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Thüringens AfD-Chef Björn Höcke

Thüringens AfD-Chef Björn Höcke versteht sich als avantgardistisch bestimmter Nationalkonservativer, dem Bismarck wie Andreas Hofer gleichermaßen Vorbilder sind.
Die „Alternative für Deutschland“ liegt nach neuesten Umfragen bereits im zweistelligen Prozentbereich der Wählerstimmen. Einer ihrer profiliertesten Vertreter ist der Thüringer Landeschef Björn Höcke, hier bei einer zuwanderungskritischen Kundgebung in Erfurt.

Die AfD hat das Potential zu einer neuen Volkspartei

Eine Partei im Aufwind: Schon 16 Prozent der Wähler im Osten der Bundesrepublik würden laut Umfragen vom Dezember 2015 ihre Stimme der „Alternative für Deutschland“ (AfD) geben. Und bereits am 29. Oktober 2015 schrieb Matthias Geis in der linksliberalen Wochenzeitung „Die Zeit“, Ausgabe vom 29. Oktober 2015: „Die AfD wird als rechte Protestpartei in die Parlamente der Republik einziehen. Ihre Etablierung ist so wenig zu stoppen wie das Unbehagen, das einen Teil der deutschen Bevölkerung angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstroms befällt.“

Die Fragen stellte Heinrich Formanek

Sowohl in der Charta der Vereinten Nationen wie auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, ist vom „Volk“ bzw. von „Völkern“ die Rede. Starke Kräfte wollen allerdings schon seit geraumer Zeit Völker als politische Bezugsgrößen weitgehend auflösen, sie in multikulturelle Gesellschaften überführen. Herr Höcke, was zeigt Ihnen Ihre Sicht auf den Globus?
Ich habe einen Traum: eine Welt freier Völker, in einer multipolaren Ordnung ohne Hegemon. Für mich sind Völker über Jahrhunderte und Jahrtausende gewachsene Einheiten, die Erfahrungs- und Kulturgemeinschaften darstellen. Sie haben ein spezifisches Sitten-, Wert- und Normgefüge entwickelt, das sich immer wieder einer täglichen Überprüfung zu unterziehen hat und dadurch Stabilität gewinnt. Wenn es überhaupt etwas Stabiles in der Welt der Menschen gibt, die ja so ungeordnet und von vielen Zufälligkeiten durchzogen scheint, dann sind gewachsene Völker. Sie gilt es zu erhalten.

Sprechen wir über die Deutschen, denen schon Otto von Bismarck im Preußischen Landtag 1863 attestierte: „Die Neigung, sich für fremde Nationalinteressen einzusetzen, auch dann, wenn dieselben nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklichen werden können … ist eine politische Krankheit, deren geographische Verbreitung sich leider auf Deutschland beschränkt.“

Derartige Aussagen sind mir natürlich bekannt und sie reichen in ihrer Wirklichkeitsnähe bis in die Gegenwart. Nicht nur Bismarck hat das so gesehen, sondern auch viele ausländische Politiker und Militärs. Ich habe Geschichte studiert und bin überzeugt, daß sich ein spezifischer deutscher Volkscharakter ausgeprägt hat.
Auf den ersten Blick scheint den Deutschen tatsächlich eine Art Minderwertigkeitskomplex inhärent. Allerdings sollte man auch bedenken, daß die Kombination aus Befähigung, Fleiß und einem Lebensraum mit offenen Grenzen je nach Weltlage nicht vorteilhaft ist. Die „Geschmeidigkeit“ im Umgang mit sich selbst und dem von außen Zugreifenden kann als aus der Not heraus entstanden interpretiert werden, quasi als ein Zugeständnis an die eigene, zumindest temporäre Wehrlosigkeit, die aus der lange fehlenden inneren und äußeren Einheit resultierte. Fest steht für mich jedenfalls: Die Umerziehung nach 1945 hätte nicht so erfolgreich sein können ohne einen jahrhundertelangen, vorbereitenden Mentalitätsbildungsprozeß.

Liegt hierin auch eine gewisse Naivität vieler unserer Landsleute begründet, die nicht zwischen familialer Kleingruppen-Ethik und einer doch ganz anders ausgeprägten politischen Staatsmoral zu unterscheiden weiß?

