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Legenden um Wilhelm II.

Der Historiker Gerhard Ritter (1888–1967) wandte sich stark gegen Fritz Fischers These vom „Griff nach der Weltmacht“
Der Harvard-Professor William L. Langer (1896–1977) zweifelte schon früh die deutsche Kriegsschuld an

Von Univ.-Prof. Paul Gottfried

Der letzte deutsche Kaiser im Wandel der Zeitgeschichte

Einer stets wiederholten Legende nach haben wir der 68er-Generation eine große Läuterung zu verdanken. Über die politische Kultur hinaus hat dieser Einfluß auf das deutsche und mitteleuropäische Gemeinschaftsleben stark gewirkt – immer zu dem Zweck, der Stammbevölkerung ihren Nationalsinn zu zerstören. Zu den wissenschaftlichen Fragen, die die Wortführer bestimmt haben, zählt die maßgebende Auffassung der Verantwortlichkeit für den Ersten Weltkrieg. Wie immer wieder behauptet wird, hat die ältere Generation von deutschen Historikern falsche Unterschiede im Grad der Verantwortung der deutschen Kriegführenden von 1914 und von 1939 gemacht. Während der deutschen Diktatur beim Zweiten Weltkrieg eine beträchtliche Schuldlast angerechnet wird, versuchten diese angeblichen Beschöniger, der deutschen Regierung und ihren Staatsbürgern beim Ersten Weltkrieg nur eine geringe Schuld anzulasten.

Entweder durch Unbesonnenheit oder durch das Versäumnis, die Gefahr einer nicht einzugrenzenden Gewalt zwischen konkurrierenden Nationalstaaten vorauszusehen, so behaupten die angeblich kritischen Deutschen, hat sich eine ansteckende Kriegswut quer über das europäisches Festland verbreitet und ist auf die britische Inseln übergeschwappt. Zwar war es für die Verteidiger der deutschen Sache fast unmöglich, die damalige deutsche Regierung, voran den sprunghaften und übermütigen Kaiser, von jeder Kriegsschuld freizusprechen. Trotzdem behandelten die in Rede stehenden Historiker die deutschen Staatsträger einfach als Fahrlässige, die den Krieg mit anderen Mitschuldigen² zusammen ins Rollen gebracht hatten. Dieser Deutung folgend muß man sich hüten, der deutschen Nation den Schwarzen Peter zuzuschieben. Auch wenn die rasante Vermehrung der kaiserlichen Flotte, die Einmischung Wilhelms II. in die Verhandlungen der westlichen Kolonialmächte und die im Zweiten Reich zu erkennende wenig liberale Staatsform in Rechnung gestellt werden, haben die Deutschen nicht mehr als die anderen dazu beigetragen, den Krieg zu bewirken. Mit diesen untertreibenden Formulierungen, so die späteren Kritiker, haben nationalbewußte deutsche Geschichtswissenschaftler die deutsche Rolle am Kriegsausbruch und die Fehler des Kaiserreichs verniedlicht.

Mit Fritz Fischer führt ein ehemaliger Nazi die historische Anklage an

Gegen diese „Verharmloser“ hat sich der ehemals nationalsozialistische und nachher auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung hinzielende Historiker Fritz Fischer in seinem Buch „Der Griff nach der Weltmacht“ von 1961 und den Folgewerken gewandt. Fischer und seine zunehmende Anhängerschaft vermittelten den Eindruck, als ob sie sich gegen knallharte Deutschnationale durchzusetzen hätten. Die Tatsache, daß die damalige Springer-Presse und verschiedene Rundschreiben der CDU/CSU Fischers Werk als eine Ehrbefleckung für die Nation angegriffen und den Unwillen der Deutschen bekundeten, „sich zweimal als kriegsschuldig zu bekennen“, gab dem heraufziehenden Streit weitere Nahrung.
Bei diesem ersten Historikerstreit sind bestimmte mitteilenswerte Tatsachen offenbar ausgeblendet worden. Zwischen Fischer und den als deutschnational Verleumdeten ergeben sich Überschneidungen, was die verstockte Parteilichkeit betrifft. Aus hartgesottenen Sozialisten setzte sich die Fischer-Schule zusammen, während ihre bevorzugten Angriffsziele, Gerhard Ritter, Heinz Gollwitzer und Hans-Dietrich Erdmann, der konservativen CDU zuzuordnen waren. Und in der Tat wurden die „nationalkonservativen Historiker“ durch die CDU-Schirmherrschaft auf stattliche Lehrstühle erhoben. Auf vergleichbare Mißverständnisse stößt man ebenso, wenn man andere Kontroversen, die die 68er vom Zaun gebrochen haben, als Kampf gegen eine „deutschnationale“ Vergangenheit auffaßt. Die Auseinandersetzung innerhalb der Sozialwissenschaften, die nach 1968 an Brisanz zunahm, zeigt eine durchgehend linke Besetzung. Gemäßigte Sozialdemokraten, die dem Dachverband der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) angehörten, und eine kritische Anzahl von weiter links stehenden Doktoranden und Dozenten trafen scharf aufeinander. Es klingt geradezu skurril, die Repräsentanten der DGS wie Erwin Scheuch, Ralf Dahrendorf und René König, die eine liberale Politikauffassung mit empirischen aus den USA übernommenen Forschungsmethoden verbanden, als Vertreter einer verkrusteten deutschnationalen Einstellung aufzufassen. Weder nüchterne Kritiker der Massendemokratie wie Helmut Schelsky noch geisteswissenschaftlich orientierte Soziologen wie Arnold Bergstraesser haben bei dieser Konfrontierung eine entscheidende Rolle gespielt.

