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Vom Zarentum in die Barbarei

Zar Alexander II. (1818–1881), der Großvater von Nikolaus II., führte eine Reihe von großen Reformen durch, die Rußland modernisieren sollte. So gründete er die Semstwos und setzte die Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft durch. In der Folge verübten revolutionäre Gruppen mehrere Attentate auf ihn, schließlich erlag er 1881 einem Bombenanschlag. Sein 12jähriger Enkel Nikolaus war Zeuge des Mordes.

Von Maximilian Dvorak Stocker, B.A.

Rußland 1917

Neben der Abschüttelung des Tatarenjochs sind die Veränderungen, die Rußland im 20. Jahrhundert durchmachte, in seiner Geschichte beispiellos. Zwischen dem autoritärsten monarchischen System Europas und dem Bolschewismus lagen nur wenige Monate. Der Sprung hinein in die Barbarei der Bolschewiki zeichnete sich jedoch deutlicher und über einen längeren Zeitraum ab.


Die Selbstherrschaft der russischen Zaren war ursprünglich weder durch eine Verfassung noch durch ständische Rechte bzw. Ständeversammlungen, wie es sie im westlichen Europa schon im Mittelalter gegeben hatte, eingeschränkt. Im Jahre 1864 gründete Zar Alexander II. jedoch die „Semstwos“ als lokale Selbstverwaltungseinheit im ländlichen Gebiet. Ihre Rechte wurden in den folgenden Jahren sukzessive erweitert. Hierbei wurden Vertreter der Bauern, Stadtbewohner und des Adels für drei Jahre gewählt, wobei letztere 74 % der Delegierten ausmachten. Die Integration der Bauern in die Lokalpolitik wurde 1890 wieder beendet. Diese Verwaltungseinheiten hatten weitreichende Befugnisse, die unter anderem vom Einzug der Steuern, über das Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrswesen bis hin zur Organisation der Landwirtschaft und der Industrie reichten. Dies stellte zwar einen Fortschritt hinsichtlich der Verwaltung dar, beschränkte die Rechte der Wolgadeutschen aber immens. Das führte zu Spannungen, die teils zur kurzfristigen Vertreibung russischer Beamter aus deutschen Siedlungen führte. Im Endeffekt konnte sich jedoch der Zar durchsetzen und die Russifizierung fortsetzen.

Maxim Gorki

Zar Nikolaus II. wollte keinesfalls von dem patrimonialen Prinzip der Herrschaft abweichen. Getreu dem Vorbild seines Vaters Alexander III. hielt er an der Autokratie fest und war dementsprechend skeptisch Reformen gegenüber. Eine Lockerung der Pressezensur sowie die Vereinfachung von Vereinsgründungen fand trotzdem statt.
Da jedoch keine Schritte in Richtung parlamentarische Körperschaft gemacht wurden, reichte dies nicht aus, um die Situation zu entspannen. Schlechte Nahrungsmittelversorgung, insbesondere in den Großstädten, sowie Niederlagen gegen Japan (seit Februar 1904 herrschte Krieg) verschlimmerten die Gesamtstimmung zusätzlich.
Alles lief eine Zuspitzung des Konfliktes hinaus. An dieser war Alexei Maximowitsch Peschkow alias Maxim Gorki wortwörtlich federführend beteiligt. Der in ärmlichen Verhältnissen geborene Gorki schlug sich anfangs mit verschiedensten Gelegenheitsarbeiten durch und kam so recht schnell in Kontakt mit sozialistischen Bewegungen. Mitte der 1890er Jahre gelang ihm der schriftstellerische Durchbruch. Er wurde sogar zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt und konnte unter anderem Anton Tschechow zu seinen Bewunderern zählen. Seine Wohnung in St. Petersburg war bis zu seiner Emigration der wichtigste Treffpunkt der revolutionären Intelligenzija. Trotz seiner regimekritischen Schriften konnte er bis 1905 nahezu ungestört wirken. Die darauffolgenden Verschärfungen zwangen ihn schließlich bis zur Amnestie 1913 anläßlich des dreihundertjährigen Regierungsjubiläums des Hauses Romanow in die Emigration. Im bolschewistischen Rußland nach 1917 wurde er von „der Öffentlichkeit“ als der bedeutendste Schriftsteller der Revolution gefeiert. Entgegen seiner Loblieder auf den proletarischen Lebensstil, war er dem Luxus nicht abhold und residierte dementsprechend in Moskau.
Zu seiner „Ehrenrettung“ sei aber gesagt, daß er mit den neuen Machthabern schnell in einen gefährlichen Konflikt geriet, da er die bolschewistischen Greuel verdammte und mehrmals versuchte, dementsprechend auf Lenin einzuwirken.