Gewiß, hier gibt es Verbindungslinien. Ich glaube, daß die Deutschen ein äußerst vertrauensseliges Volks sind, und das führte auch dazu, daß sie sehr viele unfähige Politiker hervorgebracht haben. Mit unfähig meine ich vor allem, daß sie den Begriff des Politischen nicht verstanden haben. Man kann zwar eine Kirchengemeinde mit der Bergpredigt zu führen versuchen, aber zur Staatsführung gehört Verantwortungsethik im Sinne von Max Weber. Das sind zwei verschiedene Ebenen!

Auf die Frage „Was ist Pflicht?“ antwortete Goethe mit dem Satz: „Die Forderung des Tages!“ Herr Höcke, daran anknüpfend, wie sehen Sie Ihre Pflicht?
Ich spüre in mir ein großes und ernstes Dienstethos! Wenn Sie so wollen macht mir die Pflichterfüllung für das Vaterland Freude. Ich versuche mich in den Dienst für mein Land zu stellen, mich für die Zukunft meines Volkes einzusetzen. Ich bin also bereit, einen erheblichen Teil meiner Lebenszeit dem Einsatz für Deutschland zu opfern. Das soll jetzt nicht zu selbstlos klingen. Denn mein Volk bedingt einen Großteil meiner sozialen Identität. Stürbe es, stürbe ein erheblicher Teil von mir.

Der Reihe nach: Zunächst engagierten Sie sich in der CDU-Jugendorganisation „Junge Union“, erst sehr viel später traten sie dann der „Alternative für Deutschland AfD“ bei. Wie kam es zu dieser Abfolge?
Ich entstamme einem patriotisch-weltoffenen Elternhaus, in dem das politische Gespräch zur Tagesordnung gehörte, vor allem in der Zeit der friedlichen Revolution und des Mauerfalls. Jahre vorher hatte Helmut Kohl die sogenannte geistig-moralische Wende ausgerufen …

… die dann allerdings nie ernsthaft angestrebt, geschweige denn umgesetzt wurde …
… in der Tat! Trotzdem: Schon als 14jähriger spürte ich aufgrund der Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, aber auch aufgrund eigener Beobachtungen, daß die Gesamtentwicklung in unserem Land in eine falsche Richtung geht! Der 68er-geprägte hedonistische Individualismus dominierte gegenüber einem verantwortungsbewußten Gemeinschafts- denken in den Kategorien von Volk und Staat. Das empfand ich als bedrückende Fehlentwicklung. Und daraus habe ich als Jugendlicher den Schluß gezogen, ich müßte mich politisch engagieren und trat daher – gegen den Zeitgeist gerichtet – in die „Junge Union“ ein. Allerdings merkte ich sehr schnell, daß von dieser Parteiformation keine wirklich fundierte Gegenbewegung erfolgen würde, und wurde zur Karteileiche. Erst 25 Jahre später, beim Aufbau der AfD in Thüringen, bin ich dann parteipolitisch wieder aktiv geworden.

Höcke: „Ich bin ein avantgardistisch gestimmter National­konservativer“

Wie würden Sie Ihren politischen Standort – begrifflich kurz – umreißen?
Kurzformeln haben so ihre Tücken. Aber, auf den Punkt gebracht, bin ich im Kern ein avantgardistisch gestimmter Nationalkonservativer. Allerdings füge ich hinzu, daß mein „Konservativismus“ frei ist von musealer Rückwärtsgewandtheit. Wir stehen heute an einem Wendepunkt der deutschen und europäischen Geschichte, in dem uns klar sein muß, daß es nur einen Rekurs auf das Gestern nicht geben kann. Das Grobschlächtige („One World“) droht das Feingliedrige („ethnokulturelle Diversität“) zu beseitigen.
In dieser Lage müssen wir den Mut haben, neue und große Visionen zu formulieren. National ja, aber nicht im Sinne eines feindfixierten Beton-Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Wir brauchen einen neuen Selbstbezug, den ich jetzt bei vielen Deutschen und Europäern schon im Entstehen sehe. Mich treibt allerdings die Sorge um, daß wir durch die Herausforderungen, denen Europa sich jetzt gegenübersieht, Stichwort „Flüchtlingsfrage“, die die alten Eliten in ihrem Versagen zu verantworten haben, daß wir dadurch einen Rückfall in einen vorgestrigen Nationalismus erleben könnten, den ich nicht haben will.

