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Mythen

Für die Bedeutung eines Mythos im Leben einer Nation ist es nicht wichtig, ob sich das historische Ereignis genauso, ganz anders oder überhaupt nicht zugetragen hat. – Arnold Winkelried, der 1386 in der Schlacht von Sempach „den Seinen eine Gasse machte“.
In der mythischen Sicht der Nation fällt Ganzes und Teil zusammen. Die Nation ist in jeder einzelnen Person substantiell anwesend, sie macht einen unverzichtbaren Wesensbestandteil jedes Menschen aus. Diese Sicht der Nation ist auch heute noch lebendig: Wie sonst ließe sich der Wehrdienst rechtfertigen? Aus der Tatsache Wähler, Steuerzahler oder Sozialhilfeempfänger zu sein, kann man nicht die Verpflichtung ableiten, für einen bestimmten Staat unter gewissen Umständen auch sterben zu müssen. – Militärparade 2005 in Wien.
Nationalbewußtsein ist ein geistiger und kein natürlicher Sachverhalt wie es die Liebe zur Familie und die Heimatliebe sind. In den Mythen und der Volkskultur begegnet man dem innersten Wesen des eigenen Volkes und kann so eine emotionale Bindung aufbauen. – Die Kunst des 19. Jahrhunderts rückte die Heimat ins Bild. – Hans Thoma, Mainlandschaft
Der Wald als deutscher Mythos: In den romanischen Ländern fehlen die Gefühle und Vorstellungen, die die Deutschen mit dem „grünen Dom“ verbinden. Dieser Naturbezug wirkt auch heute fort. – Joseph Anton Koch, Schmadribachfall
Mittelaltermärkte und Ritterfeste finden immer mehr Zulauf: Ist dies der moderne Weg, die Identität von Vergangenheit und Gegenwart zu erleben, das zeitgemäße Einfallstor deutscher Mythen also?
Mythen stellen einen Sinnzusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft her. Sie erzählen historische Ereignisse, die eine Bedeutung für unser heutiges Handeln haben sollen. – Die Andreas-Hofer-Statue in der Innsbrucker Hofkirche trägt auch heute noch einen schwarzen Trauerflor, solange die Teilung des Landes aufrecht bleibt.

Von Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker

Das emotionale Fundament der Nationen


Ein positives Verhältnis zur eigenen volklichen Identität ist, wie die empirischen Wissenschaften zeigen, offenbar für das seelische Gleichgewicht jedes einzelnen von Bedeutung: 32 % der Deutschen, die sehr stolz auf ihre Nationalität sind, bezeichnen sich auch als völlig zufrieden mit ihrem Leben, aber nur 17 % jener, die überhaupt nicht stolz sind, Deutsche zu sein. Völlig unzufrieden mit sich und ihrem Leben sind hingegen 30 % jener, die nicht stolz auf ihre Nationalität sind, aber nur 19 % jener, die sehr stolz sind.1 Die Bejahung der eigenen nationalen Identität erleichtert also offenbar das Führen eines sinnerfüllten Lebens. Doch wie bestimmt sich nationale Identität und wie findet der einzelne seine Beziehung zu ihr?

Will man erfassen, was wesensmäßig eine Nation ausmacht, inhaltlich ihr Selbstverständnis bestimmt, kommt man am Begriff des Mythos nicht vorbei. Mythos wird hier nicht verstanden als eine religiöse Form der Weltsicht und Welterklärung,2 sondern meint jene historischen und sagenhaften Ereignisse, aber durchaus auch abstrakten Begriffe, in denen in paradigmatischer Weise Wesen und geistiger Bestand einer Nation deutlich werden. Mythen sind also idealtypische Erzählungen mit appellativem Charakter, meist von historischen Ereignissen, die in emotionsgeladenen Geschichten erzählt werden. Appellativ heißt, daß sie eine Bedeutung haben für unser heutiges Sein und Tun und Wollen. Sie erklären nicht nur das geschichtliche Gewordensein der Nation, sondern weisen ihr auch den Weg in die Zukunft. „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind im Mythos zusammengefaßt. Von besonderer Bedeutung ist der Hoffnungsaspekt, die Zukunftsdimension, durch die Sinn gestiftet wird. Der Mythos kann so konservierender und zugleich perspektivischer Natur sein. Seine Erzählung ist in die Vergangenheit verlegt, weist aber auf Zukunft und Gegenwart.“3 Alle Nationen sind geprägt von solchen „Mythen des Woher“, die gleichzeitig zum „Mythos des Wohin“4 werden. Keine Nation kann die Prägung durch die großen Ereignisse und Entscheidungen ihrer Vergangenheit abstreifen,5 aus dem Blick auf die eigene Geschichte erklärt sich für die Nationen das Wollen in der Gegenwart und der Weg in die Zukunft.

