.
Der letzte Akt des apokalyptischen Dramas dieser Armee „in Liquidation“ verwickelte FM Kövess in einen kräftezehrenden und frustrierenden Nervenkrieg: In einem schlecht geheizten Zimmer des „Hotel Atlantic“ in der Wiener Innenstadt saß nun FM Kövess in seinen Pelzmantel gehüllt und „amtierte“ an einem schmucklosen Kanzleitisch. In einem der Nebenräume saß sein getreuer und enger Mitarbeiter seit 1915, FML Theodor Konopicky. Er hatte schon während der Dampferfahrt nach Wien den Feldmarschall dringend gebeten, die Übernahme des AOKs abzulehnen, doch Kövess hatte auf dieses Ansinnen geantwortet, daß er Zeit seines Lebens ein gehorsamer und pflichtgetreuer Soldat gewesen sei und sich nicht in letzter Stunde – wie so viele – über einen Befehl seines Kaisers und Königs hinwegsetzen wolle. Nach dieser klaren Aussage war eine weitere Diskussion für Konopicky nicht mehr angezeigt.
So hatte Konopicky erst gar nicht die Möglichkeit darauf hinzuweisen, daß der Feldmarschall zwar innerhalb der Hierarchie der Armee auf der obersten Stufe angelangt war, aber letztlich schon mehrmals als genehmer Lückenbüßer und Notnagel benutzt worden war, zumeist in brenzligen Situationen, da gerade keine andere Führungspersönlichkeit greifbar war.
Der bereits eingetretene völlige Zusammenbruch der Armee an der Front und im Hinterland enthob das AOK eigentlich jedweder zielgerichteter Führungstätigkeit.
Die Dinge liefen auf Grund der bisher schon ergangenen Befehle oder kraft der Sachzwänge und Umstände von selbst ab, ohne daß das AOK noch einen planerischen Einfluß hätte nehmen können. Das AOK mußte sich demnach auf die Evidenz der Rücktransporte der Truppen und auf das Anhören der Berichte der rückkehrenden höheren Führer über die letzten Ereignisse in ihren Befehlsbereichen beschränken. Hinzu kamen noch erfolglose Proteste gegen die massenweise Gefangennahme österreichisch-ungarischer Soldaten nach der Annahme der Waffenstillstandsbedingungen.
Von Baden, dem früheren Standort des AOK, waren nur die allerwichtigsten und aktuellsten Akten und Kanzleigeräte nach Wien mitgenommen worden; auch waren die meisten Referenten und Abteilungsleiter nicht mehr zur Stelle. Denn sogleich nach Auflösung der Monarchie wurden die ehemaligen Zentralstellen in liquidierende Behörden umgewandelt, während neue Staatsämter die laufenden Geschäfte Schritt für Schritt übernahmen. So bestanden alt und neu zunächst durchaus kooperationswillig nebeneinander. Daher übergab auch das Kriegsministerium seine fortlaufenden Agenden an das Staatsamt für Heerwesen und wurde fortan als „liquidierendes Kriegsministerium“ bezeichnet. Das k. u. k. Armeeoberkommando wäre demnach ebenso zu einer liquidierenden Dienststelle geworden. Doch es war auch unter beamteten Juristen damals heftig umstritten, ob sich das AOK juristisch zu diesem Zeitpunkt als aufgelöst betrachten müßte: De facto führte es – wie erwähnt – jedenfalls Teilbereiche der personellen Demobilisierung durch – und war somit durchaus real existent.
