Archiv > Jahrgang 2009 > NO II/2009 > Hayeks romantische Wurzeln 

Hayeks romantische Wurzeln

Von Univ.-Prof. Dr. Paul Gottfried

Disziplin und Freiheit

Ein Verhalten, das beinahe allen Emigranten aus Deutschland und Österreich anzumerken ist, besteht darin, die Spuren ihrer deutschen Kulturheimat zu verleugnen. Besonders dann wird die Herkunft verborgen, wenn es um politische Unkorrektheiten geht. Als Beispiel kann der in den USA berühmt gewordene Politikwissenschaftler Hans Morgenthau dienen, der seine Anleihen aus dem Gedankengut Carl Schmitts niemals eingestanden hat. Dabei ist es schwer, die Schriften von Morgenthau in die Hand zu nehmen, ohne Schmitts Fingerabdrücke darin zu entdecken. Das geht von seiner 1934 in Genf vorgelegten Habilitationsschrift über „Le différend dans les rapports internationaux“ bis hin zu seinem Nachkriegs-Meisterwerk über die Gegensätze der Nationalinteressen.

Stellte man dieser hochbetagten Autorität die Frage, ob er von Schmitt geprägt worden sei, führte er ziemlich unredlich aus: „Ich erblickte ihn unerwartet in einem Hotel, und mich überkam ein sonderbares Gefühl, als ob ich dem Teufel selber begegnet wäre.“ Da hätte man Morgenthau daran erinnern müssen, daß der angeblich so unbekannte Teufel auf ihn offenbar eine gewaltige Wirkung ausgeübt hatte. Doch keiner hat auf diese Heuchelei hingewiesen.
Im Fall des Nationalökonomen Friedrich von Hayek (1899–1992) läßt sich zwar keine Abhängigkeit, wohl aber eine gewisse Geistesverwandtschaft zur deutschen Romantik feststellen. Hayek stammt aus Wien und wurde 1931 an die London School of Economics berufen. Später nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. Auf den ersten Blick ist die Verwandtschaft nicht leicht zu erraten, zumal Hayek für seine Anglophilie bekannt ist. Nach seiner Auswanderung aus Österreich und auch nach dem Wechsel an die University of Chicago, wo er 1950 einen Lehrstuhl bekam, hat Hayek in einer englischen Gedankenwelt gelebt. Seine ideengeschichtlichen Schriften befassen sich mit John Stuart Mill, mit der Frauenrechtlerin Harriet Taylor, Gattin von Mill, und dem Freiheitsbegriff einer im 18. Jahrhundert entstandenen britischen Tradition, die Edmund Burke, David Hume und Adam Smith zu ihren glänzenden Mitgliedern zählte.
Wie weithin bekannt ist, stand der einstige Wiener Hayek der Österreichischen Schule recht nahe und hatte enge Beziehungen zu einem Vordenker der klassisch-liberalen Wirtschaftslehre, Ludwig Mises (1881–1973), eine Beziehung, die bis in die 20er Jahre zurückreichte. Genau wie Mises kritisierte Hayek den Sozialismus als trügerische „Gemeinwirtschaft“, die den menschlichen Bedürfnissen nicht wirklich genüge. Den Sozialisten fehle es an der Sachkunde, die Gesamtmenge der Bedürfnisse im voraus zu berechnen. Daher entwickelten sich ihre Volkswirtschaften nach unten und nicht nach oben. Zudem deutet Hayek eine aus freien Verhandlungen hervorgegangene Preisfestlegung als das beste Mittel, die wechselnde Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zu bestimmen. Beide Theoretiker gehen mit den Sozialisten ins Gericht, weil sie den demokratischen Geist verraten hätten. Statt den Bürgern ein ökonomisches Wahlrecht zu gewähren, wollten sie ihnen die Einkaufs- und Gewerbefreiheit beschneiden und an Staatsbeamte übertragen.

