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Syrien, kein Syrien, Großsyrien?

Die Fahne der ­Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) erinnert an radikal rechte Symbolik der 1920er und 1930er Jahre in Europa. Die vor allem in Syrien und im Libanon aktive SSNP hingegen vertritt den Standpunkt, daß der „Wirbelwind“ ein altsyrisches Symbol sei. Einige Anhänger sehen im „Zauba’a“ die dynamisch-moderne Synthese aus christlicher und islamischer Bildsprache. Neben der „offiziellen“ SSNP gibt es mittlerweile einige kleinere Abspaltungen und Neugründungen, die ebenfalls den Wirbelwind als Emblem verwenden.

Von Benedikt Kaiser, M. A.

Das Projekt des modernen Nationalstaats Syrien steht nach wie vor am Rande des Abgrunds, nach wie vor droht die „vorsätzliche Zerstörung Syriens“.1 Zwar hat sich durch die Intervention Rußlands die Lage stabilisiert. Aleppo wurde befreit, wichtige Routen ins Landesinnere gesichert, Region um Region befriedet. Doch der Krieg in und um das darbende Land in der Levante dauert seit 2011 an, unterschiedlichste islamistische, salafistische und dschihadistische Milizen2, die sich nur um Nuancen in ihrer Terroragenda unterscheiden und von denen der Islamische Staat (IS) nur der bekannteste ist, halten weiter (Stand: Ende August 2017) wichtige Gebiete des Landes unter ihrer Kontrolle, vor allem in der an die Türkei grenzenden Provinz Idlib und in der ölreichen Wüstenregion Deir Ezzor. Sie haben sich aber bis heute auch in Stadtteilen der Hauptstadt Damaskus festgesetzt und kontrollieren zudem überwiegend die Grenze zu Israel (das sich primär nicht an den radikalsunnitischen Terroristen in seiner direkten Einflußsphäre stört, sondern weiterhin an der Regierung des Präsidenten Baschar al-Assad).

Überdies kontrollieren US-gestützte „Demokratische Kräfte Syriens“ (SDF) die landwirtschaftlich so bedeutsame Kornkammer des Landes Nordsyrien oder, wie es in der Terminologie der überwiegend PKK-nahen kurdischen Einheiten heißt, „Rojava“ (Westkurdistan).3 Die USA als Schutzmacht der kurdischen Separatisten haben dabei auch unter Präsident Donald Trump angekündigt, für mehrere Jahrzehnte (!) dort mit relevanten Kräften zu bleiben.4 Es ist also mindestens gewagt, davon auszugehen, daß Syrien als Nationalstaat – auch nach möglichen Friedenschlüssen – in den Grenzen von 2011 weiter bestehen bleibt. Und doch gibt es immer stärkere Strömungen in der syrischen Jugend, die nicht nur exakt dies fordern, sondern sogar darüber hinausgehen: Sie verlangen die Bildung „Großsyriens“, das nicht weniger Territorium als 2011 kontrolliert, sondern mehr. Was hat es damit auf sich?

Künstliche Grenzen, natürliche Vielfalt

Die Grenzen Syriens sind, wie zunächst festzuhalten ist, künstlicher Natur.5 Der syrische Nationalstaat ist im wesentlichen ein Ergebnis des im Ersten Weltkriegs implodierten Osmanischen Reichs sowie der Sykes-Picot-Vereinbarungen im Jahr 1916 zwischen Großbritannien und Frankreich, im Zuge derer Interessenssphären anhand artifizieller Scheidelinien aufgeteilt wurden. Über Umwege (ethnische Mini-„Staaten“, Neusetzungen von Grenzen) erreichte Syrien im Jahr 1946 erstmals die Unabhängigkeit.6 Erscheint das Land zwischen Damaskus und Aleppo, Deir Ezzor und Latakia somit als relativ junges Gebilde, muß doch konstatiert werden, daß die historische Landschaft „Syria“ viel älter und viel größer ist als das Syrien der Jetztzeit. In Zeiten Herodots, des großen Geschichtsschreibers, war „Syria“ synonym für die „Levante“ („Sonnenaufgang“, also metaphorisch für „Osten“, „Morgenland“) verwendet worden; zu dieser Region rechnet man, in heutigen Maßstäben, neben Syrien auch den Libanon, Israel und Palästina, Jordanien und die türkische Provinz Hatay (Antiochia).7 Es ist dies eine Region von welthistorischer Bedeutung mit einem in seinen politischen Auswirkungen höchst komplizierten Flickenteppich religiöser und ethnischer Natur8; zudem ist es, trotz wiederholter Christenverfolgungen und -vertreibungen, jener Ort, der eine ununterbrochene christliche Präsenz seit 2.000 Jahren kennt. Heute leben in der historischen Provinz Syria – religiös aufgeschlüsselt – Sunniten (absolute Mehrzahl), Schiiten, Ismailiten, Aleviten, Alawiten, Drusen, Juden sowie Angehörige unterschiedlichster christlicher Konfessionen.9 Ethnisch betrachtet, finden sich dort Araber, Kurden, Türken, Armenier, aber auch Angehörige kleinerer bedrohter Völker, wie der Aramäer. Es ist dieses ethnisch-religiöse Mosaik, das Radikalen unterschiedlicher Couleur – aber insbesondere sunnitisch-wahabitischer Provenienz – mannigfaltige mobilisierende Feindbilder produziert. Zugleich ist aber jenes Mosaik der Grund für junge Syrer, eben diese Vielfalt als Chance nicht für die Auflösung in Mikro-Staaten entlang ethnisch-religiöser identitärer Marker zu begreifen, sondern als Ansatzpunkt für einen föderalen, ethnisch wie religiös heterogen zusammengesetzten Großstaat Syria oder, in der Wortwahl der nun vorzustellenden Bewegung, Bilad ash-Sham (Großsyrien).

