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Aufputschmittel ­Mutterschaft

Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht von Kindern setzt ungeahnte Kräfte im Gehirn von Müttern frei, verbessert das Gedächtnis, macht sie klüger, wagemutiger, streßresistenter und entschieden leistungsfähiger.

Von Mag. Hedda Viernstein

„Sogar noch heute, wo sie doch schon drei und fünf sind – wenn Sie mich schon danach fragen: Wenn ein kleiner Kobold käme und mich fragen würde: ,Soll ich sie wegnehmen, als ob nichts geschehen wäre?‘ würde ich ohne zu zögern Ja sagen.“
„Ich könnte vollkommen auf sie verzichten. Wirklich. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.“

Regretting motherhood

„Sie“, die der Kobold doch wegnehmen soll, als ob nichts geschehen wäre, auf die vollkommen verzichtet werden kann, „sie“ ist keine ekelige Warze oder ein großer eitriger Pickel mitten im Gesicht. „Sie“ sind die eigenen Kinder. Kinder von Müttern, die es bereuen, solche zu sein. Bedauernswerte Kinder von Frauen, die sich dem „Aufschrei“ regretting motherhood (Bedauern der eigenen Mutterschaft) angeschlossen haben.
Als mutigen Tabubruch, fast als Errungenschaft, bezeichnen diese Kampagne Feministinnen: endlich trauen sich Frauen gegen den Mythos Mutterglück aufzutreten und die Wahrheit sagen. Schon werden Parallelen gezogen zu der Aktion „Ich habe abgetrieben“, initiiert von der Paradefeministin Alice Schwarzer im Jahre 1971: Prominente Frauen wie Senta Berger bekannten damals in der Zeitschrift „Stern“, daß sie ein Kind abgetrieben hätten – was im übrigen manchmal nicht einmal stimmte, aber der Zweck heiligt bekanntlich jede Mittel. Nun bekennen also Frauen, daß sie ihr Kind am liebsten wieder zurückgeben würden, daß sie, könnten sie noch einmal entscheiden, niemals wieder ein Kind bekämen.
Die Initiative kommt diesmal aus Israel, wo die 30-jährige, kinderlose Soziologen Orna Donath 23 „bereuende“ Frauen befragte und ein Buch daraus machte, das vom wissenschaftlichen Standpunkt her einfach zu vernachlässigen wäre, in Deutschland aber doch Nachahmer gefunden hat: Esther Göbel fand auch in Deutschland Frauen, die die „falsche Wahl“ getroffen haben und veröffentlichte ihr Buch „Die falsche Wahl – Wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen“. Sarah Fischer schließlich veröffentlichte über 200 Seiten unter dem Titel „Die Mutterglück-Lüge“, auf denen sie genau beschreibt, wie sie durch ihre heute dreijährige Tochter in ihr Mutterunglück schlittert, um zum Schluß zu bekennen: „Vorher war mein Leben schöner …“ Tenor der „regretting motherhood“-Bewegung: Der Muttermythos sei „biologische Tyrannei“, damit dränge die Gesellschaft jede geschlechtsreife Frau in ihre Mutterschaft.

Enjoying motherhood

Abgesehen davon, daß man diesen Frauen nur wünschen kann, daß ihre Kinder nie, nie die Aussagen ihrer Mütter zu Gesicht bekommen; gegen die oftmals unfaßbare Brutalität und Herzlosigkeit der Äußerungen der bereuenden Mütter regte sich Gott sei Dank bald Widerstand. Die vierfache Mutter Alina Bronsky veröffentlichte kürzlich gemeinsam mit Denise Wilk die Streitschrift „Die Abschaffung der Mutter“. Auch diese beiden Autorinnen befragten Mütter, allerdings solche, die gerne Mütter sind und das auch zugeben. Bronsky und Wilk resümieren die Erkenntnisse ihrer Gespräche: „Mütter, die gern Mütter sind und das auch nicht verbergen, scheinen eine besondere Provokation zu sein. Sie werden noch mehr angefeindet als sogenannte ,Rabenmütter‘; selbst Vernachlässigung wird leichter verziehen als eine enge und liebevolle Beziehung.“ Eine ausgedehnte Berufstätigkeit genieße ein höheres Ansehen als die Mutterschaft. Ja, selbst das Bekenntnis, Mutter zu sein, ist schon gefährlich, Feministinnen könnten sich provoziert fühlen. „Mutterschaft und Kinderkult sind heute die effektivste Waffe gegen die Emanzipation“, schrieb Alice Schwarzer schon vor Jahren. „Feige, bequem und vermaust“, nannte die aktuelle Paradefeministin Bascha Mika in ihrem Buch „Die Feigheit der Frauen“ jene Mütter, die lieber Kinder großziehen als Karriere machen. Schrecklich finden Feministinnen es, daß es trotz ihres jahrzehntelangen heroischen Kampfes noch immer Frauen gibt, die sich einreden lassen, Kinder gehörten zum Frauenleben dazu. „Eine Frau, die sich heutzutage für ein Kind entscheidet, muß verrückt sein“, so fassen Bronsky und Wilk den gesellschaftlichen Status der Mutter zusammen.

