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Miguel de Cervantes

Miguel de Cervantes (1547–1616)
Cervantes gilt als Nationaldichter Spaniens, sein Don Quixote (im Bild mit Sancho Panza) ist die Hauptfigur seines bedeutendsten Werkes.

Anläßlich seines Geburtstages vor vierhundertsiebzig Jahren

Zur Umdeutung von Biographien

Etliche von gegenwärtigen Autoren vermutete Details zum spannenden Leben des Miguel de Cervantes-Saavedra werden vielleicht nicht der Wahrheit entsprechen, sind eher Behauptungen mit ideologischer Zielsetzung, entziehen sich jedenfalls der Überprüfung. Er sei gar kein Hidalgo gewesen, wird neuerdings publiziert (der Adel wurde der Familie jedoch amtlich bestätigt); er hätte jüdische Vorfahren gehabt (möglich, aber nicht belegt, belegt hingegen ist sein klares Bekenntnis zum Katholischen Glauben); er wäre homosexuell gewesen (zeitgeistig sehr erwünscht, aber unbewiesen beziehungsweise aus der Luft gegriffen); er wäre mit Königlichem Haftbefehl verfolgt und zum Abschlagen der rechten Hand verurteilt worden (was aber rätselhafterweise nie exekutiert wurde); er hätte glaubenskritischen und kirchenfeindlichen Ideen angehangen (die recht effiziente Spanische Inquisition hat ihn nie beanstandet und der Kardinal-Großinquisitor zählt zu den Mäzenen seiner letzten Jahre). Vieles am Dasein des Cervantes liegt im Dunkel, bleibt widersprüchlich beziehungsweise geheimnisvoll – bis hin zu seinem Portrait aus dem Jahr 1600 in der Königlichen Akademie, das eine spätere Fälschung sein könnte oder auch nicht, das aber ungeachtet diskutierter Authentizität die 10-, 20- und 50 Cent-Münzen Spaniens ziert. Eines allerdings ist unbestritten: der Spanier, 1547 in Alcalá de Henares geboren und 1616 (im gleichen Jahr wie Shakespeare) in Madrid gestorben, ist der Verfasser eines der ganz großen Werke der Weltliteratur: des „Don Quixote“.

Jugend

Als Miguel das Licht der Welt erblickt, wird diese gerade Spanisch-Habsburgisch geprägt und kommt der Verwirklichung einer Habsburgisch-Katholischen Universalmonarchie mitunter greifbar nahe. Das Goldene Säkulum umstrahlte den Erdkreis; und wenn man seinen Beginn mit Königin Isabella von Kastilien und Christoph Kolumbus setzt, dann kann man das Ende dieses Spanischen Zeitalters mit dem Tod des Cervantes markieren. Die Lebensumstände der Familie sind sehr wechselhaft. Über die Ausbildung des Heranwachsenden sind nur noch Spekulationen möglich; Indizien deuten auf Schulbesuch bei den Jesuiten; Cervantes dürfte in seinem abenteuerlichen und entbehrungsreichen Leben die Möglichkeit zu systematischer Aneignung von Bildungsgut nicht gehabt haben; als Autodidakt freilich ist er bemerkenswert. Früh schon wird er wahrscheinlich vom Schauspiel fasziniert, das im damaligen Spanien ganz wesentlich aus den Fronleichnamsinszenierungen und dem Jesuitentheater und umherziehender Commedia dell’Arte hervorgeht; und vom Schauspiel her könnte Cervantes den Weg in die Dichtkunst genommen haben. Dichtkunst und Waffendienst; Cervantes ist hier nicht der einzige; die Verbindung von Feder und Schwert zeichnet diese Zeit aus. Als 20jähriger tritt er erstmals mit einem Sonett an die Öffentlichkeit; zwei Jahre später finden wir ihn in Rom; ein Rom, in dem gerade der neue Petersdom in Bau ist; viele europäische Literaten besuchen damals Italien; er steht hier für etliche Monate im Dienst eines Kardinals; dann läßt er sich mit seinem Bruder für die Habsburgischen Truppen in Neapel rekrutieren.
Das zentrale Ereignis seines Lebens, wie es unser Dichter selbst so gesehen hat, ist seine Teilnahme an der extrem blutig geführten Seeschlacht von Lepanto, 1571; ein weichenstellender Sieg der Habsburgischen Weltmacht und eine desaströse Niederlage für die Osmanen, welche deren Dominanz im Mittelmeer beendet. Als 24jähriger Soldat beziehungsweise Unteroffizier tritt in dieser Schlacht, wie gut bezeugt ist, eine der markanten Eigenschaften des Cervantes deutlich hervor, eine ganz erstaunliche Tapferkeit. Ein Kommando über zwölf Mann führend, wird er im Nahkampf von Galeere zu Galeere, nach Aussage von Kameraden „kämpfend wie ein Löwe“, schwer verwundet. Die teilweise offenbar recht tüchtigen Militärärzte auf den Schiffen und die Pflege im Hospital von Messina retten ihm das Leben; seine linke Hand allerdings, von einer Gewehrkugel zerschmettert, ist verstümmelt. Zeit seines Lebens bleibt Cervantes ungeachtet dessen stolz auf seine Narben von Lepanto.

