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Die Wildgänse

In Cognac ­gründete Richard Hennessy seine Destillerie, nachdem er seinen Dienst in der französischen Armee ­quittiert hatte.

Von Peregrinus

Irische Exilanten und ihre Rolle in der Militärgeschichte

In einer Ausstellung des Historischen Museums in Wien konnte man vor etlichen Jahren eine graphische Darstellung vom Entsatz Wiens bei der zweiten türkischen Belagerung im Jahre 1683 betrachten. Da sah man einen hohen Offizier, der an der Spitze seines Regiments dem Feind entgegen reitet. Darunter hatte der zeitgenössische Kupferstecher einen Text zugefügt, der besagte, daß es sich hierbei um einen Grafen Taaf handelt, der seine Dragoner zum Angriff führt. In der Tat handelt es sich um den in Irland geborenen Franz Taaffe, später Feldmarschall und Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies, der sein aus Iren bestehendes kaiserlich österreichisches Regiment befehligt. Wie denn das? Dragoner aus der fernen atlantischen Insel helfen Wien, sich von den Türken zu befreien? – Eine wunderliche Geschichte, in der Tat. Es ist die Geschichte einer heimatlosen Armee, „Die Wildgänse“ genannt, die die Kriegsschauplätze des 17. und 18. Jahrhunderts in Europa bevölkerten und dort soldatische Höchstleistungen vollbrachten. Von der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. bis hin zu Napoleon ernteten sie weltgeschichtlichen Ruhm. Das konnte nur geschehen, weil Irland als Nation – und zwar die einzige keltische Nation Europas – aufgehört hatte zu existieren.

In einem steten Strom verließen diese Legionäre ihre Heimat. Mit Zugvögeln verglichen, gab man ihnen den romantischen Namen „Die Wildgänse“. Als solche wurden sie in die Logbücher der französischen Schiffe eingetragen, die sie vor Irlands Westküste an Bord schmuggelten und abtransportierten – Rekruten, als eine Ladung Geflügel deklariert!
Regelmäßig segelten solche Handelsschiffe und Marine-Fregatten hin und her; war es doch den Iren seit dern erlittenen Niederlage gegen England verboten worden, Handel mit dem Kontinent zu betreiben. Auf diese Weise gelangten nun heimlich Wein und Cognac, Seidenstoffe und andere heißbegehrte Artikel ins Land, um gegen ebenso hochgeschätzte irische Wolle und Tuchwaren eingetauscht zu werden.
Noch begehrter aber waren die menschlichen Tauschobjekte. Auf der Grünen Insel lag eine Streitmacht brach – kampflustige Soldaten, die sich auf dem Festland durch ihr todesmutiges Verhalten rasch einen Namen machten, und fähige Offiziere, die wegen ihres taktischen Geschicks einen besonderen Ruf hatten. Mit Unbehagen konstatierte schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts der englische Statthalter Strafford in seinen Depeschen, welches Ansehen das irische Militär genoß, das in Spanien, Frankreich, Österreich und Italien kommissioniert war. Was Wunder, daß jeder Agent, bei der Anwerbung von Iren erwischt, von den Engländern öffentlich gehenkt wurde.
Trotzdem blühte das Geschäft mit den „Wildgänsen“. Ein ganzes Netzwerk von Agenten war aufgezogen, um für das englandfeindliche, katholische Europa den Nachschub zu sichern. Auf den getarnten Schiffen fuhren Werbeoffiziere mit hinüber, meist irischer Herkunft. Sie konnten den Rekruten Aufnahme in geschlossenen irischen Regimentern unter eigenen irischen Kommandeuren garantieren, mit der Aussicht auf einen späteren Einsatz zur Befreiung des Vaterlandes mit fremder Hilfe.
Eine wichtige Rolle bei der Transak­tion spielte die französische Hafenstadt Bordeaux, wo viel Umsatz durch die Hände von Exil-Iren lief. Eine Reihe von Adelssitzen in dieser Gegend zeugt noch von der Anwesenheit irischer Handelsherren, die sich auch als Reeder betätigten. Ein Dorf „Cognac“ in Charente-Inférieure erinnert an einen gewissen Hennessy aus den Reihen der „Wildgänse“, der sich hier erfolgreich etablierte, seines Zeichens „Soldat und Destillateur“.

Bernardo Higgins, der Sohn des spanischen Vizekönigs von Peru, wurde Befehlshaber der Streitkräfte im chilenischen Unabhängigkeitskrieg und erster Präsident Chiles 1817.

