Archiv > Jahrgang 2016 > NO III/2016 > Michail Bulgakow 

Michail Bulgakow

Blick vom Podol auf die verschneite Kiewer Oberstadt, rechts die Andreaskirche, im Hintergrund die Sophienkathedrale
Kein „Homo Sowjeticus“, ganz und gar nicht: Michael Bulgakow in den 1920er Jahren
1930 standen in Moskau pro Person nur 5,5 m2 Wohnfläche zur Verfügung. Familien bewohnten je ein ­Zimmer, mehrere Familien mußten sich gemeinsam Küche und Bad einer großen Wohnung teilen. Diese Wohnungsnot war auch politisch gewollt, das gemeinsame Leben in den sogenannten Kommunalwohnungen sollte zur Auflösung der bürgerlichen Familie führen. Doch das Streben nach Privatsphäre und Abgrenzung verlangte schon im begrenzten Raum der Gemeinschaftsküchen seinen ­Tribut.

Von Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker


Manuskripte brennen nicht

Wenn man in Kiew die Wladimirstraße vom Goldenen Tor an der vielkuppeligen Sophienkathedrale vorbei zur merkwürdig barocken Andreaskirche läuft, stößt man auf den Andreevskij Spusk, der steil hinunter in den Stadtteil Podol ans Ufer des Dnepr führt. Auf diesem Abhang, wo heute Maler und Kunsthandwerker aller Art ihre Produkte zum Verkauf anbieten, befindet sich auch das Elternhaus Michail Bulgakows, das in seinem ersten Roman „Die weiße Garde“ eine herausragende Rolle spielt.