Militante Nerds?

Wer sind die „Groß-“ bzw. „Nationalsyrer“, die sich unter dem Symbol des Zauba’a (Wirbelwind) sowohl in Syrien als auch im angrenzenden Libanon in der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) organisiert haben? Glaubt man dem transatlantisch und auf „Regime change“ in Syrien ausgerichteten Nahost-Meinungsmagazin Zenith, handelt es sich um eine gefährliche Gruppe. Der Chefredakteur selbst, Daniel Gerlach, moniert, daß die „radikale, säkulare Bewegung an Zulauf“ gewinne. Betont jugendlich fragt der Anti-Assad-Buchautor: „Besteht sie lediglich aus militanten Nerds oder muss man sie ernst nehmen?“.10 Daß er sie ernst nimmt, beweist sein Artikel. Er beobachtet, daß nicht nur in Syrien, sondern auch in der libanesischen Hauptstadt Beirut wie auch in den Küstenortschaften immer häufiger die schwarze Fahne der SSNP weht. 5.000 syrische und libanesische „Sozialnationalisten“ sollen im syrischen Krieg kämpfen, das führende außenpolitische US-Magazin Foreign Policy gibt gar 6.000 bis 8.000 Freiwillige an.11 Daß sie damit Soldaten Assads seien, streitet Hassan Sakr, Unternehmer und SSNP-Auslandsbeauftragter ab: „Wir kämpfen nicht für Baschar al-Assad, sondern gegen die Zerschlagung Syriens.“12 Das ist indes auch die offizielle Linie seiner Partei, die keineswegs ein Produkt der jüngsten Eskalation ist, sondern bereits 1932 gegründet wurde. Antoun Saadeh (1904–1949), ein griechisch-orthodoxer Schriftsteller, gründete die SSNP im Beirut des Jahres 1932; er sammelte eine klandestin organisierte Gruppe von Studenten und Militärs um sich herum, die – durchaus zeitüblich – den europäischen „faschistischen Stil“ (Armin Mohler) bewunderten und von einem säkularen, sozialen und souveränen Großsyrien träumten, das jenseits der damals vorherrschenden Koloniallogik bestehen könnte. Als Logo wählte man den besagten Wirbelwind, der von Kritikern als Hakenkreuz-Abwandlung beschrieben wird. Die Partei selbst argumentiert, ihr Symbol sei eine dynamische Synthese eines christlichen Kreuzes mit einem islamischen Halbmond; außerdem ähnele es einem altsyrischen Kultsymbol, das im (heute irakischen) Samarra gefunden wurde und 5.000 Jahre alt sei.

Der Gründer und bis heutige Stichwortgeber der syrischen Sozialnationalen war Antoun Saadeh (1904–1949). Der griechisch-orthodoxe Christ träumte von einem säkularen, nichtmarxistisch-sozialistischen und souveränen Nationalstaat Großsyrien, der – ein radikaler Bruch mit tradierten Gesellschaftsverhältnissen – alle Religionen und Konfessionen der Levante auf der Basis staatsbürgerlicher Gleichheit vereinen sollte: unter dem Banner des „Syrertums“. Damals wie heute sprach dieses Ideal vor allem (eher akademische) Angehöriger religiöser Minderheiten an, die im Nationalen die Aufhebung religiöser Diskriminierung und stammesbezogenen Denkens erhofften. In den Augen radikaler Sunniten, denen es weniger an „Syrien“ als an der „Umma“ aller Muslime (unter Ausschluß bis Ausmerzung der Andersgläubigen) gelegen ist, gilt die SSNP bis heute als „Christenpartei“, als „unislamisch“.

