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Albanien und Europa

Albanien grenzt an Griechenland, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM), Montenegro und die „Republik Kosovo“. Albaner leben in allen diesen Staaten, ferner in größeren Zahlen auch in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Vor allem in Mazedonien gibt es derzeit politische und ethnische Konflikte zwischen albanischen und slawischen Bevölkerungsgruppen.
Der albanische ­Nationalheld ist ­Gjergi (Georg) ­Kastrioti (1405–1468). Der christliche Freiheitskämpfer leistete über 20 Jahre Widerstand gegen die türkisch-islamische Besatzung. Die Umstände, daß ein christlicher Heerführer Nationalheld der mehrheitlich muslimischen Nation Albanien ist und daß die Albanerin Mutter Teresa ebendort verehrt wird, fällt heutzutage ebenso dem Vergessen anheim, wie der Fakt, daß die Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje) 1389 keine Schlacht zwischen Serben und Albanern war, sondern der Kampf einer christlichen Koalition (darunter Serben und Albaner) gegen den Vormarsch der muslimischen Türken. Doch auch diese Wahrheiten gehören zur komplexen und schwierigen Geschichte des Balkans.

Von Benedikt Kaiser, M. A.

Geschichte einer schwierigen Beziehung

Albanien hat einen schwierigen Stand in der europäischen Öffentlichkeit, in der konservativen zumal. Da wäre erstens der ewige Zankapfel Kosovo, der als vergegenständlichte Bestätigung der perpetuierten Feindschaft zwischen Serbien (oder oftmals: dem Abendland, dem Christentum) und Albanien (oder oftmals: dem Morgenland, dem Islam) steht. Erschwerend tritt zweitens hinzu, daß Hunderttausende Albaner (meist: aus dem Kosovo) in legaler oder illegaler Emigration in Westeuropa leben, wo es häufig zu problematischen Beziehungen mit der einheimischen Bevölkerung kommt. Drittens erscheint Albanien – vor allem islamkritischen Akteuren – als muslimischer Brückenkopf in Europa, als erstes Opfer der Islamisierung des Halbkontinents. (Man könnte als vierten problematischen Aspekt ergänzen, daß heutige Nachrichtenschlagzeilen bezüglich Albanien meist mit Korruption und Machtmißbrauch seitens des ewigen Kontrahentenduos Demokratische Partei versus Sozialistische Partei zu tun haben.) Doch die geistesgeschichtliche Situation ist auch in der albanischen Frage einmal mehr vielschichtiger. „Albanien, o je, das ist eine komplizierte Geschichte“1 kann man mit einem Protagonisten des bekanntesten albanischen Nationalschriftstellers Ismail Kadare (Jg. 1936) ausrufen. Und da die Widersprüche Albaniens kompliziert sind, sind sie nicht aufzuheben, aber man sollte zumindest versuchen, sie kennenzulernen und die Geschichte einer schwierigen Beziehung zu zeichnen. Sie beginnt mit einer Balkan2-typischen Abgrenzung.

