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Christenverfolgungen in islamischen Ländern

In vielen muslimischen Ländern, die die Sharia eingeführt haben, steht auf die Konversion zum Christentum die Todesstrafe. Konvertiten werden bis zum Oberkörper in Sand eingegraben und gesteinigt.

Von Jürgen Liminski

Alle drei Minuten ein Märtyrer

Im Schatten der teils gewalttätigen, teils friedlichen Proteste muslimischer Massen gegen die Karikaturen im Staate Dänemark („Demonstrationen für den Respekt religiöser Überzeugungen und Gefühle“, heißt es in Europa) blieb weitgehend verborgen, daß in eben diesem emotional so aufgeputschten Krisenbogen zwischen Casablanca und Taschkent Christen für ihre religiösen Überzeugungen diskriminiert und getötet werden oder in ständiger Lebensgefahr schweben. Man hört und liest nicht viel von solchen Fällen – weit hinter dem Bosporus oder in Nordafrika, Asien oder auch im Vorderen Orient. Aber es ist wohl nicht verfehlt, von einem Aufflammen der Christenverfolgung in islamischen Ländern zu sprechen, auch wenn die Medien hierzulande kaum davon berichten.

Durchgedrungen – in kleinen Meldungen – ist in den Medien der Mord an dem italienischen Missionspriester Andrea Santoro in der türkischen Stadt Trabzon am Südufer des Schwarzen Meeres. Er war im Garten der Kirche auf Knien ins Gebet vertieft, als ein aufgebrachter Türke ihn suchte, sah und erschoß. Beim Requiem kündigte Kardinal Camillo Ruini, Bischofsvikar des Papstes für die Diözese Rom, in der Lateran-Basilika in Rom die baldige Eröffnung des Seligsprechungsprozesses für den Pater an, der Priester der Diözese Rom war. Papst Benedikt würdigte ihn als „mutigen Zeugen des Evangeliums der Liebe“. Kardinal Ruini nannte ihn einen „Märtyrer und Zeugen der christlichen Liebe“.
Fast wäre in der türkischen Stadt Izmir an der Ägäis-Küste wenige Tage später ein Franziskaner von einer Gruppe Jugendlicher ermordet worden. Sie hatten ihn angegriffen, an der Gurgel gepackt und geschrien: „Wir werden euch alle töten“. So berichtete es Bischof Luigi Padovese, Apostolischer Vikar von Anatolien. Dieser jüngste Übergriff sei die „Frucht eines um sich greifenden Fanatismus“, betonte er. Der Vorfall hatte sich innerhalb des Klostergeländes zugetragen. Bischof Padovese erklärte, Pater Martin Kmetec, ein gebürtiger Slowene, sei sofort zur Polizei gegangen, doch diese „schenkte dem Angriff kaum Beachtung“.
Die Türkei ist mit ihrer Trennung von Religion und Staat formal noch ein fortschrittliches Land. In anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sind Christen wie Freiwild. In Saudi- Arabien oder im Iran steht auf Konversion vom Islam zum Christentum die Todesstrafe. Dort werden Konvertiten bis zum Oberkörper in Sand eingegraben und gesteinigt. Die durch engen Kontakt mit Christen „beschmutzte Ehre der Familie“ wird auch in Palästina mit Mord an eigenen Angehörigen wiederhergestellt. Im kleinen Ort Deir Jarir erfuhren im vergangenen September Vater und Brüder einer jungen Frau, daß sie mit einem „Ungläubigen“ aus dem Nachbarort Taiba eine Liebesbeziehung begonnen hatte. Die Eltern „reinigen“ die Ehre der Familie, indem sie die Tochter vergiften, die Brüder begraben sie sofort, noch bevor sie stirbt. Aber das genügt der muslimischen Gemeinschaft nicht. Sie rotten sich zusammen und greifen mit ungefähr fünfhundert bewaffneten Männern und dem Kriegsruf „Allahu Akbar“ (Gott ist der Größte) den überwiegend christlichen Nachbarort an, plündern und brandschatzen 16 Häuser. Die palästinensischen Polizeieinheiten erfahren davon, greifen aber nicht ein.