Zu den höchst unerfreulichen Aufgaben des AOK kamen noch schriftliche Proteste an das sich gerade organisierende Staatsamt für Heerwesen gegen die heftigen Anpöbelungen hinzu, welchen vor allem die heimkehrenden Offiziere und Kader von Teilen der Bevölkerung ausgesetzt waren. War auch das Ausmaß der tätlichen Gewaltanwendung durch die in ihrer revolutionären Gesinnung von keiner funktionierenden Ordnungsmacht gebremsten Massen nicht allzu schwerwiegend, so war hingegen die Wirkung auf das Bewußtsein der Betroffenen ungleich folgenschwerer. Die in diesen Umbruchtagen erlittenen Schmähungen, Beschimpfungen, Beleidigungen und Übergriffe gruben sich den erschöpften heimkehrenden Offizieren, aber auch den loyal gebliebenen Soldaten unauslöschlich ins Bewusstsein: GdI. Carl Frhr. v. Bardolff faßte die Gefühle in seinen Lebenserinnerungen in deutlicher Sprache zusammen: „Nicht Dank erwartete sie, sondern tief verletzender, nie verzeihlicher Undank. Die Menschen auf den Straßen schrien ihnen ‚Nie wieder Krieg‘ in die Ohren, beschimpften sie, rissen ihnen die Waffen aus der Hand und die Abzeichen und Auszeichnungen von den Uniformen und spotteten ihrer.“
Mindestens ebenso schmerzlich wie diese als schockierende Undankbarkeit empfundenen Übergriffe wurde registriert, daß die nun offiziell ausgerufene Republik die Heimkehrer ganz einfach völlig ignorierte. Man erzählte sich in Offizierskreisen mit Bitterkeit, daß im Deutschen Reich die Waffenbrüder ehrenvoll, unter Fahnenschmuck und Beifall, empfangen worden wären, während innerhalb der jungen Republik Deutschösterreich keine noch so kleinste positive öffentliche Reaktion erfolgte. Niemand sprach den heimkehrenden Truppen, die doch das Bewußtsein der unter größten persönlichen Opfern treu erfüllter Pflicht verinnerlicht hatten, den Dank des Vaterlandes aus. Als hinkenden Versuch einer Rechtfertigung könnte man vorbringen, daß die Republik jede Rechtsnachfolge nach der zusammengebrochenen Monarchie ängstlich vermeiden wollte. Doch die Staatsführung glaubte wohl, andere Sorgen zu haben, und war sich offenbar dieses leicht vermeidbaren schweren Imageschadens kaum bewußt.
Am 14. November 1918 beschloß der Staatsrat auf Antrag Renners: „Die k. u .k. Armee und die k. k. Landwehr haben zu bestehen aufgehört. (…) Da die Generalität in keiner militärischen Verwendung steht, besteht für sie zu Lasten der Gemeinsamkeit bloß der Anspruch auf die systemisierten Ruhegenüsse. (…)“
Reaktivierte Generale seien in Ruhestand zu versetzen, für die übrigen Chargen würden noch gesonderte Dienstanweisungen verlautbart werden. Die vertraglichen und dienstrechtlichen Verpflichtungen der ehemaligen Regierung und des Militär-Ärars blieben aufrecht. – Diese Regelung erscheint nur auf den ersten Blick unverfänglich. Tatsächlich handelte es sich um die politisch motivierte Abschiebung beinahe aller Generäle in den Ruhestand.

Propagandalügen

FM Kövess hatte jedoch demgegenüber eher einen Unruhezustand zu bewältigen: Mitte November begannen sich ungarische und österreichische Zeitungen auf Kövess – als letztem Repräsentanten der „Alten Macht (…) einzuschießen“. Zum einen war Kövess beschuldigt worden, daß er die Absicht habe, mit ihm ergebenen Truppenteilen gegen Budapest zu ziehen, um die dort ausgebrochene Revolution niederzuwerfen. Ein entsprechender Zeitungsartikel trug die Überschrift: „Ein vereitelter Putschversuch Kövess’“.