Die Identität der Albaner – längst nicht alle leben im Drei-Millionen-Staat Republik Albanien –formiert(e) sich in Abgrenzung zu den Nachbarvölkern der Serben, Montenegriner, Mazedonier und Griechen.3 Die Albaner untereinander unterscheiden sich vor allem hinsichtlich des gesprochenen Dialektes des Albanischen. Traditionell wird das Gegische (etwa zwei Drittel der Albaner sprechen heute Gegisch) im Norden des Flusses Shkumbin gesprochen und südlich davon das Toskische, dessen Variation Nordtoskisch die Grundlage der albanischen Standardsprache verkörpert. Der Unterschied zwischen beiden Hauptarten des Albanischen wird mit dem Unterschied zwischen Norddeutsch und Schwyzerdütsch verglichen.4 Unumstritten ist, daß die Albaner eines der ältesten Völker Europas darstellen, und ebenso unstrittig ist es unter Wissenschaftlern, daß in der albanischen Sprache Rudimente des Illyrischen vorkommen – also einer indogermanischen Sprache. Komplizierter ist die ethnologische Genese der Albaner, über die unterschiedliche Entstehungsgeschichten bzw. Theorien zu den Abstammungslinien vorliegen. Erstmals erwähnt wurden „Albaner“ zweifelsfrei im 2. Jahrhundert von Ptolomäus als illyrischer Stamm der „Albanoi“. Doch danach dauerte es neun Jahrhunderte, ehe erneut Quellen – diesmal: byzantinische – von den „Albanoi“ als einer eigenen Volksgruppe berichten. Die akademische Debatte lenkt aber ab von bedeutenderen Fragestellungen für die geistesgeschichtliche Lage der Albaner, und wer sich für Frühgeschichte und unterschiedliche Deutungen der albanischen Ethnogenese interessiert, wird beim Münchner Historiker Georg Stadtmüller fündig.5
Prägend für die albanische Selbst- und Außenwahrnehmung wurde zweifellos ­Gjergi (Georg) Kastrioti (1405–1468), den man als Skanderbeg kennt. Die Fahne dieses Heerführers – rot mit doppelköpfigem schwarzem Adler – wurde denn auch 1912 die Fahne des ersten albanischen Staates überhaupt und ist auch heute die offizielle Fahne der albanischen Republik. Der Nationalheld der Albaner wuchs islamisch auf und stand früh im Dienst des türkischen Sultans. In den 1440er Jahren aber wechselte er die Seiten und gründete – mittlerweile Christ – den ersten albanischen Zusammenschluß überhaupt, die „Liga von Lezha“. Von 1443 bis 1468 leistete Skanderbeg Widerstand gegen die Türken, die ab 1385 in Albanien einfielen, es aber erst um 1500 vollständig kontrollierten, und wurde, von Zeitgenossen als „Streiter Christi“ wider die Muselmanen gelobt, als Verkörperung des balkanischen Heldenideals angesehen. So ist der Nationalheld einer überwiegend muslimischen Nation bis heute ein dezidiert christlicher Heerführer.
Nach Skanderbegs Tod auf dem Schlachtfeld zerbrach die albanische Allianz, die albanischen Siedlungsgebiete wurden unter türkische, dann osmanische Besatzung gestellt, doch die Islamisierung setzte erst im 16. und 17. Jahrhundert ein, als die mittelalterliche christliche Kultur zunehmend verdrängt wurde – um 1600 waren noch 90 Prozent der Albaner Christen – und die islamisierten Albaner neben islamisierten Bosniern als Träger osmanischer Macht auf dem Balkan identifiziert wurden.6 Aus dieser Epoche entstammt das albanische Raumdenken, wie es bis heute im albanischen Nationalismus virulent ist, der auf dem „Albanien der vier Vilayets“ basiert, also einem Albanien, das die osmanischen Provinzen Kosovo, Monastir, Ioannina und Shkodra umfaßt. Es wäre indes ein Mißverständnis, die Annahme zu übernehmen, daß die nun größtenteils muslimischen Albaner willfährig Dienst für die Sache der Hohen Pforte leisteten. Die albanische Bevölkerung, insbesondere jene in den bergigen Regionen, wagte immer wieder Aufstände, und um 1550 soll der Ruf „Wir wollen keine Scharia, wir haben unser Recht der Berge“ den osmanischen Truppen entgegengerufen worden sein.7 In den folgenden Jahrhunderten hatten die Osmanen sowohl Freud als auch Leid mit „ihren“ Albanern, die sich indes bis in die Gegenwart hinein nicht gänzlich zum Islam bekennen, sondern starke katholische und orthodoxe Inseln bewahrt haben; nur sechzig Prozent der Albaner innerhalb der Republik Albanien sind heute Muslime, während es im US-EU-Geschöpf der „Republik Kosovo“ 96 Prozent sind (bereits 1919 waren es fast 80 Prozent; Serben waren schon damals nur eine Minderheit).
Die Rückkehr des albanischen Nationalbewußtseins als politischem Faktor vollzog sich in den 1830er Jahren als „Rilindja“ (Erneuerung/Wiedergeburt). Diese Bewegung der kulturellen Renaissance des Albanertums wurde insbesondere von Italo-Albanern getragen, die literarisch und politisch wirkten, aber auch von christlichen (protestantischen!) Missionaren, die bei der Bildung der albanischen Schriftsprache durch ihre Übersetzung des Neuen Testaments ins Albanische eine entscheidende Rolle spielten.
Ende des 19. Jahrhunderts radikalisierte sich der Widerstand gegen die osmanische Fremdherrschaft. 1879 versammelten sich katholische, orthodoxe und muslimische Albaner bei einer Konferenz; ihre „Liga von Prizren“ wurde indes vom Sultan zerschlagen. Im Zuge der Jahrhundertwende beschleunigte sich jedoch das Erwachen der Albaner, 1908 wurde sich inneralbanisch auf ein lateinisches Alphabet geeinigt, was den Versuchen der Osmanen, ein arabisches zu implementieren, endgültig einen Riegel vorschob, und damit begründet wurde, daß man eine „europäische Nation“ sei und nicht Nachfahren „asiatischer Invasoren“ wie den Türken verkörpere. Der eigene Islam sei „europäisch“, nicht „fanatisch“ und nicht „barbarisch“.8 Auch Ismail Kadares Werk kennt türkenkritische Fechthiebe. Bezüglich des türkisch-islamischen Frauenbildes fragt sich ein Mönch im Roman Die Brücke mit den drei Bögen, wie man Lauterkeit von einem Volk erwarten könne, „das die Quelle des eigenen Lebens verbirgt: die Frauen“.9 Und über die Ankunft der Türken im (noch christlichen) Albanien des 14. Jahrhunderts fragt dieser sich: „Wer hat damit angefangen, sie zu rufen? Ich fürchte, viele Völker Europas werden sich diese Frage stellen. Und dann wird es keine Frage mehr sein, sondern ein Aufschrei.“10