Vierzehn Machtwechsel durchlebte Kiew nach Bulgakows eigener Zählung in jenen Monaten zu Ende des Ersten Weltkrieges als deutsche Truppen, zarentreue Weißrussen, ukrainische Nationalisten und Bolschewiki um die Stadt rangen. In dieser von Straßenkämpfen, Zwangsrekrutierungen und willkürlichen Erschießungen geprägten Atmosphäre überlebten die „Turbins“, wie Bulgakow die seiner eigenen Familie nachempfundenen Protagonisten des Romans nennt, allein durch die ewigen vorpolitischen Werte familiären Zusammenhalts, durch Freundschaft und Kameradschaft. Nur den ersten Teil dieses als Trilogie angelegten Werkes vollendete Bulgakow, sein Handlungsbogen spannt sich bloß von der Eroberung der Stadt durch die Nationalisten Petljuras im Dezember 1918 bis zu deren Übernahme durch die Rote Armee im Februar 1919. Das Chaos und die Verwirrung, die unterschiedlichen durch die Stadt eilenden Gerüchte, den mordbereiten politischen Haß und die Angst der Bevölkerung macht Bulgakow zum Hauptthema seiner Darstellung. Die Haltung der Turbins ist dabei klar: Mit anderen Offizieren und Junkern kämpfen sie in der Freiwilligenarmee des von den Deutschen eingesetzten Hetmans Skoropadskyj und des weißen Generals Fürst Dolgorukow. Diese lassen die Freiwilligen über die wahre Stärke der gegen Kiew ziehenden Bauernarmee unter dem heute hochgeehrten, späteren Präsidenten der Ukraine Simon Petljura aber im unklaren. Als die Lage aussichtslos wird, setzen sie sich ab und überlassen die eigenen Leute ihrem Schicksal. Wer nicht flieht, wird vom übermächtigen Feind gnadenlos niedergemacht.
Die weiße Garde
Bulgakow selbst, der während des Ersten Weltkriegs als Landarzt gearbeitet hatte, wurde von den siegreichen ukrainischen Nationalisten zwangsrekrutiert, setzte sich jedoch bald ab und schloß sich dem weißrussischen General Denikin am Kaukasus an. An Typhus erkrankt, liegt Bulgakow in Fieberträumen, als die Stadt Wladikawkas von der Roten Armee eingenommen wird. Seinen Beruf als Arzt hat der Dichter ab diesem Zeitpunkt nie mehr wieder ausgeübt.
 In den folgenden Jahren findet Bulgakow zu einer Einsicht, die auch in seinem Alter Ego im Roman – zeitlich verfrüht – reift: die geliebte, verfeinerte Welt des alten Rußlands ist unwiderruflich dahin, die Geschichte selbst war als ungerufene, aber ultimative Macht in sein friedliches, auf kulturelle und geistige Interessen gerichtetes Leben eingebrochen. „Wir sind besiegt“, heißt es im Roman, „Oh, nur wer selbst besiegt worden ist, weiß wie dieses Wort aussieht! ... Es gleicht einem Zimmer, auf dessen Tapeten sich grüner Schimmel ausbreitet, voll krankhaften Lebens. Es gleicht rachitischen Dämonenkindern, ranzigem Pflanzenöl, einem schmutzigen Fluch aus einem Frauenmund im Dunkeln. Kurzum, es gleicht dem Tod.“
 Im November 1919 hatte Bulgakow noch in der Lokalzeitung der Stadt Grosny einen Durchhalte-Appell veröffentlicht und zum gnadenlosen Kampf gegen die als „gesinnungslose Schurken und Rasende“1 bezeichneten Bolschewiki aufgerufen. „Wir haben begonnen, den Kelch der Vergeltung zu trinken, und wir werden ihn bis zur Neige austrinken …“, hieß es darin etwa. Nun aber sah Bulgakow keinen anderen Weg, als sich dem Neuen zu stellen. Der Haß der Bauern, der „Gottesträger“ Dostojewskis, auf die oberen Schichten wird in der „Weißen Garde“, bereits deutlich und der Dichter zeigt verhaltenes Verständnis. Den nationalistischen „Pogrom-Helden“ Petljuras stehen die Turbins aber völlig feindselig gegenüber, schon die ukrainische Sprache ist ihnen verhaßt. Die schließlich siegreich heranrückende Rote Armee erscheint demgegenüber sogar als das kleinere Übel – zumindest aber als Träger eines großrussischen Nationalismus.
In gewisser Weise scheint Bulgakow also die Unabwendbarkeit einer gewaltigen Bauernrevolution mit der Schreckensherrschaft einer halb analphabetischen, jahrhundertelang erniedrigten Schicht, die alle Erfahrungen der Französischen Revolution und des Jakobinerterrors in den Schatten stellen würden, als unabwendbar empfunden und diese Erkenntnis auf sein Alter Ego Alexei Turbin im Roman projiziert zu haben.2
 Vielleicht rührten Bulgakow auch Gedanken an, die Georges Bernanos während des Spanischen Bürgerkriegs hegte und Nikolai Berdjajew angesichts des Bürgerkriegs zwischen Weiß und Rot in Rußland. Den weißrussischen General Slastschow, der die Eroberung der Krim durch die Rote Armee mit totalem Terror aufzuhalten versuchte und der für die orthodoxe Kirche ein neuer „heiliger Georg“ war, schildert Bulgakow in einem in den frühen 1920er Jahren verfaßten, aber nie aufgeführten Stück jedenfalls als neuen Pilatus, der über Leichen geht, um die althergebrachte Ordnung aufrechtzuerhalten.3 Interessanterweise hat Joseph Stalin gerade dieses Stück als „antisowjetisch“ eingestuft und damit dessen Verbot sanktioniert.4
 Der rechtskatholische französische Romancier George Bernanos war 1936 begeistert zu den aufständischen Spaniern geeilt, einer seiner Söhne hat sich gar der Falange angeschlossen. Doch was Bernanos in Spanien sah, schreckte ihn ab: „Ich bin Zeuge einer Revolution des Militärs und des Klerus. Es ist ein widerliches Schauspiel. Man kann sich keine paradoxere Mischung aus Zynismus und Heuchelei vorstellen“, schrieb er schon Anfang 1937. Er mußte mit ansehen, wie die Behörden zu prüfen begonnen hatten, wer an der Kommunion teilnahm und wer nicht. Während daraufhin die Masse der Bevölkerung sonntags in die Kirchen drängte, „jagten die Säuberungskommandos durch die Dörfer und liquidierten die Widerspenstigen“. Für Bernanos waren solche Aktionen schlicht „Kirchenschändung“, und die damals kommunistische Philosophin Simone Veil bekannte aufgrund dessen in einem Brief, daß sie sich Bernanos näher fühle als ihren kommunistischen Genossen. Später konvertierte Simone Veil zum Christentum und starb 1943, nur 34 Jahre alt, in England.
 Vielleicht noch deutlicher wurde der russische Philosoph Nikolai Berdjajew, der in den meisten konterrevolutionären Kräften den Alptraum eines „bösen Guten“ sah: „Eine Tscheka im Namen Gottes ist schrecklicher als eine Tscheka im Namen des Teufels. Im Namen des Teufels ist alles erlaubt, aber nicht im Namen Gottes. Darum hat der Teufel in unserer Welt auch immer den größeren Erfolg.“5
 Homo sovieticus
Ein sowjetischer Schriftsteller ist Bulgakow dennoch nie geworden. Allerdings wagte er (im Unterschied zu zweien seiner Brüder) den Gang in die Emigration letztlich nicht, sondern übersiedelte 1921 nach Moskau, um als Schriftsteller zu arbeiten. In den ersten Jahren mußte Bulgakow aber alle möglichen Gelegenheitsarbeiten annehmen, um nicht mit seiner Frau einfach zu verhungern. Als Wohnraum stand dem Ehepaar anfangs nur ein Zimmer in einer Kommunalwohnung zur Verfügung, worunter der Dichter extrem litt.6 Durch den starken Zuzug bäuerlicher Schichten in die Städte war man dazu übergegangen, große Wohnungen so aufzuteilen, daß jeder Familie ein Zimmer zugewiesen wurde, während Küche und Bad geteilt werden mußten. 1930 stehen in Moskau nur 5,5 m² Wohnfläche pro Person zur Verfügung. Die Wohnungsnot war jedoch nicht nur Ergebnis der sozialen Veränderungen, sondern durchaus politisch gewollt: Das gemeinsame Leben in Kommunalwohnungen sollte zur Auflösung der bürgerlichen Familie führen und den kommunistischen Menschen hervorbringen. In den als Prototypen errichteten Kommunehäusern sollten die Menschen alles, bis hin zur Unterwäsche, teilen und kollektive Pflichten, wie Kochen oder Kinderpflege, abwechselnd wahrnehmen. Auch wenn nur wenige solche Häuser gebaut wurden, mußten doch viele Arbeiterfamilien in kasernenartigen Unterkünften wohnen, deren einzelne „Räume“ nur mit Vorhängen voneinander abgetrennt waren. Auch in den komfortableren, neu errichteten Kommunalhäusern wurden die Wände zwischen den einzelnen Zimmern aus extradünnem Material hergestellt und reichten oft nicht einmal bis zur Decke, sodaß jedes gesprochene Wort von den Nachbarn belauscht werden konnte und gegenseitige Kontrolle möglich war. Die Russen verwandelten sich in ein Volk von „Flüsterern“7. Zu einem Hort des Unfriedens, schon allein wegen der gemeinsamen Benutzung derselben Küche durch verschiedene Familien, sind diese Kommunalwohnungen trotzdem geworden. Viele Denunziationen der 1930er Jahre haben ihren Ursprung in Neid und persönlichen Animositäten. Nur eine kleine Schicht von Ärzten, Ingenieuren und anderen für die Sowjetmacht unverzichtbaren „Intelligenzlern“ vermochte sich in diesen Jahren eine privilegiertere Stellung zu sichern.
 Die Einführung der Planwirtschaft durch die siegreichen Kommunisten hatte zudem zu einer landesweiten Hungersnot und Bauernaufständen geführt. Neue Kleidung und andere Konsumgüter waren faktisch nicht mehr erhältlich. Das gewaltige Anschwellen der Bürokratie – schon drei Jahre nach der Revolution mußte die zehnfache Menge von Beamten im Vergleich zur Zarenzeit ernährt werden – trug mehr zur Verschärfung des Problems bei als zu seiner Lösung. Lenin reagierte 1921 mit der Einführung der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NEP), die Kleinbauern und Gewerbetreibenden gewisse Freiheiten einräumten. Zum Ärger der überzeugten Bolschewiki führte dies zu einem sofortigen wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch zur Bildung einer Klasse Neureicher.8
In dieser Zeit schrieb Bulgakow nicht nur an seinem ersten Roman, sondern konnte auch einige satirische Erzählungen und ein Theaterstück veröffentlichen, in dem er sich kritisch mit der sowjetischen Wirklichkeit auseinandersetzte. 1925 kommt auch die Theaterfassung der „Weißen Garde“ unter dem Titel „Die Tage der Turbins“ auf die Bühne, von Bulgakow auf mehrfache Intervention widerwillig mit einem sowjetfreundlicheren Ende versehen. Dann aber geht es Schlag auf Schlag. Die Zeitschrift, die „Die weiße Garde“ bereits zu zwei Drittel veröffentlicht hatte, wird verboten, die Sammlung seiner ersten Erzählungen unter dem Titel „Teufeliaden“ kurz nach der Veröffentlichung beschlagnahmt. Die bedeutendste Erzählung aus dieser Zeit, „Hundeherz“, wird überhaupt erst 62 Jahre nach ihrer Entstehung zum ersten Male gedruckt. Die Behörde beschlagnahmt das Manuskript und Bulgakows Tagebücher, in denen dieser aus seinem Haß auf die Sowjetunion keinen Hehl gemacht hatte. Nur eine Intervention Maxim Gorkis, der Bulgakow als Schriftsteller überaus schätzte, ist es zu verdanken, daß dieser das beschlagnahmte Manuskript seines Romans wieder zurückerhielt und jener in der Folge veröffentlicht werden konnte.9