 

Zar Alexander III. (1845–1894) lebte mit seiner Frau Prinzessin Dagmar von Dänemark und seinen sechs Kindern persönlich sehr bescheiden, machte jedoch viele der Reformen seines Vaters aufgrund dessen Ermordung wieder teilweise rückgängig.

Der Blutsonntag

Auslöser für die revolutionären Unruhen war der Petersburger Blutsonntag im Jänner 1905. Ein Demonstrationszug von circa 150.000 Menschen, großteils Arbeiter, wurde von dem Popen Georgi Gapon, einem Freund Gorkis, trotz deutlichem Verbotes, vor das Winterpalais geführt. Der Demonstrationszug führte sogar Bilder des Zaren prozessionsartig mit sich, während rote Fahnen verboten waren.
Ihr Ziel war die Übergabe einer Petition mit folgenden Forderungen: Einführung von Gewerkschaftsrechten, dem Acht-Stunden-Tag sowie einer progressiven Einkommenssteuer und der Bildung einer dem Volk verpflichteten Regierung. Eine Vorstellung über Art und Möglichkeit der Umsetzung hatten weder Gapon noch sonst jemand der daran Beteiligten.
Als Hauptübel betrachtete das Volk die Bojaren (den russischen Adel), der Zar wurde jedoch bis zu diesem Tag als unschuldig angesehen. Das heilige Band zwischen dem Zaren und seinem Volk war ein Narrativ, auf das sich in Schriften und Sagen immer wieder bezogen wurde.
Dieses Bild änderte sich drastisch, als Dutzende friedliche Demonstranten von Soldaten erschossen wurden (realistische Schätzungen reichen von 130–400 Menschen). Ausschreitungen bei den Streiks in den Tagen vorher hatten beim Militär für eine angespannte Stimmung gesorgt, die kippte, als man sich unvorbereitet derartigen Menschenmassen gegenübersah.
Diese Vorkommnisse politisierten weite Teile des Bürgertums, und viele Studenten schlossen sich den nachfolgenden Protesten an. Anarchie, Plünderungen, Streiks (bis zu 400.000 Arbeiter zur gleichen Zeit) und Judenpogrome waren die ersten Folgen der Erhebung in der Hauptstadt.
Gapon floh in die Wohnung Gorkis und ging von dort kurzzeitig ins Exil, bis er wieder in die Heimat zurückkehrte, nur um wenig später von Attentätern erhängt zu werden. Die Auftraggeber waren Mitglieder der Sozialrevolutionären Partei, die ihm vorwarfen, mit der russischen Geheimpolizei zusammenzuarbeiten. Es flossen zwar Gelder in seine gemeinnützige Organisation, eine weitere Zusammenarbeit oder gar Verrat von Revolutionären an die Polizei ist nicht bewiesen.