Spanien

Schon vor dem völligen Zusammenbruch des monarchistischen Irland Ende des 16. Jh.s. wurden irische Truppen in Spanien ausgebildet. Philipp II. hatte 4.000 Söldner im Dienst. Es war dies die erste Auswanderungswelle als Folge der sich in Etappen vollziehenden Niederwerfung Irlands durch seinen englischen Nachbarn. Im spanischen Weltreich dienten Mitglieder des irischen Herrscherhauses Ó Donnell von der Zeit Philipps I. bis zur Abdankung Alfons XIII. Zwischen Spanien und Irland besteht nämlich von jeher eine enge, ja verwandtschaftliche Beziehung, die auf der beidseitigen Tradition ibero-keltischen Erbes beruht. Iren genossen in Spanien politischen Sonderstatus und alle Bürgerrechte der Einheimischen.
Waren England diese engen Bande stets suspekt gewesen, so hielt sie die Tudor-Dynastie, die in den Rosenkriegen an die Macht kam, für absolut untragbar. Voll Neid blickten die machthungrigen Tudors auf das spanische Weltreich des 16. Jahrhunderts. Und sie unterstützten nach Kräften die Rebellen in den spanischen Niederlanden, wo ein irisches Regiment erfolgreich für die spanische Krone focht.
Irland – strategisch ohnehin die Hintertür, durch die Spanien England überfallen konnte – mußte unschädlich gemacht werden, und dazu war jedes Mittel recht. So wurde Irland zum ersten Opfer jenes britischen Weltreichs, das den Globus bald umspannen sollte. Alle Methoden der Verfolgung, die bei der Kolonisation Amerikas angewandt wurden, haben die Engländer knapp davor in Irland ausprobiert, oft sogar mit den gleichen Exekutoren. Die Tudorpolitik der verbrannten Erde, des systematischen Aushungerns, ging Hand in Hand mit der Zerstörung des geistigen Potentials. Nach und nach verlor die Führerschicht der Iren an Boden, Raub und Verwüstung überzogen das Land.
Vor diesem makabren Hintergrund hebt sich das Bild jener Flucht der Fähigsten der Entrechteten und Enteigneten; eines für Irland verhängnisvollen Aderlasses, der über Jahrhunderte andauern sollte. Die Daheimgebliebenen traten den langen, dunklen Weg in die Knechtschaft an, aus der sie sich heute nur mühevoll lösen können.
Dies ist also die Vorgeschichte des Auszugs der „Wildgänse“, die nunmehr zu ruhelosen „soldats de fortune“ verurteilt waren. Es sind die Nachkommen jenes Stammes, der dem werdenden Europa einst den Akzent kämpferischer Vitalität verlieh. Wie damals zogen diese Kelten es lieber vor, in Massen auszuwandern, als sich unters Joch zu beugen.
Man kann sagen, daß es vom Beginn des 17. Jahrhunderts an keine Geschichte einer keltischen Nation mehr gab. Was sich fortan in Irland abspielte, war die Geschichte einer englischen Kolonie. Jede Rebellion – und es gab ihrer viele – hatte zur Folge, daß die Schlinge sich noch enger um den Hals des Opfers zog.
Das Land sank zur englischen Provinz herab. Seine tausendjährige Staatsordnung zerbrochen, von jeder Bildung ausgeschlossen, konnte das Keltentum sein zweitausendjähriges Kulturerbe nicht mehr hüten. Draußen in der Fremde aber leuchtete es noch einmal auf in den kämpferischen Glanzleistungen seiner Söhne.
In Spanien wurde das besonders deutlich. Irische Prinzen im Exil zogen ihre Gefolgschaft nach sich. Eoin Rua aus dem Fürstenhaus O’Néill, zum Beispiel, der Anfang des 17. Jahrhunderts ein spanisches Heer befehligte. Er kehrte nach Irland zurück, um den Aufstand von 1642 zu leiten – und man kann verstehen, daß die englischen Machthaber von Spanien die Auflösung irischer Regimenter verlangten – was ihnen jedoch nicht gelang. Der Papst intervenierte, und die irischen Truppen blieben in spanischem Sold. Sie waren ja Kerntruppen der Armee geworden.
Die Tercia Irlanda war überall dabei, wo es kriselte oder wo die Spanier ein Stück Territorium zurückerobern wollten. Ihre Verluste waren entsprechend hoch, doch angesichts der in Irland herrschenden Mißstände fehlt es nicht an Nachschub. Spektakulär waren die Belagerungen von Alicante, Saragossa, Barcelona – und später Gerona. Sie nahmen Palma de Mallorca ein, dann im Handstreich Messina auf Sizilien. Maßgebend an zwei Blockaden von Gibraltar beteiligt, zweimal nach Afrika entsandt, wo sie mit Schwung die Mauren aus Oran vertreiben, finden wir sie dann in Neapel einquartiert, von wo aus sie die Schlachtfelder Italiens belagern – in der Toscana, in Piemont, in den Gebirgen um Genua, stets in heiße Kämpfe verwickelt. Die Österreicher bekommen ihre Schlagkraft zu spüren, als sie ihnen Tortona entreißen.
Nach Barcelona in die eigene Garnison zurückgekehrt, werden die „Wildgänse“ mit Ehren und Auszeichnungen überschüttet. Die Einheit „Irlanda“ erhält den Beinamen „El Immortal“, die „Ultonia“ „El Famoso“ und die „Hibernia“ „La Columna Hibernica“ – „Die Säule Irlands“, was, angesichts ihrer militärischen Ohnmacht Irland gegenüber, wie Hohn klingt.
Dafür nimmt die „Hibernia“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der spanischen Invasion Brasiliens teil; andere Einheiten werden nach Mexiko abkommandiert, wo ihr Kommandeur, Alexander O’Reilly, weite Gebiete von Louisiana für die spanische Krone einnimmt.
Nun sollte man sich aber hüten, diese „Wildgänse“ als einen Haufen Desperados darzustellen. Sie infiltrierten den Staatsdienst ihres Adoptivlandes auf allen Ebenen, auch im Zivilbereich. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts zählte der exklusive spanische Ritterorden an die zweihundert Exil-Iren zu den Seinen.
Alexander O’Reilly, zum Beispiel, der Militärgouverneur von Madrid wurde, führte seine Erfolge in Louisiana darauf zurück, daß er zuvor im 7jährigen Krieg die Strategie der Preußen studiert und ihre Taktiken bei der spanischen Infanterie eingeführt hatte.
So gelangten Spaniens „Wildgänse“ zuerst über den großen Teich – vorbei an dem in Ketten gelegten Irland. Wie mußte ihnen da zumute gewesen sein! Eine Genugtuung für sie jedoch, die Engländer bald danach in Cuba und Florida aus ihren Stellungen zu verjagen. Alte Stiche dieser Zeit zeigen in roter, weißer, dann in hellblauer Uniform diese Elitetruppen – nunmehr völlig im spanischen Staatswesen integriert. Aber in Brasilien, wo sich viele von ihnen niederlassen, werden sie bald zu Vorkämpfern der Freiheitsbewegungen Lateinamerikas. War einer von ihnen, Ambrosio O’Higgins, spanischer Gouverneur von Chile und Vizekönig von Peru, so wurde sein Sohn Bernardo der gefeierte Liberator. Wir finden sie beide heute oft abgebildet auf den Briefmarken Honduras und Argentiniens; ebenfalls auf Briefmarken der Ire Admiral Guillermio Brown, der die Selbständigkeit Argentiniens erkämpfte. Der Einfluß der „Wildgänse“ auf die Geschichte des amerikanischen Kontinents ist tatsächlich enorm.
Man darf auch nicht vergessen, daß es in Zeiten des Absolutismus des Nachweises adeliger Herkunft bedurfte, um an den Königshöfen Europas zugelassen zu werden – die erste Voraussetzung für eine Karriere! Das betraf besonders die Führerschicht der „Wildgänse“, die in Irland enteignet war. Unmöglich für sie, die notwendigen Papiere aus der Heimat zu beschaffen, wo eine verfolgte Priesterschaft es nicht wagen konnte, Heirats- oder Taufscheine in Registern aufzubewahren. Doch hier sprangen die irischen Kollegien des Kontinents in die Bresche. An die dreißig solcher Institute, von vertriebenen Geistlichen geleitet, hatten sich in den großen Universitätsstädten etabliert, zuerst mit Unterstützung Spaniens. Drei von ihnen – in Paris, Salamanca und Lissabon – entstanden schon im 16. Jh. Vorsteher dieser Kollegien waren geflüchtete Theologen, Philosophen und Historiker von Rang. Sie brachten einflußreiche Männer hervor – Richter, Hofmeister, Leibärzte der Könige. Zu ihren Zöglingen zählten die Kinder der „Wildgänse“, für deren Regimenter sie die Kaplane stellten. Auch waren sie in der Lage, als Kustodien der aus Irland geretteten Bibliotheken Auskunft zu geben und jene Nachweise zu erstellen, die die Flüchtlinge benötigten. Erfaßt in ihren Registern sind die Ordensträger von St. Louis, von St. Leopold, vom Weißen Adler, die Ritter der Kaiserin Maria Theresia und anderes mehr. Und aus den Stichworten der Eintragungen erfahren wir von vielen interessanten Einzelschicksalen, die sonst verborgen geblieben wären.

