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„Afrika muß sich selbst retten!“

Asfa-Wossen Asserate

Prinz Asfa-Wossen Asserate: Illegale Massenmigration läßt sich nur durch Einwanderungsgesetze einschränken


Asfa-Wossen Asserate ist Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Er absolvierte die Deutsche Schule in Addis Abeba und studierte in Tübingen Rechtswissenschaft, Volkswirtschaft und Geschichte. Dort schloß er sich dem Corps Suevia an. Als Äthiopien in den 1970er Jahren eine Militärdiktatur wurde, blieb er gezwungenermaßen in Deutschland und etablierte sich als erfolgreicher Unternehmensberater, Bestsellerautor und Analyst. Prinz Asserate gilt als hervorragender Kenner der politischen und wirtschaftlichen Probleme des afrikanischen Kontinents, hält nichts von der bisherigen Form von „Entwicklungshilfe“ und mahnt eine Neuorientierung der deutschen und europäischen Beziehungen zu Afrika an.  
Mit Asfa-Wossen Asserate sprach Bernd Kallina.

Erlauben Sie vorab eine Frage nach Ihrer Sicht der heutigen Deutschen. Der verstorbene deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt diagnostizierte bei seinen Landsleuten ein unterentwickeltes Nationalbewußtsein. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?
Nein, so generell sehe ich das nicht. Es gibt zwar Probleme bei ihrer deutsch-europäischen Identität, die ich noch erläutern werde, aber ich glaube, daß die Mehrheit der heutigen Deutschen durchaus eine positive Beziehung zum  „Patriotismus“ hat, wie das wunderschöne Wort heißt. Denn: Patriotismus ist ein Menschenrecht, dagegen ist Nationalismus etwas Verachtenswertes, in ihm liegt nämlich Haß auf andere begründet. Die Deutschen waren immer großartig, als sie in sich ruhten, als sie wußten, wer sie sind und mit sich selbst im Reinen waren. Ja, sie haben uns die größten Philosophen, die größten Musiker, die größten Erfinder in den letzten Jahrhunderten gegeben. Zu den Zeiten aber, als die Deutschen die Frage gestellt haben: „Wer sind wir?“ hat es immer Katastrophen in dieser Welt gegeben und deshalb ist es von größter Wichtigkeit für den Frieden in Europa, ja sogar für den Weltfrieden, daß die Deutschen wieder in sich ruhen.

Was ist heute wichtig, um dieses In-Sich-Ruhen für die Deutschen zu erreichen?
Daß die Deutschen verstehen, was eine Dualität in der Personifikation eines Menschen bedeutet. Und duale Identität heißt in diesem Zusammenhang: Ich bin sowohl Deutscher als auch Europäer. Es geht also um eine Vision Europas im Sinne Charles de Gaulles; ich meine das Konzept eines „Europas der Vaterländer“. Wissen Sie, weil die Deutschen das Problem mit sich selbst haben und sie immer noch nicht in sich ruhen, versuchen sie diese Dualität zu umgehen und verblüffen mit der Selbstbezeichnung: „Ich bin Europäer!“ Vielleicht sind die Deutschen die einzigen in Europa, die das von sich behaupten. Ein Franzose oder ein Italiener würde nie auf die Idee kommen, das zu sagen. Die würden sagen, ja, ich bin Italiener und ein Europäer. Diese Dualität müssen wir auch in Deutschland stärker verankern, ein Deutschland, das von sich überzeugt ist und sich weder besser noch schlechter als die anderen fühlt.

Nun zu Afrika: Ist von diesem Kontinent zur Zeit die Rede, so überwiegt in der Bundesrepublik und in Österreich die Besorgnis, daß ein nicht enden wollendes Millionenheer von Flüchtlingen über das Mittelmeer zu uns nach Europa drängt, das damit überfordert wäre. Teilen Sie diese Besorgnis?
Durchaus, denn ich habe das bereits vor 30 Jahren vorhergesagt und geschrieben, rühme mich aber nicht, der erste gewesen zu sein. Viele Politiker haben sich schon vor Jahrzehnten so geäußert, so zum Beispiel Willy Brandt als damaliger Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission Ende der 70er Jahre. Wenn diese große Schere, die die Armen von den Reichen trennt, auf dieser Welt nicht geschlossen wird, werden wir eines Tages mit der Migration von noch viel mehr Menschen aus der südlichen Hemisphäre zu rechnen haben. Insofern steckt eine gewisse Wahrheit darin; ja, es ist zu befürchten, daß die Migration – vor allem aus Afrika – nicht enden wird, die Frage ist nur: Wie können wir das vermeiden?