„Er ist ein kleiner Bourgeois, der zum Nationalismus neigt. Ja, das ist auch unsere Ansicht.“ (Milovan Djilas: Gespräche mit Stalin, Frankfurt/Main u. a. 1963, S. 176.)

Österreich hilft zur Unabhängigkeit

Zwischen 1908 und Anfang 1912 erschütterten albanische Revolten die Region, doch die mittlerweile im Osmanischen Reich an die Macht gelangten „Jungtürken“ machten jeweils kurzen Prozeß, bevor im Sommer 1912 albanische Aufständische Siege erzielen konnten und die Schaffung eines albanischen Staates – des ersten überhaupt in der Geschichte – anvisierten, bevor die Albaner sich von der „osmanischen Knechtschaft“ befreiten, und diese „fünf Jahrhunderte währende Nacht“ ein Ende fand.11 Diese Entwicklung erfolgte jedoch nicht als Teil einer linearen Bewegung, sondern mit unterschiedlichen Zielsetzungen und – je nach Konfession und Stamm – verschiedenen Ansätzen. Oliver Jens Schmitt betont an dieser Stelle, daß es sich im Kontext des Balkans um keine Anomalie handle: „Die Albaner sind keine verspätete Nation, sie gelangten nur später zu einem eigenen Staat, der über Schule und Armee Identitätspolitik betrieb und so die moderne Nation im Innern schuf.“12
Das südosteuropäische Krisenjahr 1912 bot den Albanern neue Möglichkeiten: Im ersten Balkankrieg wurden die Osmanen von den Armeen Serbiens, Montenegros und Griechenlands besiegt; die Albaner nutzten das temporäre Machtvakuum, um im November im Hafenstädtchen Vlora einen eigenen Staat auszurufen, der sich umgehend von Griechen, Serben und Montenegrinern bedroht sah. Der Prager Schriftsteller F. C. Weiskopf nahm diese Gründungsprobleme Albaniens in seinen Panorama-Roman des k.-u.-k.-Untergangs auf: „Da hatten sich die Großmächte nach langen, mühevollen Verhandlungen darauf geeinigt, ein Fürstentum Albanien zu schaffen, und nun besetzte Montenegro einfach die albanische Stadt Skutari und scherte sich einen Teufel um die internationale Flotte, die das Territorium des zukünftigen Albaniens schützen sollte – woraufhin Österreich natürlich mit Sonderschritten drohte, Reservisten unter die Fahnen rief und Ultimaten an Montenegro sandte.“13
Doch auch, wenn Weiskopf die österreichischen Bemühungen um Albanien an genannter und weiteren Stellen – so „schossen in den albanischen Bergen mohammedanische Miriditen aus österreichischen Flinten auf katholische Malissoren unter serbisch-orthodoxer Führung“14 – persiflierte, so waren es doch auch jene antiserbischen und antimontenegrinischen strategischen Erwägungen Wiens, denen Albanien seine Geburt als Staat verdankte. (Doch territorial betrachtet sollten die Albaner erst zehn Jahre später Herrscher über ihr vollständiges eigenes Gebiet sein, deren Ränder vorher – je nach geographischer Lage – von Serben, Bulgaren/Mazedoniern oder Griechen dominiert wurden.)
Auch ein gewisser Leo Trotzki war damals als marxistischer Beobachter der Lage für eine Kiewer Zeitung auf dem Balkan unterwegs. Der spätere Revolutionär und Begründer des „Trotzkismus“ sollte in jenem Ringen auf dem Balkan seine lebenslang beibehaltene Abscheu vor nationalistischen Empfindungen ausprägen. Er berichtete über den Verlust des türkischen Europa-Besitzes und die albanische Unabhängigkeit wie auch über den Verlauf des zweiten Balkankrieges, der noch blutiger als der erste ausfiel: Die Sieger des ersten Krieges fielen übereinander her.15 Die wechselnden Frontverläufe, die im Blutrausch agierenden verschiedenen Ethnien, die allgegenwärtige Forderung nach Rache und territorialer Expansion des eigenen Volkes – all das sorgte bei Trotzki für einen unbändigen Haß auf nationale Identität und Zugehörigkeit, die er als ursächlich für die Raserei verantwortlich machte. Der Balkan erschien Trotzki als ein Irrenhaus.16
1913 erlebte das „Irrenhaus“ ferner die Geburtsstunde des politischen Kosovo-Konflikts, der bis heute nicht gelöst werden konnte. Wien forderte die Teilung des Kosovo und den Anschluß der albanisch besiedelten Gebiete an Albanien, während Rußland und Frankreich im Interesse Serbiens handelten und den Kosovo von Albanien separierten.
Albanien war unterdessen Fürstentum geworden. Die Großmächte setzten zunächst einen Deutschen ein (Wilhelm zu Wied, März–Sept. 1914), der, von den nationalalbanischen Kräften akzeptiert, sich von den religiös argumentierenden Sunniten um den Insurgentenchef Haxhi Qamili aber bekämpft sah. Im Ersten Weltkrieg wurde Albanien dann wechselseitig besetzt (erst von Italien, dann von Frankreich, schließlich von Österreich-Ungarn), ehe die Niederlage der Mittelmächte den Status quo ante weitgehend wiederherstellte. 1920 wurde Albanien dann in den Völkerbund aufgenommen, erlebte aber weitere Krisenjahre, ehe der jugoslawische Zögling Ahmet Zogu putschte und sich als „König der Albaner“ stilisierte, der Albanien vor allem in den Städten tatsächlich in Stil und Sitte „europäischer“ machte. Zogu näherte sich allerdings nicht Belgrad, sondern Rom an, und ließ es zu, daß das faschistische Italien für Albanien prägend wurde; es entsandte dementsprechend Berater und Truppen.

