Archiv > Jahrgang 2017 > NO I/2017 > Liebe zu Volk und Heimat 

Liebe zu Volk und Heimat

Der spätere Bundespräsident Roman Herzog sprach noch 1971 in seiner „Allgemeinen Staatslehre“ von „völkischer Zusammengehörigkeit“ als Grundlage des „Wir-Gefühls … eines Volkes“. Und der Staatsrechtslehrer Reinhold Zippelius definierte in seiner „Allgemeinen Staatslehre“ noch 1994, daß ein Volk „durch eine Vielzahl von Faktoren fundiert ist, z. B. durch die rassische Artverwandtschaft, die Gemeinschaft der Kultur und die politische Schicksalsgemeinschaft“.

Ernest Renan unterschied zwischen Volk und Nation. Letztere ist demnach ein Begriff höherer Kategorie, die das Volk als Begriff aber nicht ersetzt, sondern vielmehr voraussetzt.

Von Dr. Björn Clemens

Unverzichtbare Stufe der Menschheitsentwicklung

Wenn im Fernsehprogramm ein Liebesfilm angekündigt wird, erwartet der Zuschauer alles mögliche, aber mit Sicherheit keine Geschichte über das Augusterlebnis von 1914. Überhaupt scheint der Begriff „Vaterlandsliebe“ eine Liebe im übertragenen Sinn zu bedeuten, wohingegen die „eigentliche“ Liebe die innige Verbindung zweier Menschen darstellen soll, die an Intensität über jede Freundschaft hinausgeht und zu wesentlichen Teilen vom erotischen Faktor geprägt wird. Den Kritikern gilt die Vaterlandsliebe deshalb seit jeher als falsches Pathos, welches im besten Fall eine lächerliche Verklärung, im schlimmeren und deutschen Fall aber die Vorbereitung eines Angriffskrieges oder gar die Herbeiführung von Auschwitz bedeute. Dem früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann schreibt man zu, die angebliche Begriffsklitterung mit dem Bonmot entlarvt zu haben, „ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau“.1

Da wundert es nicht wenig festzustellen, daß eben diese Vaterlandsliebe in Deutschland nicht nur Gesetzesrang, sondern sogar Verfassungsrang beanspruchen darf, so etwa in Nordrhein-Westfalen, wo sie ganz unironisch als „Liebe zu Volk und Heimat“ in Artikel 7, der die Erziehungsziele festlegt, auftaucht. Vollständig lautet er:
„(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.
(2) Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung.“
Wenn diese Liebe neben dem Geist der Menschlichkeit, der Völkergemeinschaft und anderen eigens erwähnt wird, kommt ihr auch eine eigenständige Bedeutung zu, die sich nicht in einer allgemeinen Toleranzbeschwörung verliert; nein: Liebe zu Volk und Heimat sind tatsächlich das, was Patrioten darunter verstehen, die positive Verbundenheit zu Stamm und Scholle. Aus den juristischen Kommentaren zu diesem Passus geht das recht klar hervor. So liest man dort:
„Verfassungsintention ist die Identifikation mit Volk und Heimat, d. h. eine positive Einstellung zur Herkunft aus und zur Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft mit eigener Geschichte, Tradition, Prägung und Kultur.“2
Bei so viel Wagemut ist es natürlich erforderlich, daß der Kommentator sogleich im nächsten Satz betont, daß eine nationalistische Überhöhung des deutschen Volkes damit nicht verbunden sei. Immerhin resümiert er aber, daß die Liebe zu Volk und Heimat weiterhin ein aktuelles Erziehungsziel sei.
Die NRW-Verfassung heiligt damit Dinge, die als Gegenbegriffe zu den Paradigmen des bundesrepublikanischen Liberalismus gelten müssen: Gebundenheit statt zielloser Freizügigkeit, Ort statt Standort, Bodenhaftung statt universaler Austauschbarkeit. Um so mehr erstaunt es, daß in der gegenwärtigen Debatte um eine Verfassungsänderung diese beiden Erziehungsziele nicht unter das Fallbeil des demokratischen Konsenses und der Willkommenskultur gelegt werden sollen. Immerhin haben sich die Demokraten schnell darauf geeinigt, das deutsche Volk aus der Eidesformel des Artikel 53 LV zu eliminieren, wo es künftig heißen soll, der Ministerpräsident habe dem Wohle des Landes Nordrhein-Westfalen zu dienen.3
Der Kommentar zur NRW-Landesverfassung bewegt sich damit auf der im Grunde einhelligen Linie derjenigen, die versuchen, dem Volksbegriff eine inhaltliche Kontur zu geben. Denn formal ist Volk nur eines der rechtstechnischen Elemente, das im Sinne der Drei-Elemente-Lehre des Staatsrechtlers Georg Jellinek4 als Staatsvolk neben dem Staatsgebiet und der Staatsgewalt zu den Voraussetzungen eines Staates gehört. Diese Lehre sieht im Volk einen juristischen Begriff, bei dem erst die juristische Organisation des Staates die Vielheit der einzelnen zum Volk verbindet.5 Doch nach dieser, auch in Art. 116 des Grundgesetzes aufzufindenden Definition wäre Volk nichts anderes als die Summe der Staatsbürger, und wenn der Gesetzgeber, was er in Deutschland im Jahre 1999 getan hat, sich Antinomien wie eine doppelte Staatsbürgerschaft ausdenkt oder auf andere Weise die massenhafte Einbürgerung Fremder fördert, dann kann letztlich jeder zum Deutschen werden, wodurch der Begriff inhaltsleer würde. Bezeichnenderweise unterscheidet das Grundgesetz zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit, wenn es in Absatz 1 des genannten Artikels lautet:
„Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.“