Saadehs Weltanschauung

Die Weltanschauung der SSNP wird bis heute auf Saadeh zurückgeführt. Während es für mitteleuropäische Ohren normal klingt, wenn jemand davon spricht, daß er „Deutscher“ oder eben „Syrer“ sei, war es in Syrien – bis zu Saadehs Intervention ins Politische – keineswegs üblich, sich so zu titulieren. Man bekannte sich zu einer Familie, einem Stamm, einer Religionsgruppe, vielleicht sogar allgemein zum Arabertum – aber nicht zu einer Nation. Saadeh dagegen wirkte revolutionär auf die Studenten in Beirut und Damaskus: „Syrien gehört den Syrern, die in der syrischen Nation leben.“13 Das war eine zweifache Kampfansage. Einerseits wandte man sich so gegen die Kolonial- und Hegemonialmächte; andererseits führte man den Begriff des Syrers und der syrischen Nation ein – ohne auf die muslimische, christliche, drusische usw. Identität zu rekurrieren. Saadeh eckte an, bei der französischen Mandatsmacht wie bei den örtlichen Honoratioren. Man verbrachte ihn ins Gefängnis, wo er seine Grundlagentexte abfassen konnte. Thematisch bearbeitete er die Nationenbildung, seine Vorstellung einer großsyrischen Nation von Gaza bis Aleppo, die sozialnationalistischen politisch-ideologischen Leitlinien. Die Schriften zirkulieren bis heute im Milieu der SSNP und gelten als Schlüsselwerke. 1938 schickte man Saadeh ins brasilianische Exil, wo eine größere libanesisch-syrische Diaspora wirkte. Von dort ging er nach Argentinien und wurde während seiner Abwesenheit zu einer erneuten, diesmal zwanzigjährigen Haftstrafe mit anschließender zwanzigjähriger Verbannung verurteilt.

Kaderpartei

Die SSNP war indes weiterhin eine geheim operierende Kaderstruktur mit wenig Öffentlichkeitswirksamkeit; 1949 wurde der zwei Jahre zuvor heimgekehrte Saadeh – Frankreich war ja abgezogen – dennoch aufgrund eines angeblich geplanten Staatsstreichs hingerichtet. Zu sehr fürchtete die neue Regierung das Charisma des weithin beliebten und aufgrund seiner Geradlinigkeit respektierten Antoun Saadehs. Markant war bereits damals, als Syrien und der von den Großsyrern hier inbegriffene Libanon noch nicht in den Rausch des religiösen Fanatismus getaumelt waren, die radikale Ablehnung jedweder konfessionellen Dominanz in der Levante. Ebenso auffällig war aber die Ablehnung des damals reüssierenden Panarabismus, der jedoch, der Name verrät es, dezidiert arabisch ausgerichtet war – nach Auffassung der SSNP konnten Syrer aber ebenso Nicht-Araber sein, etwa Aramäer, Armenier oder Kurden. Man verstand sich zudem nicht nur als genuin syrisch, sondern ebenso als modern, sozialistisch, säkular. Jahrzehnte mußte man sich mit einer nachgeordneten Stellung im libanesischen und syrischen politischen System zufrieden geben. In Syrien trafen sich die SSNP-Kader, die Gewalt als Mittel nicht zur Gänze ablehnten und bisweilen mit militanten Strukturen operierten, häufig in Gefängnissen wieder. Nur in einigen vorwiegend christlich-akademischen Milieus, vor allem im Libanon, weniger in Syrien, konnte man sich stabilisieren. Das änderte sich in den letzten Jahren schlagartig.

