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Goethes Freund und ­Musikreferent

Karl Friedrich Zelter 1758–1832

Von Karl Betz

Karl Friedrich Zelter zum 250. Geburtstag

Die Biedermeierzeit (1815–1848) war allgemein eine Epoche tiefer Enttäuschungen und Erschöpfungen. Der Untergang des Reiches unter den Schlägen Napoleons, die Befreiungskriege, die Zeit der Restauration, führten in weiten Kreisen des Volkes zum Rückzug in die bürgerliche Behaglichkeit. Eigentlich blieb nur ein Lebensbereich von Kleinmut und Spießigkeit verschont: die Musik. Denn das Biedermeier war ein kraftvoller Quell des deutschen Liedes, und das verband in einzigartiger Weise völkische und elitäre Kultur. Den Boden dafür bereiteten Männer wie Karl Friedrich Zelter, Leiter der Berliner Singakademie und Gründer der ersten deutschen Liedertafel.

Zelter war der langjährige Freund Goethes, sein „Musikreferent“, der für ihn in allen musikalischen Fragen eine unanfechtbare Autorität war. Er war aber auch Goethes „Statthalter in Berlin“ und berichtete ihm faktenreich und unterhaltsam vom Leben in der preußischen Residenz. Der hinterlassene Briefwechsel, der sechs Druckbände füllt, ist eine präzise Chronik der Berliner Stadt- und Musikgeschichte. Auch in „Eckermanns Gesprächen mit Goethe“ wird Zelter immer wieder genannt und zitiert. 1805 schreibt Goethe über seinen Freund Zelter: „Man fängt wieder an, ans Leben zu glauben, wenn man solche Menschen sieht, die so tüchtig und redlich wirken, gegen so viele, die nur wie das Rohr im Winde hin und her geweht werden“, und gegenüber seinem Herzog lobt er den „tatkräftigen Berliner“: „Wenn die Tüchtigkeit sich aus der Welt verlöre, so könnte man sie durch ihn wiederherstellen.“
Wie stark die Verehrung Zelters bei seinen Schülern in Ansehung seiner elementaren Natur war, überliefert das Zeugnis von Wilhelmine Bardua: „Seine hohe, würdige Gestalt, seine markigen Gesichtszüge mit den großen, geistvollen Augen machten einen besonderen Eindruck“. Und in Anspielung auf die Herkunft Zelters charakterisiert der Philosoph August Wilhelm Schlegel (1767–1845): „Seine Reden sind handfest wie Mauern, aber seine Gefühle zart und musikalisch“.
Karl Friedrich Zelter wurde am 11. Dezember 1758 in Berlin als Sohn eines gutsituierten Maurermeisters geboren, besuchte das Gymnasium und erlernte anschließend im väterlichen Geschäft das Maurerhandwerk; 1783 machte er die Meisterprüfung. Neben der handwerklichen Arbeit im väterlichen Betrieb führte er quasi ein zweites Leben, das ganz der Musik gehörte. Er nimmt Orgel- und Geigenunterricht und erhält die wahren künstlerischen Weihen von dem Cembalisten des Königs, dem Gründer der Singakademie Karl Fasch (1736–1800). Als Friedrich der Große 1786 stirbt, komponierte Zelter eine Trauerkantate auf den Tod des Königs, die in der Garnisonskirche aufgeführt wird. Zu dem tief ergriffenen Publikum gehört auch Zelters Vater. Und als sein Sohn als Komponist auch ihm bekannt wurde, stellte er ihm frei, von nun an nur für die Kunst zu leben. Bis dahin hatte der junge Zelter, getreu dem Bekenntnis „Lerne gehorchen“, das er einst einer Buchwidmung angefügt hatte, respektvoll als „tüchtiger Baumeister und Musikus“ (Goethe) gewirkt.
Nach dem Tod seines Lehrers Fasch übernimmt Zelter die Leitung der Singakademie, und dem folgt der Beginn einer neuen Epoche des deutschen Chorgesangs. Im Jahre 1809 wird er Professor für Tonkunst an der Akademie der Künste und Wissenschaften. Zur gleichen Zeit gründet er die erste deutsche Liedertafel, eine gesellige Sängerrunde; ein Ereignis, das als Beginn des Männergesangs epochemachend war und sich bald über die Grenzen Deutschlands hinaus verbreitete. Im Zentrum seines Wirkens stand aber mit wachsenden Erfolgen die Singakademie.
Als Komponist schuf Zelter geistliche Gesänge, Kantaten, Sinfonien und Konzerte. Unter seinen über 200 Liedern und Chorkompositionen finden sich 75 Texte von Goethe, der Zelters Vertonungen besonders schätzte und die bis in unsere Zeit noch gesungen werden. Darunter ist als wohl bekanntestes Chorlied „Es war ein König in Thule“, das Liebe und Treue über den Tod hinaus thematisiert. Zu Zelters Schülern gehörten unter anderem Felix Mendelssohn-Bartholdy, Carl Loewe und Otto Nicolai. Die Berliner Universität würdigte im Jahre 1830 seine großen Verdienste mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde.
Seit einer Begegnung in Weimar im Jahre 1802 rissen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Goethe und Zelter nicht mehr ab; sie wurden in den folgenden Jahren zunehmend inniger. In einem bewegenden Brief Goethes aus 1812 bot er seinem „treuen Wirkens- und Strebensgefährten“ als einzigem während seiner Alterjahre das brüderliche Du an. Diese herzliche Bindung, von Geist und Seele durchdrungen, vereinte die Freunde respektvoll bis zum Tode. Am 22. März. 1832 endete das Erdendasein des Dichterfürsten. Seinen Freund hat das tief ergriffen und erschüttert. Zelter, dem die Ärzte ein hohes Alter vorausgesagt hatten, verfiel nach Erhalt der Todesnachricht körperlich zusehends. Seine Lebenskraft schien sich erschöpft zu haben, und nur unter Aufbietung seiner letzten Energien kam Zelter seinen Verpflichtungen nach.
Kurz vor seinem Tode ließ sich Zelter abends, in Vorahnung der nahenden irdischen Endlichkeit, von seiner Tochter in den Festsaal der Akademie führen. Dort stand die Büste Goethes. Zelter hob das Licht hoch empor. Das steinerne Gesicht des Freundes zeigte sich im Lichtglanz im vertrauten Bilde. Zelter verbeugte sich und murmelte: „Exzellenz hatten überall den Vortritt; aber ich folge bald nach.“ Kurze Zeit später, am 15. Mai 1832, starb der begnadete Musiker, Komponist und Pädagoge im Alter von 73 Jahren. Am offenen Grabe würdigte der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher die bedeutenden reformerischen Verdienste des großen Musikers und Preußen, in dem sich die „besten Wesenszüge des Berlinertums inkarniert“ hatten.
Der in der völkischen Tradition wurzelnde erste Bundespräsident Professor Theodor Heuß hat Karl Friedrich Zelter mit der am 7. August 1956 neu gestifteten Zelter-Plakette ein würdiges, bleibendes Denkmal gesetzt. Die Auszeichnung, inzwischen über zehntausend Mal verliehen, ist bestimmt für Chorvereinigungen im In- und Ausland, „die sich in langjährigem Wirken besondere Verdienste um die Pflege der Chormusik und des deutschen Volksliedes und damit um die Förderung des kulturellen Lebens erworben haben“.

 
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