Roman Herzog: Völkische Zusammengehörigkeit

Wer also wissen will, was Volk wirklich ist, muß über das Juristische hinaus zum Eigentlichen vordringen. Bereits 1911 formulierte der liberale Historiker Friedrich Meinecke:
„Gemeinsamer Wohnsitz, gemeinsame Abstammung – oder genauer gesagt, da es keine im anthropologischen Sinne rassenreinen Nationen gibt –, gemeinsame oder ähnliche Blutmischung, gemeinsame Sprache, gemeinsames geistiges Leben, gemeinsamer Staatsverband oder Föderation mehrerer gleichartiger Staaten – alles das können wichtige und wesentliche Merkmale einer Nation sein …“6
Eine solche Definition aus Kaisers Zeiten wundert wenig. Schon bemerkenswerter ist, wie ähnlich Roman Herzog, nachmaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Bundespräsident im Jahre 1971, über diese Frage in einem Lehrbuch schrieb:
„Das, was die Gruppensoziologie als Wir-Gefühl oder Wir-Bewußtsein bezeichnet, ist also das eigentliche Konstituens eines Volkes, wenn dabei auch die Einschränkung gemacht werden muß, daß es sich nicht um ein irgendwie geartetes Zusammengehörigkeitsgefühl handeln darf, wie es jede Familie und jeder Unterhaltungsverein entwickelt, sondern gerade um ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auf völkische [sic!] Zusammengehörigkeit gerichtet ist.“7
Damit steht Herzog nicht allein. Sein Professorenkollege, der emeritierte Erlanger Staatsrechtslehrer Reinhold Zippelius, definierte noch 1994:
„Als Volk im soziologischen Sinn kann man jede Gemeinschaft von Menschen bezeichnen, die sich durch ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl verbunden weiß, das seinerseits durch eine Vielzahl von Faktoren fundiert ist, z. B. durch die rassische Artverwandtschaft [!], die Gemeinschaft der Kultur und die politische Schicksalsgemeinschaft.“8
Zippelius nimmt nicht nur ein noch verboteneres Wort in den Mund als Herzog, er weist in seiner Staatslehre dem Topos „Völkisches Zusammenhörigkeitsgefühl“ sogar einen eigenen Gliederungspunkt in dem Kapitel „Das Staatsvolk“ zu. Dabei weist er auf die Wichtigkeit des Bekenntnisses als Komponente der Gemeinschaft hin.9

Volk und Nation – Ernest Renan

Dieser Begriff spielt auf die Terminologie des französischen Historikers Ernest Renan an, dem man zuschreibt, einen anderen, nämlich intellektuellen, Volksbegriff geprägt zu haben, bei dem der willentliche Entschluß des einzelnen dazu führt, der Gesellschaft beizutreten. Das wiederum knüpft an die Lehre vom Gesellschaftsvertrag bzw. vom Staatsvertrag (contract social) von Jean-Jacques Rousseau an. Doch wäre es ein Mißverständnis, daraus abzuleiten, daß diese beiden einen anderen Volksbegriff als Herzog, Meinecke oder andere zugrunde legten. Denn Renan scheidet den Begriff der Nation von dem des Volkes. Ihn auf seinen vielzitierten Ausspruch von der Nation als eines täglichen Plebiszits aus einem Vortrag vor der Pariser Sorbonne am 11. März 188210 zu beschränken, verkürzt seine Theorie in unzulässiger Weise. Wenn man seine Rede im ganzen betrachtet, stellt sie sich anders dar: Denn mit seiner Definition, eine Nation sei eine Seele, ein geistiges Prinzip, bemüht er die gleichen Anknüpfungspunkte wie die „völkischen“ Denker, nämlich Erbe, Geschichte und Ahnenreihe:
„Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat. Der Mensch improvisiert sich nicht. Wie der einzelne ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, von Opfern und von Hingabe. Der Kult der Ahnen ist von allen am legitimsten; die Ahnen haben uns zu dem gemacht, was wir sind, eine heroische Vergangenheit, große Männer, Ruhm (ich meine den wahren) – das ist das soziale Kapital, worauf man eine nationale Idee gründet. Gemeinsamer Ruhm in der Vergangenheit, ein gemeinsames Wollen in der Gegenwart, gemeinsam Großes vollbracht zu haben und es noch vollbringen wollen – das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein. Man liebt – im rechten Verhältnis – Opfer, in welche man eingewilligt, Übel, die man erlitten hat. Man liebt das Haus, das man gebaut hat und das man vererbt. Das spartanische Lied: ,Wir sind, was ihr gewesen seid; wir werden sein, was ihr seid‘, ist in seiner Einfachheit die abgekürzte Hymne jedes Vaterlandes.“
Wenn ein solches natürliches Volk zur Nation werden will, bedarf es dazu eines weiteren Schrittes, eben den des willentlichen Zusammenschlusses in Gestalt des täglichen Plebiszits. Nation ist demnach für Renan eine höhere Kategorie, die, wie er weiter ausführt, etwa in der Zeit der Ägypter noch nicht bestand, die aber das Volk nicht nur nicht als Begriff ersetzt, sondern es viel mehr voraussetzt. Damit schließt er an Rousseau an, der im Gesellschaftsvertrag kaum anders denkt, wenn er definiert, welches Volk in der Lage sei, „das“ Gesetz anzunehmen, also einen Gesellschaftsvertrag zu schließen, der zur Staatsgründung führt, nämlich jenes, „das durch Ursprung, Interesse und Überlieferung bereits geeint ist.“11
Schon bei Rousseau wie auch bei Montesquieu12 stehen die geistigen Faktoren bei der Bildung des Volkes im Vordergrund. Renan ist damit auch wesentlich näher bei Carl Schmitt, der den Staat als politische Einheit eines Volkes13 bezeichnet, als gemeinhin behauptet wird. Schmitt führt allerdings in seinen Schriften nur rudimentär aus, was er unter Volk versteht; allzu selbstverständlich scheint es ihm zu sein. Immerhin läßt Schmitts Begrifflichkeit keinen Zweifel daran zu, daß sich der Staat vom Volk ableitet und nicht umgekehrt. Volk ist die eigentliche Größe, und wenn das so ist, beantwortet sich die Frage, was „Volk“ ist, wieder aus den hier dargestellten Bestandteilen Abstammung, Geschichte, Überlieferung usw. Bezeichnenderweise setzte die planmäßige Französisierungspolitik, die das Elsaß seines deutschen Charakters entkleiden sollte, erst im Zuge der Französischen Revolution ein.14 Ihr berühmt-berüchtigter ideologischer Henker Saint-Just soll gesagt haben:
„Die Elsässer begreifen sich als eigenes Völkchen. In Kleidung, Sprache, Sitten und Küche und sogar in der Stunde der Mahlzeiten ahmen sie unsere Feinde, die Deutschen und Österreicher nach. Unter tausend Einwohnern kaum einer, der die Sprache der grande nation versteht, geschweige denn spricht. Kurzum: die Elsässer sind halbe Österreicher.“15
Damit wußte das sich seiner selbst bewußt gewordene Volk der Franzosen aufzuräumen. Nun kann man natürlich durch einen Trick mit dem angeblichen Modell von Renan zu einer anders konstruierten Nation kommen, indem man das tägliche Plebiszit vom Volk löst und auf ein beliebiges Bevölkerungsgemisch anwendet. So könnte zum Beispiel Deutscher werden, wer sich dazu bekennt. Damit bekäme man aber kein neues Volk, sondern lediglich einen neuen Vielvölkerstaat, wie wir ihn im Habsburgerreich oder in Jugoslawien hatten und ihn in der BRD derzeit vorfinden. Die dort lebenden Türken, Afghanen, Araber und sonstigen Völkerschaften mögen dann als Bundesbürger Angehörige der bundesdeutschen Staatsnation sein, Teil des deutschen Volkes sind sie nicht.