Die mythische Sicht der Nation

In der mythischen Weltsicht wird die Nation als numinoses Wesen gesehen, das eine Geschichte und eine Zukunft hat und seine Identität durch die Zeitenläufte bewahrt.6 Daher auch die Verkörperung oder Darstellung der Nation als Person, der Marianne in Frankreich, des deutschen Michels, also des Erzengels Michael in Deutschland etc. Die Nation ist in der mythischen Weltsicht eine objektive Wesenheit, die in jedem einzelnen in bestimmter, substantieller Weise anwesend ist, und nicht bloß etwas subjektiv Gefühltes und Gewolltes. Wird die Nation als bloße Willensgemeinschaft verstanden, wie dies fälschlich auf Ernest Renan zurückgeführt wird, dessen Nationsbegriff sich allerdings auf den Willensbegriff nicht reduzieren läßt, konstituiert sich die Nation also bloß durch den gemeinsamen Willen der ihr Angehörigen, dann könnte jede Generation von neuem bestimmen, welche Inhalte sich diese Willensnation gibt und welche Ziele sie sich steckt. Der Blick auf die Geschichte lehrt aber, daß im Gegenteil ein gewisses Maß an Kontinuität des Wollens und Strebens der einzelnen Nationen feststellbar ist. Dabei handelt es sich nicht nur um geopolitische Notwendigkeiten, denen sich jede Generation von neuem fügt, sondern es ist eindeutig auch die Geschichte, auf die geblickt wird und deren Aufträge jede Generation zu erfüllen trachtet. Wie ein Mensch im Laufe seines Lebens manche Ansichten revidiert, lernt und sich verändert, so können sich auch die Ziele und das Selbstverständnis einer Nation im Laufe der Zeiten ändern. Nur ist dies ein kontinuierlicher Prozeß, der stets versucht, die Kontinuität mit der Vergangenheit aufrechtzuerhalten und Veränderungen auch aus der Vergangenheit heraus zu legitimieren, eben weil die Nation als Wesenheit mit einer eigenen Identität verstanden wird, die sich über die Zeiten hinaus erhält. Und dieses Anknüpfen und Begründen aus der Vergangenheit ist immer vorhanden – gerade auch dann, wenn, wie dies bei den heutigen Deutschen der Fall ist, eine Nation ihre Gegenwart als Bruch mit der Vergangenheit definiert.
Die hier beschriebene mythische Weltsicht steht nicht in Konkurrenz zur wissenschaftlichen, sondern bildet ein eigenes System, das seine eigene Berechtigung hat. Daher ist sie wissenschaftlich im Grunde auch nicht widerlegbar, wenngleich natürlich stets einzelne Mythen daraufhin überprüft werden können, ob sie dem historischen Tatbestand standhalten oder nicht. Im Prinzip jedoch gewährt uns die mythische Weltsicht einen anderen Blick auf die Realität und zeigt uns Aspekte der Wirklichkeit, die genauso real sind, wie jene Aspekte, die uns die Wissenschaften zeigen – ähnlich wie ein Forstwirt bei einem Waldspaziergang etwas anderes wahrnehmen wird als ein Künstler, dem es auf das Spiel des Lichts und die seelische Erfahrung der Natur ankommt – beide sehen Unterschiedliches, und doch ist der Realitätsgrad der einen Erfahrung nicht geringer als der der anderen.7
Wenden wir uns nun vom allgemeinen Begriff der mythischen Weltsicht ab und der Funktion zu, die die konkreten Mythen in der Geschichte eines Volkes erfüllen. Hier läßt sich sagen, daß die Mythen „das emotionale Fundament der Nationen“8 sind:
Jeder lernt sein Volk durch die Erfahrung seiner Mythen lieben, weil ihm in ihnen sein Wesen, wie es an sich ist, entgegentritt. Der zweite Ort, wo man dies erfahren kann, ist die Kultur: im Volkslied, in Märchen und Sage, in der echten Volksmusik und der echten Volkskunst, dem gelebten Brauchtum und dem Volkstanz, aber auch dort in der Hochkultur, wo es um das Volkhafte geht – wie in der Ballade – erfährt man ebenso das „an sich“ seines Volkes, sein Wesen, und lernt es dadurch lieben. Solche Erfahrungen sind entscheidend. Dreht man heute den Fernseher auf, stößt man aller Orten auf Talkshow-Deutsche, deren Aussehen und Benehmen einem jede Freude und jeden Stolz an der Zugehörigkeit zu diesem Volke nehmen. Aber schon Goethe sprach davon, daß der Erzieher die Kindheit hören muß und „nicht das Kind; der Gesetzgeber und Regent die Volkheit und nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig, beständig, rein und wahr. Dieses weiß niemals für lauter Wollen, was es will.“9 Das Fundament der inneren Beziehung zum eigenen Volk muß also in der „Volkheit“ liegen, in den Mythen und der Kultur des eigenen Volkes und ist unabhängig von den positiven oder negativen Erfahrungen, die man mit einzelnen Repräsentanten desselben macht. Geschieht diese positive Grundlegung nicht im Kindesalter, wird es für den erwachsenen Menschen sehr schwierig, noch ein positives Verhältnis zur eigenen nationalen Identität zu entwickeln.
Wenn heute die bunte Welt der Kabel-TV-Programme in den Köpfen der Kinder die Sagen und Märchen, Legenden und Mythen ihres Volkes ersetzt und verdrängt, trägt dies in ungeahnter Weise zur modernen Entortung bei. Wenn die Phantasiewelt unserer Kinder durch Dinosaurier und in japanischen Studios erzeugte Pokémon-Figuren bevölkert wird und nicht mehr durch die Feen und Zwerge unserer Märchen bzw. durch landschaftsgebundene oder gemeindeutsche Figuren wie Frau Holle und Rübezahl, dann geht auch das gemeinschafts- und identitätsbildende Element verloren, das solchen Erzählungen unabhängig ihres Inhalts innewohnt. Während früher jede Generation eines Volkes in der Kindheit durch dieselben Geschichten geprägt wurde – die freilich von Stamm zu Stamm und Region zu Region stark differierten, aber meist sehr ähnliche, nämlich nationaltypische Grundmuster zeigten, sind es heute die von Generation zu Generation neuen Modeserien, die die geistige Welt der Kinder formen. Doch sind wir mit dieser Betrachtung schon zu sehr in den Bereich der Kultur geraten, zurück also zum Mythos.