Welche Antwort schlagen Sie vor?
Eine physische  Abschottung Europas wäre jedenfalls nicht hilfreich, also das Bestreben, ein Ende der Migration vorantreiben, in dem wir Mauern bauen. Das wäre illusorisch. Es ist ja nicht so, daß wir die Mauern nicht schon hätten. Schauen Sie nach Ceuta, dort ist die Mauer bereits sechs Meter hoch, und sie wird jeden Tag von 200 bis 300 Afrikanern einfach überrannt. Also, das hat überhaupt keinen Sinn. Es gibt natürlich auch Menschen, die so verrückt sind, daß sie an eine militärische Lösung glauben. Ich möchte aber den Regierungschef sehen, der die Chuzpe hat und sich das moralische Recht anmaßt, auf unbewaffnete Leute aus Afrika zu schießen. Ganz abgesehen von der Frage, ob bei derartigen Einsätzen überhaupt genügend Soldaten zu den Waffen greifen würden. Ich halte es für wahrscheinlicher, daß viele den Befehl verweigern würden.

Sehen Sie andere Möglichkeiten, die illegale Masseneinwanderung nach Europa zu stoppen?
Dazu gibt es nur einen realistischen Weg, nämlich die legale Auswanderung aus Afrika …

Sie meinen praktikable Einwanderungsgesetze?
Genau, aber die gibt es ja nicht. Die würden Deutschland und Europa sehr helfen. Daß man sagen würde, unter diesen und anderen Umständen erlauben wir die legale Migration. Es geht um eine Quotierung bei der Zulassung von Einwanderung in einem begrenzten Umfang. Die Zielländer von Einwanderung müßten einen Bedarfskatalog erstellen, der sich an der Frage orientiert: Wen wollen wir haben, wen brauchen wir? Nehmen Sie sich das Einwanderungsgesetz Kanadas zum Vorbild und Sie werden weniger Asylanten vor Ihrer Haustüre finden!
Afrika ist reich an Rohstoffen, Bodenschätzen, Energiereserven und jungen Arbeitskräften; dazu kommt, oft unterschätzt, das kulturelle Erbe seiner vielen Völker. Trotzdem ist mit Blick auf die gewaltige Landmasse vom Elend des Kontinents die Rede. Wenn Sie dem zustimmen: Was sind die Hauptursachen?
Eine der Hauptursachen sticht sofort ins Auge, wenn Sie einen Blick auf  die Einnahmen aus dem Verkauf der wichtigsten afrikanischen Rohstoffe werfen, ohne die die westliche Welt nicht existieren kann. Diese gewaltigen Einnahmen werden nicht etwa in Afrika, sondern in Europa investiert. D. h., wenn dies – ausnahmsweise – nicht der Fall ist, wie in Botswana, dann haben wir ein blühendes Land. Botswana: Das einzige Land in Afrika, das nicht verschuldet ist, das einzige Land in Afrika, in dem jeder Bürger eine Krankenversicherung hat, das einzige Land in Afrika, wo jeder Staatsbürger alle vier Jahre zu geheimen und freien Wahlen aufgerufen ist. Das prototypische Gegenbeispiel erleben Sie in Angola mit seinem immensen Rohstoffreichtum bei gleichzeitiger Armut, wo Milliarden von Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf nicht in Angola, sondern in Europa investiert werden.

Wie bewerten Sie das Engagement der Chinesen bei der Ausbeutung afrikanischer Rohstoffe?
Die Chinesen operieren heute ähnlich wie die Europäer im 19. Jahrhundert. Sie brauchen afrikanische Rohstoffe, um ihre eigene, fortschreitende Industrialisierung zu unterstützen. Dabei gehen sie ohne jede Moral vor, eben wie die Europäer vor 100 Jahren. Aber es gibt Unterschiede: Die Chinesen haben wenigstens in Afrika investiert, und zwar massiv. Die Europäer tun dies schon seit 20 Jahren nicht mehr tun.