1745 erfochten die Wildgänse im österreichischen Erbfolgekrieg für Frankreich den ersten Sieg über England seit Ludwig dem Heiligen im 13. Jahrhundert.

Frankreich

Der amerikanische Freiheitskrieg bietet natürlich diesen „Wildgänsen“ – gleich, unter welcher Flagge – eine willkommene Gelegenheit, sich zu revanchieren – waren sie ja doch die ersten Opfer englischer Kolonialpolitik. Als der König von Frankreich seine Absicht bekanntgibt, ebenfalls eine Expedition nach Übersee zu entsenden, springen die irischen Offiziere gleich hoch mit der Bitte: „Die Ersten zu sein, die gegen England losschlagen!“ Zwei bewährte Einheiten französischer „Wildgänse“ sind es auch, die die Flotte 1779 hinüberbringt. In Westindien wird auf den Gipfel der eroberten Inselfestung Grenada die Standarte des Dillon Regiments bald aufgepflanzt, Tobago und Saint Eustache folgen. Ein irisches Regiment taucht bald in Senegal, in Nordwestafrika, auf und verjagt dort die englische Besatzung. Schließlich ist Indien an der Reihe. Lally-Tollendal – sein Name ist auf dem Arc de Triomphe eingraviert – führt seine irische Brigade nach Madras. Gelingt es Lally auch nicht, die Engländer von dort zu vertreiben, so kann Frankreich mit dem Kontingent seiner „Wildgänse“ dennoch überaus zufrieden sein!
Besonders der Sonnenkönig Ludwig XIV. weiß sie zu schätzen. Er stellt ein Regiment nach dem anderen auf, bestellt sie truppenweise aus Irland. Pech hat er nur mit den sogenannten Jakobiten, Anhängern der schottischen Stuart-Dynastie. Das Kapitel der unglücklichen Jakobiten-Armee und ihren katastrophalen Einsatz von 1689 will ich überspringen. Teile davon wanderten nach Österreich ab; dort im Katholischen Corps aufgenommen, wurden sie in Ungarn im Kampf gegen die Türken restlos aufgerieben.
Ludwig XIV. ist aber ein kluger Mann. Im Pfälzer Erbfolgekrieg hat er praktisch ganz Europa im Bunde gegen sich. Er konnte nichts Besseres tun als die Reste der Jakobitenarmee zusammen mit einer irischen Brigade gegen Wilhelm von Oranien einzusetzen, mit dem er seit langem im Streit lag. Der Oranier war inzwischen König von England geworden, und nichts wünschten die Jakobiten mehr als eine Konfrontation. Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. 1693 wird der Oranier in Neerwinden höchstpersönlich in die Flucht geschlagen; das flämische Dorf wechselt im mörderischen Nahkampf fünfmal den Besitzer, ehe diese Fremdenlegionäre im Dienste Frankreichs obsiegen. – „Ich sterbe glücklich“, rief der irische General Sarsfield aus, der dort seinen Wunden erlag, „denn ich habe den Rücken des Tyrannen gesehen. Wäre dies nur um Irlands willen!“
Unabhängig von den Jakobiten hat Ludwig also eine irische Brigade im Sold und für seinen persönlichen Schutz eine Elitetruppe berittener Gardisten, die man die „Phalanx Invincible“ nennt: „Die Unbesiegbaren“. Diesen Titel verdienen sie in der Schlacht von Steinkirk, wo sie die französische Armee aus einer verzweifelten Lage retten. Ihre Taktik ist wieder die alte keltische Nahkampfmethode, die einst die Umwelt in Panik versetzte. Auf den Befehl „Schwert zur Hand!“ schultern sie die Gewehre und stürmen in Formation mit blankem Säbel auf den Gegner los. Dazu kommen – was ebenfalls zur Tradition gehört – die gellenden Schlachtrufe in der fremdklingenden Sprache: „Fág an bealach!“ – „Weg frei!“
Bald lernt auch Maréchal Catinat, der in Piemont die französische Armee führt, die Wut dieser Spätkelten kennen, als ihm das Dillon-Regiment unterstellt wird. Er kann sie nicht bändigen. Sie stürmen voraus, dem Feind entgegen, und es bleibt ihm als Kommandeur nichts anderes übrig, als den Rest der Armee nachfolgen zu lassen. Immerhin wurde so die Schlacht von Marsaglia zugunsten Frankreichs entschieden.
Nach dem Pfälzer Erbfolgekrieg steht Ludwig der Spanische Erbfolgekrieg ins Haus. Da braucht er seine „Wildgänse“. In jenem Krieg werden 35.000 von ihnen ihr Leben lassen. Überall zugegen, wo Krisensituationen entstehen, werden sie ihrer sprichwörtlichen Furchtlosigkeit wegen eingesetzt. Wie zum Beispiel in Höchstädt, in Bayern, im Jahre 1704, wo sie, nach hartnäckigem Kampf gegen Prinz Eugen, die Nachhut für das geschlagene französisch-bayerische Heer bilden müssen und ihm den Rückzug decken.
Bereits im Spanienfeldzug des Pfälzer Erbfolgekrieges mußten aber Iren gegen Iren antreten. Nun, in einer neuen Kriegskonstellation geschieht es wieder, in Höchstädt, wie in Malplaquet und Cremona. Die Großmächte scheuen sich nicht, ihre irischen Brigaden gegeneinander einzusetzen. Und diese geben ihr Letztes her, ohne dabei ihrem eigentlichem Ziel, der Befreiung ihres Vaterlandes, auch nur einen Schritt näherzukommen.
Auch im Österreichischen Erbfolgekrieg setzt Frankreich die Iren ein. Auf dem Schlachtfeld von Fontenoy im heutigen Belgien steht ein hohes keltisches Kreuz. Es erinnert an die „Wildgänse“, die hier im Jahre 1745 für Frankreich starben. Dies war der erste Sieg Frankreichs über England seit Ludwig dem Heiligen im 13. Jahrhundert. Hier zumindest bot sich für die Iren eine Chance, mit dem Erzfeind persönlich abzurechnen – und das ließen sie sich nicht entgehen.
Vor der Stadt Tournai, einem massiven anglo-hannoveranischen Infanterieaufgebot gegenüber, wähnten sich die Franzosen bereits verloren. Da wirft ihr Maréchal Saxe seine letzte Reserve-Einheit ins Gefecht: die Irische Brigade. Mit Pfeifen und Trommeln, unter dem Schlachtruf „Im Namen des geschändeten Vaterlandes!“, marschiert die Brigade los, macht einen Bogen und zielt gerade auf die Flanke der englischen Kolonne. Sie wankt auch nicht im Schritt, als ihre vorderste Linie mitsamt den Offizieren fällt, sondern stößt in die feindliche Stellung hinein mit aufgesetzten Bajonetten, durchackert sie und erzwingt so den Rückzug. In zehn Minuten ist es passiert, ohne von der Flinte Gebrauch zu machen. Mit 50 % Verlusten muß der Engländer weichen. Maréchal Saxe nahm darauf Tornai und fast ganz Flandern ein.
König Ludwig XV. reitet selber hinüber zum irischen Feldlager, um seinen Dank auszusprechen und Orden zu verteilen. Ein Drittel der Mannschaft und ein Viertel der Offiziere waren gefallen. Augenzeuge ist auch der berühmte Dichter Voltaire. Von ihm stammt die Beschreibung des erstaunlichen Geschehens. Dazu der Kommentar, womit er einen Bericht beschließt: „Dieser Triumph verschafft dem Iren Genugtuung für die erlittene Schändung seines Königtums, seines Vaterlandes und dessen Heiligtümer.“
Recherchen in den Archiven des französischen Kriegsministeriums haben ergeben, daß allein in den Jahren von 1691 bis inklusive Fonteney – eine Zeitspanne von 54 Jahren – mindestens 450.000 Mann dieser irischen Exilarmee für Frankreich starben. Dabei war mit Fonteney der Krieg noch lange nicht zu Ende. Blutige Lorbeeren waren noch zu ernten in Brabant.