Auch für übervölkische Gemeinschaften bestehen sinnbildende Mythen, wie etwa der Sieg über das türkische Heer 1683 vor Wien, das zu einem Mythos der Selbstbehauptung wurde, den neu zu beleben für Europa heute dringlich nötig wäre.
Die Verkündigung eines Menschheitspatriotismus bedeutet eine Auflösung, „die den in der Volksliebe gebundenen persönlichen Egoismus wieder freimacht“. – Walter Flex
Heimat ist der Ort, an den Menschen nicht funktional, sondern emotional gebunden sind. Mit ihr verbinden sich Erinnerungen, und zwar nicht nur die eigenen, sondern auch die der Vorfahren. Sie entfaltet somit gleichsam wie das Volk und seine Mythen einen überzeitlichen Moment, der die Vergänglichkeit überwindet: „Heimat ist die Kirche, in der schon die Eltern und Großeltern getraut wurden. Heimat ist der Baum, der seit 200 Jahren an derselben Stelle steht, der Berg, an dem seit jeher das Leben eben dieses Volkes sich vollzog.“ – Ludwig Richter, Überfahrt am Schreckenstein über den Rhein

Zum gleichen Volk gehört, wer von denselben Mythen ­durchdrungen ist

In der umgekehrten Richtung könnte die Gleichung aber richtig werden: Warum soll jemand, der ein ausgesprochenes Negativbekenntnis zu Deutschland abgibt, Teil des Volkes sein, dessen Traditionen, Geschichte usw. er rundheraus ablehnt oder ihm sogar den „Volkstod“ wünscht wie die SED-Politikerin Christin Löchner, die sich mit folgender E-Mail hervortat:
„Es mag Sie vielleicht überraschen, aber ich bin eine Volksverräterin. Ich liebe und fördere den Volkstod, beglückwünsche Polen für das erlangte Gebiet und die Tschech/innen für die verdiente Ruhe vor den Sudetendeutschen.“16
Wo stattdessen ein Zusammengehörigkeits- oder Wir-Gefühl noch lebendig ist, gehört zu den Wurzeln, aus denen es sprießt, jedenfalls auch nach Herzog
„… im Normalfall sicher die gemeinsame Sprache und … die gemeinsame Religion. Mit Sicherheit gehört hierher auch die gemeinsame Abstammung und die gemeinsame Geschichte, wobei es allerdings zu bedenken gilt, daß es sich hier nur um zwei verschiedene Ausdrucksweisen für den gleichen Begriff handeln dürfte; denn gemeinsame Abstammung kann ja praktisch nichts anderes bedeuten als Abstammung von einer Menschengruppe, die früher schon ein völkisches [!] Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt hat, und Geschichte ist wegen dieses Zusammengehörigkeitsgefühls gemeinsame Geschichte. Von grundlegender Bedeutung im Rahmen der Geschichte ist die Erinnerung an gemeinsam bestandene Bedrohungen …“17
Mit anderen Worten: wessen Großvater im Kessel von Stalingrad eingeschlossen und wessen Mutter in Dresden dem Bombenhagel ausgesetzt war, ist Deutscher wie seine Eltern, mit denen er sich 1990 gemeinsam über den Fall der Mauer freute, weil sie auch für ihn fiel. Nun wird ein einzelner nicht allein dadurch zum Träger der Geschichte seines Volkes, daß er in seiner biologischen Ahnenreihe steht – eine solche Reduktion wäre Zoologie –, sondern daß er auch geistig Teil dieser Geschichte ist. Instrument, sie ihm zu vermitteln, ist der nationale Mythos. Hierunter seien historische und sagenhafte Ereignisse zu verstehen, in denen in paradigmatischer Weise Wesen und geistiger Bestand einer Nation deutlich werden.18 Es handelt sich dabei nicht um intellektuelle, sondern mentale Vermittlung, daß also, um ein Beispiel zu geben, ein Deutscher die Gründung des Deutschen Reiches nicht nur als geschichtliches Datum kennt, welches politische Voraussetzungen und Folgen hatte, sondern als Teil seines eigenen Selbstbewußtseins, das Bedeutung für sein eigenes Denken und Fühlen erlangt. Nur als zwei weitere Beispiele von vielen wären die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und der Burgfrieden von 1914, das sogenannte Augusterlebnis, zu nennen, wobei es für die mythische Überlieferung nicht auf militärhistorische Details ankommt, sondern auf die Tatsache der Einigkeit in einem Selbstbehauptungskampf, die die nationale Freiheit und Weiterexistenz garantierte. Durch die genannten Ereignisse werden Einigkeit und Kampf, und am besten Sieg versinnbildlicht.19 Zum gleichen Volk gehört somit, wer von denselben Mythen durchdrungen ist. Auch für übervölkische Gemeinschaften bestehen sinnbildende Mythen, so etwa der Sieg am Kahlen Berge vor Wien, als es der abendländischen Christenheit gelang, den türkischen Eroberungsgelüsten die entscheidende Niederlage beizubringen, der zum Mythos der Selbstbehauptung wurde, ein Mythos, den neu zu beleben für Europa dringlicher nötig wäre als alles andere.