„Deutschnational“ war keiner der alten angegriffenen Historiker

Dennoch zeigten diese Honoratioren keine Spur von überhitztem Nationalismus. Bei ihrem Herangehen an den Ersten Weltkrieg haben sie sich nie als Deutschnationale gebärdet. Ihr Fauxpax bestand einzig darin, daß sie die angehäuften Beschuldigungen gegen das Zweite Reich wiederum kritisch geprüft haben. Lobreden auf den Kaiser und die Staatsminister hat hier keiner gehalten. Statt dessen gab es wenig schmeichelhafte Vergleiche zwischen der Fehlentwicklung des deutschen Parlamentarismus und dem Durchbruch zur Moderne bei den Westmächten. Gollwitzer, der auf seinem Lehrstuhl in Münster von zischenden Linksradikalen schikaniert wurde und sich vorzeitig pensionieren ließ, hat die offenkundige Rückschrittlichkeit des kaiserlichen Deutschland in den Vordergrund seiner Aufsätze über die Weltpolitik gestellt. Die Absonderung der als reaktionär bezeichneten Mittelmächte von den fortschrittlichen und demokratischen Kräften im Ersten Weltkrieg hat er sogar übertrieben.
Entgegen seinen Behauptungen hat sich die deutsche Sache im Ausland nicht ausschließlich die Sympathie miesepetriger Militärs und verbitterter Reaktionäre zugezogen. In den USA haben die Prodeutschen eine grundverschiedene Klientel angezogen, da die englischstämmige, von den Massen abgehobene Oberschicht stets Solidarität mit den Alliierten bezeugte. Hingegen haben die irische Arbeiterklasse und die Landwirte im Mittelwesten den Deutschen gegenüber Sympathie gehegt. Und für die Österreicher, unter dessen liberaler Monarchie sie ungestört leben konnten, haben die Juden häufiger Partei ergriffen. In der Heimstadt dieses Autors (Bridgeport, Connecticut) trat eine Schar eingewanderter Juden aus dem Burgenland die Heimkehr nach Europa an, damit sie für Kaiser Franz Joseph kämpfen konnten.

Auch Ernst Nolte hielt das zweite Kaiserreich für eine Parvenu-Nation

Was viele Historiker der älteren Generation in der Nachkriegszeit geprägt hat, waren nachhaltige Erinnerungen an die beschämende Aufdeckung der Nazi-Greueltaten, die Bitterkeit zweier deutscher Niederlagen und die von den Alliierten ausgehende Umerziehung der geschlagenen Deutschen. Ebenso eindringlich war die Wirkung der amerikanischen Herrschaft in West- und Zentraleuropa und die Abhängigkeit der Deutschen von den „Amis“, um sich vor der drohenden sowjetischen Macht zu schützen. Die ethische Überlegenheit ihrer amerikanischen Besetzer und späteren Gönner hat die in der Nachkriegszeit ins Berufsleben getretenen Deutschen auf Dauer geprägt. Und wesentlich für diese von außen herangetragene Gesinnung war der „liberal internationalism“, den der Antideutsche Wilson im Ersten Weltkrieg auf sein Panier geschrieben hatte und der den besiegten Deutschen eingehämmert wurde. Die Westbindung bedeutete für den Besiegten und Bekehrten das Gute und Sittliche in der Verkörperung der Vereinigten Staaten.
Auch der Abtrünnige der politisch korrekten Bundesrepublik, Ernst Nolte, eifert in seiner „Geschichte Europas 1848–1948“ gegen das Zweite Reich. Bei seinem Rundumschlag gegen die deutsche Staatsführung vor und während des Krieges läßt er sich nicht einmal von Fischer und Geiss überbieten. Wenn sich die Deutschen im Krieg durchgesetzt hätten, so Nolte, so hätten die übrigen Europäer „unter der Herrschaft einer siegestrunkenen Militärmacht, einer eisernen Ferse, gestanden“. Im Gegensatz zur „selbstgewissen und sympathieerweckenden Kultur der Franzosen und auch der Italiener“ veranschaulichen die Deutschen und ihre Staatsträger eine Parvenu-Nation.