Erst 62 Jahre nach seiner Entstehung konnte der Roman „Hundeherz“ erstmals in der Sowjetunion erscheinen, bereits im folgenden Jahr 1988 wurde er von Wladimir Bortko kongenial in Sepia verfilmt. Im Ausland war die Erzählung bereits ab 1968 in verschiedenen Sprachen erhältlich und wurde 1976 in einer italienische-deutschen Co-Produktion verfilmt.
Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Verfolgung der Kulaken und die trotz witterungsbedingt schlechter Erträge gleichgebliebenen Ernte- Ablieferungsmengen führten am Beginn der 1930er Jahre zu 8,5 Millionen Hungertoten, vor allem in Kasachstan und der Ukraine. Hunderttausende Kinder streiften als Waisen durchs Land, weil ihre Eltern verhungerten oder deportiert wurden, allein die staatlichen Waisenhäusern beherbergten mehr als 800.000 Insassen.
„Meister und Margarita“ ist der Roman, der Bulgakow Weltruhm einbrachte. Die Titelheldin wird zur Hexe, um ihren Geliebten „Meister“ retten zu können. Ein breit angelegtes satirisches Panorama des kommunistischen Moskau und seiner Gesellschaft entfaltet sich, wobei der Satan als mitleidlos rächende Gestalt die göttliche Weltordnung exekutiert. Auch dieser Roman wurde von Wladimir Bortko verfilmt.
Der „große Terror“ füllt die Lager des Gulag mit Millionen Häftlingen, von der Repression sind aber in erster Linie Kommunisten betroffen.