Individuum – Volk – Menschheit

Aus dem Gesagten geht im übrigen hervor, daß ein Mensch erst durch Zugehörigkeit zum Volk sein höheres Menschentum entfaltet, da er nur so der volkskonstituierenden und damit der geistig-kulturellen Wesenszüge teilhaftig wird, wohingegen er sich bei Ausleben des in der Bundesrepublik geltenden Leitmaßstabes des Individualextremismus aus allen sinnstiftenden menschlichen und kulturellen Bezügen verabschiedet. Walter Flex schreibt:
„Ich glaube, daß die Menschheitsentwicklung ihre für das Individuum und seine innere Entwicklung vollkommenste Form im Volk erreicht, und daß der Menschheitspatriotismus eine Auflösung bedeutet, die den in der Volksliebe gebundenen persönlichen Egoismus wieder freimacht und auf seine nackteste Form zurückschraubt.“20

Heimat

Ähnlich vielschichtig wie der Begriff Volk ist der Begriff Heimat. Er kann in einem unspezifischen Sinne verwendet werden, der über die geographische Bedeutung nur wenig hinausgeht. Die Vertreter der Weltoffenheit würden in diesem Sinne sagen, Heimat sei dort, wo der „Mensch“, die einzig zulässige Bezugsgröße ihrer Denkweise, sich wohlfühlt, wo er seine Wohnung, seine Freunde, seinen Freizeitspaß hat. Anknüpfungspunkte sind dann nur mehr regionale Spezifika, die sich sogar in der lokalen Biersorte niederschlagen bzw. erschöpfen kann.21 Eine solche Heimat steht in einem eng begrenzten Umfeld jedem zu. Das berühmte kölsche Veedel ist Heimat aller 78 Nationen, die dort „zu Hause“ sind. Die Lindenstraße ist dann gleichermaßen die Heimat von Ali und Kevin. So richtig diese mikrokosmische Definition im Einzelfall sein mag, so zwingend entkleidet sie Heimat ihres geschichtlichen und schicksalhaften Gehalts, den sie aufweist, wenn man sie als Bezugsgröße zu Volk ansieht. Genau das ist von den Multikulturalisten gewollt. Die sprachliche Verbindung von Volk und Heimat in dem nordrhein-westfälischen Verfassungsartikel legt allerdings eine inhaltliche Verbindung nahe, mit dem Tenor, daß die dort genannte Heimat die Heimat des Volkes ist. (Etwas unschlüssig verhält sich der bereits erwähnte Kommentar, der Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus ganz Deutschland als Heimat gelten läßt.22)
Als solches ist sie der Raum, in dem das Volk seine Geschichte und seine Kultur entwickelt. Damit ist Heimat das notwendige Komplement zu Volk. Auch hier kann man zunächst recht banal an die Landschaft, auch abstrakt, denken, in der ein Volk seit Generationen lebt und seine Identität entfaltet: die Weiten Ostpreußens, der Rhein, der deutsche Wald. Schnell wird aber deutlich, daß die geographische oder sonst wissenschaftliche Beschreibung nicht erschöpfend ist. Heimat ist vielmehr der Ort, an den Menschen nicht funktional, sondern emotional gebunden sind. Man lebt aus ihr und für sie. Mit ihr verbinden sich Erinnerungen, und zwar nicht nur die eigenen, sondern auch die der Vorfahren. Sie entfaltet somit gleichsam wie das Volk und seine Mythen das überzeitliche Moment, das die Vergänglichkeit überwindet und schafft Halt im Fixpunkt des Ortes. Das ist weit mehr als der Wohlfühlfaktor, den die Ideologen der Auflösung gerade noch zulassen. Heimat ist die Kirche, in der schon die Eltern und Großeltern getraut wurden. Heimat ist der Baum, der seit zweihundert Jahren an derselben Stelle steht, der Berg, an dem seit jeher das Leben eben dieses Volkes sich vollzog. Dementsprechend ranken sich unzählige Dichtungen und Lieder um die Heimat, wird sie besungen und gepriesen.

Gerade für die Deutschen wird der Wald zum Ruhepol, zur Sehnsuchtslandschaft, die für seelische Tiefe, für Weltabgewandtheit und Entrückung steht. – Gemälde von Caspar David Friedrich
Heimat, wie Ort überhaupt, ist der Gegenbegriff zum Paradigma der westlich multikulturellen Doktrin, die von Freizügigkeit, Ungebundenheit und Beliebigkeit geprägt ist. Der Ort soll bei ihr deshalb mitsamt aller seiner spezifischen Bezüge ganz in der Universalität aufgehen, zu einem reinen Standort verkommen. – Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald

Der deutsche Wald

Unter dem Gesichtspunkt der Heimat wird der deutsche Wald zum Ruhepol, zur Sehnsuchtslandschaft, die für seelische Tiefe, für Weltabgewandtheit und Entrückung steht, beispielhaft zum Ausdruck gebracht in den Bildern Caspar David Friedrichs. Bei Eichendorff lesen wir:

„Abendlich schon rauscht der Wald
Aus den tiefsten Gründen,
Droben wird der Herr nun bald
An die Sternlein zünden.
Wie so stille in den Schlünden,
Abendlich nur rauscht der Wald.
Alles geht zu seiner Ruh.
Wald und Welt versausen,
Schauernd hört der Wandrer zu,
Sehnt sich recht nach Hause.
Hier in Waldes stiller Klause,
Herz, geh endlich auch zur Ruh.“

Wald wird hier zum Gegensatz von Welt, zur Abkehr von derem hektischen und kommerziellen Getriebe. In seinem politischen Gedicht „Klage“ wird der Wald zum Refugium vor den gesellschaftlichen Mißverhältnissen der modernen Zeit, namentlich dem unechten Regiment der Falschen:  
 