Seit 1928 beginnen amerikanische Studien, Deutschland zu entlasten

Das Loslassen von diesen Klischees läßt sich zuerst im Ausland erahnen. Eine weichenstellende Position bezog der Harvard-Professor William L. Langer (1896–1977) mit dem Ehrentitel „Dean of American Diplomatic History“. In „European Alliances and Alignments“ (1939) legte Langer bei seiner Behandlung des Ursprungs des Ersten Weltkrieges den Schwerpunkt auf die komplizierten diplomatischen Bindungen der beiden Seiten. Schwer wäre es nach seiner Einschätzung, den Mittelmächten eine besondere Kriegsschuld beizumessen. Als Historiker der Diplomatie versucht Langer, die Motive und Wirkungsweise der Bündnisstruktur ab dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts freizulegen und zu gewichten.
Sein Zeitgenosse Sidney Bradshaw Fay wirbelt mit seiner revisionistischen Studie über die Kriegsverantwortung „The Origins of the World War“ (1928) ebenfalls Staub auf. Schon auf den ersten Anhieb zieht Fay den antideutschen Konsens der amerikanischen Liberal-Internationalisten in Zweifel. Fay widerspricht der Rangordnung der von den Siegermächten zugewiesenen Kriegsschuld und rückt die Beteiligung der serbischen Regierung an dem folgenschweren Attentat auf den österreichischen Erzherzog und seine Gattin ins Scheinwerferlicht. Aufgrund seiner Belege gelingt es Fay, die Verantwortung für den Kriegsbeginn weg von den westlichen Mächten, einschließlich der Deutschen, und hin zu Serbien, Rußland und Österreich-Ungarn zu verlagern. Den Deutschen aber schrieb er dieselbe Fahrlässigkeit wie den Franzosen, aber weniger als den Engländern zu.

US-Präsident ­Woodrow Wilson mit seiner Mission im Jahr 1917

Bismarck handelte verantwort­licher als der Präsident Wilson

Eine aktuellere Schrift ist „The Politics of War“ (1979), worin Walter Karp mit Woodrow Wilson und seiner Außenpolitik hart ins Gericht geht. Hier liefert der berühmte Diplomat eine Schlüsselstudie über den 1891 gegründeten französisch-russischen Schutzbund. Während also in der Bundesrepublik Deutschland Fischers Argumentation voll übernommen wurde, machte sich in den USA ein anderer Ansatz bemerkbar. Karp hebt die Zielbewußtheit hervor, womit Wilsons Regierung seine Nation in eine feindselige Haltung den Mittelmächten gegenüber bugsiert hatte. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem unterschiedlichen Verhalten von Wilson und seinem Staatssekretär Robert Lansing gegenüber den Vertretern der Entente und dem deutschen Gesandten. Auch auf die vorbehaltslose Beachtung der englischen Hungerblockade seitens der amerikanischen Regierung weist er hin, eine Handlung, die dem ursprünglich neutralen Status der USA im Krieg widersprochen und deutschen Zivilisten Ungerechtigkeit zugefügt hat.
Einen weiteren Hieb gegen die deutschfeindliche Interpretierung richtet George Frost Kennan (1904–2005) in seinem Buch „The Fateful Alliance: France, Russia and the Coming of the First World War“ (1984). In dieser brillianten Schrift widerlegt Kennan die einseitige Darstellung der im Krieg kulminierenden Ereigniskette. Nach üblicher Auffassung sei es Wilhelm anzulasten, daß der Rückversicherungsvertrag mit Rußland von 1887–1890 nicht erneuert wurde. Wegen des aufbrechenden Widerstreits zwischen Österreich-Ungarn und Rußland entschied Wilhelm voreilig, die russische Verbindung zugunsten der österreichischen völlig aufzuopfern.
Eine besser ausgleichende Staatskunst, so die damals verbreitete Ansicht, war von Bismarck betrieben worden. Trotz der für Deutschland mit dem schon 1882 abgeschlossenen Schutzbund mit Österreich eingetretenen Verbindlichkeiten versuchte Bismarck, eine friedfertige Beziehung zu Österreich-Ungarns russischem Konkurrenten auf dem Balkan zu wahren. Dementsprechend errichtete er ein ergänzendes Schutzabkommen mit dem russischen Zar, das dahin ging, daß Deutschland den Russen zu Hilfe eilen würde, wenn sie von einer Streitmacht außer Österreich-Ungarn angegriffen würden. Ohne die österreichisch-ungarische Verbindung fallenzulassen, gelang es Bismarck, seine Außenpolitik mit einem zweiten Eisen im Feuer zu führen.