Im Zweiten Weltkrieg

Dies erleichterte Benito Mussolini, im April 1939 das Land Italien gänzlich anzuschließen; König Vittorio Emanuele III. nahm die albanische Krone an. Die rasch gebildete Faschistische Albanische Partei als weltanschaulicher Ableger blieb jedoch im Volk nur mäßig beliebt; ein Umstand, der sich verschärfte, als Mussolini im Oktober 1940 von Albanien aus Griechenland angriff, geschlagen wurde, und es zuließ, daß Griechenland Südalbanien („Nordepirus“) besetzte. Der Einsatz der deutschen Wehrmacht und ihre Siege über Jugoslawien und Griechenland änderten die Lage. Italien versuchte nun, was es vorher bewußt vernachlässigte: Das Gewinnen von Sympathie seitens der Albaner. Mussolini schloß den überwiegenden Teil des Kosovo „Großalbanien“ an, außerdem Westmakedonien, womit er sich tatsächlich die Gunst der nationalistischen Strömungen Albaniens erwarb. Der weitere Kriegsverlauf, die komplexe Lage auf dem Balkan sowie die mannigfaltigen Widersprüche in der albanischen Gesellschaft sorgten gleichwohl zwischen 1941 und 1944 für das Entstehen von drei unterschiedlichen Akteuren der bewaffneten Aktion. Die schwächste der drei Gruppen wurde von Anhängern des ehemaligen Königs Zogu – er war 1939 nach London geflüchtet – gestellt. Die „Legaliteti“ waren jedoch kaum im Volk verwurzelt. Stärker als diese monarchistische Fraktion waren zwei andere Akteure: Einerseits die in ganz Albanien aktive sozialnationalistische (nicht: nationalsozialistische) „Nationale Front“ („Balli Kombëtar“, ihre Anhänger nannte man „Ballisten“), andererseits die Kommunisten als „Nationale Befreiungsbewegung“, die von den Jugoslawen um Josip Broz „Tito“ gestützt wurde, aber raumpolitisch vornehmlich mit Südalbanien vorliebnehmen mußte.17 Die albanischen Kommunisten verzichteten offiziell auf den Kosovo, um die jugoslawischen Genossen zu gewinnen, verloren dafür aber nationalgesinnte Teile der wehrhaften Bevölkerung an die Gegenspieler der Nationalen Front. Das Programm der Ballisten sah ein republikanisches Albanien auf moderner sozialer Basis vor. Gerechte Landverteilung für die Bauern wurde zwar programmatisch gefordert, aber zu oft stärkten die Ballisten die feudalen Strukturen auf dem Land oder in den Bergen, weshalb man den Zugriff auf untere Gesellschaftsschichten an die Kommunisten verlor. Diese Balli Kombëtar war indes Vorzugsobjekt der deutschen Besatzungsmacht, die von September 1943 bis November 1944 über Albanien herrschte, dabei aber den „Großalbanern“ um die ehemalige Faschistische Partei (nun: Nationalsozialistische Partei) und der Nationalen Front weitgehende Autonomie einräumte. Adolf Hitlers „Sondergesandter“ war der Österreicher Hermann Neubacher. Er übermittelte den Albanern den Wunsch, als „Freund“ der Skipetaren und nicht als Besatzer zu erscheinen. Als Beweis wurde eine „Unabhängige albanische Regierung“ akzeptiert, das albanische Außenministerium wiedereröffnet, die letzten Gebiete des Kosovo, die noch nicht zu „Großalbanien“ zählten, zu diesem geschlagen, und die Neutralität Albaniens akzeptiert. Man wollte lediglich die militärische Hoheit an den Fronten bewahren18, sich mithin „als befreundeter Gast“19 im Land aufhalten. Neben diesen eher taktischen Volten gab es auch ein weltanschauliches Bemühen um die Gunst der Albaner. Im April 1944 befahl Heinrich Himmler, eine eigenständige albanische SS-Division aufzubauen. Sie erhielt den Namen 21. Waffen-Gebirgs-Division der SS Skanderbeg und umfaßte nie mehr als 6500 Soldaten, von denen viele in ihre Bergdörfer desertierten, um diese vor Serben, Kommunisten oder anderen Kräften zu schützen, bevor die Skanderbeg-Einheit Ende 1944 aufgelöst wurde.20 Ein interessanter Nebenaspekt ist, daß besonders aus den Reihen der radikalvölkischen NS-Fraktion Interesse an Albanien gezeigt wurde. In einem Beitrag für die Zeitschrift Die Feier (Herausgeber: Reichsführer SS Heinrich Himmler) wurde 1943 über die „albanische Sippe“ berichtet. Die Albaner, so der Autor Oskar Winter, seien der „Rest des indogermanischen Brudervolkes“ der Illyrer. Sie haben „die alte Form des Sippenlebens in voller Kraft bewahrt“ und als „arteigene Lebens- und Gemeinschaftsform“ erhalten. Gleichwohl unterscheide sich der SS-Ansatz von demjenigen der Albaner, da diese die eigene – und zwar: nur die eigene – Sippe absolut setzten, während die völkischen Nationalsozialisten die Sippe „nicht als alleinige Lebensform“ begriffen, „sondern als ein Glied des Gemeinschaftslebens, das sich nach unten weiter ausgliedert“ und „nach oben hin zusammenschließt mit anderen Sippen“.21
Derlei weltanschaulicher Obskurantismus zählte in den Straßen Tiranas nicht. Vor allem dort eskalierte der offene Bürgerkrieg nach dem von Partisanen erzwungenen Abzug der Deutschen weiter; besonders im November 1944 bis Januar 1945 wurden zahlreiche vermeintliche und tatsächliche Anhänger der (überwiegend gegischen) Nationalisten von den (überwiegend toskischen) Kommunisten vor wilde „Volksgerichte“ gestellt und hingerichtet.

Ismail Kadare (Jg. 1936) ist der Nationalschriftsteller Albaniens. Seine bisweilen (zu?) kritisch bewertete Rolle in der für jeden Autoren schwierigen Hoxha-Zeit bietet zwar gelegentlich Anlaß zu Diskussionen; die literarische Qualität steht indes außerhalb jedes Zweifels. Seine Bücher wurden bereits in über 40 Sprachen übersetzt.
„Ihre [der Albaner] Blutrache erinnert an ein Theaterstück, das nach allen Regeln der Tragödie geschrieben ist, mit einem Prolog, einer sich ständig steigernden dramatischen Handlung und einem Epilog, der ohne den Tod nicht denkbar ist. Ihre Vendetta gleicht einem wilden Stier, der ein Blutbad anrichtet, wenn man ihn freiläßt. Doch diesem Stier haben sie – nach ihrer Ethik – viel Zierat und Schmuckwerk um den Hals gehängt, dergestalt, daß sie, wenn dieser freigelassen wird und überall den Tod verbreitet, zusammen mit dem Tod auch ästhetische Befriedigung empfinden.“ Ismail Kadare: Der General der toten Armee, München 1990, S. 119.