Ein Vorgeschmack: Die Revolution 1905

Schnell schwappten die Unruhen auch auf das Land über, was um die 3000 zerstörte Herrenhäuser (circa 15%) zur Folge hatte. In Finnland, Lettland und Polen kam es zu nationalen Aufständen, während die Menschewiki (marxistische Sozialdemokraten) in Georgien die erste nationalmarxistische Bewegung aufbauten, die bis 1906 autonom herrschte. Durch die soziale Revolution innerhalb des Landes und die Vernichtung weiter Teile der russischen Flotte bei Tsushima war der Zar zu einem Friedensvertrag mit Japan gezwungen. Doch die revolutionären Erhebungen griffen trotzdem noch auf die Schwarzmeerflotte über. Die Meuterer vom Kriegsschiff Potjomkin versuchten Odessa zu gewinnen, dies wurde aber erfolgreich verhindert.
Zar Nikolaus II. schien von den Vorgängen nicht sonderlich berührt zu sein, wie sein Tagebuch zeigt, und griff dementsprechend auch selten direkt in die Niederschlagung der Aufstände ein. Letztlich konnte jedoch bis spätestens Anfang 1907 ganz Rußland, zumindest oberflächlich, befriedet werden.
Im Oktobermanifest 1906 wurden den Bürgern Freiheiten (Aufhebung der Zensur, also faktische Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit etc.) gewährt und die Duma (Volksversammlung) eingeführt.
Das Wahlsystem der Duma beruhte auf einem Klassenwahlrecht und ließ auch linksradikale Parteien kandidieren. Nur ein Jahr später wurde das Wahlsystem durch eine Benachteiligung regierungskritischer Parteien wieder geändert. De facto hatte die Duma keine wirkliche Bedeutung, da der Zar sich ein Vetorecht einbehielt und somit Beschlüsse kippen konnte.
Die Semstwos entwickelten sich in der Folge von einem Vorreiter liberaler Ideale zu einem Hort des Konservativismus. Einerseits spielten hier die Greueltaten der Bauern im Zuge der Revolution eine bedeutende Rolle, andererseits fühlten sich die dominierenden Landadligen durch die folgenden Reformen bedroht. Die drängenden Fragen, von einer notwendigen Landreform bis zu größerer Mitbestimmung der Bauern, wurden nicht beantwortet und bildeten in den folgenden Jahren Zündstoff.

Der Dichter Maxim Gorki (1868–1936) war der bedeutendste Schriftsteller der Revolution, wandte sich persönlich aber gegen die Greuel der Bolschewiki und versuchte dementsprechend auf Lenin einzuwirken.

Staat und Unfähigkeit

Die Herrschenden vom Zaren abwärts hätten die Revolutionen eigentlich kommen sehen müssen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen. Ein Phänomen, das an unsere Zeit denken läßt.
Zwischen 1860 und 1914 wuchs die Zahl der Studenten von 5000 auf 69.000, die der Tageszeitungen von 13 auf 856 und die Zahl öffentlicher Institutionen von 250 auf über 16.000. Dem revolutionären Potential der wachsenden Studentengruppen, der Propaganda durch Medien und der politischen Organisation in Institutionen stand die russische Regierung jahrzehntelang tatenlos gegenüber, ohne wirkungsvolle Akzente zu setzen. Die vier Staatsbeamten pro 1000 Einwohner (Frankreich hatte 17,6) waren heillos überfordert. So war zum Beispiel die Polizei am Land auch noch für die Instandhaltung der Straßen und öffentlichen Gebäude sowie für die Einhaltung der Gesundheitsvorschriften in Krankenhäusern und auch für statistische Erhebungen und Landvermessungen zuständig. Daß hierbei für die eigentlichen Aufgaben der Polizei wenig Zeit blieb, rächte sich schwer. Denn strenge Gesetze gepaart mit einer schlechten Gewährleistung der Sicherheit schürten die Wut auf die Regierung.
Auch der unterschiedliche Umgang mit aufmüpfigen Bürgern war, gelinde gesagt, unvorteilhaft.
So bekamen führende Revolutionäre wie Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt als Leo Trotzki, milde Gefängnisstrafen, konnten Besuch empfangen, schreiben und sich im Gefängnis untertags komplett frei bewegen. Auch die Verbannung nach Sibirien war im Vergleich zu den späteren bolschewistischen Todeslagern in Form des Gulags harmlos. Lenin zum Beispiel konnte sich seinen Verbannungsort krankheitsbedingt aussuchen und die Mitnahme seines Jagdgewehrs wurde ihm ebenfalls gestattet. Auch Zwangsarbeit mußten die Revolutionäre in der sibirischen Verbannung zum überwiegenden Teil nicht leisten.
Aufständische Bauern hingegen, deren einziges Verbrechen teils fehlende Abgabenleistung war, wurden oft einfach erschossen.