Wirklich? Europäische Länder, auch Deutschland, sind doch als Investoren in Afrika aktiv, oder?
Ich spiele auf die Quantitäten an und will Ihnen dies beispielhaft verdeutlichen: In der Bundesrepublik Deutschland gibt es momentan ca. 420.000 global operierende Unternehmen, und nicht einmal 500 von ihnen sind in Afrika zu finden. Wenn Sie sehen, daß die gesamte deutsche Außenwirtschaft zum Kontinent Afrika weniger ausmacht als zum Beispiel die außenwirtschaftliche Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Spanien, dann sehen Sie die Größenverhältnisse!
Die Europäer investieren einfach nicht genügend in Afrika. Und mein jahrzehntelanges Engagement als Unternehmensberater konzentriert sich darauf, bei mittelständischen Unternehmen dafür zu werben: Kommt und investiert in Afrika, weil dies eine große Chance für euch ist. Ein verständliches Gegenargument lautet dann, daß es bei Fehlinvestitionen oder Firmenpleiten keinerlei Garantien für die geschädigten Unternehmen gibt, was leider zutrifft.  Von 55 afrikanischen Ländern haben nur neun Staaten eine Hermes-Versicherung [= Exportkreditversicherung der Bundesrepublik Deutschland zugunsten deutscher Exporteure und Kreditinstitute]. Bei chinesischen Firmen, die in Afrika operieren, ist das ganz anders. Die asiatischen Unternehmen haben ab einer Investitionshöhe von einer Millionen Dollar eine hundertprozentige Ausfallgarantie seitens des chinesischen Staates, was die Investitionsbereitschaft natürlich enorm begünstigt.

Sie beklagen, daß die europäische Agrarindustrie Afrika mit konkurrenzlos billigen Produkten überflute, was vielerorts zur Vernichtung der Existenzgrundlagen der Konkurrenten vor Ort geführt habe. Was wäre ein realistischer Ausweg?
Daß man den Afrikanern hilft, ihre Landwirtschaft, die die Seele der afrikanischen Wirtschaft ausmacht, zu optimieren. Ich denke hier zum Beispiel an die Vermittlung besserer Anbaumethoden, verbunden mit der Unterstützung und Förderung von  kleinen Agrarstrukturen. Hier könnten sich die Erfahrungen der Deutschen im 19. Jahrhundert – ich denke an die Raiffeisenbewegung – als äußerst nützlich erweisen. Man sollte eine auf Afrika gemünzte Raiffeisenbewegung einführen, was die Gründung von Genossenschaften auf freiwilliger Basis bedeutet. Es käme dann zu sehr nützlichen Veränderungen: Nicht jeder Afrikaner benötigt zum Beispiel einen eigenen Traktor; es ist also sinnvoll, Maschinenringe einzuführen. In diesem Zusammenhang müßte auch die Förderung von Kleinkrediten eine wichtige Rolle spielen, die es bislang nur in viel zu geringem Umfang gibt. Einfach zu sagen, das, was in Europa nicht gebraucht wird, schicke ich nach Afrika, das bringt nichts.

Viele nennen vor allem den Geburtenüberschuß als zentrales Problem Afrikas. Stimmen Sie zu?

Ja. Das ist in der Tat eines der Hauptprobleme des afrikanischen Kontinents. Wir haben zur Zeit in Afrika eine Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen. An der Bevölkerungsentwicklung von Äthiopien kann man am besten die Veränderungen ablesen. Als ich 1974 das Land verließ, hatten wir 25 Millionen Äthiopier, heute sind es 95 Millionen. Dieses Bevölkerungswachstum, das heute 3,5 bis 5 Prozent pro Jahr beträgt, kann man nicht dadurch stoppen, indem man Kondome verteilt oder glaubt, daß man die Menschen, vor allem Frauen in diesem Falle, besser erzieht. Es ist zwar richtig, daß eine längere Schulbildung bei Frauen zu einer Verminderung der Kinderzahl beiträgt, aber es würde zu lange dauern, um auf diesem Wege das Problem der Überbevölkerung lösen zu wollen. Es gibt nur einen Ausweg …

Und der heißt?
Einen Blick auf das Deutschland im 19. Jahrhunderts zu werfen, wieder einmal, wie schon vorhin! Auch die damaligen Deutschen haben in ihrem generativen Verhalten genauso gedacht wie die Afrikaner heute. Deren Überlegung war: Ich bringe zehn Kinder auf die Welt, drei davon sterben, bevor sie zehn Jahre alt sind. Drei weitere sterben, bevor sie 20 sind, und der Rest ist meine Altersversicherung. Aber dann kam die große Wende, der Durchbruch in der Sozialpolitik. Nachdem Otto von Bismarck die Sozialgesetzgebung in Deutschland durchgesetzt hatte und jeder eine Minimum-Rente erhielt, hat sich die Kinderzahl rapide verringert. Das fing schon um die Jahrhundertwende in Deutschland an; das Bevölkerungswachstum ging merklich zurück. Auf Afrika von heute übertragen heißt dies: Wir müssen Systeme finden, die jedem Afrikaner eine Mindestrente garantieren.