Das irische Dragoner-Regiment wurde dazu bestimmt, den vermeintlichen Verräter Wallenstein zu beseitigen. Die Obristen Devereux, McDonald und Butler erledigten den Auftrag.

Dreißigjähriger Krieg

Im 30jährigen Krieg stehen sie anfangs auf beiden Seiten im Feld, nicht immer freiwillig, wohlgemerkt; für die protestantische Sache hat man sie zwangsrekrutiert. Irland wird von England neu besiedelt, und seine „nichtsnutzigen Schwertträger“, wie man sie nennt, will man loswerden. Sie werden an Gustav Adolf verkauft – der ihnen nicht traut – und Tausende kommen nach Dänemark. An der Schlacht am Weißen Berg 1620 nehmen sie teil, und manche Konfrontation mit ihren eigenen Landsleuten bleibt ihnen nicht erspart.
Läßt Friedrich Schiller einen irischen Dragoner auf die Frage nach seiner Herkunft antworten: „Weit aus Hibernien her komm ich!“, so legt er diesem, als Repräsentant eines geknebelten Volkes, noch ein Freiheitsbekenntnis in den Mund:
„Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,
Man sieht nur Herren und Knechte;
Die Falschheit herrschet, die Hinterlist
Bei dem feigen Menschengeschlechte.
Wer dem Tod ins Angesicht schauen kann,
Der Soldat allein ist der freie Mann!“
– Das klingt beinahe nach Werbung!
Vielleicht wußte Schiller davon, daß bei den „Königstreuen“ die Iren als besonders treu galten. Bezeichnenderweise wurde auch das irische Dragonerregiment dazu auserkoren, den vermeintlichen Verräter Wallenstein zu beseitigen – wieder ein Sonderkommando für die „Wildgänse“! Die Obristen Butler, Devereux und Macdonald erledigen den heiklen Auftrag …
Auf der katholischen Seite zeichnen sich die Iren vor allem unter dem Oberfehl Tillys aus, u. a. 1626 bei Dresden; 1631 bei Magdeburg; im darauffolgenden Jahr bei Landshut und bei Lützen, wo Gustav Adolf, der Heerführer der schwedischen Gegner, fällt und wo die Verluste der Iren sehr hoch sind. Ein Butler-Regiment ist im Jahr zuvor bei Frankfurt an der Oder praktisch aufgerieben worden, aber wie ein Stehaufmännchen taucht ein Regiment mit demselben Oberst-Inhaber auf und hilft 1634 in der Schlacht von Nördlingen tatkräftig mit, die Schweden aus Bayern zu vertreiben. Diese siegreiche Schlacht wird als Wendepunkt im Kriegsverlauf angesehen, der die Schweden letztendlich zwingt, Frieden mit dem Kaiser zu suchen.
An der Rheinfront leisten inzwischen die Dragoner De Burkes erbitterten Widerstand gegen die französischen Eindringlinge. Ob im Osten, ob im Westen – viele Namen, die im Ehrenbuch dieser Schlachten stehen, sind Namen von Männern, die in Irland geboren wurden: ­Macdonalds, Macarthys, Devreux(s), O’Neills, Fitzgeralds und andere mehr. Die Cavanachs und die Walshes sichern sich ihre Position auf Dauer durch den Westfälischen Frieden; sie werden Landeshauptleute und erhalten ausgedehnte Güter in Schlesien, Böhmen und später auch in Kroatien und im Donaubecken.
Von allen fremden Truppenkontingenten, die dem Reich im 17. Jahrhundert dienen, sind die Iren weitaus am beliebtesten. Während des Dreißigjährigen Krieges und seiner Nachwehen, als marodierende Banden das Land in Angst und Schrecken versetzen, fällt die Disziplin der Iren besonders auf. Zwei Faktoren verdienen in diesem Zusammenhang Erwähnung: die Priester, die mit den Soldaten aus Irland geflohen sind und als Feldkapläne dienen – auch sie stehen im Sold des Kaisers! – und die irischen Kollegien, die auf dem europäischen Kontinent eine sichere Bleibe gefunden haben. Der Kaiser weiß, daß er sich in der Not auf seine irischen Regimenter verlassen kann – mehr als auf den Rest der Armee, einen bunt gemischten Haufen, in dem sich vor allem bei den Ungarn Unruhe bemerkbar macht.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts haben die irischen Regimenter jedoch eine Zeitlang selbst etwas von einem bunt gemischten Haufen an sich: Die Ursache sind Probleme bei der Anwerbung im irischen Mutterland. Nach neuen Güterkonfiskationen in Irland ist Cromwell jedoch bereit, mehr Männer ziehen zu lassen, und es kommt wieder Schwung in die Sache.

Auch der österreichische Ministerpräsident von 1879–1893, Eduard Graf Taafee, entstammt einem alten irischen ­Geschlecht. Schon 1693 stand Graf Franz (Francis) Taafe vor Wien im Feld, und wurde ­später sogar kaiserlicher Feldmarschall.