Hundeherz

Der kaum 140 Seiten starke Kurzroman „Das hündische Herz“ ist eine Satire der besonderen Art auf die sowjetische Gesellschaft. Protagonist ist ein auch in der neuen Gesellschaft erfolgreicher Professor, dessen Schönheitsoperationen ihm die Unterstützung höchster Kreise garantieren. Dieser stattet den Hund Scharik (auf russisch „Kügelchen“, ein typischer Hundename; in der deutschen Übersetzung von Alexander Nitzberg nun „Lumpi“ genannt) mit einer menschlichen Hypophyse und menschlichen Gonaden aus. In der Folge verliert der Hund Schritt für Schritt sein Haar. Er beginnt aufrecht zu gehen, zu sprechen und verwandelt sich zunehmend in einen Menschen. Das Endergebnis läßt jedoch zu wünschen übrig. Ob es am hündischen Ursprung liegt oder der Spender der menschlichen Anteile schuld war, der dem halbkriminellen Lumpenproletariat entstammte, bleibt offen. Scharikow oder Lumpikow, wie sich der neue Sowjetbürger nennt, geht auch als „neuer Mensch“ seiner ursprünglichen Passion nach: Mit Lederjacke, Pistole und Schaftstiefeln, in der Uniform eines sowjetischen Schergen, widmet er sich als staatlicher Funktionär der Vernichtung streunender Katzen. Doch damit nicht genug: Sein Anspruchsdenken, sein proletarisches Benehmen und seine sich immer weiter steigernde Identifikation mit der kommunistischen Doktrin läßt ihn zur Bedrohung für seinen Schöpfer werden. Gemeinsam mit seinem Gehilfen überwältigt ihn dieser schließlich und macht die Operation rückgängig. Wenige Tage später melden sich Milizionäre auf der Suche nach dem Genossen Scharikow und verdächtigen den Professor, diesen ermordet zu haben. Doch dieser führt ihnen ungerührt das sich wieder langsam in einen Hund zurückverwandelnde Wesen vor. Daß dieser früher sprechen konnte, räumt Professor Preobraschenski auf Nachfrage ein und ruft aus: „Das bedeutet noch lange nicht, Mensch zu sein!“ In der Schlußszene des Buches genießt der ganz wieder Hund gewordene Scharikow die Wärme der geheizten Wohnung und beglückwünscht sich, den ehemaligen Straßenköter, hier Aufnahme gefunden zu haben.
 Die Botschaft der Satire ist klar: Nicht einmal die Wissenschaft kann ein Individuum auf ein höheres kulturelles Niveau heben. Der Kommunismus, der damals gezielt Abkömmlinge niedrigster Schichten auf Leitungsfunktionen hob, muß scheitern. Gerade in der Frühzeit der Sowjetunion galt sogar bäuerliche Herkunft als Stigma. Wer hingegen aus der Arbeiterklasse oder der ärmsten besitzlosen Landbevölkerung stammte, konnte auf gute Karrierechancen rechnen. Doch wahrer gesellschaftlicher Aufstieg läßt sich weder ideologisch verordnen, noch mit den Methoden des „Managerial State“ (Paul Gottfried), der heute wie in der Frühphase der Sowjetunion fröhliche Urständ’ feiert, herbeiführen; er ist ausschließlich Ergebnis eines mühevollen Prozesses der Selbsterziehung und -veredelung, zu der freilich nur wenige imstande sind. Im übrigen gilt: Jeder an seinem Platz. Das Los eines herrenlosen Straßenköters ist bemitleidenswert, der Hund, für den sein Herr sorgt, hat es gut. Dies kann auch auf den Staat umgelegt werden: Niemand soll auf der Straße sich selbst überlassen werden. Wer jedoch nicht in der Lage ist, für sich selbst zu entscheiden, muß sich mit dem Platz zufrieden geben, der ihm zugewiesen wird, wenn seine grundsätzlichen Lebensbedürfnisse erfüllt werden.
 So sehr der heutige Leser mit Prof. Preobraschenski sympathisiert, etwa wenn dieser seinem Assistenten erklärt, wie gesundheitsschädlich sich das Lesen sowjetischer Zeitungen, insbesondere der „Prawda“, auswirkt – Bulgakows Sympathie galt ihm jedoch gewiß nicht. Preobraschenski ist nicht nur dank seiner Schönheitsoperationen für die sowjetische Elite ein Profiteur der politischen Verhältnisse, sondern andererseits mit seinem unbedingten Glauben an die Gestaltbarkeit des Leben durch wissenschaftliche Prinzipien sogar ein typischer Vertreter der kommunistischen Zukunftsverheißung.
 In einer nicht unwitzigen Szene charakterisiert Bulgakow seinen Protagonisten auch als Exponenten jener sowjetischen Funktionselite, die schon damals trotz aller kommunistischen Verheißungen „gleicher“ als die Masse der Bevölkerung war. Im unter extremer Wohnungsnot stöhnenden Moskau, in dem schon eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung für eine Familie als Luxus galt, bewohnt Preobraschenski allein mit seinem Hausmädchen eine Flucht von sieben Zimmern (die teilweise freilich auch als Ordination genützt werden). Als das Hauskomitee die Abtretung von nur zwei Zimmern zur Einquartierung Wohnungssuchender verlangt und erklärt, daß sieben Zimmer für eine einzelne Person unangemessen seien, stimmt ihnen der Professor leidenschaftlich zu – und verlangt ultimativ einen achten Raum für seine Bibliothek, da er es tatsächlich als unzumutbar empfände, mit nur sieben Zimmern auskommen zu müssen.