Am 26. November 1918 kam jedoch noch eine publizistische Breitseite hinzu: Das Morgenblatt der „Arbeiter-Zeitung“ berichtete unter der Überschrift „Die davongelaufenen Führer“ über die Anschuldigung, daß Kövess als Armeekommandant im Jahre 1917 rund 800.000 Kronen bezogen habe. Doch mußte die „Arbeiter-Zeitung“ in ihrer Morgenausgabe vom 29. November unter Berufung auf § 19 des gültigen Preßgesetzes folgende Erwiderung des Feldmarschalls publizieren: „(…) Ich habe außer den chargemäßigen monatlichen Gebühren als General der Infanterie, Generaloberst und Feldmarschall nur in der Zeit vom 1. Oktober 1915 bis 1. April 1918, sodann für Oktober und November 1918 als Armee- und Heeresgruppenkommandant die gesetzliche Funktionszulage von 4.000 Kronen monatlich bezogen. Außer diesen gesetzmäßigen Gebühren habe ich während des ganzen Krieges nie irgendeine Geldzuwendung erhalten.“
Den klassenkämpferischen Anwürfen tat dies jedoch keinen Abbruch: Am 10. Dezember veröffentlichte die Zentralstelle Wien des deutschösterreichischen Soldatenrates Akten, in denen es um angeblich rechtswidrigen Stoffverkauf aus staatlichen Monturdepots ging. In einer Liste wurde ersichtlich gemacht, welcher Offizier wie viele Meter Stoff „zu Unrecht“ bezogen hätte. Ihre Intention war ganz offensichtlich die Geißelung der Zustände im alten politischen System. Vor allem waren diese Artikel gegen die oberen militärischen Ränge und Institutionen gemünzt. Der erste Aktenbeweis mißglückte zum Großteil. So war FM von Kövess vorgeworfen worden, er habe die beachtliche Menge von 843 Meter Stoff bezogen! Auf seine Entgegnung war die Redaktion gezwungen, die peinliche Feststellung zu veröffentlichen, ein Komma sträflich mißachtet zu haben: Tatsächlich waren an Kövess nur 8,43 Meter für eine neue Dienstuniform ausgegeben worden. Der rechtmäßige Bezug ließ sich nur unschwer nachweisen.
Am 22. November 1918 erklärte Dr. Julius Deutsch, der sozialistische Unterstaatssekretär für Heerwesen, im Heeresausschuß der deutschösterreichischen Nationalversammlung, daß es ihm gelungen sei, die „Demobilisierung“, für welche der k. u. k. Generalstab im Frieden eine viermonatige Dauer „erklügelt“ habe, in nur drei Wochen durchzuführen, wodurch dem Staate viele Millionen an Geld erspart worden seien, wenngleich manches Material verloren gegangen wäre.
Kövess und Konopicky hielten es für ihre Pflicht, gegen diese – aus ihrer Sicht – unqualifizierte Äußerung des Unterstaatssekretärs Dr. Julius Deutsch Stellung zu nehmen, im vollen Bewußtsein, dafür in den Medien viel Gehässigkeit serviert zu bekommen: Am 26. November sandte daher der Chef des AOK, FM von Kövess, dem Heeresamt, dem Staatsrat und dem Staatskanzleramt eine Note, in der er feststellte, mit Ausnahme der Südmeerfront sei an keiner Front die personelle Demobilisierung bisher so fortgeschritten, daß von einer Beendigung gesprochen werden könne. Der Generalstab habe in seiner ursprünglichen Planung Kriterien berücksichtigt, die jetzt aufgegeben worden seien. Daher habe sich der Zeitbedarf geändert. Es könne nicht scharf genug dagegen protestiert werden, daß „… Pauschalverdächtigungen ohne konkrete Grundlagen gegen die höheren Führer und das Offizierskorps im Allgemeinen (…) erhoben werden“. Das AOK ersuche, seine Auffassung zu den erschienen und wohl noch erscheinenden Hetzartikeln der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.
Doch Unterstaatssekretär Deutsch dachte nicht daran, dies zu tun und verwies das AOK auf die Möglichkeit einer Entgegnung in den Medien.
Daher verlautbarte der provozierte und demnach streitbereite Feldmarschall am 1. Dezember eine Erklärung, in der er diesmal öffentlich die Ausführungen von Deutsch über die Demobilisierung scharf kritisierte, sich jedoch andererseits bedankte, daß dem Ersuchen des AOK, den Verdächtigungen entgegenzutreten, durch zwei Aufrufe des Oberbefehlshabers der Volkswehr, FML Adolf v. Boog, nachgekommen worden sei, und noch einmal deutlich zu den Pauschalverdächtigungen Stellung bezog.