Ihr Gegen-Konzept?

Wir müssen zunächst ein neues deutsches und europäisches Selbstbewußtsein entwickeln, das das Eigene in den Mittelpunkt des Denkens stellt, aber das Eigene mit dem anderen verbindet. Ausgangspunkt sind die Fragen: Wer sind wir? Welcher Teil des Gewordenen trägt, und wie wollen wir leben? Nicht nur der einzelne braucht Besinnungszeit. Deutschland und Europa brauchen sie. Zudem muß die Frage beantwortet werden, wer Europas natürliche Partner sind.

Vielleicht ist ja in diesem Zusammenhang ein Appell des deutsch-amerikanischen Historikers Fritz Stern hilfreich. Der warnte nämlich die Deutschen schon vor Jahren davor, echtes Nationalgefühl den Rechtsradikalen zu überlassen. Denn, so Stern, ein nationales Bewußtsein sei von fundamentaler Bedeutung, und die Farben Schwarz-Rot-Gold würden heute in der Welt mit Hochachtung gesehen. Als Sie jedoch unlängst in der Jauch-Sendung die deutsche Fahne zeigten, wurden Sie danach sogar mit dem Tod bedroht. Verkehrte Welt, Herr Höcke, oder?
Zunächst: Unser aus Breslau stammender jüdischer Landsmann Fritz Stern hat natürlich völlig recht mit seinen Forderungen nach der Belebung eines vernachlässigten Nationalgefühls, das sich auch symbolisch durch ein Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold, wie ich es immer wieder öffentlich praktiziere, ausdrücken sollte. Das Problem dabei sind unsere alten Eliten in Politik und Medien. In ihrer Verblendung deuten sie fast jedes nationales Bekenntnis zu Deutschland reflexhaft als „rechtsradikal“. Dieses absurde Theater geht vor allem bei den Grünen besonders weit. So demonstrierte unsere derzeitige Bundestags-Vizepräsidentin, Claudia Roth, unmittelbar nach dem Mauerfall in Frankfurt an der Spitze eines deutsch-feindlichen Umzuges 1990 mit der Parole „Nie wieder Deutschland!“. D. h.: Anstatt die friedliche Revolution unserer mitteldeutschen Landsleute demonstrativ zu unterstützten, fiel sie ihnen nationalverräterisch in den Rücken! Und so eine Person agiert heute im Spitzengremium unseres Parlaments in Berlin! Die Grüne Jugend forderte anläßlich des diesjährigen Nationalfeiertages sogar die „Auflösung Deutschlands“. Und gegen mich gab es tatsächlich nach meinem Schwarz-Rot-Gold-Bekenntnis bei Jauch Morddrohungen, die mich dazu nötigten, gewisse Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

Vorbilder: Otto von Bismarck, Burschenschaften und Andreas Hofer

Herr Höcke, wenn ich Sie nach Vorbildern frage, nach beeindruckenden Persönlichkeiten unserer Geschichte, wer fiel Ihnen dabei ein?
Zu einem meiner großen Vorbilder gehört zweifellos der Gründer des Deutschen Reiches, Otto von Bismarck. Sein Bild hängt in meinem Büro. Ansonsten sind Freiheitskämpfer meine Vorbilder, also das Gegenteil von Realpolitikern wie Bismarck, d. h. Menschen, die den Mut hatten, ihr Leben der Freiheitsidee zu opfern. Mir imponieren Persönlichkeiten, die dem Leben eine Idee entreißen und diese auch gegen Widerstände durchzusetzen suchen. Denken Sie an die verfolgten Burschenschaften im 19. Jahrhundert oder den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer!