Jahrzehntelang sind von Deutschland aufgebrachte Mittel der sogenannten Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen: Was haben sie bewirkt, und wo waren es Fehlinvestitionen?
Wir müssen zunächst zwischen Entwicklungshilfe und Nothilfe unterscheiden. Die Nothilfe für Afrika, die aus dem Westen kam, die war großartig, und mit ihr sind mehr als 100 Millionen Afrikaner vor dem Hungertod gerettet worden.  Was aber die Entwicklungshilfe angeht: Das war ein totaler Reinfall, der allerdings nicht nur die Bundesrepublik Deutschland betrifft, sondern alle EU-Staaten. Jahrzehntelang haben die Geberländer einfach nicht gefragt, an wen genau sie diese Entwicklungshilfe eigentlich bezahlen.

Die Gelder gelangten an die falschen Adressaten, meinen Sie das?
Ja. Früher, als es noch die Mauer gab, hat man gesagt, ich weiß, daß der afrikanische Despot X ein Gauner ist, aber er ist kein Kommunist. Heute, wo es die Mauer nicht mehr gibt, sagt man: Ich weiß, daß er ein Menschenschänder ist, aber er ist immerhin ein Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus. Mit anderen Worten: Die Europäer haben immer wieder diejenigen Elemente mit Entwicklungshilfe überhäuft, die die größten Diktatoren und die größten Unterdrücker ihrer eigenen Völker in Afrika waren und sind. Und wenn sie das weiter tun wollen, aus sogenannten realpolitischen Gründen, dann betreiben die Europäer eine reine Appeasement-Politik, so wie die europäischen Demokratien vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Ich kann nur erneut warnen und eine Umkehr anmahnen, denn wenn diese Politik so weitergeht, dann werden weitere Millionen von Afrikanern nach Europa flüchten.

Würden Sie soweit gehen wie eine Reihe von afrikanischen Intellektuellen, ich nenne zum Beispiel die Namen Roger Tangri oder George Ayittey, die die Einstellung sämtlicher Entwicklungshilfe fordern?
Das sind in erster Linie James Shikwati und andere, die das sagen, weil sie wissen, daß die 50jährige Entwicklungshilfe nichts gebracht, sondern nur dazu beigetragen hat, daß es mehr afrikanische Milliardäre auf dieser Welt gibt. Diese afrikanischen Intellektuellen, denen ich in vielen ihrer Argumente recht gebe, sagen: Wir brauchen die Entwicklungshilfe nicht, weil wir uns selber entwickeln müssen, und sie treffen mit ihrer kritischen Sicht den Sachverhalt, denn Afrika kann nicht von Europa gerettet werden, Afrika muß sich selbst retten.

Andere fordern als Alternative einen sogenannten Marshallplan für Afrika; was sagen Sie dazu?
Ich stimme im Prinzip zu. Ein „Marshallplan“ wäre durchaus etwas Gutes, und er könnte erfreuliche Perspektiven für die afrikanische Zukunft bringen, wenn er nicht nur ein deutsches Projekt bliebe, sondern zu einem europäischen Großprojekt würde. Die Bundesrepublik allein könnte so einen Marshallplan gar nicht finanzieren. Und die zweite Frage lautet, mit wem will man ihn in Afrika vereinbaren, sprich: An wen sollen denn diese Gelder fließen?

Ihre Antwort?
Auf jeden Fall nicht in die Hände der afrikanischen Diktatoren! Meine These gilt: Sie können die besten Projekte für Afrika bringen; solange Sie aber keine gute Regierungsführung in Afrika haben, ist alles für die Katz. Wir haben doch schon alles probiert. Die afrikanischen Gewaltherrscher zum Teufel zu jagen, was notwendig und möglich wäre, dazu sind die Europäer nicht bereit oder fähig. Es gibt eine für mich ganz unverständliche Solidarität zwischen afrikanischen Gewaltherrschern und europäischen Demokratien.

Es müßten also zunächst die afrikanischen Diktatoren beseitigt werden, damit ein Marshallplan aus Europa sinnvoll greifen kann?

Genau darum geht es! Wenn wir wirklich in Afrika etwas Grundlegendes ändern wollen, dürfen wir diese Herrscher nicht unterstützen. Wenn wir zu allem ja sagen, was sie tun, wenn wir so weit gehen, daß wir mit ihnen Flüchtlingspartnerschaften eingehen, wie zum Beispiel ganz aktuell in Libyen, in Niger oder im Tschad, und dabei glauben, die Flucht von Afrikanern nach Europa damit verhindern zu können, kann ich nur den Kopf schütteln!