„Bei dieser Gelegenheit sieht sich das Armeeoberkommando ein für allemal zu folgender Erklärung verpflichtet: Pauschalverdächtigungen sind als Ehrenraub zu qualifizieren, ebenso schwere Anklagen gegen Einzelpersonen, die ohne nähere Prüfung der Quellen und Tatsachen oder unter Entstellung der Tatsachen erhoben werden; eine Politik, die in dieser Art auf Kosten der Ehre anderer betrieben wird, ist verwerflich. (…) Anklagen sind in den meisten Fällen rascher und leichter erhoben als widerlegt; bis der Beweis der Unrichtigkeit erbracht werden kann, vergeht geraume Zeit. Indessen wirkt der Giftstoff (…) Darf man sich wundern, wenn unter solchen Umständen die Erbitterung der Berufsoffiziere täglich wächst? Man setze sich in die Lage der Tausenden von Offizieren, die in jahrelangem (…) Felddienst fast täglich ihr Leben, ihre Gesundheit, das Glück und die Existenz ihrer Familien in reinster Pflichterfüllung einsetzten und nun, in die Heimat zurückkehrend, auf Schritt und Tritt Schmähungen und Entwürdigungen ausgesetzt sind! Treffen diese (…) nicht zugleich auch alle, die ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelt haben, oder als Krüppel weiter durchs Leben wandern müssen? Wenn die Mehrheit des Volkes nichts zum Ehrenschutz der Offiziere unternimmt, muss da nicht der Glauben aufkommen, daß diese Mehrheit das Verhalten derer, die da Ehrenraub begehen, billigt?“
Der sachliche Gehalt dieser Erklärung scheint auch heute durchaus gegeben zu sein, damals aber ließ der selbstbewußte und mahnende Ton des Erzfeindes die „Arbeiter-Zeitung“ in maßlosem Zorn schäumen. Zwar bemühten sich die den linken Parteien zugehörigen Blätter – besonders in jenen Wochen – um eine selbstsicher scheinende, von revolutionärem Pathos und Elan getragene Diktion; doch klammheimlich war man sich seiner Sache gar nicht so sicher. Dies beweisen sowohl die Überreaktion vom 26. November wie auch der erboste Kommentar, mit dem die „Arbeiter-Zeitung“ auf ihrer Titelseite jene Erklärung beantwortete: „Die Wahrheit ist, daß die alten Generäle, überhaupt die alten Machthaber, Deutschösterreichs Selbständigkeit und Unabhängigkeit nicht ernst nehmen.“ Ohne es offenbar beabsichtigt zu haben, hatten die Worte von FM Kövess die Wirkung eines trefflich angesetzten Blattschusses.
Ebenso hatte die Erklärung des AOK FML v. Boog, als neuen Oberbefehlshaber der Volkswehr, präzise getroffen, denn so wie der Text formuliert worden war, mußte Boog als der verlängerte Arm des verhaßten AOK erscheinen, eine Denkmöglichkeit, die Boog sicher sehr unwillkommen gewesen sein mag. Jedoch hatte Boog die erbarmenswürdige Situation der heimkehrenden Offiziere und Soldaten – auch als letztlich selbst betroffener – begriffen und in einem Aufruf an die Bevölkerung dazu Stellung genommen. „(…) Es gibt Männer unter uns, denen im Rausch der Siege alles zugejubelt hat. (…) Sie sind nun verarmt und sind ärmer noch als viele andere, denn ihre Welt ist versunken, die Träume und Ziele ihres Lebens sind tot. (…) Ich wende mich an das Gewissen aller Menschen mit der inständigen Bitte: Prüfet vorher und verallgemeinert nicht! Verleumdungen und Verdächtigungen sind tödlich für den Ehrenmann, der sich schuldlos fühlt, und es ist ein geringer Trost für den von der öffentlichen Meinung vorschnell gerichteten, wenn die Haltlosigkeit des Urteiles nachher erhoben wird.“
Die Stellungnahme des AOK und Boogs Aufruf in den Medien hatte jedoch längerfristig zur Folge, daß sich die „Arbeiter-Zeitung“ und andere zumeist linksorientierte Presseorgane gezwungen sahen, ihre Position zu revidieren: Die heißspornigen Leitartikler unterschieden erstmals zwischen beschuldigten Generälen und der Gesamtheit der Offiziere und klammerte die Truppenoffiziere aus der Kampagne aus, sodaß als Feindbild nur mehr der Generalstab, das AOK und die Generäle übrig blieben.