Für das Haus Österreich gegen Türken und Franzosen

Das Kaiserreich gegen Übergriffe sowohl am Rhein als auch an der Donau zu verteidigen, das ist jetzt die Aufgabe der Iren, die es in raschem Wechsel einmal mit Ludwig XIV., einmal mit Mehmed IV. aufnehmen müssen.
Ludwig geht nach folgender Strategie vor: Seine türkischen Verbündeten sollen die kaiserliche Armee im Osten binden, während er selbst den Westen überfällt. Aber in einem glänzenden Feldzug gelingt es dem Herzog von Lothringen und seinem irischen Befehlshaber, Francis Taaffe, im Jahre 1676, die Franzosen hinter den Rhein zurückzudrängen; dabei kommt es zum Entsatz von Bonn, Sinzheim und Mühlhausen durch Taaffes irische Truppen. Daraufhin wird Karl von Lothringen an die Ostfront zurückberufen, er erhält den Oberbefehl im Türkenkrieg und beim Entsatz des belagerten Wien. Mit ihm zieht sein irisches Kontingent unter der Führung seines Kavalleriegenerals Francis Taaffe.
1636 in der irischen Grafschaft Sligo geboren und am Hof der Habsburger aufgewachsen, wird dieser Francis Taaffe zu einem der einflußreichsten Männer Europas – ein kühner Soldat, ein großer Staatsmann, der immer in engem Kontakt mit dem Land seiner Herkunft bleibt. Taaffes enge Beziehung zum Herzogtum Lothringen baute sein Vater Theobald auf, ein treuer Jakobit, der einen Sohn bei der Belagerung von Derry, einen bei der Schlacht am Boyne und einen dritten im Kampf gegen die Türken in Ungarn verlor. Theobald, ein Freund des Stuartkönigs Karl II., der auch dessen Exil geteilt hatte, verhandelte im Jahr 1665 im Namen des Königs in Wien mit dem Kaiser und plante sogar eine Militärintervention des jungen Herzogs von Lothringen in Irland. Karl von Lothringen war schon von Geburt an durch Ludwig XIV. aus seinen Ländern verdrängt worden, und die gegenseitige Sympathie zwischen den beiden exilierten Familien wurde bei Hof gefördert.
Nachdem Francis Taaffe eine Reihe erfolgreicher Schlachten für die Sache Lothringens geschlagen hat, wird ihm das Hausregiment des Herzogs übertragen. Er ist auch ein hervorragender Gelehrter, und so wird ihm die Erziehung des Sohnes und Erben des Herzogs anvertraut. Als dieser 1690 seinem Vater nachfolgt, wird Taaffe sein Kämmerer. Und sieben Jahre später, beim Frieden von Ryswick, als dank des diplomatischen Geschicks von Taaffe Lothringen zum Reich zurückkehrt – als einziges territoriales Zugeständnis Ludwigs! – werden die Geschäfte des Herzogtums zur Gänze in die Hände des irischen Staatsmannes gelegt. Wir finden Cavanach- und Walsh-Regimenter in der Hauptstadt Nancy (Nanzig); und um ihr geistliches Wohlergehen zu gewährleisten, lädt Taaffe Klosterbrüder aus einem irischen Kolleg nach Metz ein. Diese Gründung wird zu einer großen Bereicherung für das Land, sowohl für das Schulwesen wie auch für die Landwirtschaft.
Die Taaffes sind treue Katholiken. Viele von ihnen sind Ordensleute gewesen; ein Taaffe war im 13. Jahrhundert Erzbischof von Armagh. Von dem Aufruf zur Abwehr der islamischen Invasion im Osten fühlen sie sich natürlich stark angesprochen, besonders Francis, der an der unteren Donau viele eindrucksvolle Attacken gegen die Türken führte. Sein Verdienst ist es, den Westen auf die Gefahren aufmerksam gemacht zu haben, die der Christenheit drohen würden, falls Wien fallen sollte. Die Türken hatten 1683 über dreihunderttausend Mann aufgeboten, um einen Angriff auf die Donaufestung Wien zu führen, und wenn man sie jetzt nicht aufhielte, so die Warnung Taaffes, werde ganz Europa überrannt.
Über diplomatische Kanäle und durch die Veröffentlichung von Briefen an seinen Bruder in London gelang es Taaffe, einen Umschwung in der öffentlichen Meinung herbeizuführen. Mit Ausnahme Frankreichs war Europa endlich bereit, dem Hilferuf des belagerten Wien zu folgen. Bei den Vorbereitungen für diese aufsehenerregende Rettungsaktion finden wir Francis Taaffe in der Rolle des Emissärs. Er galoppiert zwischen dem Kaiser – der sich mit seinem Hof in das sichere Passau zurückgezogen hat – und seinem Oberkommandierenden Karl von Lothringen, der bei Wien steht und den Angriff auf die mohammedanischen Belagerer vorbereitet – hin und her. Und dann übernimmt General Taaffe mit seiner Kavallerie, unterstützt von Cavanach- und Walsh-Regimentern, die linke Flanke beim Angriff.
Der Sieg ist ein echter Wendepunkt in der Geschichte. Die Türken werden donauabwärts zurückgetrieben; sie werden nie mehr die Offensive ergreifen. Österreich kann nun seinen Platz unter den Weltmächten einnehmen. Es kann sich aber nicht sicher fühlen, bevor die Türken nicht vollständig aus der Region verdrängt sind – eine schwere, langwierige Aufgabe, die viele Feldzüge erfordert und bei der die Armee schwere Verluste zu tragen hat, besonders die Iren, die wie immer im dichtesten Getümmel kämpfen. Mit Taaffe und dem Herzog von Lothringen stürmen sie vorwärts, tief nach Ungarn hinein. Bei der zweiten Belagerung von Budapest im Jahre 1686 hat Francis Taaffe, der nun die gesamte kaiserliche Kavallerie befehligt, einen sechzehnjährigen Kadetten in seinem Heer: James Fitzjames. Und zwischen Taaffe und dem Vater dieses Jungen, König Jakob II., werden zahlreiche Transaktionen getätigt, die die „Wildgänse“ betreffen.
Als dreiundzwanzigjähriger Offizier ohne einen Groschen Geld war Prinz Eugen von Savoyen einer der Freiwilligen, die 1683 dem Hilferuf aus Wien folgten. Er stieg schnell auf und wurde der berühmteste Befehlshaber Europas. Es war das Los vieler Iren, unter ihm oder gegen ihn zu kämpfen – und zwar oft auch gegeneinander! „Die Iren sind die besten Fußsoldaten, die der Feind zu bieten hat“, berichtet Eugen aus dem Italienfeldzug 1702 nach Wien. Und auf seinen Rat hin entschließt sich Kaiser Leopold I., in Italien ein eigenes irisches Bataillon anzuwerben. Hauptmann Franz von Macdonell wird befördert und erhält die Aufgabe, es aufzustellen; diese Ehre wird ihm mit den Worten des Kaisers, „zum Lohn für Tapferkeit und hervorragende Treue“ zuteil, „die er bei Cremona und andernorts bewiesen hat“. Unglücklicherweise fällt Macdonell im selben Jahr in der Schlacht bei Luzzara. Aber andere irische Offiziere widmen sich mit Feuereifer der Aufgabe, ihre Landsleute zum Überlaufen zu bewegen – Prinz Eugen erwähnt fünfzig irische Offiziere, die mit ihren Mannschaften bei Luzzara gefangengenommen wurden, und zu seiner offensichtlichen Genugtuung schließen sich viele Deserteure aus der irischen Brigade des französischen Königs ihnen an. Um das Bataillon zu vervollständigen, werden O’Dwyer- und Wallis-Regimenter von der ungarischen Front angefordert, wo die Standhaftigkeit der Iren ganz offensichtlich sehr zu ihrer Beliebtheit beigetragen hat. In den kurzen Zeiträumen zwischen den Türkenfeldzügen bleiben die Festungen und Grenzposten in Ungarn großteils in der Obhut irischer Befehlshaber. Gleiches geschieht in Italien: Als der Feldzug beendet ist, läßt Prinz Eugen in erster Linie irische Offiziere mit dem Auftrag zurück, die Ordnung in diesem kriegszerrütteten Land wiederherzustellen; bis hinunter nach Sizilien sind diese Offiziere stationiert.
Auch bei der entscheidenden Schlacht um Belgrad 1716 spielten die Iren eine bedeutende Rolle, was man daran sieht, daß Eugen gerade General Andrew Hamilton den Auftrag gibt, dem Kaiser die freudige Nachricht zu überbringen. Hamilton wird zu Pferd nach Wien losgeschickt, während ein O’Dwyer zum Gouverneur von Belgrad und ein Walsh zum Gouverneur von Temesvár ernannt wird, wo es seinem Bruder gelungen war, Mustafa Pascha zur Annahme seiner Bedingungen für die Übergabe zu zwingen. Für den Anteil ihrer Regimenter an der Befreiung dieser Schlüsselpositionen erhalten Wallis, Browne, Hamilton und O’Dwyer vom Kaiser Anerkennungsbriefe.
Die Schlacht um Belgrad bedeutete den endgültigen Durchbruch für die Iren in Österreichs Diensten. Die höchsten militärischen Ränge stehen ihnen jetzt offen. Regimentsnamen wie Wallis und Cavanach sind ab jetzt an hervorragender Stelle in der Militärgeschichte Österreichs vertreten, das von seinen Nachbarn schon lange um seine irischen Truppenteile beneidet wird.
Und nun gibt es ein Sprungbrett für die Iren, die jetzt laufend kommen, allerdings in geringerer Zahl; Flüchtlinge aus der Zeit der englischen Penal Laws, der Strafgesetze gegen die irischen Katholiken, suchen mit Hilfe von Freunden und Verwandten Aufnahme in die Armeen katholischer Länder, die vom Glück mehr begünstigt sind – und wo könnten die Iren willkommener sein als in Österreich? Die Taaffes und Walshs haben jetzt enormen Einfluß, sowohl bei Hof als auch in der Armee, und die irische Solidarität muß sich bewähren. Jetzt, wo die Anwerbung von Truppen in großem Stil nicht mehr möglich ist, liegt der Schwerpunkt auf der Qualität. Neuankömmlinge werden den angestammten Regimentern zugeteilt, im Offiziersrang – manchmal nehmen siebzehnjährige Kadetten an Kampfhandlungen teil.