 Feind der Sowjetunion

Auch wenn Bulgakow nun in der Presse als „Reaktionär“ und „Feind der Sowjetunion“ gebrandmarkt wird – „Die Tage der Turbins“ wurden dennoch nicht vom Spielplan genommen. Dies lag wohl daran, daß das Schauspiel einen ganz besonderen Liebhaber gefunden hatte: Ganze fünfzehnmal hat Josef Stalin selbst das Stück im Moskauer Künstlertheater gesehen und mehrfach dessen Absetzung verhindert. Mit mehr als eintausend Aufführungen war es über ein Jahrzehnt der größte Moskauer Publikumserfolg in der frühen Phase der Sowjetunion, durfte jedoch in keiner anderen Stadt aufgeführt werden. Bulgakow sah sich damit jedoch in seinem künstlerischen Anspruch bestätigt, „leidenschaftslos über den Roten und den Weißen zu stehen“10. Der deutsche Leser mag hier auch an den Schriftsteller Edwin Erich Dwinger denken, der selbst in noch weit aktiverer Rolle als Bulgakow auf der Seite der Weißen (nämlich General Koltschaks in Sibirien) am Bürgerkrieg teilgenommen hatte und diesen in seinem Bestseller „Zwischen Weiß und Rot“ beschrieb. Der von Moskau nach Berlin entsandte Kommunistenführer Karl Radek bemühte sich daher auch um eine Übersetzung dieses Werkes ins Russische, wozu es aufgrund der in den 1930er Jahren veränderten politischen Umstände allerdings nicht mehr kam.
 Bulgakow jedenfalls schreibt weiter Theaterstücke für das Moskauer Künstlertheater, die jedoch gar nicht zur Aufführung zugelassen oder bald abgesetzt werden. Stalin selbst werden zwei Stücke Bulgakows zur Beurteilung vorgelegt, die er als „antisowjetisch“ bzw. „Schund“ einstuft. Die auch in der Presse gegen ihn entfachte Kampagne macht dem Dichter zunehmend zu schaffen, verschiedene, meist psychosomatische Erkrankungen quälen ihn. Mehrfach bittet Bulgakow die Sowjetregierung um Ausweisung. In einem Brief, den er am 28. März 1930 an die Regierung der UdSSR richtete, heißt es: „Ich beweise mit den entsprechenden Dokumenten, daß die gesamte Presse der UdSSR … jahrelang … einmütig und mit außerordentlicher Wut zu beweisen trachteten, daß die Werke Michail Bulgakows in der UdSSR keine Existenzberechtigung haben. Und ich behaupte, daß die Presse der UdSSR vollkommen recht hat.“11 Drei Wochen später klingelt sein Telefon: Eine Stimme teilt Bulgakow mit, daß der „Genosse Generalsekretär“ mit ihm sprechen möchte. Stalin selbst hat angerufen. Bis an sein Lebensende wird Bulgakow bereuen, auf dessen Nachfrage geantwortet zu haben, er könne es sich eigentlich nicht vorstellen, als russischer Schriftsteller außerhalb seiner Heimat zu leben und würde es vorziehen, in Moskau zu bleiben, wenn er nur eine entsprechende Arbeitsmöglichkeit hätte. Daraufhin sichert ihm Stalin einen Posten als Dramaturg am Moskauer Künstlertheater zu und lädt ihn zu einem persönlichen Gespräch ein. Zu diesem wird es jedoch nie kommen.
 Eine gewisse Ehrfurcht gegenüber dem Diktator konnte sich Bulgakow damals nicht versagen –  ähnlich wie Prokofjew und Schostakowitsch, die Achmatowa oder Pasternak. Außerdem verband er mit dessen Wende vom revolutionären sozialistischen Internationalismus zum nationalen „Sozialismus in einem Land“ sowie der Abrechnung mit Trotzki und anderen Altbolschewiken kurzfristig politische Hoffnungen.12

 Stalinismus

In Wahrheit hatte jedoch bereits der erste Vierjahresplan von 1929 einen äußerst negativen Wendepunkt in der Sowjetgeschichte eingeleitet. Hatte es während der NEP noch 400.000 registrierte Privatunternehmen gegeben, wurden diese nun mit bürokratischen Maßnahmen (extrem hohe Steuern, Entzug des Wahlrechts etc.) vernichtet. Zudem zerstörte die Kollektivierung der Landwirtschaft die jahrhundertealte dörfliche Lebensweise in Rußland. Verbunden mit der Einführung der Kolchosen war die Verfolgung der „Kulaken“, also der wohlhabendsten und damit meist tüchtigsten Bauern. Jedem Dorf wurde eine Quote von drei bis fünf Prozent von Familien auferlegt, die zu deportieren seien, völlig unabhängig davon, wie die Besitzverhältnisse in Wirklichkeit waren. Insgesamt sollten sechs Millionen Menschen in Arbeitslager oder Sondersiedlungen verschickt werden. Die Folgen für die Landwirtschaft sind katastrophal, so halbiert sich der Rinderbestand der Sowjetunion binnen weniger Jahre. Als auch wetterbedingt die Ernten 1931 und 1932 schlecht ausfallen, werden dennoch die gleichen Ablieferungsmengen eingefordert wie in den beiden vorangegangenen Rekordjahren. In der Folge sterben zwischen 4,6 und 8,5 Mio. Landbewohner an Hunger und Krankheit, vor allem in der Ukraine und Kasachstan. Auch die Zahl der Gulag-Häftlinge verhundertfacht sich in kurzer Zeit auf eine Million im Jahr 1934. Hunderttausende Kinder streifen als Waisen durchs Land, weil ihre Eltern verhungerten oder deportiert wurden, allein die staatlichen Waisenhäuser beherbergen mehr als 800.000 Insassen. Ihnen wird eine neue Identität verordnet, viele werden nie erfahren, wie sie ursprünglich geheißen haben, wer ihre Eltern waren und warum diese verhaftet wurden. Die staatliche Jugendorganisation der „Pioniere“ fordert zudem ihre Mitglieder offen auf, die eigenen Eltern im Anlaßfalle zu denunzieren. Abkömmlinge oberer Schichten oder wohlhabenderer Bauernfamilien dürfen keine höheren Schulen besuchen und nicht studieren, weder dem Konsomol noch der Roten Armee beitreten. Mehr und mehr verheimlichen ihre Herkunft, Eltern sprechen mit ihren eigenen Kindern nicht mehr über Politik oder Religion, ja sogar Ehepartner verschweigen einander eine ungünstige Klassenherkunft. Erst in der Zeit von Michail Gorbatschows „Perestroika“ wird in vielen Familien wieder langsam damit begonnen, offen miteinander zu sprechen.13
 Doch die Gesellschaft ändert sich noch in einer anderen Hinsicht: Waren die Bolschewiki der ersten Generation noch persönlich bescheiden gewesen und hatten sie die kommunistische Armut des ganzen Volkes weitgehend geteilt, war die nächste Generation von Funktionären dazu nicht mehr bereit. Auch die neue industrielle Elite hatte höhere Ansprüche. Ab 1931 werden wieder abgetrennte Familienwohnungen gebaut, der zweite Fünfjahresplan (1932–1937) setzt insbesondere auf Produktionssteigerungen in der Konsumgüterindustrie. Millionen Kinder erinnern sich an diesen Zeitraum als jenen, in dem sie ihr erstes Paar Schuhe bekamen. Aber auch Grammophone, Parfums und Champagner werden wieder in größerem Maße produziert. Aufgrund des katastrophalen Sinkens der Geburtenrate wird sogar die Propaganda gegen die Familie eingestellt, Eheringe, 1928 als christliches Relikt verboten, tauchen nach 1936 wieder in den Läden auf. Die Scheidungsgesetze werden verschärft, Homosexualität als illegal erklärt.14
 Für Bulgakows scheint jedoch die Existenz anfangs gesichert. Optimistisch schreibt er Theaterstücke über Molière, Ivan den Schrecklichen, Puschkin und ein Drehbuch für die Verfilmung von Gogols „Tote Seelen“. All diese Projekte werden jedoch nicht umgesetzt oder, wie im Falle Molières, trotz großem Publikumserfolg nach einem Verriß in der „Prawda“ abgesetzt. Mehrere Ersuchen um die Genehmigung einer befristeten Auslandsreise werden ebenfalls abschlägig beschieden. Zunehmend desillusioniert, weigert sich Bulgakow, die immer neu verlangten Änderungen an seinen Theaterstücken durchzuführen, um deren Aufführung vielleicht doch noch zu ermöglichen. Neue Hoffnung gibt ihm 1936 ein Vertrag mit dem Bolschoi-Theater, ein Opernlibretto pro Jahr zu liefern. Doch auch von diesen wird kein einziges zur Aufführung gebracht.