Die Bauern

Die Bauern machten mit rund 80 % den Großteil der Bevölkerung aus. Sie wurden erst 1861 aus der Leibeigenschaft entlassen, meist jedoch direkt in eine Schuldknechtschaft überführt. Dies bedeutete, daß sie zwar eigenen Grund erhielten, aber eine hohe Ablöse dafür zahlen mußten.
Auch war besonders in Zentralrußland das System der Flurgemeinschaft vorherrschend. Die Äcker wurden alle paar Jahre in der Dorfgemeinschaft (Mir) gewechselt, was zur Folge hatte, daß eine gezielte Entsteinung des Bodens und andere Flurverbesserungen für den einzelnen Bauern keinen Sinn ergaben, da ihm ja bald neues Gelände zugewiesen wurde. Diese Kurzsichtigkeit, verbunden mit einer stark ausgeprägten Obrigkeitshörigkeit, hatten fatale Auswirkungen auf die Produktivität. Das war nur einer der vielen Unterschied zu den westlichen Nachbarn des russischen Imperiums.
So waren die Bauern auch durch Einschränkungen in der Reisefreiheit (in manchen Bezirken bedurfte es einer behördlichen Genehmigung um das eigene Dorf zu verlassen) sowie durch eine hohe Analphabetisierungsrate vom politischen Leben großteils ausgeschlossen. Folglich spielten sie in den revolutionären Umstürzen keine führende Rolle. Da sie aber auch nicht zu den Waffen griffen, um den Zaren zu verteidigen, sondern passiv blieben, verhalfen sie den Bolschewiki, wenn auch oft ungewollt, zu ihren militärischen Erfolgen.
Nur in manchen „Randgebieten“ (besonders in der Ukraine, Polen, im Baltikum und in Finnland) war die bäuerliche Bevölkerung maßgeblich beteiligt. Hier konnten die Kommunisten die soziale Frage erfolgreich mit dem nationalen Kampf verbinden. Teils ernst gemeint, teils rein als Mittel zum Zweck konnten kommunistische Gruppen durch nationale Parolen Teile der Bevölkerung hinter sich vereinen. Selbst Trotzki meinte, daß das politische Erwachen der Bauern nur in ihrer eigenen Sprache stattfinden konnte. Daß sich in ebenjenen Gebieten besonders starke Widerstandsbewegungen entwickelten, sobald die ansässigen Völker zum ersten Mal in Berührung mit den „Segnungen“ des Kommunismus kamen, ist eine andere Geschichte …

Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (1862–1911) versuchte als Premierminister zahlreiche bedeutende Reformen durchzuführen und die Lage der russischen Bauern zu verbessern; 1911 fiel er jedoch in der Kiewer Oper dem Schußattentat eines Sozialrevolutionärs zum Opfer.

Ein verhinderter Retter?