Nur Traditionen stiften Sinn

In einer folgenschweren Frage aber widersprechen die Anhänger der Österreichischen Schule einander. Für Mises gilt als Voraussetzung für das Handeln des Homo oeconomicus eine Ordnung von Vernunftwesen, die nach einer Berechnung gegenseitigen Vorteils einen Vertrag eingehen und politische Verantwortung übernehmen. Der Handelnde ist das Einzelwesen, das dann auf Grund seiner Interessenlage freiwillig zu einer richtigen Entscheidung gelangt. Für Hayek hingegen ist der Handelnde nicht in der Vernunft, sondern im Leben situiert. Er verfügt über Eigentum oder Einkommen und befindet sich bereits in einer umgebenden, für ihn unerläßlichen Lebenswelt. Das Wissen, das er anwendet, um zu wirtschaften, ergibt sich aus einem bestehenden Zusammenhang aus Angewohnheiten, Erwartungen und menschlichen Beziehungen.
Mises macht seine Wirtschaftstheorie an einer „praxeologischen“ Erkenntnis fest, die von Zielsetzungen und Wertungen absieht, immer zugunsten von subjektiven Vorgaben. Im Gegensatz zu diesem Subjektivismus von Mises, den später Guido Hülsmann, Murray Rothbard und Hans Hermann Hoppe zu einer Sittenlehre weiterentwickeln möchten, sind Hayek und seine Anhänger an einem anderen Gesichtspunkt interessiert. Sie meinen, daß der freie Handel an Vorgaben anschließt, die der einzelne von seinen Vorfahren übernimmt. Dieser sinnstiftende Horizont bestimmt die Lebensregeln, mit denen der Handelnde seine Beziehung zu anderen definiert und ein Vertrauen unter den Beteiligten weckt und nährt, das erst zu wirtschaftlichen Handlungen führen kann. Ohne solche Vorgaben kann sich für Hayek eine gegenseitige Verantwortung nicht einstellen.
Wie seine „Verfassung der Freiheit“ (1960) feststellt: Die Verwirklichung von Freiheit erfordert einen geschärften Verantwortungssinn, der lehrt, „daß die Verantwortung des einzelnen nur auf das sich erstreckt, was er beurteilen kann, daß er in seinen Handlungen nur das in Betracht ziehen muß, was innerhalb des Bereiches seiner Voraussicht liegt, und vor allem daß er nur für seine eigenen Handlungen und die seiner Fürsorge anvertrauten Personen verantwortlich ist.“ Hayeks Wiener Interpret Eugen Schulak erläutert den Passus so, daß die Übernahme von Verantwortung bestimmte Voraussetzungen hat, nämlich „daß sich Individuen in Form von tief eingewurzelten moralischen Überzeugungen freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten“, und zweitens, „daß ein allgemeines, abstraktes und willkürfreies Regelwerk besteht“, das darauf hinwirkt, „konkurrierende Handlungssphären voneinander abzugrenzen.“

Ordnung und Freiheit

Zur Erklärung der wünschenswerten moralischen Ausrichtung stellt Hayek zwei Begriffe durch griechische Lehnwörter einander gegenüber: die Taxis, die durch Gesetze (Theseis) gebildet wird, und der Kosmos mit seinen Nomoi. Taxis bedeutet geschriebenes Recht und Gesetzgebung, Kosmos ist der Zusammenhang von Präzedenzfällen und gemeinsamen Sitten. Demnach herrscht bei den Engländern oder auch in der Römischen Republik eine „kosmosorientierte“ Sittenordnung, wo Verwaltungsrecht hinter Privat- und Familienrecht zurücksteht. Hayek deutet das positiv.
Ohne den Begriff des „Gemeinwohls“ völlig abzulehnen, äußert er sich in seinen „Freiburger Studien“ (1969) dahingehend, daß dem Gemeinschaftsleben am besten gedient sei, wenn die Verwaltung, die von sich aus stets auf ein Einschreiten versessen ist, in Schranken gehalten werden könnte. Die Gesellschaft müsse so organisiert werden, daß „ein auf Tradition gebautes Regelsystem“ funktionieren könne, ohne zu viel Rücksicht auf Staatlichkeit zu nehmen. So taugt es zu einem friedlichen Wettbewerb unter Staatsbürgern und führt zu Wohlstand und Wissenserweiterung.
Was Hayek hier vorzeichnet, ist eine „spontane Ordnung“, eine Lebenswelt, die mit Freihandel und Markt operiert und zu einer „offenen Gesellschaft“ führen soll. Man kann Hayeks Denkrichtung nicht verfolgen, ohne daß man sich stets seiner libertären Absicht bewußt wird. Nie täuscht er seinen Lesern etwa vor, daß es ihm um eine ständische Gesellschaft oder andere antiquierte Vorstellungen ginge. In einer seiner berühmtesten Schriften, „Warum ich kein Konservativer bin“, scheut er keine Mühe, zu den „schwarzen Schafen“ Distanz zu halten. Und auch die Selbstbezeichnung als „Whig“ dürfte an der Realität vorbeigehen, denn was er darunter versteht, ist nicht ein englischer Anhänger der glorreichen Revolution von 1689 und ihren protestantisch-feudalen Überresten. Es geht ihm vielmehr um die möglichst weitgehende Beziehung zwischen zielbewußten, wertschaffenen Individuen. Zwar setzt Hayek den Vorzeigeliberalen Edmund Burke voraus, doch tritt er niemals in die Fußstapfen dieses Alt-Whig. Im Gegensatz zu Burke und Hume tritt Hayek nicht für das historisch Gewordene, sondern für wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt ein.