Merkmale des Mythos

Wichtig ist festzuhalten, daß historische Mythen nicht isoliert im Raume stehen, sondern miteinander verbunden sind und entweder die Vorwegnahme eines späteren Ereignisses bilden oder umgekehrt die Einlösung eines Versprechens, das in einem vorangegangenen Ereignis enthalten war.10 So spiegelt sich der zentrale deutsche Mythos vom Freiheitskampf des Arminius, also von Hermann dem Cherusker gegen die Römer, im Mythos der Befreiungskriege gegen Napoleon und werden beide zur Legitimierung herangezogen, wenn die deutsche Nationalbewegung im 19. und 20. Jahrhunderts das Ideal echter, germanischer Freiheit im Gegensatz zu den westlichen Ideen von Liberalismus und Demokratismus zu bestimmen sucht. Augenscheinlich wird solche historische Korrespondenz in einer 1872 im französischen Ort Chatrousse errichteten Statue, die Vercingetorix und Johanna von Orleans Hand in Hand zeigt – zwei historische Gestalten, deren Lebenszeit immerhin fast anderthalb Jahrtausende auseinanderliegt, die für das Selbstverständnis Frankreichs aber dieselbe Botschaft verkünden.11
Neben diesen zentralen Mythen, die immer wieder aufgegriffen werden, gibt es selbstverständlich auch solche, die einer gewissen Konjunktur unterworfen sind. So war die Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles am 18. Jänner 1871 ein ganz zentraler Mythos zur Zeit des zweiten deutschen Kaiserreichs, jedem Deutschen bekannt durch das berühmte Bild Anton von Werners und in Erinnerung gerufen durch die alljährlichen Feierlichkeiten anläßlich des Jahrestages. Heute sagt uns dieser Mythos fast gar nichts mehr. Im Unterschied zu den zentralen Mythen des deutschen Volkes, die etwas aussagen über sein grundsätzliches Wesen und seine historische Bestimmung, bezog er sich auf eine zeitliche Erscheinung und ist mit ihr untergegangen. Und doch wird gerade an ihm wieder ein Wesensmerkmal des Mythos deutlich, die Anknüpfung an die Vergangenheit nämlich: denn nicht umsonst war ausgerechnet der Prunksaal des wichtigsten Schlosses des „Erbfeindes“ zur Proklamation der neuen Reichsherrlichkeit ausgewählt und damit dem Mythos schon eine bestimmte Richtung gegeben worden – man hätte ja auch nach Frankfurt, Aachen oder Berlin gehen können.
Bei der Beschreibung dieses Mythos sind wir nun zu jenen äußerlichen Merkmalen gelangt, die für echte Mythen ebenfalls bestimmend sind. Dazu gehört vor allem eine eindeutige Ikonographie, also ein klares Bild, das jeder im Kopf hat, wenn ein bestimmtes Stichwort fällt: Wilhelm Tell mit der Armbrust auf den Apfel zielend, Kaiser Heinrich IV vor Canossa, im härenen Büßergewand im Schnee liegend, der alte Fritz mit seinem markanten Gesicht, auf den Krückstock gestützt und einen Dreispitz tief in die Stirn gedrückt oder jene Züge mit fröhlichen Aufschriften, die auf ein baldiges Wiedersehen in Paris deuten und die lachenden, meist schnauzbärtigen jungen Männer mit Blumen am Hut, die für den Geist von 1914 stehen. Nur Ereignisse, die zu einer solchen eindeutigen Ikonographie geführt haben, sind als wahre Mythen anzusprechen.
Zweitens wurden diese bildhaft gewordenen historischen Ereignisse dem Volk in Romanen, Theaterstücken und Balladen immer wieder nähergebracht und in nationalen Feier- und Erinnerungstagen ritenhaft zelebriert, um so stets aufs Neue im Bewußtsein breiter Schichten verankert zu werden. Mythen sind das emotionale Fundament der Nationen. Dabei ist nun ganz entscheidend, worauf Karlheinz Weißmann hingewiesen hat: Daß nämlich Nationalbewußtsein ein geistiger und kein natürlicher Sachverhalt ist. „Anders als die Liebe zur Familie ist die Vaterlandsliebe nicht auf eine überschaubare Gruppe bezogen, anders als für die Heimatliebe, gibt es für den Nationalismus kein Territorium, das der Einzelne in jedem Winkel kennt.“ Weißmann führt aus, daß es das Christentum war, das den europäischen Völkern die Ausprägung eines eigenen Nationalbewußtseins ermöglicht hat, und weist darauf hin, daß außereuropäische Hochkulturen keine „Nationen“ in unserem Sinn auszubilden vermochten. „Der Grund lag im Fehlen jener Empfindung umfassender Brüderlichkeit, deren Grundlage das Christentum war: Es forderte eine Nächstenliebe, die über den selbstverständlichen Bereich hinausging. Hinwendung zu einer Nation ist ein abstrakter Vorgang, wenigstens darin dem Kosmopolitismus ähnlich, der ja auch starke Emotionen auf ein weit entferntes Gebilde richtet.“12 In dieser Hinsicht kann man Ernest Renans Definition zustimmen, daß Nationen „geistige Wesen (sind), Gemeinschaften, die existieren, solange sie in den Köpfen und Herzen der Menschen sind, und die erlöschen, wenn sie nicht mehr gedacht … werden“13.

Nation als geistiger Raum eines Volkes

Für unsere Betrachtung soll die Nation also als „geistiger Raum eines Volkes“ definiert werden. Einem Volk gehört man aufgrund seiner Geburt, seiner Abstammung, also aufgrund der Biologie an. Aus einem Volk kann man nicht austreten. An der Nation als dem geistigen Raum eines Volkes kann man aber in unterschiedlicher Weise teilnehmen.
Über Jahrhunderte war Nationalbewußtsein im wesentlichen die Angelegenheit des Adels und des zahlenmäßig kleinen Bürgertums. Die Identität weiter Volksschichten war eine vor allem lokale bzw. regionale, ein echtes deutsches Nationalbewußtsein haben die breiten Massen erst – unter der Voraussetzung der allgemeinen Schulpflicht – durch die Nationalbewegung im 19. Jahrhundert entwickelt. In analoger Weise gibt es heute viele – sehr viele – Repräsentanten des öffentlichen Lebens, die zwar biologisch Deutsche sind, aber geistig der deutschen Nation in keiner Weise mehr angehören.