„Oh, könnt ich mich niederlegen,
Wohl in den tiefsten Wald
Zu Häupten den guten Degen
Der noch von den Vätern alt
Und dürft von allem nichts spüren
In dieser dummen Zeit,
Was sie dort unten hantieren
Von Gott verlassen zerstreut
Von fürstlichen Taten und Werken
Von alter Ehre und Pracht
Und was die Seele mag stärken
Verträumen die ganze Nacht
Denn eine Zeit wird kommen
Da macht der Herr ein End
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment“

Verharren diese Metaphern noch im Abstrakten, zeichnet „Der Harz“ von Novalis die unmittelbare Beziehung zwischen Landschaft als Heimat und Volk, anschaulich in der zweiten Strophe:

„Weit im deutschen Gefild sieht man der Felsen Haupt
Spät im Sommer vom Schnee noch schwer
Tiefer Fichten bekränzt düster vom Eichenwald,
Der vor Zeiten den Deutschen hehr.“
In der Schlußstrophe erhält das Gedicht einen dezidiert politischen Klang:
„Deutsche Freiheit so wert, werter dem Biedermann
Als des zinsenden Perus Gold
Stehe furchtbar und hehr und unerschütterlich
Wie dein donnerndes Felsenhaupt.“

Schicksalsorte und ­Erinnerunskultur

Überhaupt wird das mythische, völkische Element mit der zunehmenden Konkretion des Ortes selbst griffiger. So gilt der Rhein als deutscher Schicksalsfluß, um den sich der ewige Kampf mit den Franzosen rankt. Gleichzeitig entfaltet er übersinnliche Kräfte, die den Menschen in einen schicksalhaften Bann ziehen, wenn die Jungfrau Loreley ihr goldenes Haar zurechtkämmt. Das Gedicht Heinrich Heines dürfte zu den berühmtesten deutschen Liedern überhaupt gehören. So steht der Annaberg als Sinnbild für die Abwehr polnischer Insurgenten23 und dokumentiert die Marienburg den Kampf des Deutschen Ordens, der die Wurzel für die preußische Staatswerdung und somit des deutschen Staatsverständnisses wurde. Es ist gewiß kein Zufall, daß diese schicksalsbehafteten Orte dem deutschen Volk im Nachgang des Zweiten Weltkrieges entrissen wurden, so wenig wie es Zufall ist, daß andere geschichtsmächtige und -trächtige Orte im Bombenterror vernichtet wurden; die Residenzstadt Würzburg noch am 17. März 1945, Potsdam am 14. April, kurz nach der Vernichtung des fachwerklichen Kleinodes Nordhausen am 3. und 4. April; sie stehen stellvertretend für etliche weitere zerstörte Orte und Städte in der Endphase des Krieges. Daß mit diesen Angriffen nicht mehr die Kampfmoral der Arbeiter getroffen werden sollte sofern das jemals der Fall war, liegt auf der Hand. Stattdessen ging es darum, die in Stein gehauene Geschichte zu vernichten und das deutsche Volk von seinen heimatlichen Wurzeln abzuschneiden.
Doch andere, wie die Wartburg, die Paulskirche oder der Reichstag, die Frauenkirche sind erhalten oder wieder aufgebaut und in unserer Hand geblieben und könnten so als Kristallisationspunkt des Wir-Bewusstseins im Sinne Roman Herzogs dienen, wie auch das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Daß der systemgeprägte Einwohner der BRD von dem Genius loci solcher Orte nicht erfasst wird, ist das eine; das andere ist, daß es schier außerhalb der Vorstellungskraft liegt, daß ein arabischer Flüchtling in irgendeiner Weise emotional berührt werden könnte, wenn er die Wartburg hoch über Eisenach im Glanz der rotglühenden Abendsonne erstrahlen sieht.
Heimat ist somit wesentlich auch der Ort, an den die Mythen des Volkes gebunden sind, wo sie sich verorten. Diese bestimmten Orte, wie bspw. die eben aufgezählten, (und nicht nur allgemein Deutschland) werden von den Mythen zu heiligen Orten erhöht, die dadurch untrennbarer Bestandteil der geschichtlichen Heimat werden. Da jeder Einzelmensch Teil eines Volkes ist und als solcher Anteil an dessen Mythen hat, werden durch ihre Vermittlung also auch alle Orte Heimat, die nichts mit der unmittelbaren Region des eigenen Lebens zu tun haben. Stattdessen bezieht die geschichtliche Heimat die schicksalhafte Erde ein, die das nationale Werden geprägt hat und an der das Volk seine Erinnerungskultur pflegt. Heimat als Sinnbild. Zur deutschen Heimat gehört dann auch für den Kölner das Brandenburger Tor und für den Düsseldorfer der Kölner Dom. Die Geschichte kennt vielleicht nur ein Beispiel, in dem es einem Volk gelungen ist, ohne seinen Heimatboden zu überleben: die Juden. Ursächlich hierfür dürften ihre ausgeprägte Religiosität und ihr noch ausgeprägteres Sonderbewußtsein als auserwähltes Volk sein, nicht zu vergessen auch die strengen Abstammungsregeln. Trotzdem spielte der mythische Faktor der Heimat Palästina im Denken der Juden immer eine zentrale Rolle, um die jahrtausendealte Diaspora zu überwinden. Das vielstrapazierte Bild vom rastlosen Juden findet ja eben seinen mythischen Grund darin, daß der Heimatboden, den er beanspruchte, und in und an dem er Ruhe und Kontemplation hätte finden können, nicht in seiner Hand war.24 Der „Ort“ ist also selbst dann ein unverzichtbarer Bestandteil der Heimat, wenn man ihn „derzeit“ nicht in Besitz hält. Der Freudentanz israelischer Soldaten an der Klagemauer, nachdem sie im Sechs-Tage-Krieg 1967 das vollständige Jerusalem erobert hatten, symbolisierte das anschaulich.25
Zusammengefaßt ist Heimat der Ort der geistigen und räumlichen Ge- und Verbundenheit, der Halt und Schutz bietende Lebens- und Denkraum. Heimat, wie Ort überhaupt, ist damit der Gegenbegriff zum Paradigma der westlich multikulturellen Doktrin, die von Freizügigkeit, Ungebundenheit und Beliebigkeit geprägt ist. Der Ort soll bei ihr deshalb mitsamt aller seiner spezifischen Bezüge ganz in der Universalität aufgehen, zu einem reinen Standort verkommen. Als solcher verliert der Ort aber seine Einzigartigkeit und sinkt herab zu einer kalkulier­baren Größe für Investitionsentscheidungen.26
Indem die Landesverfassung von Nord­rhein-Westfalen, immerhin des größten deutschen Bundeslandes, „Volk und Heimat“ als etwas hinstellt, dem von Staats wegen Liebe abzuverlangen ist, fordert sie die globalen Zwangsvorstellungen der bundesdeutschen Ziffernwelt mit ihrer finanzkapitalistisch geprägten Ubiquität, deren Überall ein Nirgends ist, in ihrem Kern heraus.