Ein Mann, dessen Familie den Zaren seit dem 16. Jahrhundert in führenden Positionen diente, wurde direkt aus der Provinz an die Spitze der Regierung berufen: Pjotr Arkadjewitsch Stolypin, Premierminister ab 1906. Schon rein deswegen betrachteten die Petersburger Bürokraten ihn von Anfang an mit Skepsis.
Doch damit nicht genug: Den Konservativen waren seine Reformen und den Liberalen seine monarchistische Einstellung sowie seine Repressionsmaßnahmen ein Dorn im Auge. Er ließ radikale Zeitungen und Gewerkschaften schließen und ging erfolgreicher als all seine Vorgänger gegen Revolutionäre vor. Er schaffte die Flurgemeinschaft ab und führte die Grundschulpflicht ein. Er wollte den Bauern völlige Gleichberechtigung zukommen lassen und sie in dominierender Position in die lokale Verwaltung einbinden. Dies scheiterte jedoch weitgehend am Widerstand seiner innenpolitischen Gegner. Weiters modernisierte er die Rechtsprechung und ging gegen die Diskriminierung von Minderheiten, insbesondere die der Juden, vor.
Von der Duma hielt er genau soviel wie der Zar, nämlich nichts. Er löste sie 1907 kurzzeitig auf und vollzog die schon erwähnte Wahlgesetzänderung. Einige Attentatsversuche sowie riskante Aktionen (er ritt mehrmals in rebellierende Dörfer in der Provinz Saratow und schaffte es rein durch seine Reden, die Bauern zu befrieden) überlebte Stolypin, bis ihn 1911 die Todeskugel in Kiew traf.
Durch seine Feinde auf beiden Seiten des politischen Horizontes hatte er oft mit Boykott zu tun, was manche seine Reformen, insbesondere die entschiedene Reform der Bürokratie, im Sande verlaufen ließ. Trotzdem verbesserte sich die Lebensqualität vieler Russen in der kurzen Zeit seiner Schaffensperiode. Ob Stolypin das Ancien Régime hätte retten können, wird jedoch für immer nur ein Gedankenspiel bleiben.

Es brodelt in der Intelligenzija

„Ich bin nur völlig gleichgültigen oder zynischen Menschen begegnet, daß sie sagen etwas anderes sei nicht zu erwarten gewesen. Sie gehen sogar so weit zu sagen, es bedürfe noch weiterer Katastrophen wie der Ermordung Plehwes, um einen Meinungswechsel bei der obersten Führung herbeizuführen.“
Dieses Zitat ist einem Brief des österreichischen Botschafters Graf Ährental in St. Petersburg entnommen und bezieht sich auf die Ermordung des Innenministers Plehwe im Jahre 1904.
Es beschreibt gut die Grundstimmung vieler russischen Städter kurz nach der Jahrhundertwende. Die Meinung gegenüber der Regierung und auch gegenüber Rußland als solches verschlechterte sich die nächsten Jahre weiterhin. Selbsthaß unter der russischen Intelligenzija war weit verbreitet.
Diese reichte von Adeligen, die reichlich Verständnis für die Mörderbanden während der Revolution von 1905 zeigten, bis hin zu Michail Tuchatschewski, einem der ersten Marschälle der Sowjetunion, der fleißig bei der Ausrottung seiner Klasse mithalf.
Selbst Lenin stammte aus dem niederen Landadel, was er ausnützte. Während der Hungersnot 1891, von der er selbst natürlich nichts spürte, verklagte er seine bäuerlichen Nachbarn. Auch daß er in jungen Jahren stolz mit seinem Adelstitel unterschrieb sowie seine kirchliche Heirat wurden später von sowjetischen Hagiographen geflissentlich übersehen. Sogar als er sich schon in revolutionären Gruppierungen herumtrieb, kehrte er während seines kurzzeitigen Studiumsverbot, welches eben aufgrund dieser Umtriebe erfolgte, auf sein Landgut zurück und pflegte dort seine Doppelmoral.
Seinem Genossen Walentinow zufolge schwärmte Lenin selbst 1904 im Genfer Exil noch von seiner Zeit als Gutbesitzersohn.

