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Die dumme Rechte und der „Kalergi-Plan“

Von Wolfgang Dvorak-Stocker

Immer wieder erhalte ich Briefe, die mich auf den sinistren Plan des „Hochgrad-Freimaurers Richard von Coudenhove-Kalergi“ hinweisen, der nun ja offensichtlich in die Tat umgesetzt würde, wobei sich die Briefeschreiber auf Buchveröffentlichungen durchaus honoriger Herren des rechten Lagers berufen. Coudenhove-Kalergi, der Begründer der Paneuropa-Bewegung, solle schon 1923 offenbart haben, daß er sich für die Zukunft Europas eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse unter der Führung der Juden, die eine Adelsrasse von Geistes Gnaden darstellten, wünsche. Immer wieder wird behauptet, Coudenhove-Kalergi habe eine solche eurasisch-negroide Mischrasse „gefordert“ oder sie zumindest als „wünschenswert“ bezeichnet. Und immer wieder wird darauf verwiesen, daß er die Führung eben den Juden zugesprochen habe.
In den Schriften Coudenhove-Kalergis findet sich allerdings kein solches Plädoyer, keine solche Forderung.
Im 1925 erschienenen Buch „Praktischer Idealismus“ versuchte er sich freilich in Zukunftsanalyse und meinte, nüchtern feststellen zu müssen: „Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen“ (S. 23).
Diese Rassenmischung beurteilt er dabei durchaus kritisch. Schon in den Großstadtmenschen der 1920er Jahre erkannte er den „Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben sich die entgegengesetztesten Charaktereigenschaften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Großeltern auf, oder schwächen einander wenigsten ab. Die Folge ist, daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungslosigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosigkeit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit und Weite des Horizontes verbinden“.
Dieses Zitat, das von einem erstaunlich biologistischen Denken zeugt, findet sich auf Seite 20 des genannten Buches.
Die „jüdische Adelsrasse“ taucht hingegen in diesem Zusammenhang gar nicht auf, sondern in einem ganz anderen auf Seite 49 des „Praktischen Idealismus“, in dem Coudenhove-Kalergi die Geschichte der Juden wie folgt resümiert: „So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine kleine Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein heldenmütig ertragenes Martyrium für die Idee und geläutert von allen willensschwachen und geistesarmen Elementen. Statt das Judentum zu vernichten, hat es Europa wider Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß veredelt und zu einer Führernation der Zukunft erzogen. Kein Wunder also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker entsprungen, sich zu einem geistigen Adel Europas entwickelt. So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Judenemanzipation eine neue Adelsrasse von Geistesgnaden geschenkt.“
Man kann der Person und den Ideen Richard von Coudenhove-Kalergis durchaus kritisch, ja ablehnend gegenüberstehen. Festzuhalten bleibt:
Der Ausblick auf die „Mischrasse der fernen Zukunft“ erfaßt eine schon Anfang des 20. Jahrhunderts erkennbare Tendenz, die nicht von der Hand zu weisen ist. Eine „Forderung“ diesbezüglich hat Kalergi allerdings nicht aufgestellt. Außerdem sehen wir heute, daß es eine solche globale Rassenvermischung wohl nie geben wird, da alle Ethnien, auch solche in Vielvölkerstaaten, zur Abgrenzung neigen und ihre Eigenart bewahren wollen.
Zweitens: Die Rede von der „jüdischen Adelsrasse“ bezog sich nicht auf die „ferne Zukunft“, die in den Augen Kalergis zu einer weltweiten Rassenmischung führen würde (von der er die Juden keineswegs ausgenommen hat), sondern auf die unmittelbare Gegenwart, das frühe 20. Jahrhundert und die damals in vielen europäischen Ländern erkennbare Dominanz jüdischer Gelehrter, Ärzte, Anwälte etc. Kalergi hat bloß eine augenscheinliche Tatsache festgestellt – und positiv bewertet. Dabei muß ihm selbstverständlich niemand folgen. Nur, beide nicht in Zusammenhang stehende Zitate aufeinander zu beziehen, zusätzlich eine Absichtserklärung des Autors zu unterschieben und damit auch noch die heutige Immigration nach Europa zu erklären, ist schlicht eine Fälschung. Daß sich diese in der „rechten“ Publizistik immer wieder findet, läßt sich wohl nur dadurch erklären, daß die jeweiligen Autoren einfach von einander abschreiben, ohne sich die Mühe einer eigenen Recherche zu machen. Hätte auch nur einer von ihnen das getan, wäre er wohl auf jene Seiten im Internet gestoßen, auf denen sich linke Publizisten den Bauch halten vor Lachen über die dummen Rechten, die glauben, mit so kindisch gefälschten Verschwörungstheorien politische Entwicklungen erklären zu können.
Und damit haben sie leider nicht Unrecht: Rechte Autoren, die offensichtliche Fälschungen Jahrzehnte nach deren Entlarvung immer noch wiederkauen, haben den Anspruch verwirkt, daß ihre sonstigen Analysen ernstgenommen werden. Wer nicht die Mühe aufbringt, die in der Vielfalt ihrer Entwicklungstendenzen verwirrende Gegenwart unbefangen, aber kritisch zu analysieren, sondern lieber im selbstgepflanzten Schrebergarten der einfachen Erklärungsmuster, überkommenen Vorurteile und längst überholten bzw. nie beweisbaren Verschwörungstheorien verweilt, wird niemals die Zukunft gewinnen.


 
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