Zur Flüchtlingsproblematik: Da bewegen Sie sich ja auf den Spuren des kürzlich verstorbenen Helmut Schmidt, der sich immer wieder warnend zu den negativen Folgen von Einwanderung geäußert hatte. Zitat: „Das ertragen die Gesellschaften nicht, dann entartet die Gesellschaft!“, so in der „Frankfurter Rundschau“ am 12. September 1992. Fühlen Sie sich bestätigt?
Unbedingt! Helmut Schmidt gilt ja als der letzte große Staatsmann und Sozialdemokrat, er war ein wirklicher Patriot. Natürlich fragt man sich heute, warum er in der Phase seiner politischen Verantwortung die Fehlentwicklung, die ja schon zu seiner Zeit absehbar war, nicht aktiver und erfolgreicher bekämpft hat. Aber, sei’s drum! Mit seiner Feststellung hat er natürlich recht, und daß er dabei sogar von „Entartung“ sprach, hätte bei einem Vertreter der AfD zu einem Entrüstungssturm unserer heuchlerischen Leit-Medien geführt.

Vom Staatsmann Helmut Schmidt zur Politikerin und ehemaligen FDJ-Sekretärin Angela Merkel und das von ihr primär zu verantwortende „Flüchtlingschaos“. Die unkontrollierte Grenzöffnung ist ja seit September ihr Credo und angeblich „alternativlos“. Welche Lösung schlagen Sie vor?
Vorab möchte ich bezweifeln, ob Frau Merkel noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist. Denn wie sie seit Monaten in der Asylfrage agiert, gleicht eher einem politischen Amoklauf als einer verantwortungsbewußten Wahrnehmung berechtigter Interessen der Bundesrepublik Deutschland.
Diese Frau muß gestoppt werden. Wir brauchen eine komplette und radikale Wende in der Asyl- und Einwanderungspolitik, nicht nur in Deutschland, auch in Europa. Wir gehen als europäischer Kontinent in eine Zeit, die uns mit einem Migrationsdruck konfrontiert, der auf absehbare Zeit nicht abnehmen, sondern noch zunehmen wird. Afrika hat einen Bevölkerungszuwachs von 30 Millionen Menschen im Jahr, und Frau Merkel unterhält sich auf dem letzten EU-Afrika-Gipfel darüber, wie man noch mehr legale afrikanische Einwanderung nach Deutschland und Europa generieren kann. Ist das nicht wahnsinnig, frage ich Sie?

Mit ihrem Amtseid scheint das kaum zu vereinbaren zu sein …Es ist unvereinbar! Die richtige Konsequenz lautet: Europa braucht Grenzen, Afrika braucht Grenzen, der arabische Raum braucht Grenzen. Wir dürfen Grenzen nicht nur immer als etwas zu Überwindendes denken. Grenzen sind formbildend. Es gibt hier ein leuchtendes Vorbild, doch da schauen Frau Merkel und Österreichs Bundeskanzler Faymann lieber weg: Das ist der australische Weg, und den sollten auch wir gehen. Er heißt: knallharte Grenzsicherung! D. h. jeder, der illegal kommt, wird sofort zurückgeschickt an den Ausgangsort seiner Reise. Wenn hier eingewandt wird, daß das organisatorisch nicht ginge, kann ich nur entgegnen: Es muß mit einem nationalen und europäischen Kraftakt gehen, die Sicherheitskräfte müssen so eingesetzt werden, meinetwegen durch Verstärkung von Polizei und Armeekapazitäten. Aber davor scheut man sich in Berlin, Wien und Brüssel. Es könnten ja böse Bilder entstehen. Man läßt es lieber laufen, anstatt gegen zu steuern. Eine unglaubliche Verantwortungslosigkeit! Aber: Ohne echte Grenzsicherung werden wir keine Zukunft in Deutschland und Europa haben.