Atheistisch und stalinistisch

Enver Hoxha führte dabei die Kommunisten an. Hoxha wuchs in Frankreich und Belgien auf und zählte zu den Gründern der Kommunistischen Partei Albaniens (der späteren Partei der Arbeit Albaniens) im Jahr 1941, deren Führer er zwei Jahre später wurde. Ein weiteres Jahr später wurde schließlich die Sozialistische Volksrepublik Albanien gegründet, die erst 1990 unterging. Doch zunächst folgten nach dem Kriegsende zwei Jahre interne Ränkeschmiedereien innerhalb der kommunistischen Führung zwischen Pro- und Antijugoslawen. Die Auseinandersetzung endete mit dem Sieg des nun antijugoslawisch gewendeten Hoxha, der nun bis zu seinem Tod im Jahr 1985 die „nationale Frage“ propagandistisch instrumentalisierte, die Kosovaren in Jugoslawien aber ihrem Schicksal überließ.
Das kommunistische Albanien wurde zum stalinistischen Sonderfall, und das hieß: Die Maßnahmen zur Kollektivierung des Landes, zur Industrialisierung, zur Brechung jeden Widerstandes erfolgte brutaler als in allen anderen Staaten des „Ostblocks“. Hoxhas rabiate Orientierung an Leben und Werk Josef Stalins – der Hoxha indes nicht übermäßig geschätzt haben soll – überdauerte den Tod des letzteren. Mit Nikita Chruschtschows Sowjetunion, die sich vorsichtig von Stalins blutigem Erbe emanzipieren wollte, brach Hoxha denn 1960/6122 vor allem deshalb, aber zusätzlich auch, weil Stalins Nachfolger Arbeitsteilung im sozialistischen Lager wollte; Albanien sollte Agrarnation bleiben bzw. stärker werden. Hoxha sah jedoch ganz wie Stalin die radikale Industrialisierung als Schlüssel zum Erfolg. Das kleine Albanien brach mit der großen Sowjetunion, was zur Folge hatte, daß die Russen nicht nur ihren einzigen Flottenstützpunkt im Mittelmeerraum (Vlora) verloren, sondern auch alle Berater und Helfer in den Betrieben und Fabriken Albaniens abzogen; ein neuerliches Debakel für die albanische Wirtschaft. Hoxha wandte sich Mao Zedong zu, der nun seinerseits Berater aus dem Reich der Mitte an die Adria sandte, bevor 1978 der eigensinnige Hoxha auch mit den „Revisionisten“ in der Volksrepublik China brach, die – wie die Sowjetunion ca. 17 Jahre vor ihnen – nun selbst der Lehre Stalins untreu geworden sein sollten.23
Albanien konzentrierte sich auf Rüstungsindustrie, massiven Bunkerbau und Energieautarkie; man schottete sich ab, versank in Isolation und Armut. Dennoch gab es außerhalb Albaniens Sympathisanten des albanisch-stalinistischen Wagnisses; zu den deutschen Anhängern innerhalb des K-Gruppen-Spektrums zählte Joachim Röhm, der begnadete Übersetzer des albanischen Jahrhundertschriftstellers Ismail Kadare. Röhm war Mitglied der offiziellen Bruderpartei der Partei der Arbeit Albaniens, der KPD/ML unter Ernst Aust. Sie selbst war Teil einer losen „albanischen Internationale“, in der sich Anhänger Enver Hoxhas sammelten.24
Unterdessen sorgte Albanien 1967 aus einem anderen Grund für weltweites Aufsehen. Als erstes Land der Welt verbot man per Ukas alle Religionen und definierte sich als „atheistischen Staat“: von der Partei der Arbeit gelenkte Ausschreitungen gegen Moscheen und Kirchen folgten. Islam und Christentum sollten vollständig getilgt werden, um den „neuen Menschen“ des Marxismus-Leninismus im Sinne Stalins (und Hoxhas) ungehindert von alten Mythen und Bindungen, Wertefundamenten und Glauben schaffen zu können. Der Versuch, jahrhundertealte Riten und Überzeugungen durch totalitäre Maßnahmen zu negieren, schlug fehl. Nach der politischen Wende von 1990/91 und dem Sturz des Hoxha-Nachfolgers Ramiz Alia feierten die Religionen ihre Rückkehr in der albanischen Gesellschaft, wobei die islamistische Dimension, die bisweilen Albanern zugeschrieben wird, fast ausnahmslos im Kosovo repräsentiert wird, während das Land Albanien für Ismail Kadare stark „durch die Kultur, die Erinnerung und seine Sehnsucht nach der Zeit vor den Türken“ mit der christlichen Religion verbunden bleibe.25 Zunächst war die Öffnung der Grenzen des postkommunistischen Albaniens jedoch eine Zäsur in gleich mehrfacher Hinsicht, auch in demographischer. Denn die Jahrzehnte regelrecht eingesperrten Albaner verließen zu Hunderttausenden ihr Land und zogen nach Deutschland, in die Schweiz, nach Griechenland oder nach Italien.