Die Botschaft der Vaterländischen Dichtung

Wie sich nun die Liebe zu Volk und Vaterland gestaltet, ist schön an der reichhaltigen vaterländischen Dichtung abzulesen. Zu den bekanntesten Verfassern solcher Werke zählt Ernst Moritz Arndt. Er dichtete in seinem Lied „Sind wir vereint zur guten Stunde“:

„Wem soll der zweite Wunsch ertönen?
Des Vaterlandes Majestät
Verderben allen, die es höhnen
Glück dem, der mit ihm fällt und steht
Es geh durch Tugenden bewundert
Geliebt durch Redlichkeit und Recht
Stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert
An Kraft und Ehren ungeschwächt“

Der Arbeiterdichter Heinrich Lersch textete in seinem „Soldatenabschied“, dessen jeweils letzte Zeile aller Strophen die berühmt gewordenen Worte „Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen“ heißen, folgende Zeilen:

„Wir sind frei, Vater, wir sind frei!
Tief im Herzen brennt das heiße Leben,
Frei wären wir nicht, könnten wirs nicht geben.
Wir sind frei, Vater, wir sind frei!
Selber riefst du einst in Kugelgüssen:
Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott!
Der uns Heimat, Brot und Vaterland geschaffen,
Recht und Mut und Liebe, das sind seine Waffen,
Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott!
Wenn wir unser Glück mit Trauern büßen:
Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!“

Während Arndt das Wort „Liebe“ expressis verbis auf das Vaterland bezieht, bringt sie Lersch metaphorisch zum Ausdruck, wenn er das heiße Brennen des Lebens benennt, jenes Lebens, das es einzusetzen gilt, wenn das Vaterland es einfordert. Damit ist der Leitgedanke der Zeilen benannt: das Opfer, und zwar des höchsten Gutes, des eigenen Lebens. Mit solchem Opfer hebt sich die Liebe zum Vaterland, zu Volk und Heimat von jeder anderen Liebe ab, die zwar auch ihre Opfer fordert. Nirgends aber ist die Opferbereitschaft zum Tode ein solcher Inbegriff der Liebe, wie im Schwertgang für das eigene Land. Auch diesen Gedanken haben wir schon bei Renan gesehen, der sogar noch deutlicher wird:
„Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist.“27
In Zeiten glücklichen Friedens wird das nicht virulent, aber in Zeiten des Kampfes, wo das Vaterland davon lebt, daß die Liebe zu ihm praktische Gestalt annimmt, muß das in der elementarsten Form, die denkbar ist, geschehen. Die Bereitschaft zum eigenen Tod ist dann nicht die Ausnahme, die auch in der Liebe zu einem Menschen gefordert sein kann, sondern die conditio sine qua non der Vaterlandsliebe. Man kann daher sagen, das Opfer ist die Idee der Vaterlandsliebe. Neben Gedichten finden wir sie als literarischen Gegenstand von Tagebüchern und Romanen, von den „Stahlgewittern“ Ernst Jüngers, über den „Wanderer zwischen den beiden Welten“ von Walter Flex, der „Armee hinter Stacheldraht“ Erich Edwin Dwingers bis zu den „Reitern in deutscher Nacht“ von Hanns Heinz Ewers oder den Erinnerungen von Ernst von Salomon („Die Geächteten“, „Der Fragebogen“) oder Heinrich Brüning. Dabei wird nicht nur das Ringen mit dem äußeren, sondern auch jenes mit dem inneren Feind beschrieben, das genau so, oft noch erbitterter, um den Bestand und die Ausrichtung des Landes geführt wurde, wobei es gegen Kräfte ging, die sich erklärtermaßen dem Verrat verschrieben hatten, wie in den Separatistenkämpfen im Rheinland, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hohe Opferzahlen forderten.
Das heißt natürlich nicht, daß es nicht auch subtilere Formen der tätigen Liebe zu Volk und Heimat gibt, als den Kampf aufs Blut, solche die sich in vielfältigem täglichen Einsatz der Bürger um das Gemeinwohl zeigen, von der Brauchtumspflege über sonstige ehrenamtliche Arbeit bis hin zu den wenigen Politikern, die tatsächlich das Wohl Deutschlands bei der Ausübung ihres Amtes mitbedenken mögen. Doch wer von ihnen würde sagen, ich tue es um des Vaterlandes willen? Vielleicht findet sich der eine oder andere unter den Sportlern, die für Deutschland bei den Olympischen Spielen oder der Fußball-WM antreten. Man sollte daher nicht jede Ehrenrunde mit der Deutschlandfahne im Stadion als Marketing-Trick abtun und auch den WM-Patriotismus in Gestalt von schwarz-rot-goldenen Wimpeln am Autodach nicht vorschnell verächtlich machen.

Vom Arbeiterdichter Heinrich Lersch (1889–1936) stammt die Strophe „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müßen!“.
Mit Martin Niemöller (Bild) kann man auch heute fragen: Wie stehe ich eigentlich zu meinem Volk? Viele seiner Angehörigen rufen eher Verachtung als Sympathie hervor. Doch es gibt Gründe, es nicht dabei zu belassen.