Auch viele Jakobiten, ­Anhänger des Hauses ­Stuart, dienten im 18. Jahrhundert in der österreichischen Armee. Der berühmteste von ­ihnen ist Maximilian Reichsgraf von Browne, den Friedrich der Große als seinen „Lehrmeister in der Kriegskunst“ bezeichnete.
Feldmarschall Franz Moritz Graf Lacy (1725–1801) war nicht nur als Feldherr, sondern auch als Berater für Maria Theresia von großer Bedeutung. Nach dem Ende der österreichischen Erbfolgekriege reformierte er die Armee.

Unter Maria Theresia

Mit dem Beginn der Regierungszeit Maria Theresias im Jahre 1740 und ihren darauffolgenden Kriegen gegen Preußen nimmt das irische Element in Wien zeitweise eine dominierende Stellung ein. Der Höhepunkt wird im Siebenjährigen Krieg und während der Mitregentschaft von Maria Theresias Sohn Joseph II. erreicht; zu dieser Zeit findet man kaum eine Einheit bei den kaiserlichen Truppen, der keine Offiziere mit irischen Namen angehören. Dieser Stand der Dinge wird in England mit einigem Befremden, um nicht zu sagen mit Bestürzung aufgenommen, denn es war England selbst, das mit seinem Verbot der Auswanderung von Iren nach Frankreich im Jahre 1756 diesen anhaltenden Flüchtlingsstrom nach Österreich verursacht hat. Wir vermerken eine beträchtliche Aufregung in den Londoner Zeitungen wegen einer Feier zum St. Patrickstag in Wien, bei der alle Grün tragen, ob sie nun Iren sind oder nicht!
Gedemütigt durch den Verlust Schlesiens an Friedrich den Großen von Preußen im zweiten Jahr ihrer Herrschaft, entschloß sich Maria Theresia zu handeln. Sie erlebte, wie 1744 irische Truppen, die Elite der spanischen Armee, die Österreicher in der Schlacht bei Velletri in Italien zurückschlugen. Auch sie hatte ein irisches Kontingent in Velletri, unter dem Kommando des jungen Maximilian Browne, und ein Lacy kommandierte die Husaren – beides Söhne glänzender Offiziere, die Maria Theresias Vater ausgezeichnet und in den Adelsstand erhoben hatte. Würden sie sich nicht als ebenso fähig erweisen, wenn sie die Gelegenheit dazu erhielten? Sie entschloß sich, ihnen zu vertrauen.
Maximilian Ulysses Reichsgraf von Browne, Baron von Montaigne und Camus, wurde 1705 in eine jakobitische Familie geboren, die sich in Österreich im Exil befand. Sein Vater schickt ihn zur Ausbildung nach Limerick zurück, wo einige Familienmitglieder noch aushielten, aber im zarten Alter von zehn Jahren wird Maximilian von dort wieder weggeholt und in das Regiment seines Onkels George in Ungarn gesteckt. Dieser Onkel und Maximilians Vater taten viel, um Maria Theresia bei ihrem Reformprogramm zu unterstützen, zum Beispiel bei der Gründung einer Militärakademie für die Kadettenausbildung – der heute noch florierenden Theresianischen Militärakademie. Der junge Max sollte sie jedoch beide an Ruhm übertreffen.
In seiner außergewöhnlichen Militärlaufbahn folgte eine hervorragende Leistung der anderen, obwohl seine Karriere von der mangelnden Professionalität der Armee und der Korruption behindert wurde. Nachdem er die Franzosen aus Frankfurt am Main, dem traditionellen Schauplatz der Königswahl im Heiligen Römischen Reich, vertrieben, Velletri, Genua und Piacenza eingenommen, die Spanier aus der Lombardei verjagt hatte und in zwei Italienfeldzügen in Südfrankreich einmarschiert war, erhielt er den Oberbefehl in Transsylvanien. Beim Ausbruch des Siebenjährigen Krieges wurde er nach Böhmen versetzt. Dort ereilte ihn 1757 sein Schicksal, aber erst nachdem er die preußische Armee, die als die beste der Welt angesehen wurde, zum Rückzug gezwungen hatte. Maximilian Browne fiel bei einer Bajonettattacke an der Spitze seiner Grenadiere. Der Grund: die österreichischen Truppen waren militärisch zu unflexibel. Diesem Übel hatte er durch die Anlegung von Übungsplätzen für seine Truppen in Böhmen beikommen wollen – eine bahnbrechende Neuerung, die aber zu spät kam.
Ebenso herausragend ist die Karriere eines Verwandten von Browne, des kaiserlichen Feldmarschalls Franz Moritz Graf von Lacy. Er wurde in St. Petersburg geboren, wohin sein jakobitischer Vater von Zar Peter I. als Oberbefehlshaber berufen worden war. Dieser Vater, der den Spitznamen „Peter der Russe“ trug und aus Ballingarry in der Grafschaft Limerick stammte, ist eine weitere staunenerregende Persönlichkeit, die geradezu nach einem Biographen schreit!
Zwei Söhne von Peter von Lacy dienen schon in der sächsischen Armee; seinen jüngsten Sohn, Franz Moritz, vertraut er Maximilian Browne in Wien an. Franz dient unter ihm als Befehlshaber im Siebenjährigen Krieg; sein strategisches Talent tritt zutage, und nach Brownes Tod in der Schlacht ist seine Position gestärkt.
Franz von Lacy ist anderen hohen Offizieren weit voraus, was das militärische Fachwissen angeht. Sein taktisches Vorgehen in Böhmen trägt Früchte, zum Beispiel bei Hochkirch, wo Irland für Österreich den Sieg errungen hat und wo De Lacy und O’Donnell, O’Kelly, zwei Brownes und ein Murray einen Blitzangriff auf die Preußen geführt haben. Daraufhin führt De Lacy zur Ablenkung einen Schlag gegen Berlin. Zusammen mit den russischen Streitkräften – mit insgesamt 18.000 Mann – wird die preußische Hauptstadt zur Übergabe gezwungen.
Lacy ist der erste, der der kaiserlichen Armee eine solide Grundlage gibt. Zyniker nennen ihn „den einzigen österreichischen Offizier mit Sachverstand“. Als der Krieg gegen Preußen vorbei ist, erhält er von der Kaiserin carte blanche, die Armee zu modernisieren. Er wird zum Präsidenten des Hofkriegsrates ernannt. „Das ist eine Entscheidung, die das Reich nicht bereuen wird!“ so reagiert Friedrich der Große auf die Nachricht. Der Preußenkönig, der Feldmarschall Maximilian Browne als „seinen Lehrmeister in der Kriegskunst“ bezeichnete, hat nun selbst Interesse an irischen Soldaten, und seine Armee – der es immer an Soldaten mangelt – wird durch ein Kontingent irischer Infanterie aus der sächsischen Armee verstärkt, das 1756 gefangengenommen worden war. Der Groll der Iren, die zum Dienst gezwungen werden, legt sich bald, denn sie sind tief beeindruckt von der anständigen Behandlung, die die „Ketzer aus dem Norden“ ihnen angedeihen lassen, und vom hohen Niveau des brandenburgischen Regimentes, dem sie zugeteilt werden.