Mythos und Geschichte

Es sind zumeist die großen, geschichtlichen Herausforderungen, die die Quelle identitätsstiftender Mythen bilden: Abwehrkämpfe, Freiheitskriege, das Ringen um nationale Einigkeit, das seinen Höhepunkt in Gründungs- oder Verfassungsakten findet. Dabei müssen es durchaus nicht nur große Siege sein, die zum Mythos werden, auch heroische Niederlagen sind mythenfähig, wenn wir etwa an die serbische Niederlage gegen die Türken am Amselfeld des Jahres 1389 denken.14
Es ist für die Bedeutung eines Mythos auch nicht wichtig, ob sich das historische Ereignis genau so, ganz anders oder überhaupt nicht zugetragen hat. Für das Selbstbewußtsein der Schweiz ist die Gestalt des Wilhelm Tell gleichermaßen von Bedeutung wie der Rütli-Schwur oder die Figur des Arnold Winkelried, der in der Schlacht von Sempach 1386 durch die Opferung seines Lebens einen entscheidenden Sieg über die Österreicher ermöglichte. Wir leben heute in einem Zeitalter der Entmythologisierung. Gerne weist die kritische Wissenschaft darauf hin, daß die meisten nationalen Mythen Konstrukte sind und allenfalls einen geschönten Teil der historischen Realität wiedergeben. Doch darauf kommt es nicht an, denn die Menschen kommen ohne Mythen nicht aus. Auch der heutige, angeblich aufgeklärte, kritische und linke Zeitgeist ist von Mythen bestimmt, also von emotionsgeladenen „Erinnerungen“ und Vorstellungen, die nicht unbedingt viel mit der historischen Wirklichkeit zu tun haben müssen. Die vorhandene oder fehlende Übereinstimmung mit dieser sagt aber nichts oder nur wenig über die Wirkmächtigkeit eines Mythos aus, also die bewußtseinsbildende Kraft, die er zu entfalten vermag. Welche Mythen von der Öffentlichkeit und den Massenmedien gepflegt und kultiviert werden und welche der Entmythologisierung anheim fallen, ist dabei nur eine Frage der politischen Macht und des Zeitgeistes.
Ebenso ist die Unterscheidung zwischen „echten“ und „falschen“ Mythen irrig, wie sie heute gerne getroffen wird.15 Darin wird zwischen solchen Mythen unterschieden, die spontan entstanden oder ohne konkrete Quellen geschichtlich überliefert sind, und solchen, die zur Erreichung politischer Zwecke bewußt gemacht wurden. Aber nationale Mythen wurden immer von den Bildungsschichten eines Volkes entdeckt, ausformuliert und weitergetragen bzw. dem Volk über verschiedene literarische Gattungen nahegebracht. Es gibt in der deutschen Geschichte unzählige Ereignisse, die durchaus zum Mythos hätten werden können, aber es nicht wurden, weil ihnen „der Sänger“ gefehlt hat. So Heinrich I., der den Ungarn jahrelang Tributzahlungen leistet, um ein taugliches Verteidigungssystem in Deutschland aufbauen zu können und dann, als es soweit war, den ungarischen Gesandten, die kommen, um die neuen Tribute abzuholen, einen toten Hund vor die Füße wirft, in Ungarn Symbol tödlicher Beleidigung.16 Oder der Major von Schill, der 1809 nicht begreifen will, daß Preußen Österreich im Freiheitskampf gegen Napoleon im Stich läßt, und sein ganzes Bataillon gegen alle Befehle des Königs in einen Freischärlerkampf gegen die Besatzungsmacht führt.
Andererseits ist einer der größten und wirkmächtigsten Mythen durchaus nicht im „dunklen Urgrund des Volkes“ entstanden und dann nur aufgegriffen worden, nämlich der des germanischen Freiheitssinnes. Daß die Freiheit in den germanischen Wäldern zu Hause war, daß der Wille, frei und niemandem untertänig zu sein, ein spezifischer germanischer Wesenszug sei, entdeckten die humanistischen Gelehrten des 16. Jahrhunderts bei Tacitus. Dieser Gedanke wird dann von den Barockpoeten weitergetragen und prägt schließlich die entstehende deutsche Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ganz entscheidend.17 Auch dies ein echter Mythos, der einerseits seine historischen Wurzeln hat, andererseits in dieser Gleichsetzung – Freiheitssinn ist gleich germanisch – natürlich ahistorisch ist. Dieser Mythos entfaltete nicht nur eine immense Wirkung bei der Selbstbewußtwerdung der Deutschen als Nation, sondern wurde auch über die Grenzen Deutschlands hinaus geglaubt, stammt doch das Wort, daß die Freiheit in den Wäldern Germaniens zu Hause sei, vom französischen Staatsrechtler Montesquieu.18
Damit sind wir schon bei jenem Typus nationaler Mythen angelangt, der sich nicht auf ein historisches Ereignis bezieht, sondern einen im Prinzip abstrakten Begriff emotional auflädt und zu einer Wesens- und Zielbestimmung der Nation macht. Seine bloße Erwähnung wirkt dann wie der Schlag auf eine Glocke, die bestimmte Schwingungen, bestimmte Gefühle und Vorstellungen wachruft. Auch solche Mythen gibt es bei allen Nationen. In Frankreich etwa ist es der Begriff der „Grandeur“, in England die Seeherrschaft – „Britannia rule the waves“ – in den USA der Begriff vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, also vom „Selfmade-Man“, der vom Tellerwäscher zum Millionär wird, weiters die mit dem Symbol der Freiheitsstatue verknüpften Verheißungen und letztlich das Wort von „God’s own country“, welche alle drei zusammen zu der Gleichsetzung der eigenen Identität mit dem „guten“, dem positiven Menschsein schlechthin geführt haben. In Deutschland ist es der Begriff „Preußen“ als Verkörperung bestimmter Tugenden und Ordnungsvorstellungen, andererseits der Begriff des Reiches, das als abstrakte Zielbestimmung die deutsche Nation über Jahrhunderte geprägt hat. Auf diese beiden Begriffe soll in einem eigenen Beitrag in einer der nächsten Nummern der NO gesondert eingegangen werden.