Zar Nikolaus II., der als Kind Augenzeuge der Ermordung seines Großvaters gewesen war, hielt am autokratischen Kurs seines Vaters Alexander III. fest. Dennoch machte Rußland in seiner Regierungszeit in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht immense Fortschritte. Am 15. März 1917 dankte er aufgrund der Februarrevolution ab, die zuerst den liberalen Fürsten Lwow und später den Sozialdemokraten Alexander Kerenski an die Macht brachte.

Vom Februar bis zum Oktober

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges flammten in ganz Rußland patriotische Gefühle auf, die selbst Teile der radikalen Linken mitriß und so für eine kurze Beilegung der Konflikte sorgte.
Dies ändert sich jedoch schnell mit fortlaufender Dauer des Krieges. Zu den bereits bestehenden Problemen kamen die schlechte Nahrungsmittelversorgung und die Kriegsmüdigkeit. Am 23. Februar (in Rußland verwendete man den julianischen Kalender, während unser gregorianischer bereits den 8. März anzeigte) lief das Faß über. Gewaltige Menschenmengen zogen durch die Straßen der Städte, deren Schlachtruf „????“, zu deutsch „Brot“, lautete. Doch die wichtigen Köpfe der revolutionären Bewegungen befanden sich noch im Exil; so ergriffen Männer aus der zweiten Reihe recht planlos die Gelegenheit und lenkten die Massen.
In der Hauptstadt fielen den Unruhen innerhalb weniger Tage Tausende Menschen zum Opfer, unter denen sich ironischerweise auch manch einer aus der linksradikalen Intelligenzija befand, rein aufgrund guter Kleidung zum Feind auserkoren. Anarchistische Zustände herrschten bis zum 28. Februar, als ein provisorisches Komitee der Duma zusammen mit den neuen Soldaten- und Arbeiterräten – die alte Regierung war geschlossen zurückgetreten – erste Versuche einer Wiederherstellung der Ordnung unternahm.
Im März erfolgte dann die Abdankung des letzten Zaren aus dem Hause Romanow. Bis Oktober fanden Konsolidierungsversuche statt, die alle scheiterten, während die Unruhe im Lande ein gewaltiges Ausmaß erreichte. Dieses Mal waren die bolschewistischen Führer vorbereitet und ergriffen die Gelegenheit zum Oktoberputsch erfolgreich. Jahrzehnte der Barbarei folgten, in denen die Ermordung der Zarenfamilie 1918 den ersten traurigen Höhepunkt bildete.

Nichts gelernt?

Die destruktive Haltung der russischen Oberschicht änderte sich auch durch die über 17.000 Opfer (Schwerverletzte und Tote) kommunistischer und anarchistischer Gewalt innerhalb der letzten 20 Jahre des Zarismus nicht. In den Monaten nach der Februarrevolution schmückten viele Adelige und reiche Bürger ihre Häuser mit roten Fahnen, was oft eine ehrliche Befürwortung der Vorgänge ausdrückte. Das rote Stoffstück half langfristig freilich nichts. Plünderern war es meist egal und der etwas später organisierte Terror der Bolschewiki ließ sich von der Vernichtung einer ganzen Klasse auch nicht durch die ehrlichsten Treuebekundungen von seinem Werk abbringen.
Die liberalen Kräfte, deren bedeutsamster Vertreter Fürst Lwow der Revolution ebenfalls positiv gegenüberstand, schafften es wegen einer Mischung aus Feigheit und Dummheit nicht, die Entwicklung in eine gemäßigte Richtung zu lenken. Nicht umsonst blieb die Provisorische Regierung provisorisch, bis die Bolschewiki im Oktober durch einen Staatsstreich die Macht an sich rissen.
Es wurde über Monate hin die Umwandlung zur Demokratie verabsäumt. So gab es keine erfolgreichen Versuche das neue System propagandistisch zu bewerben, Zeitungen und Flugzettel blieben nahezu ungenützt, Wahlen wurden schlecht vorbereitet, so daß sich das Mißtrauen des Volkes unweigerlich steigerte. So scheiterte die Provisorische Regierung auch an der Selbstfixierung und der Abscheu der Liberalen vor der anarchischen Masse.