Ihre Leistungen auf dem Schlachtfeld verfehlten den Eindruck auf den König von Preußen nicht, und man erzählt eine Anekdote, wonach er versucht habe, die stolze Cavanach-Reitergarde des Königs von Polen zu einem Seitenwechsel zu überreden. „Nicht um mein Leben!“ antwortet Turlach Cavanach. Und Friedrich der Große beläßt es klugerweise dabei.
Nach dem Ende der Kampfhandlungen lädt Friedrich einen besonders schneidigen irischen Offizier in der russischen Armee, Major John O’Rourke, zu sich nach Berlin ein und schenkt ihm einen diamantenbesetzten Säbel.
Friedrichs Vorliebe für keltische Krieger zeigt sich besonders, als er den Jakobiten James Keith im Siebenjährigen Krieg zum Oberkommandierenden ernennt. James und sein Bruder George, die aus Schottland vertrieben wurden, waren enge Freunde des preußischen Königs.
James Keith fiel in der Schlacht von Hochkirch, und schon oft wurde die Szene geschildert, als die österreichischen Generäle Daun und Lacy nach ihrem Sieg in dieser Schlacht in die Dorfkirche treten, wo Lacy den Leichnam des Feldmarschalles Keith, mit einem Pandurenmantel zugedeckt, findet. Als er ihn erkennt, bricht er in Tränen aus und ruft: „Es ist der beste Freund meines Vaters, es ist Keith!“ Die Jakobiten teilten in der Verbannung das Los der „Wildgänse“, Franz von Lacys Vater Peter war einst zusammen mit dem Jakobiten Keith von Peter dem Großen nach Rußland gerufen und mit dem Aufbau der Armee betraut worden. Auch für Österreich steht mit Laudon übrigens ein Jakobite schottischen Geschlechts im Feld.
Nach Wien zurückgekehrt, erweist sich Lacy in Friedenszeiten als Verwaltungsgenie. Er reduziert die Ausgaben für die Armee und verbessert gleichzeitig die Ausrüstung, er sorgt dafür, daß die Truppen ausreichend Übung und taktische Ausbildung erhalten. Er führt neue Gesetze und Vorschriften, ein neues Verpflegswesen und erstmals auch eine Art Generalstab ein. In weitem Umfang werden Militärspitäler eingerichtet. Das Kommando über das angesehene Invalidenhaus in Prag übernimmt Robert Smith McGavan aus der irischen Grafschaft Longford. Sein Bruder leitet die medizinische Fakultät der berühmten Karlsuniversität in Prag.
Lacys Abhandlung über die „Grundsätze der höheren Kriegskunst“ wird in der Folge im Bayerischen Erbfolgekrieg von 1778 praktisch umgesetzt. Sein Einfluß auf die Staatsgeschäfte ist inzwischen so groß, daß Historiker ihm die Schuld an der Expansionspolitik Jo­sephs II., des Sohnes und Erben Maria Theresias, geben. Aber die alte Kaiserin stützt sich ebenso stark auf Graf Lacy! In zahlreichen Briefen beschwört sie ihn im Laufe der Jahre immer wieder, mehr auf seine Gesundheit zu achten. 1770 schreibt sie: „Sie arbeiten zu viel, tun nichts, um das Leben des Mannes zu erhalten, von dem der Staat und seine Herrscherin so sehr abhängen – das Leben des Freundes Maria Theresias!“ Unser starrköpfiger Ire überlebt Mutter und Sohn, wird der Berater ihrer Erben auf dem Kaiserthron und begleitet sie noch im Alter auf wichtigen politischen Missionen ins Ausland, erst 1801 verstirbt er hochbetagt.
In Wien übernimmt in der Zwischenzeit eine wahre irische „Mafia“ während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Ruder, mit deutschen Titeln, deutschen Schlössern, Wagen und Stadtpalais! Alles ist bereit für den Auftritt der Daltons und D’Arcys, der O’Kellys und O’Bradys, der Maguires und Wallis und O’Nielans – und natürlich der O’Donnells. Letztere sind Spätankömmlinge, die von ihren Verwandten, den Hamiltons, eingeführt worden sind, aber rasch aufsteigen und im 19. Jahrhundert Kanzler und Finanzminister werden. Auch durch Tapferkeit zeichnen sie sich aus:
Eines Tages im Jahre 1853 macht Kaiser Franz Joseph einen Spaziergang auf der alten Stadtbefestigung. Er ist in Begleitung seines Flügeladjutanten Maximilian O’Donnell. Plötzlich greift ein Attentäter den Kaiser mit einem Messer an. O’Donnell wirft sich dazwischen und rettet dem Kaiser das Leben. Wien-Touristen haben vielleicht die große neugotische Votivkirche gesehen, die zum Dank für die Rettung Franz Josephs erbaut wurde.
Ein weiteres Bauwerk, das zum Dank für Gottes Hilfe errichtet wurde, findet man in Wien in der Brigittenau, auf einer Insel, die von Donau und Donaukanal umschlossen wird. Die Schutzpatronin der Brigittenau ist Naomh Bríd na hÉireann (der heiligen Brigitta von Irland – oder Kildare) und auch hier wurde, als Wien während des Dreißigjährigen Krieges belagert wurde, das Leben eines Fürsten gerettet – wie man glaubte, nach Anrufung von Naomh Bríd, deren Kirche in der Nähe stand. Ihr zu Ehren ließ der Kaiser eine schöne neue Kapelle anstelle des hölzernen Kirchleins bauen, das irische Benediktinermönche aus dem berühmten Wiener Schottenkloster aus dem 12. Jahrhundert errichtet hatten.
Irische Soldaten zahlten großzügig für die Erhaltung der irischen Stiftungen des Kaisers. In Prag war es Walter Butler, der im Dreißigjährigen Krieg dem Franziskanerkolleg auf die Füße half. Als Militärgouverneur von Meißen in Sachsen konnte er die Mönche mit Mobiliargut ausstatten. Spätere Stifter sind O’Kelly, Taaffe, O’Donnell, Cavanach und O’Farrell, und in ihren Regimentern werden Sammlungen veranstaltet.
Einer der Gegenstände, die die irischen Klosterbrüder unterrichteten, war die Botanik, und angeblich wurde die erste Kartoffel in Europa in ihrem Kräutergarten in Prag gezüchtet. Damen erschienen bei Hofe mit Kartoffelblüten, die sie wie seltene Orchideen an ihren Rokoko-Roben befestigt trugen.