Mütter haben Kinder­losen einiges voraus

Besonders bemerkenswert und herausragend ist der Beitrag vom 28. April 2016 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu der Debatte. Die Journalistin Marina Lenzen-Schulte schreibt unter dem Titel „Mütter können mehr“ über neueste Erkenntnisse der Verhaltensforschung und wagt, auch politische Schlüsse daraus zu ziehen. Angekündigt wird der Artikel groß auf der Titelseite der auflagenstarken Tageszeitung mit einem Foto, einem richtigen Blickfang: Eine Löwenmutter, souverän, entspannt, zufrieden, zwischen ihren Pranken ihr putziges Junges, seine Mutter anhimmelnd, sich in völliger Sicherheit wissend, ebenfalls sehr zufrieden. Ein ausdrucksstarkes Bild. Dazu der Bildtext: Enjoying motherhood. Löwenmutterglück: Diese Löwin besitzt kein Smartphone, deswegen dürfte ihr die hitzige Diskussion über ,Regretting motherhood‘, also das Bedauern über die eigene Mutterschaft, entgangen sein. Wie es scheint, hat das Raubtier mit seinem Nachwuchs keine Akzeptanzprobleme.“
Der Artikel berichtet ausführlich darüber, daß neuen Studien der Verhaltensforschung zufolge das Kinderkriegen ungeahnte Kräfte im Gehirn freisetzt, nicht nur bei Säugetieren, auch bei Menschenmüttern. Mutterschaft, also Schwangerschaft, Geburt, Stillen, das Versorgen der eigenen Kinder, schafft das, was man sonst nur speziellen Aufputschdrogen und Medikamenten zutraut, sie „macht smarter, wagemutiger, streßresistenter, verbessert das Gedächtnis, das räumliche Orientierungsvermögen, die Sehfähigkeit, kurzum, sie ist ein Nerven-Kick, der seinesgleichen sucht (…) ein ernstzunehmendes geistiges Empowerment und Freisetzen von erstaunlichen Kräften“.
Das Mutterwerden macht Frauen besonders leistungsfähig, vor allem in der späten Schwangerschaft und nach der Geburt sind Mütter streßresistent. Mit dieser psychischen Robustheit gehen erhöhter Wagemut und größere Furchtlosigkeit einher; Veränderungen, die die sprichwörtlichen Löwenmütter in die Lage versetzen, selbst übermächtigen Aggressoren kühn die Stirn zu bieten. Den Neurowissenschaftler Graig Kinsley hat die Geburt seiner ersten Tochter zu inzwischen weithin beachteten Forschungen über den Zugewinn an kognitiven geistigen Fähigkeiten von Muttertieren angeregt. Ihm fiel auf, was seine Frau nach der Geburt alles mehr als früher schaffte, und er fragte sich, wie sich das erklären läßt. Inzwischen gehört sein Labor in Richmond zu den führenden Zentren, die das Verhalten von Muttertieren unter die Lupe nehmen.