Auch im modernen Staat bleibt die mythische Sicht der Nation gültig

Diese Feststellung mag auf den ersten Blick verwundern, leben wir doch in einer Zeit der Entmythologisierung, in der nationale Mythen als lächerlich, unverständlich oder gar skandalös erscheinen. Diese Einschätzung trifft heute zwar in extremem Maße auf die Deutschen zu, scheint aber für alle europäischen Nationen zu gelten.19 Und doch ist sie nur scheinbar richtig. Blickt man zum westlichen Nachbarn Deutschlands, zu Frankreich nämlich, sieht man, wie sehr dort mythisches Denken noch lebendig ist. So begannen die beiden konservativen Kandidaten Valerie Giscard d’Estaing und Jaques Chirac ihren Europawahlkampf 1989 an jenem Ort, wo einst Gergovia – der Ort des großen Sieges der Gallier über die Römer – gelegen haben soll. Und Mitterand selbst hat das ehemalige Oppidum Bibracte, wo es einst Vercingetorix gelungen war, die gallischen Stämme zu einen, zu einer nationalen Gedenkstätte gemacht, in der er eigentlich selbst begraben zu sein wünschte.20
Aber auch in Deutschland ist die mythische Sicht der Nation noch immer dominierend.
Wie wir bereits gezeigt haben, läuft sie auf eine In-Beziehung-Setzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinaus, und ebenso darauf, daß in ihr Ganzes und Teil, Allgemeines und Einzelnes zusammenfallen: die Nation ist in allen, in jeder einzelnen Person substantiell anwesend. Sie ist ein „numinoses Wesen, ein Individuum mit Allgemeinheitsbedeutung“21. Der einzelne Mensch kann sich daher der eigenen Nation nicht entziehen, er kann sein Verhältnis zu ihr zwar in der einen oder anderen Weise interpretieren, aber niemals auflösen. Angeblich ist nun dieses mythische Verständnis der Nation bei den Deutschen heute nicht mehr vorhanden, ihnen gilt die Nation als eine nur subjektive, nicht objektive Wirklichkeit und steht damit für den einzelnen auch zur Disposition. Man spricht lieber von „Gesellschaft“, deren Wesen es ja ist, daß man in sie nach Belieben eintreten und wieder austreten kann.22 Und doch ist die mythische Sicht der Nation immer noch lebendig, wie an drei Beispielen gezeigt werden soll:
-Die Präambel des Grundgesetzes setzt einen solchen mythischen Begriff der Nation voraus, als in ihr vom deutschen Volk gesprochen wird, das eine objekte Größe bildet, auch wenn Teile desselben am politischen Meinungsbildungsprozeß nicht mitwirken können.23
-Ebenso ist der Wehrdienst nur durch ein mythisches Verständnis der Nation zu rechtfertigen. Aus der Tatsache, Wähler, Steuerzahler oder Sozialhilfeempfänger zu sein, kann man nicht die Verpflichtung ableiten, für einen bestimmten Staat unter bestimmten Umständen auch sterben zu müssen. Diese immer noch an jeden gesunden jungen Mann ergehende Forderung läßt sich nur aus einem mythischen Verständnis der Nation heraus ableiten, insofern, als der einzelne ohne innere Teilhabe an seiner Nation nicht wahrhaft zum Menschen werden kann.
-Auch einer der prägendsten Mythen unserer Zeit setzt wiederum dieses mythische Verständnis der Nation voraus: Auschwitz. Ein Jürgen Habermas, der ursprünglich jede traditionelle nationale Identität ablehnte und verkündete, alle „Gesellschaftsmitglieder“ sollten sich ihre eigene Identität selbst entwerfen, brach mit dieser Haltung, als er erkannte, daß dann die heutigen Deutschen für Auschwitz auch nicht mehr in die Pflicht zu nehmen wären. So verkündete er 1987, unsere Identität sei bestimmt „durch ein geschichtliches Milieu, das uns erst zu dem gemacht hat, was und wer wir heute sind. Niemand von uns kann sich aus diesem Milieu herausstehlen, weil mit ihm unsere Identität sowohl als Individuum wie als Deutsche unauflöslich verwoben ist.“24