Homo bundesrepublicaniensis

Im Jahre 2016 ergeben sich allerdings ernste Zweifel, ob dieses Volk in seiner konkreten Erscheinung Liebe überhaupt verdient. Sie reichen so weit zu fragen, ob es ein deutsches Volk überhaupt noch gibt, ob wir es nicht viel mehr mit bloßen Einwohnern zu tun haben, die unter der Philosophie des Darmes und dem Lebensmotto „Spaß und Fraß“ vor sich hinvegetieren, weil sie auf dem langen westlichen Irrweg in die atomistische Sackgasse zum Allerweltsmenschen alle anderen Nationen zu übertrumpfen glauben müssen.28 Es hat sich ein von den Phrasen der globalisierten Welt erfüllter Archetypus herausgebildet, der die von Arne Schimmer beschriebene Entortung zur Gänze auslebt.
„Er ist kinderloser Single und grenzenlos mobil. Die ihm abverlangte und von ihm gern gelebte Unabhängigkeit machen ihm Bodenhaftung und Vaterland notwendig fremd. Überall zu Hause hat er keine Heimat.“29
Darüber hinaus ist der Deutsche von einer spezifischen Seinsvergessenheit befallen. Hans-Dietrich Sander stellt in seinem Spätwerk „Der ghibellinische Kuß“30 ernüchtert fest:
„Die Deutschen sind tief gesunken. Sie haben sich nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches den fremden Mächten, die über sie Gewalt gewannen, in allen Dingen unterworfen. … Die Deutschen haben ihre eigene Art aufgegeben, ihren Volksgeist, ihre Sitten ihr Rechtsempfinden, ihre soldatischen Tugenden, ihre musischen und philosophischen Dispositionen, ihre religiöse Subjektivität.. … Die Deutschen wollen auch nichts mehr wissen von der geschichtlichen Rolle, die sie in der Mitte Europas immer gespielt haben und die sie wegen ihrer geographischen Lage und ihrer Fähigkeiten immer spielen mußten.“
Schließlich kommt er zu dem bitteren Schluß:
„Die Deutschen wurden persönlich feige und politisch willenlos, kaschiert mit einem forschen Egoismus.“
Für diesen „Deutschen“ hat Thor von Waldstein den treffenden Ausdruck Homo bundesrepublicaniensis geprägt31, den als Deutschen zu bezeichnen, man bisweilen Probleme hat, da er alles vergessen hat, was dieses Volk einst groß gemacht hat. Ähnlichen Sinnes urteilte schon Heinrich von Treitschke mit Blick auf die Jahrzehnte nach dem Westfälischen Frieden:

„Die Fäulnis eines solchen Staatslebens begann bereits den rechtschaffenen Gradsinn des Volkscharakters zu zerstören. Ein Menschenalter voll namenloser Leiden hatte den bürgerlichen Mut gebrochen, den kleinen Mann gewöhnt, vor den Mächtigen zu kriechen. Unsere freimütige Sprache lernte in alleruntertänigster Ergebenheit zu ersterben und bildete sich jenen überreichen Wortschatz von verschnörkelten knechtischen Redensarten, den sie noch heute nicht abgeschüttelt hat.“

Das läßt sich unschwer auf unsere Zeit übertragen. Und dann wird klar: Nicht Merkel ist das Problem, sondern ein Nichtvolk, das Merkel duldet. Es ist schwer, angesichts dessen nicht in Bitternis zu verfallen. Ein solches Phänomen ist nicht neu. Martin Niemöller, der nachmalige Mentor der Bekennenden Kirche, im Ersten Weltkrieg ein hochdekorierter U-Boot-Offizier, wurde nach der Niederlage 1918 und der Novemberrevolution von einer tiefen Depression ergriffen. In seinem Erinnerungswerk „Vom U-Boot zur Kanzel“ schreibt er:
„Ich selber kam mir in den ersten Kieler Tagen in meinem eigenen Vaterland wie ein Fremder vor, so schlimm wie es hier wirklich war, hatte ich mir den Gesinnungswandel doch nicht vorgestellt. Und nirgends sah man damals einen Kristallisationspunkt, wo sich national denkende Männer fanden, um im Unglück zusammenzustehen und Hand anzulegen.“32
Wenige Zeilen später wird er noch direkter:
„Und wie stand ich eigentlich zu meinem Volk? Was ich in diesem Vierteljahr in Kiel und in Elberfeld, in Westerkappeln und in Berlin gesehen hatte, das hatte mich mit tiefer Sorge und Bitterkeit erfüllt.“33
Derartige Zitate bezeugen die schmerzliche Erkenntnis, daß eben nicht nur das jeweilige politische System verrottet, sondern auch das Volk selbst von diesem Auflösungsprozeß ergriffen sein kann. Es ist ein Volk, das seine Mythen verloren hat, das sich nur mehr als Gesellschaft versteht. Viele, allzu viele seiner Angehörigen rufen eher unsere Verachtung als unsere Sympathie hervor. Doch gibt es Gründe, es nicht dabei zu belassen: Denn zum einen verdient unsere Liebe die Heimat, die vielgeschundene, die Zeugnis ablegt für die Größe eines Volkes, das einmal ein Volk war, ein stolzes Volk, das Errungenschaften hervorbrachte wie kaum ein zweites, eine Heimat die ihren Charakter dadurch trägt, daß sie eben eine deutsche Heimat ist mit ihrer Landschaft, ihren Bauten, Flüssen und Seen. Da wir das, was wir wurden, aus ihr sind, schulden wir ihr trotz des Volkes in seinem heutigen Zustand den Einsatz, nicht aus Liebe zum Volk sondern aus Pflicht zur Heimat.
Zum anderen sah man zu allen Zeiten und sieht man auch heute die wenigen Mitstreiter, die sich mit dem Niedergang nicht abfinden wollen und mit uns vereint sind in der Unbill, die sie sich damit zuziehen und die trotz allem in bewundernswerter Weise weitermachen, nicht aufgeben, sondern unentwegt daran arbeiten, daß die Heimat doch noch einmal eines fernen Tages ein Volk im eigentlichen Sinn sehen könnte. Dieses Potential, das in dem Volk steckt, wenn es seine Mythen wiederfindet und die Lügen der falschen Propheten als solche erkennt und abstreift, ist es, dem wir wenigstens empathisch zugeneigt sind. Schließlich vernehmen wir auch Hoffnungsschimmer, daß diese wenigen nur die Sichtbaren sind, hinter denen sich Unsichtbare verbergen: am Stammtisch, am Arbeitsplatz, in Dresden, wo die Herrschaftsclique am Tag der Deutschen Einheit angemessen begrüßt wurde, im Internet. Daß Heiko Maas Gift und Galle sprüht, wenn Facebook nicht nach seiner Pfeife tanzt, hat seine Gründe.
Bei alldem können wir von einem zehren, was nicht nur eine ewige Stimme in uns sagt, sondern was die Lichtgestalten im Landtag noch heute nicht aus der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen zu streichen wagen: nicht nur das Gesetz, das Recht steht auf unserer Seite.

