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Die „himmlische Frau“

Die Gottesmutter wird auch als Maienkönigin verehrt. – Madonna im Rosenhag, Gemälde von Stephan Lochner (um 1400–1451), dem bedeutendsten Künstler der spätgotischen Kölner Maler­schule. Das Gemälde befindet sich im Wallraf-Richartz-Museum in Köln.

Von Manfred Müller

Zum Marienlied „Wunderschön prächtige …“

Wer hätte das gedacht? Da nimmt der in seiner großen Mehrheit protestantische Wandervogel ein bei Katholiken beliebtes Marienlied in seine berühmt gewordene Liedsammlung „Der Zupfgeigenhansl“ auf. So geschehen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als Hans Breuer und seine Mitarbeiter bei der Liedzusammenstellung unter anderem die große Volksliedersammlung des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth aus dem 19. Jahrhundert auf brauchbare Lieder hin durchsahen.

Dabei stießen sie auf „Wunderschön prächtige …“. Sie druckten diesen Lobpreis auf die Gottesmutter in einer sprachlichen Form ab, die zeigte, daß das, was Ditfurth in seine Sammlung aufgenommen hatte, im Volksmund schon etwas zersungen worden war. Ein Vergleich des Zupfgeigenhansl-Textes mit der Textfassung barock-präziser Sprechart, die das Lied in den katholischen Diözesangesangbüchern des 20. Jahrhunderts hatte, macht das deutlich.
Der „Zupfgeigenhansl“ beginnt die gläubig-vertrauensvolle Hingabe des frommen Gemüts an die „himmlische Frau“ so:

Wunderschön prächtige,
große und mächtige,
liebreich holdselige, himmlische Frau!
Welcher auf ewig ich
Kindlich verbinde mich,
ja auch mit Leib und Seel gänzlich
vertraut.

Marienkult und Monotheismus

Die Schönheit, der Liebreiz und die majestätische Macht lassen Maria hier fast wie eine Göttin erscheinen. In der katholischen Marienverehrung achteten die Geistlichen darauf, daß diese Grenze – bei aller Wertschätzung des überaus hohen Ranges der Gottesmutter – nicht überschritten wurde. Sie wußten, daß die polytheistischen Religionen, so auch die der germanischen, keltischen, slawischen, pruzzischen, romanischen Vorfahren, das Göttliche in männlicher und in weiblicher Gestalt verehrten. Das monotheistische Christentum kennt keine Göttinnen, weiß aber um das offensichtlich sehr menschliche Bedürfnis nach Verehrung des Weiblich-Göttlichen und läßt darum in der römisch-katholischen und in der orthodoxen Konfession die starke Hervorhebung Mariens zu.
Bedingt durch die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen der Reformationszeit, galt die katholische Form der Marienverehrung um 1900 im deutschen Kulturkreis bei vielen Protestanten als „papistische Abgötterei“. Wer nicht so scharf urteilte, hielt sie für einen kultischen Irrweg. Was veranlaßte also den Wandervogel, das hier zu besprechende Marienlied im „Zupfgeigenhansl“ ins Kapitel „Geistliche Lieder“ einzureihen? Im Vorwort zur 4. Auflage 1910 heißt es: „Mancher, der bisher vom Wandervogel noch nichts wußte, wird nun vielleicht […] aus unserer Liederwelt, in der wir wandern werden, zu einer Vorstellung dessen gelangen können, was wir Wandervögel sind, […] was unser Suchen und Streben ist.“ Zusammenfassend: „Es ist […] eine fest in heimatlicher Erde wurzelnde treue deutsche Art.“
Hans Breuer und seine Freunde empfanden dieses Marienlied, das ursprünglich aus der katholischen Schweiz (Kloster Einsiedeln) kam, sicher „treuer deutscher Art“ entsprechend, sonst hätten sie es nicht bei ihrer Auswahl berücksichtigt.
Fürbitterin und Vorbild
Strophe 2 der Breuer-Fassung arbeitet mit Bildern, die aus der Apokalypse stammen, die Majestät Mariens heraus. Die Diözesanliederbuchfassung bringt diesen Aspekt sehr komprimiert und verbindet ihn mit der Meerstern-Metapher: „Sonnenumglänzete, Sternenbekränzete, Leuchte und Trost auf der nächtlichen Fahrt“. Maria als Leitstern in den Finsternissen der Lebensfahrt – welch eine trostvolle Vorstellung! Während Strophe?3 dieser Fassung marianische Glaubensgeheimnisse aneinanderreiht und Himmel und Erde der Jungfrau Maria huldigen läßt, ist Strophe 3 der Fassung des „Zupfgeigenhansl“ näher bei den Nöten und Ängsten der Gläubigen.