Der logische nächste Schritt war das schon am 19. Dezember 1918 beschlossene Gesetz „Über die Feststellung und Verfolgung von Pflichtverletzung militärischer Organe im Kriege“. Wie schon fast immer seit dem Bestehen Österreichs als staatliches Gefüge wurde dazu eine Kommission eingesetzt. Gemäß dem Schlußbericht dieser Kommission im Jahre 1921 waren insgesamt 484 Fälle anhängig geworden: 1919 314, 1920 164 und 1921 6. Von diesen waren 325 Fälle für das kommissionelle Einschreiten aus den verschiedensten Gründen nicht geeignet, 40 Fälle wurden an den Generalstaatsanwalt, 52 an verschiedene Staatsanwaltschaften, 55 an die zuständige Militäranwaltschaft abgetreten. Das Resultat: In 12 Fällen wurden grobe Pflichtverletzungen angeprangert. Dieses offizielle Ergebnis war, geht man von den Ansichten des nunmehr längst historischen Gesetzgebers aus, doch ein deutlicher Mißerfolg.

Das Ende des AOK

Allerdings kein Mißerfolg wurden die staatlichen Maßnahmen gegen das Weiterbestehen des AOK als Stachel im jungen republikanischen Fleisch, denn die Erklärung des AOK vom 1. Dezember 1918 hatte noch heftige Wellen geschlagen: Am 16. Dezember beschäftigte sich der Staatsrat, also die noch nicht demokratisch gewählte Regierung, mit der AOK-Note. Dies erklärt auch den innenpolitischen Stellenwert, den man der fortgesetzten Tätigkeit dieses einst höchsten k. u. k. Militärkommandos beimaß. Ähnlich wie die „Arbeiter-Zeitung“ sah sich die neue Regierung nicht als neue politische Größe und als Machtfaktor anerkannt und beschloß daher:
„Der Staatssekretär für Heerwesen wird beauftragt, dem früheren Feldmarschall von Kövess mitzuteilen, daß nach deutschösterreichischem Recht ein Armeeoberkommando nicht besteht und daß er daher nicht berechtigt ist den Titel eines Armeeoberkommandanten zu führen.“
Nach außen hin schien nun alles ordnungsgemäß geregelt. Doch insgeheim waren sich die Mitglieder des Staatsrates jedoch nicht so sicher, ob sie zu diesem Beschluß überhaupt berechtigt waren, denn es wurde noch eine Aufforderung hinzugefügt:
„Das Staatsamt für Heerwesen wird aufgefordert, über die rechtliche Stellung des liquidierenden Kriegsministeriums Klarheit zu verschaffen und alle mit seinem Wirkungskreis widerstreitenden Kompetenzen dieser und anderer militärischer Stellen (z. B. Armeeoberkommando) zu beseitigen.“
Während sich also das Staatsamt für Heerwesen bemühte Klarheit zu verschaffen, hatte der Sozialist Dr. Otto Bauer in seiner Position als Staatssekretär für das Äußere in der deutschösterreichischen Nationalversammlung weiter Öl in die Flammen gegossen, indem er behauptete, an der Gefangennahme vieler tausender österreichischer Soldaten an der italienischen Front sei einzig und allein das k. u. k. AOK schuld. Eine Behauptung, die zu diesem Zeitpunkt zwar rasch zu verkünden – aber aufgrund der bilateralen Akten- und Dokumentenlage nicht so rasch und eindeutig zu klären war.