Kaiser Wilhelm II. im Alter

Nicht Wilhelm II., sondern Zar Alexander III. setzte  den Frieden aufs Spiel

Der junge Kaiser war aber nicht zu tadeln, so Kennan, daß der auf Bismarcks Anraten gebastelte Rückversicherungsvertrag mit Rußland wegfiel. Verantwortlich dafür war der russische Zar Alexander III., der ein näheres Verhältnis mit Frankreich anstrebte. Wegen seines Machtstrebens auf dem Balkan und seiner Entschlossenheit, dem auseinanderfallenden osmanischen Reich gegen den Wunsch der Deutschen und Österreicher den Bosporus zu entreißen, entschieden der Zar und seine Berater, sich von den Deutschen und ihren österreichischen Verbündeten zu trennen. Mittlerweile trat der französische Gesandte und Nachkomme der byzantinischen Kaiserfamilie, Maurice Paleologue, an den russischen Herrscher mit dem bestechenden Köder französischer Kredite heran, um die russische Schwerindustrie und Eisenbahnlinien aufzubauen.
Auf zweierlei zielte der Schutzbund, den die Russen mit den Franzosen 1891 unterzeichneten. Er gab den Unterzeichnern die Aussicht, Rückendeckung aus einem dem voraussichtlichen Feind gegenüberliegenden Teil des europäischen Kontinents zu bekommen. Es wurde Sorge getragen für wehrhafte Alliierte, wenn die Franzosen die Deutschen oder die Russen die Österreicher bekriegen sollten. Daran hingen gewichtige Konsequenzen. Wegen der Drohung eines Zweifrontenkriegs beeilte sich die deutsche Regierung, die schon eingegangenen Verbindlichkeiten mit der Donaumonarchie zu einem Trutz- und Schutzbund aufzuwerten. Und kurz nach dem Abschluß der russisch-französischen Allianz kam der Schlieffenplan zur Lösung des drohenden Zweifrontenkriegs zustande. Darin wurde das Paktieren der Russen und Franzosen den Deutschen zum Verhängnis.
Dazu gehören folgende Betrachtungen. Der Rückversicherungsvertrag zwischen Deutschland und Rußland hat nicht mehr vermocht, als eine wohlwollende Neutralität zwischen den Unterzeichnenden zu gewährleisten – immer vorausgesetzt, die Österreicher und Russen treffen nicht feindselig aufeinander und Deutschland setzt gegen Frankreich keinen deutlichen Offensivkrieg in Gang. Wie der Geheime und Vortragende Rat im Auswärtigen Amt, Friedrich von Holstein, mit Recht feststellt (wie begründet sein Ruf als Hofintrigant auch gewesen sein mag): Den Deutschen ist mit der russischen Verständigung kein großer Wurf gelungen. Man hatte sie im Geheimen abgeschlossen, ohne die Österreicher davon zu unterrichten. Ohne eine entsprechende Gegenleistung setzte man sich der möglichen Gefahr aus, die Engländer in Wut zu versetzen. Zum gleichen Zeitpunkt überwarfen sich die Russen und Engländer über die Ausdehnung ihres jeweiligen Einflußbereichs in Mittelasien.
Die Fortsetzung einer nicht besonders ersprießlichen Beziehung zum Zarenreich konnte zur Folge haben, so Holstein sowie Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi, daß die Deutschen gehindert werden könnten, eine bessere Verständigung mit Wilhelms englischem Mutterland zu erreichen. Außerdem hatte es nach 1891 mehrere Anlässe gegeben, zwischen Deutschland und Rußland freundliche Beziehungen herzustellen. Daß beide Seiten versäumt haben, diese Gelegenheiten zu ergreifen, kann man nur als Unglück bezeichnen. Jedoch wäre es eine grobe Vereinfachung, wenn man die versäumte Allianz einzig und allein auf die verspielte Chance nach dem Rücktritt Bismarcks zurückführt.