Schwierige Jahre

Vordergründig betrachtet zählt Cervantes nicht zu den vom Erfolg Verwöhnten. Er könnte gestottert haben. Den Großteil seiner Lebensspanne über bleiben seine Einkünfte sehr bescheiden. Nach Lepanto ist er verkrüppelt. Die Rekonvaleszenz dauert Monate. Weiterer Militärdienst folgt, darunter eine Expedition nach Tunis. Schließlich haben er und der Bruder das Pech, bei der Heimfahrt nach Spanien in einen Sturm und danach in einen muslimischen Piratenüberfall zu geraten. Man verschleppt sie nach Algier in die Sklaverei. Miguel unternimmt, ungeachtet grausamer Bestrafungspraktiken, mehrere legendäre, allerdings scheiternde Fluchtversuche; auch hier verblüffen, wie Aussagen Mitgefangener zeigen, seine Tapferkeit und sein konsequentes Festhalten am Christlichen Glauben. (Etwa 25.000 Christliche Sklaven befinden sich damals alleine in Algier; mitunter konvertieren einige zum Islam, um sich bessere Lebensbedingungen zu sichern.) Schließlich gelingt der Freikauf durch die Spanischen Geistlichen Orden, wobei Miguel als der Ältere zunächst den jüngeren Bruder auslösen läßt; er selbst kommt erst 1580 aus fünfjähriger Gefangenschaft. Nach abermaligem militärischem Dienst lebt Cervantes in Madrid und beschäftigt sich wieder mit Literatur, verfaßt Stücke für die florierenden Theater, in denen er auch auf seine Erlebnisse in Algier zurückgreift. Ende 1584 kommt es in Zusammenhang mit einem Aufenthalt auf dem Land zu seiner Heirat mit Catalina de Salazar, der er sich aber bald entfremdet haben dürfte. Ein Monat zuvor war in Madrid seine und seiner Geliebten Tochter zur Welt gekommen, Isabel; sie wächst bei der Mutter und deren Ehemann auf. Auch zur Tochter wird er kein dauerhaft gedeihliches Verhältnis herstellen können. Dennoch dürfte Cervantes, abgesehen von den traurigen Zerwürfnissen in der eigenen Familie, seine Umwelt sehr wohl immer wieder beeindruckt haben; schon in der Schlacht, dann in der Sklaverei, dann in der Heimat; mutig, intelligent, belesen, ausdauernd, humorvoll; ein Mann von Welt; Bühnenautor und Kriegsheld; auch wenn seine Stücke kein Vermögen einbringen, so hatte man sie doch auf den führenden Bühnen der Hauptstadt gegeben. 1585 erscheint dann die „Galatea“, ein mit Gedichten versehener Schäferroman des Cervantes, von der Romantik später überaus geschätzt, von heutiger „Literaturwissenschaft“ schlecht benotet. Von nun an zählt er zum elitären Kreis der bedeutenderen Spanischen Autoren; doch die Einnahmen bleiben gering. Gelegentlich helfen Gewinne im Kartenspiel.
Das Haus Habsburg hat seit seinen Heiraten mit den Tudors legitime Interessen in England; durch den dort ausbrechenden Protestantismus, durch die nun regierende Elisabeth?I. und ihre subversive Politik sowie durch einen beständigen Kaperkrieg englischer Piraten verändert sich das einst gute Verhältnis hin zur Konfrontation. Spaniens großer Monarch Philipp?II., durch den Justizmord an Schottlands rechtgläubiger Königin Maria Stuart zusätzlich provoziert, beabsichtigt, auf die zunehmende englische Bedrohung mit einem Gegenangriff zu antworten. Die Armada wird gebaut und ausgerüstet, eine Invasion vorbereitet. Cervantes, des Landlebens überdrüssig, verdingt sich für mehrere Jahre als Königlicher Verproviantierungskommissar für die Flotte (Getreide und andere Lebensmittel sind zu beschlagnahmen) und danach als Steuereintreiber; notwendige, aber überaus schwierige, undankbare, konfliktreiche Tätigkeiten; obwohl er seinen Pflichten sowohl redlich als auch tüchtig nachgekommen sein dürfte, wird er aufgrund diverser gegenläufiger Interessen sowohl vorübergehend exkommuniziert als auch schließlich inhaftiert. Die fehlerhafte Überprüfung seiner Abrechnungen bringt den mittlerweile über 50jährigen ins Königliche Gefängnis von Sevilla, das größte und angeblich berüchtigtste im damaligen Spanien. Cervantes befindet sich nun in mehrmonatiger Gesellschaft von Mördern, Räubern, Dieben, Betrügern; scheinbarer Tiefpunkt eines an Mühen reichen Daseins. Doch aus allen Beschwernissen und Enttäuschungen heraus entsteht letztlich jenes Werk, in das er mit Genialität, mit ungebrochener Heiterkeit und Ritterlichkeit die Prägungen seines seltsamen Lebens verarbeitet, das ihm noch einen späten Ruhm bringen wird und das ihn als einen der herausragenden Dichter der Menschheitsgeschichte ausweist. Das Gefängnis von Sevilla ist der Geburtsort des „Don Quixote“.