SSNP heute

In Beirut beteiligt man sich mittlerweile mit der schiitischen Organisation Hisbollah und der christlich geprägten Freien Patriotischen Bewegung in der Bewegung 8. März; zwei Abgeordnete sitzen für die SSNP im libanesischen Parlament. In Damaskus entsendet die dortige SSNP vier Parlamentarier in den sogenannten Volksrat. Die Trennung in libanesische und syrische Parteiflügel darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Sozialnationalen die bestehenden Grenzen ablehnen; der Libanon ist für sie nur eine Provinz Großsyriens. Ihr Hauptsitz ist allerdings in Beirut; dort sitzt auch die Einsatzleitung, die – gemeinsam mit den Militärs in Damaskus – über die militärischen Verwendungen der Tausenden Milizionäre der SSNP an der Seite der Regierungstruppen und der Russen in Syrien entscheidet. Daß die aktuelle Zusammenarbeit mit der Regierung Assad, die eine Regierung der „arabisch-sozialistischen“ Baath-Partei ist, so eng erfolgt, war dabei bei Ausbruch des Konflikts 2011 keine Selbstverständlichkeit. Lange mußte die großsyrische SSNP ja in Syriens Untergrund operieren; das änderte sich erst, als Hafez al-Assad verstarb und sein Sohn Bashar eine umfassende Modernisierung und zaghafte Demokratisierung einleitete.

Rückkehr in die Arena

Seit 2005 konnte die SSNP unter Ali Haidar wieder ins syrische Parlament einziehen und sah sich dort von Beginn an als Herz einer fundamentalen Reformbewegung.14 Nach anfänglichem Zögern boten die Sozialnationalen der Regierung, die sie bis dato mißtrauisch behandelte, ihre Hilfe an, da der Aufstand erkennbar islamistische Ziele verfolgte, die der Stabilität des Staates, der sich die SSNP verpflichtet weiß, entgegenliefen. Nach den 2012er Wahlen wurde Ali Haidar als Minister für Versöhnung berufen; als Baath-ferner Politiker soll er den Dialog sowohl mit der zivilen Opposition als auch mit den bewaffneten Gruppen (jenseits des IS und der Al-Qaida-nahen Milizen) suchen und lokale Versöhnungskomitees einsetzen. Das gelingt bisher durchaus, vor allem in den strategisch bedeutsamen Regionen Damaskus und Homs. Der Rolle der SSNP zugute kommt dabei ihre explizite Feindschaft gegenüber jeglicher religiös-sektiererischer Haltung. Zwar sind die Sozialnationalen vor allem dort stark, wo religiöse Minderheiten, wie Christen oder Alawiten, leben, die besonders von Verfolgung durch Islamisten bedroht sind. Aber als „ehrlicher Makler“ sind die SSNP-Aktiven ebenso bei (den nichtradikalisierten Angehörigen) der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit oder bei Schiiten respektiert – bei den in der syrischen Öffentlichkeit unterrepräsentierten Atheisten ohnehin. Das sehen sie als Erfolg ihrer pansyrischen Weltanschauung an, die keine qualitativen Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen anerkennt, sondern das „Syrertum“ in den Fokus rückt: „Sie dachten, wir wären ein Mosaik, das leicht auseinanderbrechen kann, aber das sind wir nicht. Wir sind eng miteinander verknüpft, verwoben, wie ein Gobelin, ein Teppich“,15 teilt Parteichef Ali Haidar ganz in diesem Sinne der deutschen, in Damaskus akkreditierten Journalistin Karin Leukefeld mit. Diese Versöhnungsarbeit und die Akzeptanz der SSNP als Vermittlungsinstanz zwischen Regime und Regimegegnern zeigt, daß die bewußte Betonung der Konfessionslosigkeit einen Nerv trifft, zumal in einer Zeit, in der der Krieg um Syrien immer wieder als Religionskrieg dargestellt wird – was er zweifellos aufgrund der salafistischen Förderung aus Saudi-Arabien und Katar auch ist, aber eben nicht ausschließlich. Die SSNP gewinnt seit 2012 sukzessive an Ansehen in Syriens fragmentierter und polarisierter Gesellschaft, weil sie eben den Anspruch in sich trägt, diese Fragmentierung und Polarisierung nicht durch Eskalation bis zum Letzten auszukämpfen (was nicht möglich wäre ohne Vernichtung des Andersreligiösen, Andersethnischen usw.), sondern sie in einer gesamtsyrischen Großnation „aufzuheben“. Teilweise deckt sich dieses Ansinnen zwar mit der regierenden Baath-Partei, aber nicht zur Gänze. Denn die Baath-Partei versteht sich explizit als arabische Formation; doch sind weiterhin viele Syrer keine Araber, darunter die starke kurdische Minderheit, aber auch die kleineren Kontingente Aramäer, Armenier oder Turkmenen. Neben dieser gesamtsyrischen Ausrichtung jenseits des „klassischen“ Panarabismus der Baath-Bewegung sind es folgende Punkte, die – auch gemäß der Foreign-Policy-Analyse – für den Aufschwung der SSNP sorgten: Erstens sind es insbesondere jüngere Syrer leid, religiöse Befindlichkeiten absolut gesetzt zu sehen. Zweitens versteht es die Regierungspartei nicht, sich zu modernisieren und alte Zöpfe abzuschneiden; sie läßt den alten Parteiapparat, der nach Ansicht auch wohlmeinender Kritiker wenig strukturelle Flexibilität und realistische Lageanalyse aufweist, beinahe unverändert. Drittens profitiert die idealistische SSNP vom herrschenden Mißtrauen gegenüber anderen regierungstreuen Milizen und Parteien, die häufig mit Korruption und Vetternwirtschaft in Verbindung gebracht werden.