Ein libertärer Historiker rechnet in aller Schärfe mit Churchill ab

Ebenso aufklärend für den Hintergrund des Ersten Weltkrieges wirken ein paar englischsprachige Studien, die die britische Beteiligung ausleuchten. Mit erdrückendem Beweismaterial zeigen die Biographen Roy Jenkins und Edward Cokeley, wie hartnäckig Churchill als britischer Stabschef gegen die Deutschen als einen bedrohlichen Nationalfeind gewettert hatte. Einen bewaffneten Konflikt mit dieser emporsteigenden Landmacht, die England seiner industriellen und wirtschaftlichen Spitzenstelle in Europa beraube, hat Churchill als unvermeidlich angesehen. In der Kabinettsregierung des Lord Edward Grey, wo Churchill steil an Einfluß gewann, wurden mit den Franzosen weitreichende Kriegspläne geschmiedet. Als Notmaßnahme wurde eine beiderseitige Besetzung der belgischen oder holländischen Küste nach Beginn der Kriegshandlungen gegen die Deutschen vorgesehen. Kein Wunder dann, daß Churchill ohne Kriegserklärung der britischen Flotte schlagartig befahl, über die Deutschen eine Hungerblockade zu verhängen.
In dem Sammelband „The Costs of War“ beweist der libertäre Historiker Ralph Raico, mit welcher Leichtfertigkeit diejenige Gestalt, die Henry Kissinger als „einen Ausbund an Staatsklugheit“ lobpreist, sein Land in Streitigkeiten hineingedrängt hat. Vom Burenkrieg bis hin zu den Weltkriegen hatte Churchill keine Skrupel, britische Streitkräfte auf vorgezeichnete Totalfeinde loszulassen. Und war der Kampf einmal losgetreten, hat er keineswegs gescheut, seine Feinde inklusive der Zivilisten durchgehend zu vernichten. Woher kommt es, daß er Hungerblockaden und Terroranschläge als alltägliche Kriegsmittel eingesetzt und nach dem Zweiten Weltkrieg ohne ein Wort hunderttausende aus Osteuropa zugeströmte Flüchtlinge Stalins Henker ausgeliefert hat? Raico bezweifelt, daß das deutsche Eindringen in Belgien den englischen Stabschef nur widerwillig zur Kriegserklärung brachte. Den Anlaß ergriff Churchill vorsätzlich und genüßlich, um sich in den Konflikt zu mischen.

Der Historiker Eberhard Straub entwirft ein neues Bild von Wilhelm II.

Mit Eberhard Straub wagt  sich wieder ein Deutscher in den Gesinnungsstreit

Wie ein Paukenschlag wirkt sich derzeit in der Publizistik eine deutschsprachige Umbewertung des Zweiten Reiches aus. Hier regt sich in vorderster Front der Historiker Eberhard Straub, der 2008 über den Kaiser und seinen jubelnden Anhang eine tiefgreifende Studie auf den Markt brachte. Straub, der mit einer umfänglichen Biographie über den jüdischen Reeder und Kaiserfreund Albert Ballin vor vier Jahren hervorgetreten ist, bindet seine neueste Arbeit an den hundertfünfzigsten Geburtstag des letzten Hohenzollern-Herrschers an. Zur Förderung seiner Zielsetzung führt Straub eine Webseite (wilhelm-der-zweite.de), die die abschätzenden Urteile über den letzen Kaiser kühn abschmettert oder wenigstens zurechtrückt.
Ins Visier gerät unter anderem der kaiserfeindliche und antinationale Geschichtswissenschaftler John C. G. Röhl, der vorerst mit einem Lehrstuhl in Sussex/ England versehen ist. Vor sechs Jahren veröffentlichte Röhl eine Biographie von Wilhelm als einem wütenden, von Hofintriganten umstellten Antisemiten. Röhl stellt das Verhältnis des Kaisers zu den Nationalsozialisten mit einer solchen Bitterkeit nach, daß er bestimmte Sachverhalte auszublenden trachtet, zum Beispiel Wilhelms offen geäußerte Verachtung für Hitler und sein Entsetzen über die NS-Judenverfolgung. Die Zustimmung der einflußreichen Neokonservativen trug Röhl dafür in den USA eine kostenlose Werbekampagne ein.