K. u. k. Linienschiffleutnant Gottfried Freiherr von Banfield, der legendäre „Adler von Triest“, verstarb erst 1986 als letzter Ritter des Militär-Maria-Theresien-Ordens.

Die Marine

Fünfmal haben Iren beim Aufbau der amerikanischen Marine geholfen, aber das interessiert uns im Moment nicht, auch nicht der Begründer der russischen Marine, David Butler (obwohl auch dies ein verlockendes Thema wäre!), sondern George Forbes, der im Auftrag Karls VI., des Vaters von Maria Theresia, die kaiserliche Adriaflotte aufbaute und ihr erster Kommandant im Spanischen Erbfolgekrieg war. Zusammen mit Graf Pallavicini schuf Forbes einen starken Stützpunkt für Kriegs- und Handelsschiffe: den Marinehafen Triest. Und so entstand ein neues Betätigungsfeld für die Iren, die für Österreichs Herrschaft über Istrien und Dalmatien kämpften und den für seinen Handel lebenswichtigen Zugang zum Mittelmeer sicherten. In den Napoleonischen Kriegen, bei der Verteidigung Venedigs, im Krieg zwischen Österreich und Frankreich und in zwei Weltkriegen finden wir sie, die O’Flanagans, Keoghs, Nugents, Bradys – darunter Admirale, Vizeadmirale und Kommandanten von Schlachtschiffen. Eine ganze Dynastie von Barrys tritt auf, die besonders durch die spektakuläre Seeschlacht bei Lissa in Erinnerung bleiben.
Wenn man bedenkt, daß in der irischen Heimat die Seefahrertradition durch Englands Verbotsgesetze in Vergessenheit geraten war, sind diese Leistungen zur See ganz außergewöhnlich.
Viele dieser tapferen Männer liegen am Marinefriedhof auf einer Anhöhe über Pula in Istrien begraben, einem Hafen, der seinen Ausbau hauptsächlich Admiral Alfred von Barry verdankt, der sich schon bei der Belagerung Venedigs 1840 ausgezeichnet und 1864 sowohl in der Schlacht bei Lissa wie vor Helgoland als Schiffskommandant teilgenommen hatte. Nahe bei seinem Grab liegt ein weiterer verdienter Seemann aus Cork, Richard Banfield, der Vater des legendären „Adlers von Triest“, Gottfried Banfield. Mit aufwendigem österreichischem Militärzeremoniell wurde 1986 der große Ire Gottfried Banfield mit sechsundneunzig Jahren zu Grabe getragen. Sein Tod bedeutete das Ende einer Ära in der Geschichte. Er war der letzte Ritter des Militär-Maria-Theresienordens. Mit ihm war der letzte Träger der höchsten Auszeichnung, die die Monarchie vergeben konnte, von der Bühne dieser Welt abgetreten. Den „Adler von Triest“ nannte man Gottfried Banfield wegen seiner wagemutigen Taten als österreichischer Marineflieger bei der Verteidigung von Österreichs Küste im Ersten Weltkrieg. Lieber als alle seine Orden und Auszeichnungen war ihm der silberne Lorbeerkranz, den er von der Hafenbevölkerung – den Armen von Triest – zum Dank dafür geschenkt erhielt, daß er sie in der Kriegszeit beschützt hatte.
Der Erfolg all dieser Exilanten steht für mehr als bloß eine ungebrochene Volkskraft, aus der man den Rahm abschöpfen konnte. Die „Wildgänse“ erscheinen als Vertreter einer eigenständigen Kultur voller Tradition. Sie brachten Initiative und Phantasie mit, dazu eine große Portion Tapferkeit, und wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß diese Eigenschaften keltisch sind. Vielleicht ist es auch nur natürlich, wenn sich die „Wildgänse“ im Herzen Europas so gut zurechtfanden – dort, wo einst die Wiege der Kelten stand.

 
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