Anmerkungen

1Nichts anstelle vom lieben Gott, Der Spiegel Nr. 3/1969, online: www.spiegel.de/spiegel/print/d-45845435.html, eingesehen am 9. Oktober 2016.
2Wolfgang Löwer/Peter Tettinger, Kommentar zur Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen, München u. a., 2002, Art. 7, Rn. 47. So auch Andreas Heusch/Klaus Schönenbroicher, Die Landesverfassung Nordrhein-Westfalen, Kommentar, Siegburg, 2010, S. 116, unter Berufung auf die jeweils gleiche Drittquelle.
3Landtagsdrucksache 16/12350, online: https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD16-12350.pdf, eingesehen am 10. 10. 2016.
4Georg Jellinek, Allgemeine Staatslehre, 3. Aufl., Kronberg/Ts., 1976, Kapitel XIII.
5Jellinek, a. a. O., Kap. VI.3, S. 144/45.
6Friedrich Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat, 2. Aufl., München und Berlin, 1911, S. 1.
7Roman Herzog, Allgemeine Staatslehre, Frankfurt/M., 1971, S. 43.
8Reinhold Zippelius, Allgemeine Staatslehre, 12. Aufl., München, 1994, § 11, Vorbem., S. 71.
9A. a. O., Gliederungspunkt 4, S. 74.
10Hier entnommen aus der Internetfassung: www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr251s.html, eingesehen am 23. Ok­tober 2016.
11Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, Zweites Buch, Kapitel 9, zitiert nach UTB-Taschenausgabe, Basel, Stuttgart, 1977, S. 111.
12Vom Geist der Gesetze, Buch XIX, Kap. 4. Hier zitiert nach UTB-2. Aufl. Tübingen, 1992, S. 413.
13Statt aller: Verfassungslehre, 8. Aufl., Berlin, 1993, § 1, S. 3 (das ist die erste Seite des Textes).
14Worüber die meisten Quellen schweigen. Einige Hinweise gibt der Historienroman „Der Traum der Vernunft“ von Michael Schneider, 2. Aufl., Köln, 2007, S. 507.
15Schneider, S. 477.
16http://sezession.de/30009/es-lebe-der-volkstod.html, abgerufen am 26. Oktober 2016.
17Herzog, a. a .O.
18Wolfgang Dvorak-Stocker, Nationale Mythen, Neue Ordnung II/2016, S. 36 ff., hier: S. 36.
19Zum Ganzen Dvorak-Stocker, ebenda.
20Walter Flex, Wanderer zwischen beiden Welten, 407.–419. Aufl., o. J., S. 100 f.
21Der Kleinteiligkeit ist hierbei keine Grenze gesetzt: Unter dem Stichwort „Heimat genießen“ brachte die Rheinische Post am 22. Oktober 2016 einen Bericht über die weltweite Verbreitung Düsseldorfer Altbiere: „Alt in aller Welt“, RP, S. D 2.
22Löwer/Tettinger, a. a. O., Rn. 48.
23Kaum ein Ort war für die territoriale Selbstbehauptung des deutschen Volkes nach dem Ersten Weltkrieg von vergleichbarer Symbolkraft. Dort konzentrierten sich die Freikorpskämpfe, die anschließend vielfach Eingang in die nationalrevolutionäre Literatur fanden, z. B. beim heute nahezu vergessenen Hanns Heinz Ewers, Reiter in Deutscher Nacht, Stuttgart/Berlin, 1932, Kapitel I u. II. Aber auch hochrangige Vertreter des Liberalismus wie der spätere FDP-Vorsitzende und Bundesminister Erich Mende schrieben darüber: Was sagt der Annaberg, in: Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik, veränderte Taschenbuchausgabe, München, 1993, S. 392–403.
24vgl. dazu Hans Dietrich Sander, Die Auflösung aller Dinge, München, o. J., S. 43, wo er die Ortlosigkeit der Juden thematisiert und die Sinnlosigkeit einer abstrakten Existenz jenseits von Ort und Zeit problematisiert.
25Instruktiv der Artikel „Die 60er Jahre und der Sechs-Tage-Krieg“ auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung, wo die Klagemauer als der Juden heiligster Ort bezeichnet wird, www.bpb.de/internationales/asien/israel/45052/sechs-tage-krieg, abgerufen am 20. Oktober 2016. Dort ist auch das Foto israelischer Fallschirmjäger abgebildet, die mit verklärtem Blick nahezu andächtig vor der Klagemauer verharren.
26Arne Schimmer, Das Gesetz des Ortes, in: Heiko Luge (Hg.), Grenzgänge, Festschrift für H.-D. Sander, Graz 2008, S. 128.
27A. a. O.
28Thor v. Waldstein, Das falsche Wir, Sezession Nr. 65, S. 11.
29Björn Clemens, Abendbläue, 2. Aufl., Mengerskirchen, 2010, S. 197. Vgl. auch die Kapitel „Die Zahl“ und „Das Kapital“.
30Hans-Dietrich Sander, Der Ghibellinische Kuß, Neustadt/Orla, 2016, S. 9 f.
31Thor v. Waldstein, Der Homo bundesrepublicaniensis, in: Gesellschaft für freie Publizistik (Hg.), Kongreß-Protokoll 1989, Berg, 1990, S. 79 ff., S. 81.
33Martin Niemöller, Vom U-Boot zur Kanzel, Berlin, 1934, S. 142.
33S. 150.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com