Statue Wilhelms II. an der Hohenzollernbrücke in Köln

Es geht nicht mehr um die Schuld, sondern um die Leistung Wilhelms

Die Aufmerksamkeit reichte, um eine von Giles MacDonough im Jahr 2002 herausgegebene Biographie mit dem Titel „The Last Kaiser: The Life of Wilhelm II“ in den Schatten zu stellen. MacDonough bietet eine besser nuancierte Zeichnung des Kaisers an, die leider weder bei deutschfeindlichen amerikanischen Journalisten noch bei den deutschen Zunfthistorikern den verdienten Anklang fand. Dagegen erhielt Röhls begrifflicher Brückenbau von den über die Jahrzehnte hinweg gesammelten judenkritischen Auslassungen des letzten Kaisers bis hin zu Auschwitz einen rauschenden Nachhall, besonders bei der neokonservativen „Washington Times“. Von der Redaktion wurde Röhls „vortreffliche Forschungsarbeit“ groß aufgemacht.
Straub und seine Mitarbeiter nehmen die beiderseitige Mitschuld der Alliierten und Mittelmächte am Ausbruch des Ersten Weltkrieges als selbstverständlich an. Mittlerweile legen sie den Akzent auf eine andere Fragestellung, nämlich die modernen Wesenszüge des Zweiten Reiches und den Beitrag des Kaisers zu diesem nationalen Aufstieg. Implizit abgestritten wird die Rüge des konservativen Nachkriegshistorikers Heinz Gollwitzer: „Das kaiserliche Deutschland 1871–1914 erreichte zwar den Rang einer Groß-, ja einer Weltmacht; aber es hatte zunächst mit seiner eigenen Konsolidierung zu tun und fand später nicht den Weg, mit den einen uneinholbaren Vorsprung haltenden Mächten als ‚moralische‘ Potenz, als geistige Größe von Weltformat gleichzuziehen, vorab mit den beiden Englisch sprechenden Großstaaten.“

Szene aus dem Film „Der Untertan“ nach Heinrich Mann. Buch und Film prägten für viele das negative Bild der Kaiserzeit

Vorwurf des Antisemitismus hält keiner Überprüfung stand

Dieser Deutung zum Trotz erzeugt Straub in seiner Neuerscheinung „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit“ ein eigenwilliges, aber auch glaubwürdiges Bild des Zweiten Reiches. Er macht anschaulich, wie Deutschland zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine Spitzenstellung als wirtschaftliche Dynamomaschine erreicht, als Zentrum des universitären und wissenschaftlichen Forschungsgeistes und vor allem und im grellen Gegensatz zum heutigen „demokratischen“ Deutschland als Hort der Lern- und Lehrfreiheit. Die Fächerung der damals zulässigen politischen Meinungen mutet erstaunlich an, zumal im Vergleich mit der Verfolgung und Unterdrückung insbesondere des nationalen Lagers in der „freiesten demokratischen Staatsform in der deutschen Geschichte“.
Im Ersten Weltkrieg ist die deutsche Regierung mit Kriegsopponenten milder umgegangen als die Mehrzahl seiner Gegner. Zu den in deutschen Städten ausgestellten Zeitungen zählte die „London Times“. Seit seinen Studentenjahren in Hessen und an der Universität Bonn hat der künftige Kaiser denkwürdige Freundschaften mit bildungsbürgerlichen Juden geknüpft. Mit diesen Vertrauten ist er in Kontakt geblieben und ersparte sich keine Mühe, ohne ihre Bekehrung zur Staatskirche zu verlangen, diese beim Richteramt und sonst im Staatsdienst zu fördern.
Es sei zu bedenken gegeben, daß während des Krieges der jüdische Professor und deutsche Patriot Hermann Cohen eine stürmische Kampfschrift mit dem sinnstiftenden Titel „Deutschtum und Judentum“ (1915) bezüglich des Ineinandergreifens der deutschen und jüdischen Kulturwelt herausbrachte. Nach Cohen war das Bemühen um das Fortbestehen der von Feinden umringten Deutschen ein Anliegen, das das gesamte Judentum betraf. Deutschland stünde als Schützer seiner jüdischen Staatsbürger und als Befreier der von Rußland schikanierten und entrechteten jüdischen Untertanen da: „Wir sind auch der beglückenden Zuversicht, daß durch den Heldensieg unseres Vaterlandes der Gott der Gerechtigkeit und der Liebe dem Barbarenjoch das Ende bereiten werde, welches auf unseren Glaubensbrüdern im russischen Reiche lastet.“ Und noch aussagekräftiger für Cohen war die Geistesverwandtschaft zwischen dem jüdischen biblischen Gedankengut und der protestantischen Erneuerung des Christentums, eine Entwicklung, die beim deutschen Volk entstand und von dort zu einem Weltereignis wurde.