Hayeks antiindividualistische Note

All das räumen wir ein. Trotzdem schwingt bei Friedrich von Hayek eine antiindividualistische Note mit. Und es geht nicht zu weit, wenn man feststellt, daß hier eine konservativ-romantische Ader zu finden ist. Aus gebündelten Erfahrungen, die nicht aus dem Verstand des einzelnen kommen können, setzt sich die spontane Ordnung zusammen. Die Regeln stammen aus einer Gemeinschaft, die den einzelnen zum Gehorsam heranbildet. Die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft wie Vertragsfreiheit, Unverletzlichkeit des Eigentums und die Pflicht, für einen Schaden aufzukommen, wie sie schon David Hume festgehalten hatte, setzt Hayek in Bezug zu dem feinen Gewebe von Bräuchen und Gewohnheiten. Er stellt fest, daß sich seine spontane Ordnung seit der Vorzeit aus der Grundstruktur des Menschen entwickelt hat und in der rohen Natur nicht zu finden ist. Der Mensch wird moralisch „gut gemacht“, wenn er sich dem Überkommen unterwirft, und sein Erfolgsmittel sei „weder die Natur noch die Vernunft, sondern die Tradition“. Wenn der fleißige Einzelne es zu Glück und Erfolg bringt, und zwar ohne Betrug anzuwenden, dann ist der Grund dafür auch in seinem Gemeinschaftssinn zu suchen.
Man kann hier einwenden, daß Hayek bestimmte bürgerliche Tugenden aufputzt und in ein Umfeld von Hochfinanz und Turbokapitalismus versetzt, wo sie längst nicht mehr gelten. Doch auch in diesem Falle ist es beachtenswert, daß der bekannte Ehrenretter des entwickelten Kapitalismus hier mit gemeinschaftsbezogenen Begriffen hantiert.
Es wäre der Mühe wert, der Sittenlehre von Hayek einmal Karl Mannheims Klassiker „Das konservative Denken“ (1927) gegenüberzustellen. In einem gehaltvollen Überblick untersucht Mannheim die deutsche Romantik, wie sie von der napoleonischen Epoche bis in den Vormärz um sich greift. Besondere Rücksicht wird auf den Rechtslehrer Carl von Savigny (1779 – 1861) und die österreichischen Hofräte und Staatsdenker Adam Müller (1779 – 1829) und Friedrich Schlegel (1772–1829) genommen. In einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit der Aufklärung gelangen diese Theoretiker zu einem neuen Weltbild. Dabei steht einer mechanistischen Auffassung der Natur und einem rein rationalistischen Ansatz zum Verhalten eine dynamische Deutung der menschlichen Entwicklung gegenüber, die von der Anschauung gelenkt ist. Der aufklärerischen Vorstellung, soziale Wesen nach abstrakten Vernunftregeln umzuerziehen und vom Bann religiösen Aberglaubens zu befreien, setzt man den Wert der eingewurzelten Sippe entgegen. Mit einer überlieferten und nicht bloß ausgeklügelten Einstellung fügt sich das Einzelgeschöpf in eine bis in die entlegenste Vergangenheit zurückreichende Kette von Generationen ein. Nicht Gleichförmigkeit, sondern die Vielfalt an Lebenserfahrungen und das Schöpfen aus einem gemeinsamen Wissensfundus soll prägend wirken.