Die von ihren Gegnern so bezeichnete „populistische Parteien“ sind in ganz Europa auf dem parlamentarischen Vormarsch, in Österreich liegt die FPÖ bei über 30 % Wähleranteil, Tendenz weiter steigend. In Frankreich überholt der Front National alle anderen Parteien. Nur in Deutschland erscheint der Weg der patriotischen Opposition weniger erfolgreich. Woran liegt das?
Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zunächst zeichnet sich der deutsche Volkscharakter, so wie er sich nach zwei verlorenen Weltkriegen entwickelt hat, nicht gerade durch überbordende oppositionelle Mutigkeit aus. Man hat sich mehrfach die Finger verbrannt und möchte seine Ruhe haben. Diese Mutlosigkeit ist natürlich eng verknüpft mit der seit Jahrzehnten betriebenen und von den Deutschen weitgehend verinnerlichten Umerziehung und Dauervergangenheitsbewältigung, die sozusagen als Sperrfeuer jeden parteipolitischen Ansatz von rechts als „nazistisch“ denunziert und sein Vordringen in die Mitte verhindern soll. Sie verliert zwar an Bindewirkung, ist aber noch bewußtseinsprägend genug! Hinzu kommt: Das Alltagsleben der Deutschen ist von relativem Wohlstand gekennzeichnet. Aus all diesen Gründen sind die heutigen Deutschen, was das patriotische Erwachen in ganz Europa angeht, sicherlich eine der schwächsten Nationen. Doch auch das wird sich verändern, wenn der Problemdruck der allgemeinen politischen Fehlentwicklungen unten, d.?h. beim Volk, ankommt.

Damit meinen Sie: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch? In Gestalt der AfD im Osten Deutschlands, wobei allerdings das Ost-West-Gefälle eine erklärungsbedürftige Größe darstellt, die zu erläutern wäre, konkret: Warum ist Ihre Partei im Osten deutlich stärker?
Wir haben es im Osten Deutschlands mit anderen Menschen als im Westen zu tun. Hier sind die Erfahrungen aus den Zeiten der friedlichen Revolution von 1989/90 noch sehr lebendig, wo hartnäckige und einfallsreiche Opposition – zum Beispiel durch Demonstrationen – politische Veränderungen bis hin zum Sturz des SED-Regimes erzwingen konnte. Weil sie diese Umsturzerfahrung haben, reagieren sie auch viel sensibler auf staatliche Manipulationen. Und was sie – zusätzlich – besonders feinsinnig wahrnehmen: das sind die mehr oder weniger gleichgeschalteten Massenmedien! Davon profitieren wir natürlich. Meine thüringischen Landsleute sind auch weniger umerziehungsgeschädigt und pflegen voller Stolz, anders als die 68er-deformierten Westdeutschen, Bodenständigkeit und Patriotismus.
Auf der Basis dieser Ausgangslage reagieren wir mit einem mehrdimensionalen politischen Kampf: zum einen im Parlament. Dort machen wir gute Arbeit, obwohl wir von den anderen Parteien vielfältig behindert und bekämpft werden. Zum anderen tragen wir unsere Oppositionsarbeit auch auf die Straße, und die großartigen Erfolge bei den Demonstrationen in Erfurt geben uns recht. Eines ist nämlich klar: Wenn wir jetzt nicht, d.h. in den entscheidenden Jahren 2016/17, die Wende erfolgreich einleiten, dann ist „die Messe gelesen“.

Das klingt ja sehr hoffnungsvoll für Ihre junge Partei. Dennoch die Frage: Woran könnte sie scheitern?

Von einem Scheitern möchte ich nicht sprechen, das halte ich für äußerst unwahrscheinlich! Die AfD hat das Potential zu einer neuen Volkspartei. Sie muß nur das liberalkonservative Credo mit dem patriotischen deutlich und ausgewogen ergänzen, denn beide Komponenten sind enorm wichtig.

 „Liberalkonservativ und ­patriotisch“

Denken Sie an die FDP unter Erich Mende, sie war bis Mitte der 1960er Jahre eine national-liberale Partei. In der heutigen AfD ist das völlig unstrittig. Allerdings will man den patriotischen Zug nicht übertreiben. Einverstanden, das machen wir auch nicht, wenngleich desinformierende Massenmedien das Gegenteil berichten und ganz bewußt ständig mit der Nazi-Keule herumfuchteln.
Die AfD könnte sich eigentlich nur selbst zerlegen oder von Karrieristen und Materialisten entkernt werden, was im Ergebnis das gleiche wäre.
Das erwarte ich allerdings nicht und die letzten beiden großen Parteitage haben eine klare Linie vorgegeben: In Essen erlebte die Partei eine zweite Geburt und schwor sich im Geist der Erfurter Resolution auf einen grundsätzlichen Erneuerungsauftrag ein. Und kürzlich, Ende November in Hannover, überzeugte die neue Parteispitze mit demonstrativer Geschlossenheit und einem klaren Oppositionskurs.