Albanien heute

Die Daheimgebliebenen mußten derweil erleben, daß die neue Staats- bzw. Regierungsform keine Wunder vollbringen konnte und eine Kontinuität der Eliten entstand. Während im Kosovo ein brutaler Krieg zwischen Serben und Albanern tobte; während letztere gemeinsame Sache mit NATO und Europäischer Union gegen Belgrad machten; während die albanische Minderheit auch in Mazedonien immer wieder mit den slawischen Mazedoniern in Konflikt geriet; während all dieser Krisenerscheinungen konnte sich in Tirana kein wirklich offenes politisches System etablieren. Es ist vielmehr „weitgehend blockiert“ durch zwei beinahe gleichstarke Parteien der Demokraten und Sozialisten, die weniger konkurrierende weltanschauliche Lager vertreten, „sondern Gruppen von Geschäftsleuten, die um die Kontrolle von Ressourcen ringen“.26 Das Versagen der Politik, der Lage Herr zu werden, korreliert mit weiteren Problemfeldern wie Korruption, Kriminalität, Umweltzerstörung und Massenarbeitslosigkeit. In Zeiten dieses staatlichen Versagens kommt es gar zur Rückkehr von vorstaatlichen Verhaltensmustern, etwa der neuerlichen Aktivierung der Blutrache, der Ismail Kadare ein literarisches Denkmal setzte, indem er in Der zerrissene April plastisch darlegte, wie das Leben in den albanischen Bergen verlief, wenn es sich für ganze Großfamilien nur noch auf die Dialektik von Leben und Tod fokussiert(e).27 Zumindest die Familie erlebt denn heute auch ein Comeback: Wie vor dem Erlangen der albanischen Nationalstaatlichkeit verspricht nur sie Sicherheit und Stabilität, Fürsorge und gegenseitige Hilfe, Werte und Moralvorstellungen.
Albanien, seit 2014 Beitrittskandidat der Europäischen Union, entfernt sich offenbar wieder ein Stück weit von Europa, das freilich nicht mit der EU gleichzusetzen ist. Doch das schwierige Verhältnis zwischen Albanien und Europa wird auch im 21. Jahrhundert fortdauern. Es bleibt zu hoffen, daß größere Rückschläge dabei weitgehend vermieden werden können. Als eines der ältesten autochthonen Völker Europas haben die Albaner ein wenig Ruhe verdient. Wenn man über dieses Minimalprogramm der „Ruhe“ hinausgehen möchte, kann man diesen Anspruch dagegen auch so formulieren: „Die albanische Nation muß sich ganz dringend in die europäische Gemeinschaft eingliedern. Sie darf nicht im Abseits sein, sondern muß sich so schnell wie möglich der europäischen Völkerfamilie anschließen, wie es die eigene Würde erfordert.“28 Doch die Aufwallung nationalistischer Ressentiments unter Albanern in Mazedonien, die neue Stärke von mafiösen und islamistischen Strukturen im Kosovo sowie die Problematik der Auslandsalbaner können jederzeit verschiedenartig auch auf die Republik Albanien zurückfallen. Die Abwendung vieler Albaner von den staatlichen Institutionen scheint manchen Beobachtern bereits irreparabel. Und eine politische Formation, die der mannigfaltigen Widersprüche und Herausforderungen Herr werden könnte, ist einstweilen nicht in Sicht. So wirkt Albanien heute beinahe so kopflos wie vor etwa 30 Jahren, als Ismail Kadare den Protagonisten einer seiner Romane verzweifelt ausrufen ließ: „Albanien hat noch keine Stimme“, ja: „Albanien ist stimmlos“.29 Kadare selbst ist freilich die unmittelbare Gegenthese: Er ist eine, wenn nicht die Stimme Albaniens. Der teils in Paris, teils in Tirana lebende Schriftsteller versuchte – wie sein geniales Gegenstück Milovan Djilas in Montenegro30 – Albanien qua Mythen und balladesken Reminiszenzen an die eigene Geschichte bei der Herausforderung zu helfen, das „ewige Albanien“ jenseits des politischen Tagesbetriebs neu zu entdecken. Die damit geforderte Selbstfindung der Albaner wäre in diesem Sinne wohl der erste Schritt, die schwierige Beziehung zu Europa neu zu gestalten.