1521 nahm Miguel de Cervantes an der Seeschlacht von Lepanto teil, in der Don Juan de Austria (ein außerehelicher Sohn Kaiser Karl V. mit der Regensburger Bürgerstochter Barbara Blomberg) einen entscheidenden Sieg über die Seemacht des Osmanischen Reiches erzielen konnte. 206 Galeeren, 40.000 Matrosen und 28.000 Soldaten kommandierte Don Juan. Für diesen Türkenkrieg hatten sich verschiedene christliche Mächte, darunter Spanien, Venedig und die Malteser, zur von Papst Pius V. organisierten „Heiligen Liga“ zusammengeschlossen.

 Don Quixote de la Mancha

1648 wird das unglaubliche Werk erstmals ins Deutsche übertragen; heute liegt es in zahlreichen Übersetzungen in allen großen Sprachen vor und ist eines der meistübersetzten Bücher überhaupt; die klassische deutsche Fassung stammt von Ludwig Tieck von 1801. Vordergründig ist der „Don Quixote“ als ironisches Gegenbild zur Gestalt des abendländischen Ritters komponiert. Ihn freilich lediglich als Parodie der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Rittererzählung zu deuten, wäre irreführend. Unter dem Mantel des Paradoxen, des Grotesken, der Scherze und einer ebenso sanften wie zeitlosen Kritik an den Hinfälligkeiten des menschlichen Charakters ist er eigentlich nicht die Widerlegung, sondern die Vollendung des Genres; er ist letztlich einer der bedeutendsten der Ritterromane. Und er ist ernster gemeint und tiefgründiger, als es zunächst vielleicht den Anschein hat, was wohl auch schon seine Leser von damals begriffen haben werden. Daß solches im Spanien der Inquisition nicht nur erscheinen konnte, sondern bis in höchste Kreise Begeisterung hervorrief, zeigt uns ein ganz anderes Bild der damaligen Verhältnisse, als es uns heute kolportiert wird.
In Italien und durch die Beschäftigung mit der italienischen Kultur dürfte sich Cervantes auch mit zahlreichen Rittererzählungen bekannt gemacht haben; sie sind vom Mittelalter weg bis heute ja ein durchaus wesentlicher Bestandteil der Literatur; auch noch Tolkiens „Herr der Ringe“ ist als Ritterepos interpretierbar und beweist die ungebrochene Bedeutung dieser literarischen Gattung. Im Spanien des 16. Jahrhunderts sind Ritterbücher in allen Gesellschaftsschichten gern gelesen, allen voran von Kaiser Karl?V., Teresa von Avila, Ignatius von Loyola. Und das Ritterbuch ist sowohl Ausgangspunkt als auch strukturelles Gerüst des „Don Quixote“, dem lesenden Publikum eine vertraute Grundlage. Über der Lektüre seiner Ritterbücher verrückt geworden, zieht der verarmte Spanische Landedelmann Quixano, nunmehr zum Don Quixote de la Mancha gewandelt, auf Abenteuer aus, das Böse zu bekämpfen, die Bedrängten zu schützen und das Gute zu verwirklichen. Man darf davon ausgehen, daß sich Cervantes im „Ritter von der traurigen Gestalt“ auch selbst ironisiert; er hat sich überdies an mehreren Stellen seines Romans auch eigene Auftritte arrangiert. Szenen aus dem „Don Quixote“ wie der Kampf mit den Windmühlen oder die Inbesitznahme eines Rasierbeckens, das für den Helm des Mambrin gehalten wird (oder dieser vielleicht auch tatsächlich ist), sind weithin bekannt und auch sprichwörtlich geworden; man hat sie zitiert, bearbeitet, gemalt, verfilmt.