 Meister und Margarita

In diesen Jahren arbeitete Bulgakow erneut an einem Roman, dessen erste Fassung er – analog zur Handlung seines Titelhelden – 1930 noch verbrannt hatte: „Der Meister und Margarita“ wird ihm schließlich Weltruhm einbringen, obwohl er erst Jahrzehnte nach seinem Tod – und dies in einer stark zensierten Fassung – erstmals 1967 in der Sowjetunion erscheinen konnte. Trotzdem war den russischen Intellektuellen sofort klar, daß sie ein Jahrhundertwerk russischer Prosa aus der Feder eines längst vergessenen Autors in Händen hielten. Doch noch bis in die 1990er Jahre sollte es dauern, bis das Buch eine Millionenauflage in Rußland und schließlich auch weltweit erfuhr und zum Kultwerk gerade unter Jugendlichen wurde. Verschiedene Subkulturen von orthodoxen Christen bis hin zu Satanisten behandelten es mit nahezu religiöser Ehrfurcht, mittlerweile ist es das vielleicht meisten kommentierte Buch russischer Sprache.15
 Seine inhaltliche Fülle kann hier nicht annähernd wiedergegeben werden, doch einige Aspekte seien herausgegriffen. Der hauptsächliche Handlungsstrang dreht sich um den Teufel, der unter dem Namen Voland um 1930 mit seiner Gefolgschaft nach Moskau kommt, um dort seinen jährlichen Satansball auszurichten. Die Begegnungen dieser Truppe mit verschiedenen Repräsentanten der sowjetischen Gesellschaft zeigen rasch, daß der kommunistische Anspruch, einen „neuen Menschen“ zu schaffen, auf ganzer Linie fehlgeschlagen ist: Die Moskauer sind gierig, bestechlich und korrupt wie eh und je, nichts hat sich geändert. In zahllosen grotesken und für den Leser überaus heiteren Episoden wird diese Erkenntnis vorgeführt.
 Nur eines ist neu: Unter den Intellektuellen hat sich der Atheismus breitgemacht. Daß man Gott für eine Fiktion hält, belustigt den Teufel beim Gespräch mit dem Vorsitzenden der wichtigsten Moskauer Autorenvereinigung. Doch daß dieser auch den Glauben an ihn, den Teufel, leugnet, bestürzt ihn. Wie können Menschen glauben, ihr Schicksal in der Hand zu haben, wenn sie nicht einmal wissen, ob sie in einer Stunde noch am Leben sein werden? Seinem Gesprächspartner sagt der Satan den unmittelbar danach erfolgenden Tod präzise voraus. Damit wird freilich auch der Anspruch der sozialistischen Planwirtschaft, die Zukunft präzise berechnen zu können, ad absurdum geführt.
Bei diesem Gespräch berichtet Voland ebenfalls von der Begegnung Jesu mit Pilatus, deren geheimer Zeuge er behauptet gewesen zu sein. Jesus wird in diesem Bericht als überaus beeindruckender Philosoph der Gerechtigkeit und Menschenliebe geschildert, durchaus jedoch nicht als Gottes Sohn mit übermenschlichen Fähigkeiten. Ein Plan Gottes zur Entsühnung der Menschheit durch Kreuzestod und Auferstehung Christi existiert in diesem „Voland-Evangelium“ (Ralf Schröder) nicht. Volands Erzählung geht nahtlos in den Jesus-Roman des „Meisters“ über, der den zweiten Handlungsstrang des Buches bildet und den dieser verbrennt, als er in die Mühlen der stalinistischen Dissidentenverfolgung gerät. Bulgakow, der für sich selbst ein christliches Begräbnis abgelehnt hat16, hält an der Historizität des Jesus von Nazareth als überragenden Philosophen der Menschheitsgeschichte unbedingt fest. Schon anläßlich seines Besuches der Gottlosen-Zeitschrift hat er sich in seinem Tagebuch darüber erregt, daß dort die Existenz Jesu Christi überhaupt geleugnet oder dieser „als Unhold oder Spitzbube“ dargestellt wird: „Dieses Verbrechen ist beispiellos.“17
Am Ende von „Meister und Margarita“ hebt Bulgakow diese Sichtweise Christi jedoch auf: Dieser erscheint nun als Herrscher des Lichts. Er entsendet seinen Jünger Matthäus, um für den Meister und Margarita zu bitten. In den Himmel können diese nicht aufgenommen werden, doch haben sie Ruhe verdient. Der Teufel fügt sich anstandslos dem Wunsche Christi und gibt auf dessen Fürsprache hin auch Pilatus frei, der für sein Urteil fast 2000 Jahre Buße tun mußte.