Negative Mythen der Deutschen

Auschwitz ist ein klassischer Mythos. Wirklich ergriffen hat er die Deutschen erst, als sich die heutigen Mythenproduzenten – Film und Fernsehen – seiner annahmen und er bildfähig wurde. Die Serie „Holocaust“ ist hier als Initialzündung zu werten. Seither ist „Auschwitz“ – und damit ist nicht der historische Ort und das dortige Geschehen gemeint, sondern jener Komplex an Vorstellungen, der damit verbunden ist – zum tragenden Mythos der Bundesrepublik geworden. „Auschwitz“, das meint die einseitige
Verteilung von Gut und Böse im Zweiten Weltkrieg, die Kollektivschuld der Deutschen, ja ihre geschichtliche Widerlegung als Nation. Das heutige Deutschland lebt, indem es sich von „Auschwitz“ distanziert. Es definiert sich selbst als Gegenbeispiel. Was immer Hitler und die Nationalsozialisten für gut befunden haben, das Gegenteil davon muß richtig sein. Gleichzeitig wird damit das Dritte Reich zum negativen Gegenmythos der Bundesrepublik stilisiert. Dies alles mag auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen, in Wirklichkeit hält diese Form der Mythologisierung aber nur die Faszination des Dritten Reiches am Leben, eben als die eines Gegenbildes zum heutigen Deutschland. Die Vergangenheit kann damit nicht vergehen, sondern bleibt gegenwärtig.
Weil Auschwitz – also die Kollektivschuld der Deutschen, also die einseitige Verteilung von Gut und Böse im Zweiten Weltkrieg – zum tragenden Mythos der Bundesrepublik Deutschland geworden ist, muß auch alles bekämpft werden, was eine Relativierung oder gar Entthronisierung dieses Mythos bewirken könnte. Von daher erklärt sich die Verbissenheit mit dem Begriff der „Befreiung“ als einzig mögliche Interpretation des 8. Mais propagiert wurde. Von daher erklärt sich die Verdrängung des Schicksals der Vertriebenen und der Geschichte der deutschen Ostgebiete überhaupt und ebenso der von kühler Distanziertheit bis zu verächtlicher Häme neigende Umgang vieler Journalisten mit Büchern oder Filmen, die – wie etwa „So weit die Füße tragen“ – deutsche Opfer zum Thema haben.
Ja, wenn der Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland das Gegenbild des Dritten Reiches ist, dann gewinnt auch die heute betriebene Entmythologisierung der sonstigen deutschen Geschichte ihren Sinn: Nur so kann deutsche Identität auf die Abgrenzung von jenen zwölf Jahren eingeengt werden.
Dabei soll hier gar nicht kritisiert werden, daß Auschwitz zu einem Mythos geworden ist, d. h. die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung durch Bücher und Filme am Schicksal einzelner Menschen bildhaft nachvollziehbar gemacht wurde. Und da der Mythos immer appellativ ist, Vergangenheit und Gegenwart immer in einen lebendigen Zusammenhang setzt und dem Zuhörer sagt: „Auch du bist Teil von dieser Geschichte!“, ist „Auschwitz“ für die Juden in der modernen Welt zum vielleicht wichtigsten identitätsprägenden Mythos geworden. So besonders wichtig deshalb, weil die Religion, die in der Vergangenheit wie kein anderer Faktor jüdische Identität bestimmt hat, für viele Angehörige des jüdischen Volkes heute keine besondere Bedeutung mehr besitzt.
Auch ist – nicht in der oben beschriebenen, sondern einer angemessenen Form – nicht prinzipiell zurückzuweisen, daß Auschwitz zu einem bedeutsamen Mythos in der deutschen Geschichte wird, mit der appellativen Funktion, eine solche Entwicklung nie wieder zuzulassen. Dies wird aber nur möglich sein, wenn zuvor die dramatische Schieflage beseitigt wird, die europa-, ja fast weltweit den Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs bestimmt.
Auch aus deutscher Sicht kann der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen nur als Mythos richtig begriffen werden, da sich Opfer eines bestimmten Ausmaßes dem Vorstellungsvermögen einfach entziehen und nur am repräsentativen Einzelbeispiel erlebt werden können – und dies ist genau das Wesen des Mythos. Die Verluste an Menschenleben, an jahrhundertelang besiedelten und kultivierten Ländern, an Stein gewordener Geschichte in den Städten, die Opfer des Krieges im Osten, der Bombennächte und der Vertreibungen – wir können diese Opfer und Verluste nur in mythischer Weise wahrhaft erfahren, denn wirklich begriffen hat man etwas erst, wenn man es nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen verstanden hat.
Und genau das markiert die Schieflage unserer Zeit: Die jüdischen Opfer und Verluste haben, und es sei ihnen vergönnt, ihre „Sänger“ und erreichen via Film und Fernsehen die Herzen der Menschen rund um die Welt – von den deutschen Opfern „weiß“ man vielleicht die Zahlen, bildhaft sind diese Opfer für die meisten heute lebenden Menschen aber nie geworden, ja für die meisten Deutschen nicht. Solange sich das nicht ändert, werden auch die Rufe der deutschen Opfer nach Wiedergutmachung oder zumindest Anerkennung ihres Leides ungehört verhallen, wird niemand in der tschechischen oder polnischen Haltung, „an den Ergebnissen des Zweiten Weltkrieges dürfe nicht gerüttelt werden“, das erkennen, was sie in Wahrheit ist: menschenverachtender Zynismus.
In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Problem zu erwähnen, dessen Bedeutung oft nicht erkannt wird: Bei etlichen westeuropäischen Nationen existiert eindeutig der Mythos vom bösen, barbarischen Deutschen. Entstanden ist er nicht erst im Zeitalter der Weltkriege, sondern schon 1870 anläßlich des Krieges gegen Frankreich. Bis dahin herrschte das von Madame de Stael und anderen geprägte Bild der Deutschen als Volk der „Dichter und Denker“. Wie abrupt sich das ändert, zeigt der Brief eines englischen Lords, der nach dem deutschen Sieg über Frankreich schrieb: „Many
friends of the Germans have been disappointed, because they had always believed, that all Germans where philosophers.“ Und der Frankfurter Altgermanist Klaus von See, der dieses Zitat ausgegraben und den Wandel in der Einschätzung der Deutschen erforscht hat, liefert auch gleich die Begründung: In dieser Rolle der Philosophen hätte man die Deutschen wohl auch gerne weiterhin gesehen, als Konkurrenten auf der macht- und wirtschaftspolitischen Ebene empfand man sie als weit weniger angenehm.25 Dieser negative Mythos hat sich seither verfestigt und wird von den Massenmedien bei jeder Gelegenheit wieder in Erinnerung gerufen, sogar ein Joschka Fischer mußte sich in englischen Medien den Vergleich mit Goebbels gefallen lassen. Man darf die Bedeutung eines solchen negativen Mythos nicht unterschätzen. Im Gegenteil bildet er eine absolute Hypothek, der die patriotischen Kräfte mit allen geeigneten Mitteln gegensteuern sollten.
Heute pflegen aber auch die Deutschen einen negativen Mythos von sich selbst als den „Tätern“ in der Geschichte, zumindest in der des 20. Jahrhunderts. Das negative Selbstbild, das die Deutschen von sich haben, ist vergleichbar mit dem der amerikanischen Neger zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen einer Studie gaben damals Psychologen Kindern aus schwarz-amerikanischen Familien zwei Puppen – eine schwarze und eine weiße – und baten die Kinder, ein Spiel zu spielen, in dem eine der beiden Puppen eine böse und die andere eine gute Rolle zu übernehmen hätte: Die überwiegende Mehrzahl der Kinder ließ die schwarze Puppe die böse Rolle spielen, was ein bezeichnendes Licht auf das Selbstbewußtsein der amerikanischen Neger zu diesem Zeitpunkt wirft. Die „black consciousness“-Bewegung hat dieses Selbstbild binnen weniger Jahrzehnte völlig gedreht und den Afroamerikanern zu einem geradezu überbordenden Selbstbewußtsein verholfen. Analog verweist Karlheinz Weißmann darauf, daß für die amerikanische Jugend der späten dreißiger Jahre Patriotismus als letzter Zufluchtsort für Taugenichtse galt, eine krude Form liberalen Pazifismusses vorherrschte und kaum etwas verächtlicher schien als Wehrdienst und Vaterlandsliebe. Pearl Harbor änderte dies schlagartig, von einem Tag auf den anderen26 – womit Präsident Roosevelts Rechnung, der dieses Schlag brauchte, um in den Krieg eintreten zu können, exakt aufging.
Auch für die Deutschen ist also noch nicht aller Tage Abend, der geistige Zustand eines Volkes kann sich rasch ändern. Um diese hoffnungsfrohe Behauptung zu untermauern, soll abschließend an drei Beispielen das weitgehend unbewußte Fortwirken der Mythen bzw. jener Kräfte, die in ihnen zum Ausdruck kommen, dokumentiert werden.