„Großsyrien“ in der Agenda der SSNP-Maximalisten würde bedeuten: Annexion des Irak, Jordaniens, der Sinai-Halbinsel, Israels und Palästinas, arabisch und kurdisch besiedelter Grenzregionen der Türkei, bisweilen gar Zyperns (!). Der realistische SSNP-Flügel begnügt sich mit der Vereinigung Syriens mit dem Libanon.
Es ist anzunehmen, daß eine überproportionale Zahl der SSNP-Aktiven christlichen Konfessionen zuzurechnen ist. Offizielle Zahlen zur religiösen Bindung der Mitglieder und Sympathisanten der SSNP veröffentlicht die Partei gleichwohl bewußt nicht: Was zähle, sei das Bekenntnis zur syrischen Nation, nicht zu einem bestimmten Glauben. Faktisch gilt die paramilitärische Miliz der Sozialnationalen jedoch als dezidierte Schutzmacht der Christen und anderer Minderheiten, denen einmal mehr die Vernichtung durch islamistische Hardliner droht.

Ansturm auf die SSNP

Foreign Policy berichtet daher von einem regelrechten Ansturm auf die Sozialnationalen bei jungen Syrern säkularer und nationaler Ausrichtung. Der armenischstämmige Syrer Kevork Almassian, mit dem der Autor vorliegender Zeilen am Rande einer Syrien-Konferenz ein längeres Gespräch für die Zeitschrift Sezession führen konnte, erklärt dieses Revival der SSNP für eine der wenigen positiven Auswirkungen des Krieges. Der Grund sei klar: Zum einen dürften die SSNP-Aktivisten belohnt werden, weil sie sich zum aktiven Eingreifen in den Krieg auf allen Ebenen entschlossen hätten – und wer mitkämpfe, wer leide, wer helfe, das Land zu verteidigen, dürfe nach positivem Ausgang des Krieges an der Neustrukturierung Syriens, an deren Notwendigkeit kein Zweifel bestehe, partizipieren. Außerdem, so der 30jährige Aleppiner, wurde die SSNP in Syrien zu einer allseits respektierten Partei: „Selbst ihre regierende Konkurrenz, die Baath-Partei Assads, zeigt Respekt vor der Leistung der Sozialnationalen, die marginalisierten Kommunisten im übrigen ebenfalls.“

Identitäre Neuorientierung der Syrer

Wichtigster Boost sei zudem die heutige Wut der meisten Syrer darüber, daß arabische Muslime aus Saudi-Arabien und Katar, aber auch aus Tunesien oder den Emiraten Waffen und Terroristen in ihr Land schleusten. Almassian weiter: „Wenn man heute einen syrischen Bürger auf der Straße fragt, was er vom Panarabismus oder auch nur von einer arabischen Identität hält, dann wird er fluchen und sagen: ‚Was haben wir denn von dieser Identität gehabt? Schau dich um, sie, unsere arabischen Brüder, versuchen, uns umzubringen!’.“ Diese identitäre Neuorientierung erfolgt entlang der Selbstidentifizierung als Syrer, nicht mehr als Araber, wie es Jahrhunderte lang – eigentlich bis zur Zäsur von 2011 – vorherrschend war. Wenn jemand jedoch selbstbewußt Syrer sein will, dann ist, so Almassian in seiner Ausführung, eben die SSNP seine Partei. Die Basis der Partei, so der studierte Politikwissenschaftler, bestehe dabei nicht, wie von islamistischen Kritikern behauptet, nur aus Christen, „sondern aus all denjenigen, die sich einbringen wollen für ein säkulares nationales Syrien, die aber zugleich kein ‚Weiter so’ der Baath-Regierung dulden möchten“ – zumal das Ansehen der syrischen Regierungspartei nicht sonderlich hoch sei, selbst unter Unterstützern Assads. „Assad ja, Baath-Partei nein. Diese Haltung ist weitverbreitet“, so der aramäisch, armenisch, arabisch, englisch, französisch und ein wenig deutsch sprechende Almassian. Gleichwohl weiß er, der selbst spürbar Sympathien für die Sozialnationalen hegt, daß das Fernziel „Großsyrien“ im Geiste Saadehs nur auf dem Papier besteht, aber nicht in der Praxis denkbar sei.
Am Ende, so der sich als säkularer Christ verstehende Syrer, gehe es aber für die Masse des Volkes nicht um Utopien, nicht um Wunschträume, sondern darum, wer stark ist und das Land aus der Krise führen könne. Das sei einstweilen noch die Baath-Partei. Da aber jene Jugend, die das Land nicht verlassen hat, insbesondere zur SSNP und nicht zu anderen Reformkräften oder gar den Islamisten ströme, seien langfristig erhebliche Veränderungen möglich.16