Christen im Heiligen Land

Der Wahlsieg der Hamas bedeutet für die Christen im Heiligen Land nichts Gutes. Der Chef der Hamas-Fraktion im Stadtrat von Bethlehem hat bereits offen in einem Interview mit der amerikanischen Zeitung „Wall Street Journal“ angekündigt, daß man die von der Scharia vorgeschriebene Sondersteuer für Dhimmis (wörtlich: Schutzbefohlene; de facto: Bürger zweiter Klasse, also Christen und Juden) erheben werde. Diese Sondersteuer, die Dschizija, ist ein Konzept aus den ersten Jahrzehnten des Islam. Die Ausbeutung unterworfener Stämme und Städte diente vor allem dazu, die Kriegskasse zu füllen. Allzuviel werden die Nachfolger der Kalifen in den Gebieten der Palästinensischen Autonomie nicht hereinholen können.
Gerade in Bethlehem ist die christliche Bevölkerung völlig verarmt, übrigens auch wegen der Isolationspolitik der Israelis. Wer kann, wandert aus. Viele Christen sind bereits gegangen. Seit den Abkommen von Oslo vor gut zehn Jahren ist die christliche Bevölkerung stark geschrumpft. Vier von fünf Christen sind gegangen, der Anteil der Christen an der Bevölkerung ist von zehn auf knapp zwei Prozent gesunken. Viele Auswanderer fühlen sich auch von dem Patriarchen der Lateiner in Jerusalem, Michel Sabbah, im Stich gelassen. Sein Mißtrauen gegen Israel und sein Wohlwollen gegenüber dem Islam haben ihm den Beinamen „Islamischer Patriarch von Jerusalem“ eingetragen.
Auch in Israel selbst, in Galiläa, leben Christen unter ständiger Todesgefahr. Anfang Februar traf ein Hilferuf aus Maghar bei dem Hilfswerk „Kirche in Not“ ein. Der Pfarrer des Ortes, Pater Maher, organisierte zum Gedenken an das Pogrom im Februar vor einem Jahr eine Gebetsnacht für Vergebung und Versöhnung. Man solle mitbeten und den Aufruf publik machen. Das könnte schützend wirken. Damals, Mitte Februar 2005, waren 1.500 Drusen (sie stellen etwa 60 Prozent des rund 20.000 Einwohner zählenden Ortes) über die Christen hergefallen, hatten, wie Pater Maher nachher festhielt, etwa hundert Häuser zerstört und abgebrannt, 30 Geschäfte
einschließlich der Apotheke geplündert und auch die Kirche angezündet, 151 Autos gingen in Flammen auf. Die israelische Polizei, die in Maghar meist aus Drusen besteht, schaute zu und hinderte die Feuerwehr, die Brände zu löschen. Die Pogromstimmung setzte sich auch danach fort. Christliche Schüler werden mißhandelt und gedemütigt. Sie müssen die Taschen der Drusen tragen, Kreuze und Marienmedaillen werden ihnen weggerissen. Einer der Jugendlichen beging aus Verzweiflung Selbstmord. Vor allem die jungen Mädchen wagen sich nicht mehr in die Schule. 447 Schüler und Schülerinnen haben in mehr als zehn Schulen von Nachbardörfern Zuflucht gesucht, hundert Schüler haben ihre Schullaufbahn abbrechen müssen. Von den 4.000 Christen ist die Hälfte geflohen, man fürchtet weitere Ausschreitungen der unberechenbaren Drusen, zumal diese von den israelischen Behörden gedeckt oder nicht belangt werden.

Irak

Von Auszehrung und schleichendem Martyrium bedroht sind auch die Christen im Irak. Eine Anschlagserie auf christliche Kirchen im Irak forderte Ende Januar drei Tote und 17 Verletzte. Patriarch Emmanuel III. von Babylonien und der Chaldäer, der höchste Würdenträger der mit Rom unierten chaldäisch-katholischen Kirche, entging nur knapp einem Bombenanschlag in Bagdad. Seine rechte Hand, der Weihbischof von Bagdad, Abouna, gab dem Gefühl der Christen Ausdruck, als er sagte, daß sich die Christen wie „Gefangene zwischen zwei Stühlen“ fühlten. Von beiden Seiten, den Sunniten wie den Schiiten, würden sie entweder eingeschüchtert oder aber auf heuchlerische, manipulative Weise umworben. Die Christen seien jetzt tatsächlich am Ende ihrer Kräfte. Nach weiteren Autobombenanschlägen auf sechs Kirchen in Bagdad und in Kirkuk, dem Zentrum der irakischen Erdölindustrie, warnte auch der Erzbischof Louis Sako davor, daß die christliche Gemeinschaft im Irak nun „wieder zu einer Kirche von Märtyrern“ werde.
Gegenüber dem Hilfswerk „Kirche in Not“, das sich ganz praktisch und unbürokratisch um die verfolgten Christen in aller Welt kümmert, sagte der Bischof, die Christen würden standhalten und sich auch nicht durch Terroranschläge aus dem Land vertreiben lassen. Zahlreiche Menschen, darunter auch viele Muslime, seien gerade deshalb zur Eucharistiefeier in die Kathedrale gekommen, um zu zeigen, „daß sie tiefer mit dem Christentum verbunden sind als jemals zuvor“.
Die Nuntiatur in Bagdad gehörte nach einer Anordnung Papst Johannes Pauls II. zu jenen wenigen ausländischen Vertretungen, die geöffnet blieben, als die ersten Bomben fielen. Für die Iraker bedeutet die Anwesenheit des 58 Jahre alten Repräsentanten des Papstes, Erzbischof Filoni, der das Land während des Krieges nicht verlassen hat, eine moralische Unterstützung sowie ein Zeichen der greifbaren Solidarität der katholischen Kirche. Um die Nähe zu den Menschen zu fördern, verzichtet der Nuntius bewußt auf besondere Sicherheitsvorkehrungen. Jetzt wurde seine Residenz auch Ziel eines Autobombenanschlags. Der Zusammenhang mit den Karikaturen in Dänemark scheint ihm offenkundig. Es gebe „in den islamischen Ländern einfach eine große Hitzigkeit“. Für „uns Christen ist diese Entwicklung Anlaß zu äußerster Sorge. Wenn sie könnten, würden viele von ihnen auswandern“.