Kaiser Wilhelm II. bei einem Manöver kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs

Deutsches Kaiserreich ist ­fortschrittlicher als das viktorianische England

Bei dieser Verteidigung ist weder die überschwengliche Prosa noch die überspannte Angleichung zwischen den Deutschjuden und deutschen Protestanten wesentlich. Weitaus erheblicher ist das Erscheinen von Cohens Schrift und ähnlichen überhaupt. Sie bezeugen das generell positive Verhältnis von deutschen Bürgern mosaischen Glaubens zum Kaiserreich. Cohens Schrift dient als Gegenbeweis zu aller späteren Umdeutung der deutsch-jüdischen Beziehung als eine für die Juden stets ängstliche oder verkrampfte. Seine Aufrichtigkeit läßt keinen Zweifel aufkommen, wenn Cohen ausführt: „So sind wir in diesen Zeiten eines epochalen Völkerschicksals auch als Juden stolz darauf, deutsch zu sein.“
Ein weiteres Verdienst von Straubs Schrift ist ihre zwingende Widerlegung der noch gängigen Übung, einer fortschrittlichen englischen Regierung eine hinterherhinkende deutsche gegenüberzustellen. (Der Verfasser, der seine Denkrichtung keineswegs verbirgt, fügt seiner Schrift den Untertitel „Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ an.) Statt England als Folie gegenüber einem rückständigen Deutschland zu benutzen, räumt Straub mit diesem Klischee auf. Die deutsche politische Klasse, zeigt er auf, war sozial aufgelockerter als die englische. Im Gegensatz zum englischen Parlament, das von Adelsfamilien und Großbürgern bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts beherrscht wurde, war der Reichstag von der Staatsgründung weg der Sammelpunkt der Vertreter der Arbeiterschaft, des deutschen Mittelstandes und zahlreicher Beamter der verschiedenen deutschen Länder. Auch der Kaiser war verfassungsmäßig in diese Einrichtung eingebunden und ihren Entscheidungen unterstellt.

Auch gegen das Mißtrauen  der „Bismarckdeutschen“  siegt der Kaiser

Straub notiert, daß Wilhelms Mutter, die englische Prinzessin und älteste Tochter der Königin Victoria, niemals die fortschrittliche Seite des im Wandel befindlichen Reiches hat würdigen können. Eine hartgesottene Whig-Liberale, die auf die sofortige Anglisierung der vermeintlich bornierten und vom Preußentum verleiteten Deutschen gesetzt hat, war sie für den Wandel ihres angenommenen Landes hoffnungslos unempfindlich. Anders als der Sohn, der den Bürgerstand als seinesgleichen behandelt und für sich eingenommen hat, sind die Kronprinzessin und ihr Mann, der unter ihrem Pantoffel stehende Kronprinz Friedrich, vor jedem nicht geregelten Umgang mit nichtadliger Gesellschaft zurückgewichen. Andererseits war die Kronprinzessin gewohnt, ihren Standesgleichen mit ihren liberalen und demokratischen Floskeln zuzusetzen. Straub hinterläßt eine Reihe vernichtender Betrachtungen zu dieser ärgerlichen Hoffigur, die den jungen Sohn besitzergreifend überwacht hat.
Straub führt den letzten Kaiser als eine reichsvereinende Figur vor, dessen häufige Wanderungen durch seinen Bundesstaat darauf gezielt haben, mit Reichsfürsten und Gemeinden feste persönliche Verbindungen zu bekräftigen. Nur selten und dann mit möglichst großer Vorsicht ist Wilhelm in Verwaltungssachen eingeschritten, und ungeachtet des von den Bismarckdeutschen gegen ihn ausgelösten Rufmords, ist der junge Kaiser mit politischen Gegnern maßvoll umgegangen. Nicht ausgewogenen Erwiderungen auf Bismarck hat er sich verweigert, und sobald der Ansturm ein bißchen abebbte, machte er sich das Tauwetter zunutze, um den Altkanzler festlich zu beehren und gastfreundlich zu unterhalten. Straub merkt an, daß eine von Bismarck gegen Wilhelm gerichtete Beschuldigung, daß er die Reichsregierung zu demokratisieren entschlossen sei, sich als wahr erwiesen hat. Als Volkskaiser war Wilhelm den Sozialisten und den Sozialprogrammen der demokratischen Linken gegenüber weitaus aufgeschlossener als Bismarck und Bismarcks „liberale“ Gegnerin, die Kaiserwitwe Victoria.