Hirndoping

Eine seiner faszinierendsten Studien an Ratten testet diese beim Jagen von Grillen. „The mother as hunter“ heißt die Veröffentlichung, und Kinsley vergleicht darin drei Gruppen von weiblichen Tieren: Schwangere, solche, die gerade Nachwuchs bekommen haben und stillen, sowie jene ohne Nachwuchs. Nicht nur den stillenden Muttertieren, selbst den schlecht beweglichen und körperlich eingeschränkten Schwangeren gelingt es, die Beute um ein Vielfaches schneller zu erhaschen und nicht wieder entwischen zu lassen als denjenigen, die keinen Nachwuchs haben. Letztere sind deutlich langsamer und jagen weniger zielgerichtet – sogar dann, wenn man sie vorher hungern ließ, um ihre Motivation zu erhöhen. Kinsley charakterisiert das Verhalten der Schwangeren und Mütter als extrem ökonomisch im Vergleich zu ihren kinderlosen Artgenossen, die sich äußerst ineffizient verhielten.
Das faszinierendste Ergebnis der Studien: Im Gehirn der Muttertiere läßt sich die erhöhte Leistungsfähigkeit nachweisen. Man fand im Gehirn von Tieren, die bereits mehrere Schwangerschaften hinter sich haben, vermehrt Mediatoren, die das Nervenwachstum stimulieren. Offenbar können frische Stammzellen von Ungeborenen ins Gehirn der Mutter gelangen und sich dort zu allen Arten von Hirnzellen umwandeln. Mehr noch, diese Nachwuchszellen siedeln sich überdurchschnittlich oft genau dort an, wo die Nervenzellen des Muttertieres schwächeln, also Hilfe dringend benötigen. Das ungeborene Kind hilf also mit eigenen Stammzellen dort im Hirn der Mutter aus, wo die Mutter nicht so perfekt ist! Ein beeindruckender Schachzug von Mutter Natur! Und Mutter Natur hat natürlich ihre Gründe für das Hirndoping bei Müttern: Mütter müssen ihre Kinder erhalten, sie beschützen; die erstaunlich verbesserten Fähigkeiten sind also unabdingbar für die Erhaltung der Art. Noch kommen die meisten dieser Erfolgsmeldungen aus Tierversuchen, aber die Forscher sind überzeugt, daß sich vieles auf den Menschen übertragen läßt, denn viele Hirnregionen und Hormonsysteme, die für den Umgang mit dem Nachwuchs zuständig sind, sind artübergreifend im Laufe der Evolution erhalten geblieben.

Schluß mit dem Bedauern!

Diese Ergebnisse stehen in grundsätzlichem Kontrast zu den von der etablierten Klasse verbreiteten und von ihren Bobo (Bohémien-bourgeois)-Anhängern gerne aufgenommenen herabwürdigenden Urteilen gegenüber Müttern. Im Angloamerikanischen gibt es sogar einen eigenen Begriff für die angebliche Leistungsschwäche des weiblichen Gehirns nach der Geburt eines Kindes: Baby-Brain oder Mommy-Brain: Wer in lallender Babysprache kommuniziere, könne nur minderbemittelt sein. Nun sagen die Verhaltensforscher, gestützt durch ihre neuen Erkenntnisse: Mütter können mehr, als ihre Näschen an ein Baby stupsen, sie sind geistig nicht weniger anspruchsvoll, die Mär vom Baby-Brain gehört endlich revidiert, denn sie stimmt einfach nicht. Natürlich will diejenige Fraktion des Feminismus, der Kinder stets Karrierebremse und Klotz am Bein der emanzipierten Frau waren, solche Thesen am liebsten schon im Keim ersticken. Es ist in der etablierten Klassen unbestritten, daß dem Muttersein grundsätzlich nichts Gutes abzugewinnen sei. Negativbotschaften beherrschen seit Jahrzehnten die aktuellen Diskurse in den öffentlichen Medien, politisch entschiedene Rahmenbedingungen gestalten das Leben mit Kindern immer schwieriger. So soll vor allem den Frauen jede Lust auf Kinder vergehen.
Die zuweilen geäußerten, jovial-tröstenden Zusicherungen à la „Mütter sind eh gar nicht so dumm“ verniedlichen das Problem eher und sind wenig hilfreich im Kampf um eine höhere Wertschätzung von Müttern. Auch der nimmermüde Hinweis auf das Multitasking von Müttern anerkennt allenfalls, daß sie gleichzeitig telefonieren und Brei rühren können. Zurzeit bleibt ambitionierten Müttern deshalb so gut wie keine Wahl, sie können die Betreuung der Kinder nur so rasch wie möglich und täglich so lange wie möglich in fremde Hände legen, wenn sie zeigen wollen, was in ihnen steckt. Die herrschende gesellschaftspolitische Korrektheit belohnt schließlich allein die Investition in den Vollzeitarbeitsplatz. Bleiben Mütter zu Hause bei den Kindern, sind sie automatisch das Dummchen in der Kittelschürze am Herd, und die mit einer Familie gut zu vereinbarenden Teilzeitarbeitsplätze werden von Frauenpolitikern ohnehin verteufelt („Teilzeitfalle“) und von Personalmanagern der Firmen meist als „Hausfrauensammelbecken“ gesehen, denen man wenig Verantwortung übergeben darf.

Muttersein  macht glücklich!

Schon allein die Tatsache, daß sich trotz alledem noch immer junge Frauen entscheiden, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen, daß der Wert der Familie besonders unter den Jungen ungebrochen hoch bewertet wird, beweist, daß es so etwas wie Mutterglück natürlich gibt. Schluß mit regretting mother­hood, rufen wir die Bewegung en­joying motherhood aus, genießen wir unser Muttersein! Denn unser Muttersein macht uns stärker, klüger – und glücklich!

Mit freundlicher Genehmigung aus den „Fakten“ 5/16.

 
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