 Jedem geschieht nach seinem Glauben

Obwohl Bulgakows Satan sich wie Goethes Mephisto „Voland“ nennt, ist seine Funktion eine ganz andere. Während Mephisto Gott die Dummheit und Schwäche seines Geschöpfs beständig vor Augen führen möchte, versteht sich Bulgakows Voland als Teil der göttlichen Weltordnung und straft Übeltäter – wie Pilatus – mitleidlos. Dies wird auch bei dem großen Ball deutlich, den er in Moskau veranstaltet. Durch Magie verwandeln sich die Zimmer einer kleinen Wohnung in festliche Hallen, die zehntausenden Gästen Platz bieten, die – wie bei „Harry Potter“ – durch den Kamin kommen. Nicht nur Mörder und Übeltäter, auch Machtmenschen und Karrieristen erscheinen und sind für diese eine Nacht des Jahres von ihren Qualen befreit. Einer von ihnen findet an diesem Abend jedoch tatsächlich Erlösung: Frieda, die, vom Arbeitgeber vergewaltigt, ihr Kind getötet hatte. Ihr Schicksal rührt das Herz von Margarita, der zweiten Protagonistin des Romans, die in der Hoffnung, ihrem Geliebten, dem „Meister“ helfen zu können, mit dem Teufel einen Bund geschlossen hatte und zur Ballkönigin des Abends geworden war. Ihr Zorn wendet sich gegen die Dämonen, die die Kindesmörderin Frieda und nicht den eigentlich Schuldigen unbarmherzig quälen, und sie vermag es am Ende des Abends, die Strafe von der Unglücklichen abzuwenden. Gleich zwei sowjetische Funktionäre ereilt in dieser Nacht jedoch ein anderes Schicksal: Ein stalinistischer Spitzel wird von einem Gehilfen Volands erschossen, der Kopf eines anderen dem Publikum präsentiert. Dieser gehört einem Kulturfunktionär und überzeugten Atheisten, und noch immer vermag der Tote zu sehen und zu hören, was um ihn vorgeht. „Jedem geschieht gemäß seines Glaubens“, erklärt ihm Voland. „Nun denn, möge es so sein! Sie gehen in den Zustand des Nicht-Seins über, ich indes werde mich glücklich schätzen, aus dem Kelch, in den ich sie verwandeln werde, zu trinken: Auf den Zustand des Seins!“
Das Grundthema des Romans ist die conditio humana, „die Frage nach der menschlichen Existenz als Problem des Zusammenhangs von Endlichem und Unendlichem, das Prinzip des Guten und das Prinzip des Bösen, die Forderung unbedingter Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, die Gefährdung des Menschen durch Materialismus, Fremdlenkung, Unmündigkeit, Feigheit und Angst …“18. Die Leugnung absoluter irdischer Werte und einer Welt des Übersinnlichen stellt für Bulgakow das schwerste Vergehen der kommunistischen Ideologie dar.
 Gleichzeitig spiegelt der Roman auch Bulgakows Haß auf die neue Klasse der Nomenklatura wider, die sich allerlei Privilegien gönnt: So verwüstet die zur Hexe gewordenen Margarita im Roman das Wohnhaus staatlicher Dichter, in dem diese komfortabel mit Dienstboten wohnen, die Dämonen Volands stürzen auch ein Gourmetlokal und einen Luxusgüterladen für Funktionäre dieser Art ins Chaos.

Der große Terror

1937/38 beginnt der „große Terror“, der sich vor allem gegen die Bolschewiki selbst richtete. Je höher der Rang eines Parteimitglieds, desto wahrscheinlicher war dessen Eliminierung. Insgesamt wurden in diesen beiden Jahren 1,3 Mio. Menschen verhaftet und mehr als die Hälfte von ihnen erschossen.19 Auch eine große Anzahl von Bulgakows ehemaligen Gegenspielern und Feinden werden liquidiert oder in den Gulag verbannt. Doch er trägt darüber niemals seine private Genugtuung als Triumph an die Öffentlichkeit, kein einziges Mal nimmt er an Versammlungen teil, die den nunmehr verfemten Autoren öffentlich den Garaus machen sollen.20
Selbst in diesen Schreckensjahren des „großen Terrors“ hat den Dichter der Glaube an seine künstlerische Potenz und Integrität jedoch nicht verlassen. 1939 nimmt er einen Auftrag des Künstlertheaters an, ein Stück über den jungen Stalin zu schreiben und fährt zu Recherchezwecken mit seiner Frau nach Georgien. Eine Analyse der überlieferten Fragmente des Theaterstücks „Batum“ über den jungen Stalin zeigt, daß dieses in keinem Falle ein Versuch war „zu einem Kompromiß mit Stalin zu gelangen. Im Gegenteil: Das Stück ist ein letzter Akt des Widerstands.“21
Dort erreicht ihn die Nachricht, daß der Diktator das Stück keinesfalls vollendet sehen wollte. Diesen Schlag verkraftet Bulgakow nicht mehr. Schon auf der Rückfahrt erwarten er und seine Frau Deportation und Tod, doch auch als diese ausblieben, bricht bei ihm jene Nierenkrankheit aus, die schon seinem Vater, einen Theologen, in jungen Jahren das Leben gekostet hatte. Nach mehreren Monaten des Leidens stirbt Bulgakow, nur 49 Jahre alt, am 10. März 1940 in Moskau.