In diesem Jammertal
seufzen wir allzumal
zu dir, o Jungfrau, in Elend du Not.
Maria, du allein
wollst unsre Mutter sein,
wann die Seel scheidet vom Leib der
Tod.
Wann wir hinreisen,
tu uns erweisen
Gnad und Barmherzigkeit bei deinem
Thron,
bitt für uns Jesum, dein göttlichen
Sohn.
Maria als Helferin und Fürbitterin bei ihrem göttlichen Sohn, diese Vorstellung war für strenggläubige Prostestanten unannehmbar, denn es gibt nur einen Mittler zwischen den Menschen und Gottvater zum Beispiel: Jesus Christus. Maria und alle Heiligen können keine Mittler sein, sie sind lediglich Vorbilder im Glauben. Diese theologische Buchweisheit geht allerdings an den Sorgen, Nöten und Leiden der Menschen vorbei. Davon zeugen z. B. bis heute die vielen Kerzen, die (im Zusammenhang mit Bittgebeten) vor Marien- und Heiligenbildern und -statuen auch von Protestanten und Agnostikern entzündet werden – ein frommes Lichterbrauchtum, das bis in die Antike zurückreicht.

Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt

Überall da, wo am 15. August, dem Fest Mariä Himmelfahrt, noch zahlreiche Katholiken eine Festmesse besuchen, erklingt „Wunderschön prächtige …“. Kräftiger Gesang und machtvoller Orgelklang zu dieser barocken Melodie lassen die Singenden und Hörenden etwas von den marianischen Festgeheimnissen erahnen.
Die Kirche hat klug gehandelt, als sie im Zuge der jahrhundertelangen christlichen Missionierung unserer Vorfahren eine Weihe von Blumen und Kräutern in den Festgottesdienst dieses Marienfestes hineinnahm, gleichsam als eine optische Huldigung an Maria. Im frommen Lied geschieht dies in „Maria, Maienkönigin, dich will der Lenz begrüßen …“. Da hier aber alles auf Mai und Frühling abgestellt ist, kann dieses schöne Lied nicht bei der Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt gesungen werden.
Die Gläubigen bringen Blumen- und Kräuterbüschel mit in den Gottesdienst und lassen diese segnen. Eine Segensformel aus dem 10. Jahrhundert lautet: „Allmächtiger, der du Himmel und Erde geschaffen hast und fort und fort mit Macht herrschest, segne durch die Fürbitte Mariens diese Blumen und Kräuter. Segne alle Menschen, die davon gebrauchen [sic!], damit ihnen Gesundheit der Seele und des Leibes werde. Halte fern vom Vieh, das davon kostet, jede Krankheit und schädliche Einwirkung.“
Nach 1941 (im Zweiten Weltkrieg), als die neuheidnisch-kirchenfeindliche Richtung des Nationalsozialismus viele christliche Publikationen durch die Nichtzuteilung von Papier verhinderte, konnte der Volkskundler Philipp Schmidt „Volkskundliche Plaudereien“ veröffentlichen. Darin schrieb er über den geweihten „Kräuterwisch“ unter anderem: „Nach der Weihe wurde der Kräuterwisch mit heiliger Scheu behandelt. Er war Heiltum gegen Krankheit, Feuer, Blitz und Unwetter. Wenn in unserer Kindheit vor vielen Jahren in dunkler Nacht schwere Gewitter über Hof und Haus und Feld losbrachen […], dann weckte uns die Mutter aus den Betten. Vor dem Kreuz im Herrgottswinkel brannte die an Lichtmess geweihte Wetterkerze und auf der Herdpfanne eine Handvoll von den Sommerkräutern, die die Kirche am ‚großen Frauentag‘ [Mariä Himmelfahrt] im Blumenhochamt geweiht hatte.“

Ursprung in germanischer Zeit?