Hoffnungszeichen

-Erstens das Volk der Dichter und Denker: Ein Mythos, der nicht nur das Selbstbild der Deutschen prägte, sondern auch das Bild, das Europa von den Deutschen hatte. Heute wird oft behauptet, daß die Hochkultur – die großen Romane, Theaterstücke und Opern, die klassische Musik und die bildende Kunst – auf immer weniger Interesse stößt. Ungeachtet dessen spielt sie für das Selbstverständnis der Deutschen nach wie vor eine überaus bedeutsame Rolle. Auf die Frage, worauf man als Deutscher stolz sein kann, belegten bei einer Umfrage von 1999 „Goethe, Schiller und andere große Dichter“ und „Beethoven, Bach und andere klassische deutsche Komponisten“ unangefochten die beiden ersten Plätze. Auf dem vierten Platz folgten „die mittelalterlichen Städte und Dome“. Interessant ist, daß sich diese Haltung in den letzten beiden Jahrzehnten – Anfang der achtziger Jahre wurde nämlich eine ähnliche Studie durchgeführt – nicht verändert hat. Schlußfolgerung: Auch die Generation, die vor 25 Jahren noch nicht, 1999 aber schon befragt werden konnte, räumt den kulturellen Leistungen ihres Volkes einen hohen Stellenwert ein. Noch interessanter ist, was sich verändert hat: Die Behauptung, man könne auf den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg stolz sein, rückte vom elften Platz Anfang der achtziger Jahre auf den dritten Ende der neunziger Jahre.27 Hier scheint sich ein neues Selbstbewußtsein herauszubilden.
-Im Unterschied zu anderen Nationen rangiert der Stolz auf wissenschaftliche, wirtschaftliche und sportliche Leistungen bei den Deutschen weiter hinten.28 Noch davor reiht sich, auf Platz fünf, der Stolz auf die schönen Landschaften ein.29 Womit wir bei einer Quelle des Nationalstolzes sind, die bei vielen anderen Völkern fast überhaupt keine Rolle spielt. Über den Wald als deutschen Mythos ist erst vor einigen Jahren ein Buch erschienen, in dem u. a. belegt wird, daß z. B. für Italiener der Wald eher ein negativ besetztes, unkultiviertes Gestrüpp ist, das sich der agrarischen Kultivierung entzieht und all die in Deutschland vorhandenen positiven Emotionen und Vorstellungen, die mit dem „grünen Dom“ verbunden sind, in Italien völlig fehlen.30 Auch in Frankreich ist das Verhältnis zum „flachen Land“ nicht viel anders. Und als die britische EU-Ratspräsidentschaft Kinder Logos der EU-Mitgliedsländer zeichnen ließ, wurde Österreich mit Musiknoten dargestellt, Italien mit einer Salami-Pizza und Deutschland mit Wald und Fluß.31 Eher ungewöhnlich für eines der dichtbesiedeltsten Länder der Europäischen Union.
Und dieser Naturbezug wirkt fort. Wie sich die Lebensreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich in den deutschen Ländern (plus Flandern) abgespielt hat, konnten am Ende dieses Jahrhunderts wiederum nur in Deutschland und Österreich grüne Parteien zu einem fixen Bestandteil der politischen Landschaft werden, wenngleich der ökologische Gedanke für diese weitenteils von der extremen Linken gesteuerten Parteien oft nur Mittel zum Zweck war. Festzuhalten bleibt, daß der im Mythos vom deutschen Wald deutlich werdende Naturbezug der Deutschen nach wie vor gegeben ist und vielleicht genauso eine Quelle der Gesundung sein kann wie das latent positive Verhältnis zur Kultur.
-Das dritte Beispiel stammt vordergründig aus der „Event- und Spaß-Kultur“ unserer Tage: Die zahlreichen „Ritterfeste“, „Mittelaltermärkte“ etc., die in ungeheurer Vielfalt quer durch Deutschland veranstaltet werden. Ist es nicht interessant, daß ausgerechnet das Mittelalter nach wie vor unsere Phantasie so stark beschäftigt? Feiert unser Volk da nicht die eigene Vergangenheit? Man könnte ja auch Wildwestdörfer, das Bagdad von 1001 Nacht, das Peking zur Zeit Marco Polos, das antike Rom oder die Phantasiewelten von „Star Wars“ inszenieren und dabei genug Anknüpfungspunkte für Mummenschanz und Publikumsunterhaltung finden. Doch das Mittelalter dominiert bei weitem. Ist dies der zeitgemäße Weg, die Identität von Vergangenheit und Gegenwart zu erleben? Ist das der heutige Weg für die Deutschen, sich mit ihrer Vergangenheit zu identifizieren, das zeitgemäße Einfallstor deutscher Mythen also? Nehmen nicht diese Veranstaltungen das alte Muster nationaler Gedenktage wieder auf, in denen auch Paraden in Uniformen und Trachten vergangener Zeiten eine wesentliche Rolle spielten?
Sicher werden heute viele identitätsprägende Mythen der Deutschen nur mehr von kleinen Kreisen bewußt gepflegt und künftigen Generationen vermittelt. Doch dies kann sich jederzeit und rasch wieder ändern. Die Krise, deren Vorzeichen wie das leise Grollen eines am Horizont heraufziehenden Gewitters schon heute merkbar sind, wird in den nächsten Jahrzehnten ungeahnte Ausmaße erreichen. Dann wird sich zeigen, ob das deutsche Volk überhaupt noch eine Zukunft hat, oder – bestenfalls – zur Minderheit im eigenen Lande wird. Diese Zeit existentieller Entscheidungen – denen keiner sich entziehen kann – wird mit den Illusionen der im Vergehen begriffenen Epoche ziemlich unbarmherzig aufräumen und geradezu zwangsläufig den Blick auf die Nation wieder freigeben.