Anmerkungen

1?Ismail Kadare: Chronik in Stein, Salzburg/Wien 1988, S. 103.
2?„Balkan“ hat sich seit Jahrhunderten fest eingebürgert für die Region von der Adria bis Istanbul. Ismail Kadare ließ eine Person in seinem mythischen Roman über den türkischen Vorstoß auf Albanien Ende des 14. Jahrhunderts noch kritisch anmerken: „Balkan, so haben die Türken mittlerweile unsere Halbinsel getauft, was sich von einem Wort herleitet, das in ihrer Sprache für ‚Gebirge‘ steht. Mehr noch als der Drang der Osmanen, die Vielfalt der Länder und Völker hier in einen einzigen Begriff zu zwingen, um sie dann leichter verschlingen zu können, hat mich verwundert, wie bereitwillig wir uns mit der neuen Bezeichnung abgefunden haben.“ Ismail Kadare: Die Brücke mit den drei Bögen, Zürich 2002, S. 35.
3?Vgl. Oliver Jens Schmitt: Die Albaner. Eine Geschichte zwischen Orient und Okzident, München 2012, S. 11.
4?Vgl. Christine von Kohl: Albanien, 2. Aufl., München 2003, S. 20.
5?Georg Stadtmüller: Forschungen zur albanischen Frühgeschichte (= Albanische Forschungen, Bd. 2), 2. Aufl., Wiesbaden 1966.
6?Vgl. Schmitt, Die Albaner, S. 20.
7?Vgl. Ebd., S. 68.
8?Vgl. Ebd., S. 143.
9?Kadare, Die Brücke mit den drei Bögen, S. 61.
10?Ebd., S. 62.
11?Ismail Kadare: Albanischer Frühling. Berichte, Briefe, Betrachtungen, Kiel 1991, S. 7.
12?Schmitt, Die Albaner, S. 136.
13?F. C. Weiskopf: Abschied vom Frieden, Berlin 1961, S. 303.
14?Ebd., S. 546.
15?Vgl. Leo Trotzki: Die Balkankriege 1912/13, Essen 1996.
16?Vgl. Robert Service: Trotzki. Eine Biographie, Berlin 2012, S. 168.
17?Vgl. Schmitt, Die Albaner, S. 160.
18?Vgl. von Kohl, Albanien, S. 70.
19?Zit. n. Hans-Werner Neulen: An deutscher Seite. Internationale Freiwillige von Wehrmacht und Waffen-SS, München 1985, S. 238.
20?Vgl. ebd., S. 239 f.
21?Oskar Winter: Die albanische Sippe, in: Die Feier. Erste Gabe (1943), S. 23. Es erschien lediglich eine sogenannte Zweite Gabe, ebenfalls 1943.
22?Vgl. für diese besondere Zäsur in der albanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts das beeindruckende Epos: Ismail Kadare: Der große Winter, Kiel 1989. Kadare kannte Moskau gut, er studierte in der sowjetischen Hauptstadt am Gorki-Institut Literatur.
23?Auch hier ist es Ismail Kadare, der eine albanische Wegscheide in einen epochalen Roman verpackte. Das Werk Konzert am Ende des Winters (Salzburg/Wien 1991) knüpft dabei personell bisweilen an Der große Winter an.
24?Vgl. Anton Stengl: Zur Geschichte der K-Gruppen. Marxisten-Leninisten in der BRD der Siebziger Jahre, Frankfurt/Main 2011, S. 123.
25?Kadare, Albanischer Frühling, S. 38.
26?Schmitt, Die Albaner, S. 178.
27?Vgl. Ismail Kadare: Der zerrissene April, Salzburg/Wien 1989.
28?Kadare, Albanischer Frühling, S. 146.
29?Ismail Kadare: November einer Hauptstadt, Kiel 1991, S. 28.
30?Vgl. Benedikt Kaiser: Leben im Mythos. Literatur und Nationswerdung in Montenegro, in: Neue Ordnung I/2014, S. 37–40.

 
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