Apropos Scheitern: Immer wieder wurden und werden in Deutschland unerwünschte Oppositionsgruppen auch geheimdienstlich durch V-Leute geschwächt und in die Ausgrenzungs- und Verbotszone befördert. Liegen Ihnen diesbezügliche Erkenntnisse für die AfD vor?
Nein, bislang nicht. Aber bedenken Sie auch: Wir haben natürlich eine schwierige Aufbauzeit hinter uns. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mit dieser Art von Arbeit betraut, und das waren meine bislang anstrengendsten Jahre. Es tauchten Störer und eigenartige Typen auf, die sich bremsend auf die Festigung der Partei auswirkten. Aber ob diese Personen nur Sonderlinge, Profilneurotiker oder gar Geheimdienst-Infiltranten waren, muß offenbleiben.

Wie beurteilen Sie den neuen Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz in Thüringen, Herren Stephan Kramer, einst Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland?
Es ist eine Sollvorschrift, daß man in dieser Position die Fähigkeit zum Richteramt haben sollte, leider keine Muß-Option. Kramer ist studierter Sozialpädagoge und er ist in den letzten Jahren nicht als ausgleichender Mensch in Erscheinung getreten. Das konterkariert ja etwas das Neutralitätsgebot für dieses hohe Amt. Kurzum, die rot-rot-grüne Landesregierung ließ sich bei der Stellenbesetzung offensichtlich nicht primär von fachlicher Eignung leiten, sondern suchte einen zuverlässigen Verbündeten im Kampf gegen alle konservativen Kräfte, die das von ihr erlaubte Meinungsspektrum nicht einzuhalten bereit sind, um es mit den Worten unseres Parlamentarischen Geschäftsführers der AfD-Fraktion, Stefan Möller, auszudrücken.

Werden Sie trotzdem das Gespräch mit Herrn Kramer suchen?
Selbstverständlich!

Herr Höcke, auf welchen Politikfeldern sollte sich die AfD in Zukunft besonders profilieren?

Eine Familienpartei gegen das Linksprojekt Gender-Mainstreaming

Die AfD nehme ich vor allem als eine Familienpartei wahr. Sie fordert nicht nur in der Asyl- und Einwanderungspolitik, sondern auch in der Familienpolitik eine entscheidende Wende. Fakt ist: Familien werden heute in Deutschland ideell und finanziell, hier vor allem im Steuer- und Rentenrecht diskriminiert. Damit untergräbt die Politik die Zukunftsfähigkeit des deutschen Volkes. Die Frage lautet für mich also: Wie kann man der Familie wieder geben, was man ihr genommen hat? Sie ist schließlich der entscheidende Leistungsträger unserer Gesellschaft. Wir brauchen ein neues Bewußtsein, eine neue Wertschätzung pro Familie. Ich selbst bin Vater von vier Kindern und weiß wovon ich spreche. Für mich ist die Familie die Keimzelle des Staates, der Nukleus, der unbedingt bewahrens- und schützenswert ist.
Was ihr zusätzlich entgegenwirkt, ist die politische Strategie des „Gender-Mainstreamings“. Dieses linksideologische Projekt der Gleichschaltung stellt ein EU-gefördertes Umerziehungsprogramm dar, das die natürliche Geschlechterordnung von Mann und Frau eliminieren möchte. Ein geradezu groteskes Vorhaben, das die christliche Schöpfungsordnung ebenso ignoriert, wie es die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern schlicht leugnet.
Ein weiteres wichtiges Politikfeld ist die Energiepolitik. Ich erinnere daran, daß es lange vor dem asylpolitischen Amoklauf der Kanzlerin ihren energiepolitischen gab. Die Energiewende ist eine ideologische Mißgeburt.