Anmerkungen

1 Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher, Die verletzte Nation. Über den Versuch der Deutschen, ihren Charakter zu ändern, Stuttgart 1987, S. 58
2 Vergleiche Kurt Hübner, Die Wahrheit des Mythos, München 1985. Auf den Zusammenhang der mythischen Sicht der Nation und der Weltsicht des Mythos im allgemeinen wird weiter unten eingegangen.
3 Eugen Kotte, Not to have ideologies but to be one. Die Gründungsgeschichte der USA in amerikanischen Schulgeschichtsbüchern, Hannover 1997
4 Robert Michels, Patriotismus. Prolegomena zu seiner soziologischen Analyse, München 1929, S. 7
5 Karlheinz Weißmann, Nation? Bad Vilbel 2001, S. 90
6 Am besten zusammengefaßt hat den mythischen Begriff der Nation: Kurt Hübner, Mythos und Politik. – In: Bernhard Willms (Hg.), Handbuch zur deutschen Nation, Band III, Tübingen 1988, S. 276–281
7 Kurt Hübner, Das Nationale, Graz 1991, S. 278–291
8 Etienne Francois und Hagen Schulze, Das emotionale Fundament der Nationen. – In: Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama, München 2001, S. 17–33
9 Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, (Aus Wihelm Meisters Wanderjahren) Nr. 682 nach der Zählung von Max Hecker
10 Etienne Francoise und Hagen Schulze 2001, S. 21
11 Karlheinz Weißmann 2001, S. 83
12 Ebd., S. 27
13 Ernest Renan, Was ist eine Nation? Zit. nach: Michael Jeißmann, Henning Ritter (Hg.), Grenzfälle. Über alten und neuen Nationalismus, Leipzig 1993, S. 18
14 Etienne Françoise und Hagen Schulze, 2001, S. 22
15 So z. B. Karl Kerenyi, Wesen und Gegenwärtigkeit des Mythos. – In: Ders. (Hg.), Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos, Darmstadt 1967
16 Helmut Diwald, Heinrich I., Bergisch Gladbach 1987, S. 475 f
17 Klaus von See, Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen, Heidelberg 1994, S. 63 ff.
18 Ders., S. 64
19 Etienne Françoise und Hagen Schulze 2001, S. 30 f.
20 Karlheinz Weißmann 2001, S. 89
21 Kurt Hübner 1988, S. 278
22 Ebd., S. 281
23 Ebd., S. 283
24 Zitiert nach Peter Dürrmann, Heimat und Identität. Der moderne Mensch auf der Suche nach Geborgenheit, Tübingen 1994, S. 70 f
25 Klaus von See, Freiheit und Gemeinschaft. Völkisch-nationales   Denken in Deutschland zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg, Heidelberg 2001, S. 115
26 Weißmann 2001, S. 13
27 Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher 1987, S. 60 und Elisabeth Noelle-Neumann, Wir sind ein Volk. Was die Deutschen zusammenhält. Eine Dokumentation des Beitrags in  der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Nr. 214 vom 15. September 1999, Tab. A7,
28 Vergleiche Ronald Ingelhard u. a., Human values and believes. A cross cultural source book, Michigan 1998
29 Noelle-Neumann 1999, Tab. A7
30 Reinhard Johler, Wald, Kultur, Nation. Ein deutsch-italienischer Vergleich. – In: Albrecht Lehmann, Klaus Schriewer (Hg.), Der Wald – ein deutscher Mythos? Perspektive eines Kulturthemas, Hamburg 2000, S. 94
31 Johler 2000, S. 96

 
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