Je nach Schätzung kämpfen im syrischen Krieg zwischen 5.000 und 8.000 Angehörige der SSNP auf Seiten der syrischen Regierung (zum Vergleich: die ebenso mit der Regierung Assad verbündeten Milizen der schiitischen Hisbollah und der panarabischen Arab National Guard schicken ca. 8.000 beziehungsweise 1.000 Soldaten ins Feld). Die Sozialnationalen verstehen sich dabei weiterhin als oppositionell zur Baath-Regierung stehend, erkennen aber an, daß weiterreichende innenpolitische Machtverschiebungen bis zum Sieg über interne wie externe Islamisten hintanzustellen sind. Auffallend ist – sowohl bei Milizionären als auch bei einfachen Sympathisanten – das junge Alter der SSNP-Anhänger. Syriens Jugend sucht nach Jahren konfessioneller Spaltung die Hoffnung in der Einheit.

Nation building 3.0

Mit erheblichen Veränderungen meinen die Großsyrer immaterielle (geistige, ideelle) wie auch materielle (ökonomische, soziale). Aber natürlich geht es, als Fernziel, desgleichen um Grenzen, was das Haupthindernis für eine wirklich reelle Chance der SSNP sein dürfte. Ihr Vorhaben, „to redraw the borders of the Middle East“, wie es in Foreign Policy formuliert wurde, ist eine reine Utopie. Daß der Libanon, der historisch engste Verbindungen zum heutigen Syrien hat, zu Großsyrien gerechnet wird, ist dabei das kleinste Problem; die Wiedervereinigung mit Beirut ist das Minimalziel der Partei und das eigentliche Hauptanliegen der SSNP-„Realos“. Auch der theoretische Anspruch auf die türkisch kontrollierte Provinz Hatay, die nicht nur von Türken, sondern nach wie vor stark von Syrien-loyalen Alawiten, Christen und sunnitischen Arabern bewohnt wird, liegt (noch) im Rahmen des im Nahen Osten Diskutierten. Doch dann würde es heikel: das Königreich Jordanien aufzulösen – schwer denkbar. Das Pulverfaß Irak zu sprengen und föderal an Damaskus anzuschließen – weder von Irakis noch den regionalen und überregionalen Mächten ansatzweise gewünscht. Israel und die Palästinensergebiete aber auch noch zu entmilitarisieren und als weitere syrische Provinz einzugliedern – schon allein aus machtpolitischen Erwägungen eine bizarre Vorstellung, auch wenn religiöse Toleranz und die Koexistenz ethnischer, religiöser und tribaler Gruppen das Grundprinzip der SSNP-Weltanschauung darstellen und trotz des erbrachten Beweises, daß sich Syrien in der Einbindung von Minderheiten in die plurale Gesamtgesellschaft bewährt hat. Aber vielleicht darf man die (nebenan abgebildete) großsyrische Utopie nicht so apodiktisch ernstnehmen.
Syrien ist gegenwärtig ökonomisch und politisch, demographisch und geistig am Boden. Für eine Wiederaufrichtung, nicht nur materieller Natur, sondern auch ideeller Art, wird eine Vision benötigt, ferner ein neuer „Eingliederungsprozeß“ der Nation, der sie wieder als eine und unteilbare Größe konstituiert. Über einen solchen integrativen Prozeß schrieb José Ortega y Gasset (freilich in bezug auf die spanische Bürde der Separatismen), daß „die wahrhaft wirkende Kraft, die ihn auslöst und treibt“, „immer der Glaube an eine nationale Aufgabe“ ist. Es handelt sich nicht um anvisierte Eins-zu-eins-Umsetzungen, sondern darum, daß „ein einleuchtender Vorschlag zu einem Leben in Gemeinschaft“ vorläge; es müßte folglich darum gehen, die „nationale Lebensgemeinschaft“ der vielfältigen Nation „dynamisch zu verstehen“.17 Nationen, so der spanische Philosoph weiter, „bilden sich und bestehen aus keinem anderen Grund, als weil sie etwas für morgen vorhaben“.18 Dieses Nation building, das für Spanien mit seinen integrierten Kleinnationen, wie dem Baskenland oder Katalonien, so widerspruchsvoll verlief, wird von den syrischen Sozialnationalen womöglich als eine solche „Aufgabe für morgen“ verstanden.