Märtyrer in Asien

Mord auch auf den Philippinen. Muslimische Extremisten haben erst jetzt im Zuge der Demonstrationen gegen die Karikaturen auf der Insel Jolo sechs Christen kaltblütig ermordet. Die Täter, vermutlich Angehörige der islamischen Terrororganisation „Abu Sayyaf“ („Schwert Gottes“), gingen in der kleinen Stadt Patikul von Tür zu Tür und fragten die Bewohner, ob sie Christen oder Muslime seien, berichtete „AsiaNews“. Waren es Christen, wurde das Feuer eröffnet. Brigadegeneral Alexander Aleo, ein Sprecher der philippinischen Armee, bestätigte diese Angaben und fügte hinzu, daß auch ein neun Monate altes Mädchen getötet worden sei. Fünf Personen, unter ihnen ein dreijähriger Junge, seien mit schweren Verletzungen davongekommen.
In Asien starben während des vergangenen Jahres vier Priester, während sie das Evangelium verkündeten: drei in Indien und einer in Indonesien. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr ein Bischof, 20 Priester, zwei Ordensmänner und zwei Ordensfrauen sowie ein Laie wegen ihres Glaubens ermordet und sind deshalb im aktualisierten „Martyrologium“, dem Märtyrer-Verzeichnis der zeitgenössischen Kirche, verzeichnet, das von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker veröffentlicht wird. Bei den 26 Glaubenszeugen aus dem vergangenen Jahr (2004 waren es noch 15) handelt es sich nicht nur um Missionare im eigentlichen Sinn, sondern generell um kirchliche Mitarbeiter.
Das sind registrierte Fälle in der katholischen Kirche. Sie sind peinlich genau registriert, einschließlich der Umstände. Zeugen werden vernommen, schließlich bedeutet die Aufnahme in das Martyrologium so etwas wie eine administrative Seligsprechung. Viele, ja vermutlich tausende Fälle werden aber nicht erfaßt, weil sie sich in der Wüste oder in unzugänglichen Gebieten ereignen und erst Jahre später bekannt oder aus Angst gar nicht gemeldet werden oder weil es an Zeugen mangelt.
Hinzu kommen noch die Fälle aus der evangelischen Kirche. Der Bonner Menschenrechtler und evangelische Theologe Professor Thomas Schirrmacher hat viele weitere Fälle aufgezeichnet und gesammelt und in seinem im Februar erschienenen „Jahrbuch zur Christenverfolgung 2005“ veröffentlicht. Darin kommt er zu dem Ergebnis: Alle drei Minuten wird auf der Welt ein Christ wegen seines Glaubens getötet. Zwischen 80 und 90 Prozent aller religiös Verfolgten sind Christen. Und nirgendwo würden Christen öfter und stärker verfolgt und diskriminiert als in islamischen Ländern.
Nicht alle kirchlichen Mitarbeiter, Priester, Schwestern, Ordensmänner, Katecheten oder Diakone starben wegen ihres Glaubensbekenntnisses. Viele fallen auch Raubüberfällen zum Opfer, andere weil sie öffentlich für gerechtere soziale Verhältnisse eintreten. Die Motivation der Mörder ist auch im Vorderen Orient und in islamischen Ländern nicht immer eindeutig. Aber mit Sicherheit läßt sich sagen, daß die gewaltsame Christenverfolgung in diesen Ländern in den letzten Monaten signifikant zugenommen hat und daß die Zahl der von der katholischen Kirche offiziell registrierten Märtyrer nur ein schwacher Indikator für die wahre Pogromstimmung in diesen Ländern ist. Die Diskriminierung in diesen Ländern ist real existent und alltäglich. Dabei geht es nicht nur um Ehre, sondern um Hab und Gut und um Leib und Leben. Damit soll keineswegs die Verunglimpfung des islamischen Propheten durch die dänischen Karikaturen aufgerechnet werden. Aber diese Tatsachen, von denen die Medien in Europa kaum Notiz nehmen, sollten die kleinlauten und verständnisvollen Gutmenschen hierzulande wenigstens daran erinnern, die Kirche im Dorf zu lassen – auch im globalen Dorf.

Mit freundlicher Genehmigung der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ (18. Februar 2006)

 
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