Der Einfluß Othmar Spanns

Um einen Vergleich anstellen zu können, muß Hayek nicht mit allen Seiten der romantischen Denkart in Einklang zu bringen sein. Die romantische Verehrung der ständischen Tradition und die harsche Ablehnung des Frühkapitalismus macht Hayek sich nirgendwo zu eigen. Doch von der romantischen Sittenlehre hat er eine Menge aufgenommen. Was Mises noch aus Naturrecht und Nützlichkeitsdenken hervortreten läßt, versteht Hayek als eine lebendige, die Generationen übergreifende Gemeinschaft. Die Freiheit bezeichnet er als ein „Artefakt der Zivilisation“, womit Menschen erst bereichert werden können, wenn sie aus einer sinnstiftenden Lebenswelt kommen. Wie Hegel argumentiert Hayek so, daß verbriefte Freiheiten und das entsprechende Bewußtsein nur zu erreichen sind durch die „allmähliche Evolution der Disziplin innerhalb der Zivilisation, die gleichzeitig die Freiheit der Zivilisation ist“ (Aus: Gesammelte Schriften des Friedrich von Hayek, J. C. B. Mohr, Tübingen 1979, Band III, S. 470).
Allerdings, bei aller Achtung vor Hayek, bildet sich eine „spontane Ordnung“ nicht ganz zwangsfrei heraus. Sie besteht immer aus einer geschichteten, hierarchisch geordneten Gesellschaft. Bei Hayeks Gedanken schwingt also unerwähnt oder mit Absicht verschwiegen das Wort „Obrigkeit“ mit.
Als Schlüsselfigur kann hier der Wiener Universitätsprofessor Othmar Spann (1878–1950) gelten. Spanns Bedeutung rührt daher, daß er eine konservativ-romantische Denkrichtung wiederbelebte und sich für eine entsprechende „ganzheitliche“ Wirtschafts- und Soziallehre eingesetzt hat. Dabei geht es um den Begriff der „Rückverbundenheit“ des gesonderten Einzelwesens mit dem Gemeinwesen. Das zeigt sich etwa, wenn der einzelne in einer liberalen und wurzellosen Umgebung immer wieder nach Einbindung sucht. Es ist die „soziale Mitte“, die den einzelnen ans Gemeinschaftliche wieder ankoppelt. Das muß der Forscher wissen, um auch die jeweilige Wirtschaftslage verstehen zu können. Vom Ganzheitlichen kann sich das selbstbewußte Individuum nicht völlig loslösen, auch wenn es vom subjektivistischen Standpunkt aus nach Gutdünken handelt.
Neben einer ständisch aufgebauten Leistungsgesellschaft von neokorporativer Ausprägung wandte sich Spann einer Wirtschaftsproblematik zu, die auch für den jungen Hayek von Belang war. Im Gegensatz zur Österreichischen Schule und ihrer damaligen Leitfigur Carl Menger machte sich Spann daran, eine Preistheorie auszuarbeiten, die nicht vom Einzelhändler und seinen Berechnungen allein abhängt. Statt des geschäftsbetreibenden Individuums rückte er die Wirkung vereinbarter Sozialzwecke in den Vordergrund. In einer kapitalistischen Gesellschaft und auch schon früher, so Spann, ist die Preisbestimmung auf gemeinwirtschaftlichen Vorgaben angelegt. Dabei sind nichtsubjektivistische Faktoren mit entscheidend. So sind Produktpreise nicht nur auf individuelle Vorzüge beim Einkauf zu reduzieren. Vielmehr entstehen sie aus einem Gewebe von sozialen Anliegen und gehen von allgemeinen kulturellen Interessen aus.
Hayek, der seine Dissertation 1923 unter Spanns teilweiser Leitung abschloß, bewegt sich bei den Produktpreisen nah an der Deutung seines Lehrers. Wie bereits beobachtet wurde, verwendet Hayek die kritischen Anmerkungen von Spann zu einer Wiederaufnahme von Mengers Preistheorie. Ohne darauf in allen Einzelheiten einzugehen, kann leicht begründet werden, daß Hayek zu Spann in einem durchaus positiven Verhältnis steht. Jahrzehnte später in „Hayek über Hayek“ erinnert der greise Nationalökonom sich noch an das Vergnügen bei Spanns Seminaren.
Doch es besteht kein Grund, diese Verbindung über den angegebenen Zusammenhang hinaus zu interpretieren. Nach seinem Wechsel nach England hat Hayek sich anderen Gegenständen zugewandt. Er hat seine Aufmerksamkeit auf die Galionsfiguren des dortigen Liberalismus gelenkt. Gerade die Forschung über den sozialdemokratischen Staatsdenker und Verfechter der Meinungsfreiheit John Stuart Mill vergrößerte seinen Abstand von der deutsch-romantischen Gedankenwelt. Man kann sich schwer einen Denker vorstellen, der weniger mit Romantik zu tun hat als Mill und Harriet Taylor mit ihrer Frauenfrage. Das schließt jedoch nicht aus, daß Friedrich von Hayek auch eine dauerhaft romantische Seite aufzuweisen hat, und daß diese später versteckten Denkrelikte auf seine Wiener Jahre zurückzuführen sind.

 

 

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com