Konstruktion und Utopie

Die Aufgabe ist gewiß eine idealistische – d.?h. eine nicht durch die gegebenen politischen, materiellen und geistigen Realitäten artikulierte – Konstruktion. Alain Badiou, der französische Grandseigneur radikalen Denkens, schrieb über phantastische Konstruktionen und Utopien: „Es gibt Dinge, die man konstruieren kann, und es gibt Dinge, die einen dazu bringen, über sich selbst hinauszugehen.“19 Bilad ash-Sham ist für die syrischen Sozialnationalen womöglich alles zugleich, Konstruktion und Ansporn, Utopie und Motivation zugleich.
Angesichts des seit Jahren anhaltenden körperlichen und geistigen, politischen wie materiellen Leides ist es durchaus verständlich, daß die Jugend (und sie bildet zweifellos das Rückgrat der SSNP), die seit sechs Jahren in einem barbarischen Krieg erwachsen werden muß, Halt in einer kolossalen Utopie sucht, in der die inneren Widersprüche der syrischen Nation, die zu diesem Bürgerkrieg führten, aufgehoben sind und die Energie sich nach außen richtet. Man wünscht sich einen Zustand, in dem Syrien infolgedessen wieder zum handelnden Subjekt statt passivem Objekt der Geschichte wird. Großsyrien als Utopie wäre in dieser Lesart kein realiter zu verwirklichendes Programm, sondern ein Leitbild, eine Idee mit „Bindekraft“, die theoretisch die sich derzeit noch befehdenden einzelnen Entitäten versöhnt. Eine Idee also, die, mit Eugen Lemberg gesprochen, „nationale oder quasinationale Großgruppen integriert“,20 als ein langfristiger „Übergang zu großnationalen Gesellschaften, die sich – neben den ethnischen und über sie hinaus – an ideologischen Kriterien der Nationbildung orientieren“.21
Folgt man dieser Überlegung Lembergs zu neueren Entwicklungsprozessen des Nationalismus, akzeptiert man also die Annahme, eine Ideologie – in diesem Fall die Ideologie Großsyriens seitens der SSNP – schaffe erst ein Bild, das hernach in einem langanhaltenden Prozeß die wirkliche Nation formieren könne, würde man plötzlich mit Ernest Gellner konform gehen. Gellner, ein linker Theoretiker aus dem geistigen Umfeld Benedict Andersons, vertritt eine These, wonach es der Nationalismus sei, der Nationen hervorbringe – und nicht umgekehrt die Nation den Nationalismus.22
Es gäbe ausreichend Indizien aus der Geschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, die entsprechende polittheoretische Annahmen widerlegen oder zumindest einschränken könnten. Doch für das Syrien des Jahres 2017 ist solcherlei ideenhistorisches Räsonnieren nachrangig. Was zählt, ist das Aufkommen einer positiven Vision des vom Krieg so zerstörten Landes; was zählt, ist das Begehren der syrischen Jugend, jenseits konfessioneller, ethnischer und tribaler Spaltungen, jenseits alter, überlebter Strukturen einen Neubeginn zu verfolgen; was zählt, ist die Hoffnung darauf, in einer gesamtsyrischen Kraftanstrengung eingewurzelte Trennungen und Widersprüche hinter sich zu lassen und die Menschen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen von Leid miteinander zu versöhnen; was zählt, ist diese Courage einer im Krieg erwachsen gewordenen Generation, die es wagen muß, weit nach vorne zu schauen. Vielleicht sind genau in diesem ausgleichenden und vermittelnden Sinne die Worte des Direktors des Center for Middle East Studies (Oklahoma University), Joshua Landis, zu verstehen: „Die Idee Großsyrien ist wieder da.“23