Empört über diese leichtfertige Behauptung sandte FM Baron Kövess eine Note an den Herrn Staatssekretär, in der die Behauptung des Herrn Dr. Bauer, aus den verfügbaren Dokumenten nicht Rechnung tragend, als Verleumdung zurückgewiesen wurde. Auf diese Note erhielt FM Kövess zwar von Staatssekretär Dr. Bauer keine Antwort, jedoch wurde am 19. Dezember 1918 durch ein Schreiben des Staatskanzlers Dr. Karl Renner indirekt geantwortet, indem dieser Kövess lakonisch mitteilte, „(…) daß nach deutschösterreichischem Rechte kein Funktionär den Titel eines Armeeoberkommandanten zu führen berechtigt ist. (…)“
Genervt durch die vorangegangene wohl beispiellose Pressekampagne und Verunglimpfungsversuche ranghoher Politiker der jungen Republik legte FM Baron Hermann Kövess von Kövessháza daraufhin am 20. Dezember 1918 die Funktion eines (liquidierenden) Armeeoberkommandanten zurück – worauf zumindest die Angriffe in den parteinahen Presseerzeugnissen mit einem Schlag eingestellt wurden.
Doch nicht alle Funktionsträger des neugebildeten Staats Deutsch-Österreich verhielten sich feindlich und ablehnend: Als FM Kövess in einer Parallelaktion zur Aberkennung seines Funktionstitels mit einer Ausweisung als „ungarischer Staatsbürger“ aus Deutschösterreich unverhohlen gedroht wurde, verhinderte der energische und loyale Polizeipräsident von Wien, Dr. Johann Schober, die Ausführung dieses schäbigen Denkzettels.
Passend zu diesem Szenario wäre noch hinzuzufügen, daß Unterstaatssekretär Dr. Julius Deutsch FM Kövess – als soeben amtlich festgestellter „ungarischer Staatsbürger“ – mit Wirkung vom 1. Dezember 1918 in einem Verordnungsblatt, zugleich mit allen zu diesem Zeitpunkt noch aktiv dienenden Feldmarschällen, Generalobersten, Generalärzten und Generalen der III. Rangklasse, in den Ruhestand versetzen ließ, wozu er – im Falle des Hermann Kövess – weder befugt noch berechtigt war. Unversöhnlicher Haß ist erfahrungsgemäß nicht immer der intelligenteste Ratgeber.

Das Reich zerbrochen

Nach diesen äußerst unerquicklichen Begebenheiten der letzten Tage und Wochen konnte Hermann Kövess die Weihnachtsfeiertage im Kreise seiner Gattin und seiner ihm noch verbliebenen Söhne in bescheidensten Verhältnissen feiern. Sein ältester Sohn Géza war als Oberleutnant und Eugen als Leutnant mit heiler Haut aus dem Weltkrieg heimgekehrt. Doch Kövess war nach dem Wegbrechen seiner letzten Funktion in eine kaum zu verbergende Depression versunken: Sein jugendlicher Wahlspruch „Tue Deine Pflicht, freudig und schlicht“, war zu einer hohlen Phrase verkommen. Eine Welt war für ihn eingestürzt, ein jahrhundertealtes Reich zerbrochen, ein dreihundert Jahre altes, traditionsreiches Heer war in alle Himmelsrichtungen zerstoben. Kövess schien es wie tausenden seiner Kameraden, als hätten sie umsonst gelebt, gedient und gelitten. Auch der Tod seines Sohnes Béla an der galizischen Front, heute Republik Polen, erschien ihm sinnlos.
In diesem psychischen Ausnahmezustand schmerzten auch die scheinbar weniger bedeutsamen Ereignisse: Sein Reitpferd „Nonius“, das ihn treu seit Anfang 1915 durch den Weltkrieg begleitet hatte, mußte Ende November 1918 noch rasch an ein sicheres und von Wien abgelegenes Pferdegestüt verkauft werden, um es nicht in die Hände von hungernden und plündernden Gewalttätern fallen zu lassen. Es war bis zu diesem Zeitpunkt in einer der zahlreichen Boxen in der ehem. k. u. k. Technischen Militär-Akademie in Mödling eingestellt gewesen. Doch der das Pferd betreuende Husar, Tibor Tokácz, hatte sich – ohne Abmeldung – „nach Hause“, nach Györ begeben. Kurz darauf hatte sich auch der langjährige Offiziersdiener János, ein Székler, empfohlen, um – ins heutige Ausland – nach Siebenbürgen heimzukehren. „Nonius“ wäre demnach ohne Betreuung zurückgeblieben.