Zur Herkunft dieser Formen katholischer Volksfrömmigkeit merkte Schmidt an: „In allen Gauen des deutschen Vaterlandes findet sich die Kräuterweihe, auch Wurz- oder Wischweihe genannt; sie erinnert in Ursprung und Wesen an einen religiösen Kult der germanischen Vorzeit, an ein Naturfest, vielleicht ein Erntedankfest, oder an einen Fruchbartkeitsritus, der der Göttin Freya galt, der Mutter der Natur, die für die Wetterbeherrscherin gehalten wurde. Für diesen Volksbrauch hat die Kirche in ihrer großen Erzieherweisheit und als Bewahrerin deutschen Volkstums christlichen Ersatz geschaffen.“ Schmidt gibt zu, daß bei dem Brauchtum des 15. Augusts „manch abergläubisches Denken“ anklingt, nimmt das aber hin im Hinblick auf die „lebendige Volksreligiosität und tiefgläubige Volksfrömmigkeit, die all diese Blumen und Kräuter zur Weihe in die Kirche trägt, um Gottes Segen daran zu heften“.
Das kindliche Vertrauen, von dem in der ersten Strophe des Marienliedes im „Zupfgeigenhansl“ die Rede ist, drückt sich auch heutzutage noch in jedem Blumen- und Kräuterwisch aus, der an Mariä Himmelfahrt in einer Kirche geweiht wird und so zeichenhaft das Marienlob ergänzt, das in alten deutschen Marienliedern während des Festgottesdienstes erklingt.

Version des Liedes aus dem Zupfgeigenhansl

Wunderschön prächtige
große und mächtige,
Liebreich holdselige
himmlische Frau
Welcher auf ewig ich
kindlich verbinde mich
ja auch mit Leib und Seel
gänzlich vertrau.
Billig mein Leben alles beineben
Alles, ja alles, was immer ich bin
Geb ich mit Freuden, Maria, dir hin
Die Sonn begleitet dich
es unterwirfet sich
zu deinen Füßen der silberne Mond
um dein Haupt machen
die Stern eine Kron
Alles was lebet
alles was schwebet
alles was Himmel und Erde schränkt ein
muß deiner Majestät untertan sein
In diesem Jammertal
seufzen wir allzumal
zu dir o Jungfrau
in Elend und Not
Maria du allein
wollst unsere Mutter sein
wann die Seel scheidet vom Leben der Tod
Wann wir hinreisen
tu uns erweisen
Gnad und Barmherzigkeit
bei deinem Thron
bitt für uns Jesum
dein göttlichen Sohn

Version des Liedes aus dem katholischen Gebetbuch Lobgesang

Wunderschön prächtige, hohe und ­mächtige,
liebreich holdselige, himmlische Frau,
der ich mich ewiglich weihe, herzinniglich.
Leib dir und Seele zu eigen vertrau.
Gut, Blut und Leben will ich dir geben:
Alles was immer ich hab‘, was ich bin,
geb‘ ich mit Freuden, Maria, dir hin!

Sonnenumglänzete, Sternenbekränzete,
Leuchte und Trost auf der nächtlichen Fahrt!
Vor der verderblichen Makel der Sterblichen
hat dich die Allmacht des Vaters bewahrt;
selige Pforte warst du dem Worte,
als es vom Throne der ewigen Macht
Gnade und Rettung den Menschen gebracht.

Schuldlos Geborene, einzig Erkorene,
du Gottes Tochter und Mutter und Braut,
die aus der reinen Schar Reinste wie keine war,
die selbst der Herr sich zum Tempel gebaut!
Du makellose, himmlische Rose,
Krone der Erde, der himmlischen Zier,
Himmel und Erde, sie huldigen dir.

Gottesgebärerin, Christi Ernährerin,
wundersam Mutter und Jungfrau zugleich!
Herzen erquickende, Seelen beglückende
Quelle, an himmlischen Tröstungen reich!
O du Getreue, zu dir voll Reue
schauen wir hoffend und flehend hinan;
Mutter, ach, führ‘ uns auf sicherer Bahn!

Du bist die Helferin, du bist die Retterin,
Fürstin des Himmels und Mutter des Herrn!
Spiegel der Reinigkeit, Stärke der Christenheit,
Arche des Bundes, hell leuchtender Stern!
Liebreich dich wende, Frieden uns sende,
Mutter, ach, wende die Augen uns zu,
lehr uns in Demut zu wandeln wie du!

Einst auch Betrübete, vielfach Geübete,
kennst du der Seelen tiefinnersten Schmerz;
niemand je untergeht, der zu dir kindlich fleht,
keinen verachtet dein mütterlich Herz;
tröst uns im Leiden, stärk uns im Scheiden,
bitte für uns deinen göttlichen Sohn,
wenn er uns ruft vor den ewigen Thron!

 
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