Also sind Sie für die friedliche Nutzung der Atomenergie?
Ja, das kann ich mir unter Umständen durchaus vorstellen. Ich weiß zwar, daß dies nicht populär ist, als Brückentechnologie werden wir aber darauf zurückgreifen müssen. Es gibt inzwischen neue Technologieansätze, die die Entsorgungsproblematik entschärfen könnten. Alle Länder um uns herum investieren in die Atomkraft und bauen diese sogar noch aus. Das, was bei uns zur Zeit passiert, ist ein energiepolitischer Fehltritt erster Ordnung. Der staatstragende Mittelstand wird durch immer weiter steigende Strompreise bedroht, der Wirtschaftsstandort Deutschland ohne Not schwer geschädigt. Die sogenannte Energiewende spielt mit der Energiesicherheit, weil es eben keine ausgereifte Speichertechnologie gibt. Zudem wird unsere wunderbare Kultur- und Naturlandschaft in einer Weise entstellt, daß einem die Haare zu Berge stehen. Fest steht aber auch, daß wir unseren Energiehunger drosseln und daher das kapitalistische Wachstumsdogma in Frage stellen müssen. Ich plädiere hier für eine neue Bescheidenheit, für weniger Bedürfnisweckung und mehr Bedarfsdeckung. Die Postwachstumsökonomie bietet hier interessante Ansätze.

Stichwort Lügenpresse: Laut Deutschem Presserat sollen Medien objektiv, d. h. wahrheitsgemäß über Geschehnisse berichten und/oder kritisch kommentieren. Dabei gibt es jedoch gerade in der Berichterstattung über Vorkommnisse im politischen Mitte-Rechts-Lager in Deutschland ein erhebliches Theorie-Praxis-Problem. Wie erklären Sie sich das?
Es ist empirisch erhoben, daß Journalisten in Funk und Presse überwiegend, es dürften über 70 Prozent sein, sich selbst als Parteigänger der Grünen, der Sozialdemokraten oder der Linkspartei verorten. Ihre Wahrnehmungsfilter und die daraus folgende mediale Berichterstattung sind links-ideologisch gefärbt, d.?h. einseitig und in vielen nachweisbaren Fällen unwahr!
Wir haben in Deutschland das Problem, daß sich ein Parteienstaat herausgebildet hat, der die Parteien in eine einzigartige Herrschaftssituation über den Staat gebracht hat. Zu Recht ist von einem Parteienkartell die Rede. Und komplementär auch ein den Parteien nahestehendes Medienkartell entstanden, das Oppositionskräfte wie zum Beispiel die AfD benachteiligt. Beide, das Polit- und das Medienkartell, befinden sich gerade in einem gemeinsamen Abwehrkampf, weil ihre Deutungsherrschaft durch das Aufkommen der alternativen Medien, Stichwort digitale Kommunikation, erheblich an Bedeutung verloren hat. Das macht sich gerade in der aktuellen „Flüchtlingskrise“ bemerkbar, denn hier – wie in fast keiner anderen Frage – klaffen die Sichtweisen der Bevölkerung und der politisch-medialen Klasse total auseinander.

Soweit Ihre Diagnosen. Aber: Was hilft jetzt aus der Misere?
Zwei Dinge sind wichtig: Realismus gepaart mit Optimismus. Zunächst einmal werden wir in Deutschland und Europa durch ein tiefes Tal der Tränen gehen, was auch die AfD nicht verhindern kann. Wir müssen diese Krise auch als Chance begreifen!
Und dann brauchen wir einen neuen, einen völlig anderen Geist in unserem Land! Die Deutschen müssen die Leidenschaft und Freude am Eigenen wieder entdecken und ich füge hinzu: ohne dabei abzuheben! Es muß einfach Freude machen, das Eigene neu aufzubauen, das Eigene zu pflegen, das Eigene weiterzuentwickeln. Nicht nur als Produkt der Konstante eines Einzelwesens, das versucht, sich zu repräsentieren, sondern auch als Glied eines größeren Ganzen. In Erfurt beginne ich meine Reden folgendermaßen: „Vom Einsamen zum Gemeinsamen! Vom Ich zum Wir! Wir sind wir!“ Diesen Entwicklungsauftrag müssen wir annehmen.

Herr Höcke, vielen Dank für dieses Gespräch!

 
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