Das zweite Kaiserreich wird zum Glücksfall deutscher Geschichte

Das Buch packt die Frage an, warum es schwierig wäre, den Deutschen ein Liberalismusdefizit zu unterstellen. In den damals geltenden Auffassungen von Liberalismus waren manchmal widersprechende Dinge enthalten, und die Aufgabe, die auf den Sachkundigen zukommt, besteht darin, die konkurrierenden Liberalismusbegriffe nach verschiedenen Schwerpunkten aufzugliedern. Straub führt die vom berühmten Pathologen und Mitgründer der Partei der Freisinnigen, Rudolf Virchow, stammende Beobachtung an: Wer den Liberalismus begreifen will, müsse sich mit vielfachen Definitionen beschäftigen, ausgehend von Antiklerikalen, Verfechtern des Freihandels und der Verantwortlichkeit der Minister bis hin zu sozial orientierten Christen und antikatholischen Nationalisten.
Ob aus diesem Wirrwarr noch Oberbegriffe abzuleiten sind, bleibt dann die große Frage. Vom Kaiser wurde erwartet, mehr als eine einzige Bedeutung von Liberalismus zu verkörpern: als Streiter für religiöse Toleranz und Alphabetisierung der Bevölkerung, als Vorkämpfer für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, der wichtige Stiftungen bezuschußte, als Gönner der Baukunst und Bildhauerei und als Träger einer Nation, die sich sowohl der niedrigsten Steuerrate wie auch der besten Sozialversorgung und Bildung der Arbeiterschaft in Europa rühmen konnte.
In mancher Hinsicht schlagen Straub und dessen Anhang in dieselbe Kerbe wie Golo Mann und Karlheinz Weißmann, um zwei deutsche Geschichtswissenschaftler zu erwähnen, die sich gegen die antideutsche Linke gewandt haben. Auf jeden Fall bringt die Neuinterpretation des Zweiten Reiches und ihrer umstrittenen Zentralfigur eine deutliche Akzentverlagerung mit sich. Dieser Denkanstoß widerspricht einem veralteten Geschichtsbild, das sich schon vor der traurigen Ära von Fritz Fischer eingebürgert hatte. Danach war das Kaiserreich als geschütztes Gehege für Junkertum und üblem Kapitalismus aufgefaßt worden.
Die Neuinterpretation bringt einen grundsätzlichen Bruch mit sich. Sie ist darauf gerichtet, das in Verruf geratene Zweite Reich als einen Glücksfall der deutschen Geschichte zu beschreiben und mit einer Fülle von überzeugenden Daten den Kaiser als einen Vorzeigebürger (natürlich mit aristokratischer Färbung) zu kennzeichnen. Gemäß dieser Umwertung war es nicht Deutschland, sondern ein veraltetes England, das einen Nachholbedarf hatte. Im Vergleich zum heutigen Deutschland schließlich wird das Zweite Reich zum Vorbild in punkto bürgerlicher Freiheiten erhoben. Manches, was man als Entwicklung bei der Erhöhung des Lebensstandards beschrieben hat, die voranschreitende Alphabetisierung und wissenschaftlicher Fortschritt, hatte es schon einmal in hohem Maße gegeben und war dann im Zuge der Vergangenheitsbewältigung verschwiegen worden. Von diesem Gesichtspunkt aus versucht man, ein Reizthema des antideutschen Ressentiments aufzugreifen. Und es versteht sich, daß Straub und seine Schule so weit ausholen müssen, um sowohl die Vertreter der Westbindung mit ihrem unkritischen Verhältnis zu Wilson wie auch deren linken Epigonen zu treffen. – Auch Straubs Biographie von Albert Ballin sollten wir uns wohl anschaffen.

Christopher Clark Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers 416 Seiten, geb., Deutsche Verlags­anstalt, 2008 € 24,95 Im November erscheint im Pantheon-Verlag eine kartonierte Ausgabe zum Preis von € 14,95

Buchtipp

Auch der britische Historiker Christopher Clark widerspricht in seiner Biographie Wilhelms II. dem negativen Bild, daß John Röhl gezeichnet hatte.

Die empfehlenswerteste deutsche Neuerscheinung zum Thema ist, wie schon im Text ausgeführt:
Eberhard Straub
Kaiser Wilhelm II. in der Politik ­seiner Zeit
Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne
378 Seiten, gebunden,
Landt-Verlag, 2008
€ 18,–

 
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