Anmerkungen

1Vor dieser warnt Karin Leukefeld: Flächenbrand. Syrien, Irak, die arabische Welt und der Islamische Staat, Köln 2015, S. 9. Sie schreibt zudem an anderer Stelle: „Die Golfstaaten und ihre westlichen Verbündeten zielen auf eine Zerschlagung der Arabischen Republik [Syrien], in: junge Welt v. 11. November 2016, S. 12 f., hier: 12.
2Vgl. diesbezüglich die folgenden Beiträge: Benedikt Kaiser: Der Terror der Entwurzelung, in: Neue Ordnung (NO) II/2013, S. 19–23, sowie ders.: Bedrohung „Islamo­faschismus“? Neofundamentalismus, „bolschewistische Methodik“ und der Krieg in Syrien, in: NO II/2015, S. 19–25.
3Vgl. einführend Benedikt Kaiser: „Demokratischer Konföderalismus“, in: NO IV/2015, S. 33–38.
4Immerhin wurden im Juli 2017 auf Weisung Trumps alle Unterstützungen des CIA-Programms für islamistische Rebellen eingestellt. Die SDF werden jedoch weiterhin militärisch ausgebildet und ausgestattet. Derzeit herrscht ein einigermaßen stabiles Verhältnis zwischen syrischer Regierung und SDF, angesichts der für beide Seiten existentiellen Bedrohung in Form von IS und anderen islamistischen Milizen, die teilweise von der Türkei kontrolliert werden – dem Erzfeind der Kurden von „Rojava“.
5?Vgl. Michael Sommer: Syria. Geschichte einer zerstörten Welt, Stuttgart 2016, S. 7.
6Die komplexe Phase zwischen 1916  und der Unabhängigkeit 30 Jahre später skizziert Karin Leukefeld: Syrien zwischen Schatten und Licht. Menschen erzählen von ihrem zerrissenen Land, Zürich 2016, S. 12–77.
7Vgl. ebd., S. 8.
8Ein gelungener Versuch, überblicksartig Ordnung in das multiethnische und -religiöse Chaos zu bringen und zugleich die Interessen der lokalen und regionalen Mächte zusammenzufassen, findet sich in: Dominik Schwarzenberger: Das Phantom „Islamischer Staat“, in: Gegenlicht 1/2017, S. 10–18.
9Insbesondere im Nationalstaat Syrien wurde daher religiöse Toleranz über Jahrzehnte hinweg vorbildlich gelebt; die permanente „Herausforderung, Toleranz zu leben“ (Gerhard Schweizer: Syrien verstehen. Geschichte, Gesellschaft und Religion, Stuttgart 2015, S. 17) wurde – entgegen geläufiger Fehlannahmen – von Damaskus angenommen und gegen verschiedene religiöse oder ethnische Sektierer rigide, bisweilen brutal, durchgesetzt.
10Daniel Gerlach: „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“, in: Zenith, 2/2016, S. 28 f., hier: 28.
11Vgl. Nour Samaha: The Eagles of the Whirlwind, in: Foreign Policy v. 28. März 2016, online: foreignpolicy.com/2016/ 03/28/the-eagles-of-the-whirlwind/.
12Zit. n. Gerlach, „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“, S. 28.
13Zit. n. Leukefeld, Syrien zwischen Schatten und Licht, S. 66.
14Vgl. Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien. Washington, Regime Change und Widerstand, Marburg 2016, S. 70 f.
15Leukefeld, Flächenbrand, S. 63.
16Sämtliche Zitate von Almassian aus: Als syrischer Christ in Deutschland – ein Gespräch mit Kevork Almassian, in: Sezession im Netz v. 2. November 2016, online: https://sezession.de/56397/.
17José Ortega y Gasset: Aufbau und Zerfall einer Nation, Wien 2013, S. 46.
18Ebd., S. 47.
19Alain Badiou: Versuch, die Jugend zu verderben, 2. Aufl., Berlin 2016, S. 49.
20Eugen Lemberg: Nationalismus, Bd. 1: Psychologie und Geschichte, Reinbek bei Hamburg 1964, S. 20.
21Eugen Lemberg: Nationalismus, Bd. 2: Soziologie und Pädagogik, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 138.
22Vgl. Ernest Gellner: Nationalismus und Moderne, Hamburg 1991, S. 87. Weiterführend zum – in seiner Stringenz nicht besonders haltbaren – Komplex der „Imagined communities“, Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin 1998.
23Zit. n. Nour Samaha, The Eagles of the Whirlwind.

 
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