Die Unruhe vor dem Sturm

Doch bevor es zur Revolution kam, vergingen Jahre der Angespanntheit, von einer Ruhe vor dem Sturm konnte nicht die Rede sein. Anschläge auf Staatsbeamte standen auf der Tagesordnung und die revolutionären Zellen wuchsen. Die Narodniki (Volkstümler) machte durch Terror schon lange vor den Bolschewiki von sich reden. Meist waren es studentische Agitatoren, die aufs Land fuhren, um die bäuerliche Bevölkerung von ihrer Sache zu überzeugen. Ihr Ziel, die egalitäre Dorfkommune, scheiterte jedoch schon anhand des Unverständnisses, das ihnen die Bauern entgegenbrachten. Enttäuscht von diesen Erlebnissen machten sich viele, einer davon war Trotzki, auf die Suche nach einem neuen, besseren revolutionären Element. Dieses Element in Gestalt der Arbeiterklasse war, trotz ihrer Verklärung in der sowjetischen Geschichtsschreibung späterer Zeit, jedoch spärlich gesät im russischen Imperium (deutlich unter 10 %). Viel wichtiger waren bei den revolutionären Umbrüchen die Soldaten, die während des Ersten Weltkrieges in Massen eingezogen wurden und der kommunistischen Propaganda oftmals Gehör schenkten. Die Soldatenräte waren tonangebend nach der Februarrevolution, da sie deutlich mehr Männer stellten als die Arbeiterräte. So schickten Fabriken mit zigtausend Angestellten einen Abgesandten, während eine Kompanie mit weniger als 100 Mann auch einen Delegierten stellen konnte.
Natürlich kam das Gros der Soldaten vom Lande, doch fand bei vielen eine Entfremdung vom Bauerntum auf der heimatlichen Scholle statt. Die Zeit in den Kasernen der fortschrittlichen Städte zeigte die Rückständigkeit des Landes auf. Kriegserlebnisse und Agitation schufen schließlich einen tiefen Graben zwischen den neuen Soldaten und den Daheimgebliebenen.
Rußland war zwar das erste Land mit einer eigenen Staatspolizei, diese war jedoch nicht erfolgreich. So wurde etwa das Heer nicht (!) bespitzelt, was dazu führte, das Zar Nikolaus noch 1916 dachte, es sei eine wichtige Stütze der Autokratie. Dies, obwohl an der Front und im Hinterland sowieso oft anarchistische Zustände herrschten.
Es stellt sich die Frage, warum der Herrscher eines Landes über so wenig Informationen verfügte. Einerseits ist das auf fehlende bzw. geschönte Meldungen der verantwortlichen Stellen zurückzuführen. Andererseits beschäftigte sich der letzte Zar nur ungern mit Politik. Die Reformen kamen entweder zu spät, fehlten ganz oder wurden im Falle Stolypins boykottiert. Es war auch dieser Mittelweg zwischen Liberalisierung und Autokratie, zwischen Härte und Milde, der sich als tödlich für die Monarchie erwies. Zu dieser Misere kam noch die katastrophale Niederlage gegen Japan, besonders schmerzlich für das russische Imperium, da zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren eine europäische Großmacht gegen ein asiatisches Land verlor, gefolgt von der Revolution 1905, die das Land in manchen Gebieten bis zu zwei Jahre ins Chaos stürzte. Die kommunistische Wühlarbeit, sowie der Erste Weltkrieg ebneten letztlich den Weg für die erfolgreiche Revolution.

Literatur

Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin 1998
Douglas Smith, Der letzte Tanz. Der Untergang der russischen Aristokratie, Frankfurt a. Main 2016

 
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