Weltgeltung

Alle 20 Schaffensjahre hat Bulgakow unter Sowjetherrschaft zugebracht. Sein einziges Ziel war, im Strom der großen russischen Literatur einen geachteten Platz einzunehmen.22 Dies veranlaßte ihn letztlich in der Sowjetunion zu bleiben, doch künstlerisch verbogen hat er sich trotz seiner öffentlichen Ächtung nicht. Nur auf privatem Gebiet scheint er einigen Ausgleich gefunden zu haben: Dreimal verheiratet, hat seine letzte Ehefrau „Der Meister und Margarita“, sobald es möglich war, aus dem Nachlaß herausgegeben, während seine beiden geschiedenen Frauen ihm in ihren späteren Veröffentlichungen ein ehrendes Andenken bewahrten. Er selbst empfand sich als „hundert Jahre zu spät geboren“. Evgenij Dobrenko faßt seine literaturgeschichtliche Bedeutung wie folgt zusammen: „Bulgakow nahm den Platz in der Kultur ein, der für ihn bestimmt war: Seine Ablehnung der Masse, seine Opposition gegen den Ochlos und die ‚neue Kultur‘, seine Treue zur Tradition und seine Anrufung ihrer höchsten Gestalten, seine Verteidigung der geschmähten und verstoßenen Werte – all das machte ihn zum letzten Klassiker in der postklassischen russischen Prosa …“23

 Literatur

Evgenij Dobrenko, Der letzte Klassiker und die neue Klasse, – in: Dagmar Kassek und Peter Rollberg (Hg.) Michail Afansewitsch Bulgakow 1861–1991. Text und Kontext. Peter Lang Verlag 1992, Seite 49–58
Birgit Mai, Satire im Sowjetsozialismus, Michail Soschtschenko, Michail Bulgakow, Ilja Ilf, Jewgeni Petrow. Peter Lang Verlag 1993
Michail Bulgakow, Das hündische Herz. Aus dem Russischen übertragen, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Alexander Nitzberg. Galiani 2013
Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita. Aus dem Russischen übertragen und kommentiert von Alexander Nitzberg. Mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe. Galiani 2012
Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen von Ralf Schröder. Luchterhand 2006
Michail Bulgakow, Teufeliaden. Erzählungen. Aus dem Russischen von Thomas Reschke mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen von Ralf Schröder. Luchterhand 2005
Michail Bulgakow, Die weiße Garde. Aus dem Russischen von Larissa Robiné. Mit literaturgeschichtlichen Anmerkungen von Ralf Schröder. Luchterhand 2005
Michail Bulgakow, Aufzeichnungen eines jungen Arztes / Das Leben des Herrn Molière /Theaterroman. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Mit einem Nachwort von Ralf Schröder. Volk und Welt 1981
Barbara Zelinsky, Michail Bulgakow. Master i Margarita – Der Meister und Margarita. – In: Bodo Zelinsky (Hg.) Der russische Roman. Böhlau 2007, Seite 382–406
Orlando Figes, Die Flüsterer. Ein Leben in Stalins Rußland. Berlin Verlag 2008
Manuskripte brennen nicht … Michail Bulgakow, Eine Biografie in Briefen und Tagebüchern, herausgegeben von Julie Curtis, aus dem Russischen von Swetlana Geier, S. Fischer Verlag 1991

Anmerkungen

1?Manuskripte, S. 21.
2?Ralf Schröder in seinen Anmerkungen zu Michail Bulgakows „Die Weiße Garde“, S. 414.
3?Ralf Schröder im Nachwort zu „Meister zu Margarita“, S. 501.
4?Manuskripte, S. 90.
5?Beide Stellen zitiert nach Martin Lichtmesz, „Kann nur ein Gott uns retten? Glauben, hoffen und standhalten“,Antaios Verlag 2015, S. 163 ff.
6?Mai, S. 118.
7?Orlando Figes, S. 50f, S. 89f.
8?Figes, S. 26–89; S. 279–284.
9?Alexander Nitzberg in seinem Nachwort zu „Das hündische Hundeherz“, S. 151.
10?Ralf Schröder, S. 413.
11?Manuskripte, S. 125 ff.
12?Manuskripte, S. 137; Schröder, S. 419.
13?Figes, S. 909ff.
14?Figes, S. 148–255.
15?So Alexander Nitzberg in seinem Nachwort zu „Der Meister und Margarita“, S. 563.
16?Reschke, S. 508.
17?Reschke,  S. 498. Darüber hinaus alterierte er sich darüber, so Ralf Schröder, welch „unglaubliche Halunken“ in den Redaktionen säßen und meinte, man müsse ihnen „die Fenster einschlagen“. Genau dies exekutiert Bulgakows Protagonistin Margarita dann im wortwörtlichen Sinn im Roman!
18?Barbara Zelinksy, S.389.
19?Figes, S. 350–374.
20?Manuskripte, S. 258f.
21?A. Collin Wright Bulgakow: Stalin und die Autokratie; in: Dagmar Kassek und Peter Rollberg: Michail Afansewitsch Bulgakow 1891–1991, Text und Kontext, Peter Lang Verlag 1992, S. 30–39.
22?Mai, S. 116.
23?Evgenij Dobrenko: Der letzte Klassiker und die neue Klasse, S. 57.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com