Das Scheitern an den hohen Zielen aber, das scheinbar Lächerliche im Streben des ärmlichen alten Mannes, der zu zweifelhaften Heldentaten auf klapprigem Pferd ausreitet, sollte uns nicht über den dennoch gegebenen Sinn seiner Opfer und die hohe Vornehmheit seines Charakters täuschen (beides Gegenbilder zum brutalen Materialismus der Gegenwart). „Wir lachen über Don Quixote; aber wer von uns könnte nach gewissenhafter Prüfung ... behaupten, daß er immer und überall den goldenen Zauberhelm vom messingenen Barbierbecken zu unterscheiden gewußt hat? Darum meinen wir, daß es vor allem auf die Ehrlichkeit und die Stärke der Überzeugung ankommt.“ So schreibt Iwan Turgenjew, dessen Worte wir uns hier zu eigen machen wollen. Der Erfolg aber liegt in der Hand Gottes; an uns ist es nur, unser Bestes zu geben. Und hinter scheinbarer Einbildung mag verborgene Wahrheit stehen. Don Quixote etwa liebt Dulcinea, eine Frau, die nur in seiner idealen Vorstellung existiert; eine keusche und dennoch tiefe Liebe, die, ungeachtet ihres „illusionären“ Charakters, aber auf den Menschen verweist, wie er sein sollte. Sancho Pansa, der getreue Knappe, erahnt, auch wenn sein Geist dem Horizont des einfachen Lebens zugewandt ist, diese außerordentlichen Qualitäten seines Herrn; er ist der kleine, unansehnliche und ungebildete Mann aus dem Volk, aber er hat sich ergreifen lassen von der Größe einer reinen Seele, der er nachfolgt. Don Quixote, gerade auch wegen seiner Spanischen Entschlossenheit, ungewöhnlichste Pfade zu gehen, „der Welt zum Trotz“, wie er bekräftigt, zählt innerlich zu den wirklich Freien; und das ist kein Widerspruch zum tiefen Respekt vor den althergebrachten Institutionen, der ihn erfüllt, vor der Kirche, dem Königtum, dem Adel. Eine Freiheit, die er nützt, um mutig auszuziehen und die Welt besser zu machen. Nach den vielen Niederlagen seines Lebens am Sterbebett liegend, findet der Ritter schließlich zu seinem früheren Selbst zurück. Sein Knappe versucht ihn zu trösten und stellt dem Sterbenden künftige kühne Taten vor Augen; Cervantes antwortet aus dem Munde seiner Hauptfigur: „Nein, das ist vorbei. Ich war Don Quixote de la Mancha, aber jetzt bin ich Alonzo Quixano, der Gute, wie man mich früher nannte.“ Was wird, angesichts des Todes, noch von Bedeutung sein? Das Gute ist es, das Bestand hat, wie es uns der Dichter in diesen Worten mit auf unseren Lebensweg gibt. Auch wenn sich der gute Wille des Narren – der freilich ein ritterlicher Narr gewesen ist – scheinbar an Illusionen vergeudet hat, Göttliche Zustimmung wird diesen guten Willen, der Zeichen größerer Weisheit ist, als wir sie bei den Aufgeklärten finden, reiche Frucht bringen lassen.


Von Dr. Albert von Pethö

Dr. Albert von Pethö ist Herausgeber der katholisch-konservativen Zeitschrift „Die weiße Rose“, die diesen Beitrag bereits in ihrer 252. Flugschrift veröffentlichte.

 
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