Schon zu Jahresbeginn 1919 gab es zahlreiche Versuche, Baron Kövess in die dramatischen Geschehnisse in Ungarn einzubinden. Doch weder der Sturz des steinzeitkommunistischen Belá Kun-Regimes im Sommer 1919, noch der Versuch von Reichsverweser Nikolaus von Horthy, Kövess eine ungarische Armee zu übertragen, waren von Erfolg gekrönt. Auch lehnte Kövess die Einladung von Oberst Anton Frhr. v. Lehár ab, sich an den beiden Restaurationsversuchen von König Karl in Ungarn zu beteiligen.
Am 29. November 1921, etwa ein Monat nach der wiederum mißglückten Machtübernahme durch König Karl, beschrieb Kövess einem Freund seine Eindrücke dieser Geschehnisse – die ihn noch immer sehr heftig bewegten:
„Auch in letzter Zeit verbrachte ich aufregende Tage in Budapest, denn ich machte dort die Zeit der Anwesenheit Seiner Majestät des Königs Karl in Ungarn mit. Samstag, den 22. Oktober, Nachmittag, konnte man auf einen Erfolg rechnen. Sonntag, den 23. Oktober, hörte man außerhalb der Stadt den Kanonendonner von Budaörs und abends verbreiteten sich schon ungünstige Gerüchte, die Montag, den 24. Oktober, Ieider bestätigt wurden. (…) Graf Josef Hunyady, der ehemalige Obersthofmeister, erhielt im letzten Augenblick die Erlaubnis, unsere Majestäten nach Madeira zu begleiten. (…)“
Hatte Hermann Baron Kövess seit den Umsturztagen von 1919 in Wien relativ ruhig leben können, kam es am 3. Juni 1923 im Rahmen einer Bannerweihe der Frontkämpfervereinigung vor der Karlskirche wieder zu einem unangenehmen Zusammenprall mit dem offiziellen Österreich: Kövess stand als „höchstanwesender Ehrengast“ im Zentrum der Aufmerksamkeit und Verehrung. Er stellte sich – ohne an mögliche Komplikationen zu denken, neben das neugeweihte Banner auf und nahm arglos den Vorbeimarsch der Frontkämpfer ab, worauf die „Deutsch-Österreichische Abend-Zeitung“ vom 9. Juni 1923 in einem scharfen Artikel Protest erhob. Kövess wurde daraufhin von der königlich-ungarischen Gesandtschaft in Wien ersucht, „… sich als ungarischer Staatsbürger im Auslande“ nicht mehr in Anlehnung an seine ehemals hohe militärische Stellung zu exponieren. An diese unmißverständliche Aufforderung hielt sich Baron Kövess und verbrachte die nachfolgende Zeit bis zu seinem Tod hauptsächlich in Ungarn.
Kövess fungierte jedoch weiterhin als Präses des Ordenskapitels des Militär-Maria-Theresien-Ordens, den er 1919 vom damaligen Präses, FM Erzhzg. Friedrich, übernommen hatte. Kövess repräsentierte dieses Amt bis zu seinem tödlichen Gehirnschlag am 22. September 1924. Die feierliche Aufbahrung fand im Militärkasino am Wiener Schwarzenbergplatz ohne großes Trauerzeremoniell statt. Im Königreich Ungarn war hingegen seine Beerdigung am 29. Sept. 1924 in Budapest in der traditionellen Form eines Staatsbegräbnisses unter Teilnahme der Staatsspitze selbstverständlich.
In einer ungedruckten Biographie über seinen Vater klagt Géza Kövess von Kövessháza im Jahr 1956: „Kein Denkmal, keine Straße, kein Platz, keine Gedenktafel erinnert in Österreich oder in Ungarn an den ruhmreichen Feldmarschall. Das Grab in Budapest ist im Verfalle. Die Geschichte, die gelehrt wird, und die Geschichtsbücher diesseits und jenseits der Leitha, erwähnen den Namen Kövess kaum. (….).“ Sic transit gloria mundi.

 

 

 

 

 

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