Offenbar glauben das in ihrer Not aber viele europäische Regierungen.
Nun, sie werden sehen, was sie anrichten. Die Blauäugigkeit der Europäer in ihrem Glauben, daß man mit ein paar Millionen Euro die Loyalität dieser Leute kaufen kann, ist erschütternd. Die begünstigten afrikanischen Diktatoren werden mit den Europäern dasselbe Spiel betreiben, das sie schon seit Jahrzehnten spielen. Die Inszenierung dürfte so aussehen: Eine Propagandatruppe wird ein paar Afrikaner zu Statisten machen und mit dafür abgestellten Soldaten eine wild gestikulierende Horde von Afrikanern am Einsteigen in Fluchtboote nach Europa hindern. Diese Bilder werden dann von afrikanischen PR-Profis den Europäern publikumswirksam gezeigt. Die einfühlsame Legende dazu dürfte so ausfallen:  Schaut mal, was wir für euch getan haben. Die Europäer sind einfach zu blauäugig und naiv, um diese Manöver zu durchschauen und verantwortungsbewußt zu handeln.

Auf der einen Seite haben wir es mit einer afrikanischen Oberschicht zu tun, die seit Jahrzehnten diktatorisch regiert und Entwicklungshilfe nicht nach unten weiterleitet. Aber wie ist es dann machbar, daß man direkte Projekthilfe unter Umgehung dieser totalitären Eliten erfolgreich leistet? 
Das ist nicht machbar, deswegen will ich sie ja weghaben. Und wie bekomme ich sie weg? Sicherlich nicht, indem ich europäische Soldaten dorthin schicke, sondern indem ich eine neue, gemeinsame europäische Afrikapolitik betreibe, die dazu beiträgt, den Mächtigen einen Neuanfang der Beziehungen zu signalisieren. Etwa nach dem Motto: Wir können nicht mit euch zusammenarbeiten, wenn ihr eure eigenen Werte, die ihr fabelhaft zum ersten Mal in der Agenda 20/63 formuliert habt, nicht umsetzt. Und diese Agenda wurde nicht von einem Europäer geschrieben, sondern von einem Afrikaner und stellt ein Schmuckstück der Afrikanischen Union dar, in der sich die demokratische Vision des  Nachbarkontinents findet. Das sollten die Europäer zur Basis der zukünftigen Beziehungen Europas mit Afrika machen und deutlich machen: Wenn ihr euch daran haltet, sind wir eure Freunde und sind eure Helfer. Wenn nicht, dann tut es uns leid, dann bekommt ihr von uns keinen Cent. Vor allem, weil unsere Steuerzahler nicht mehr bereit sind, afrikanische Diktatoren und Menschen, die mit ihrem Volke Schabernack betreiben, weiterhin zu unterstützen.

Sie haben unlängst hervorgehoben, daß sich die afrikanischen Volkswirtschaften nach der globalen Wirtschaftskrise deutlich besser als die Länder Europas entwickelten.
Das sage nicht nur ich, das sagt auch die Weltbank. In diesem Jahr ist ein ökonomisches Wachstum von 6–7 Prozent für den gesamten afrikanischen Kontinent zu erwarten. Es ist nicht so, als ob Afrika ein immer nur „armer Kontinent“ ist. Nein, Afrika ist der reichste Kontinent der Welt! Es gibt nichts, was der Herrgott geschaffen hat, was es in Afrika nicht gibt. Was der liebe Gott uns leider Gottes nicht gegeben hat, sind gute Führer! Es gibt afrikanische Länder, in denen das Wachstum blüht, wo die größten Hochhäuser entstehen, so auch in Addis Abeba. Darum geht es mir nicht, weil das Momentaufnahmen sind, die nachhaltig für die breite Massen der Bevölkerung nichts bringen. Deshalb habe ich gefordert: Wachstum allein genügt nicht, solange es nicht auch politische Partizipation gibt. Wir brauchen ein politisches Wachstum in Afrika, d. h. einen Demokratisierungsprozeß, dessen Fundament primär in neuen Methoden der Erziehungsbemühungen in Afrika liegen müßte. Es geht darum, und hier muß ich Adorno zitieren, daß die Erziehung zur Mündigkeit nur über eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand zu erreichen ist.

… was ja auch im Sinne von Immanuel Kant wäre, oder?
Selbstverständlich wäre diese Prämisse von einer Erziehung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und ihrer Überwindung auch und gerade im Sinne des großen Königsberger Philosophen!

Prinz Asserate, vielen Dank für dieses Gespräch!

 
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