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Theodor W. Adorno

Adorno teilte nicht den Glauben von Karl Marx, dass die ­Geschichte automatisch auf den Zustand der Befreiung zutreibe, in seinen Augen ist der Entfremdungszusammenhang in der Gesellschaft viel radikaler als dies Marx angenommen hatte.
Wie Fichte (oben) und Hegel (unten) im deutschen Idealismus die „Idee“ mit ihrer (schlechten) Realisation konfrontierten, brachte Adorno den „Begriff, den die Sache von sich selber hat“ in Konfrontation mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

In den 1960er Jahren steckt die globalisierte Meinungsindustrie noch in den Kinderschuhen, „political correctness“ im heutigen restriktiven Zuschnitt war noch völlig unbekannt. Doch schon damals kritisierte Adorno die Massenmedien als Akteure einer Bewusstseinsindustrie, die den Massenmenschen manipulierten und in Unmündigkeit hielten – in diesem Sinne müsste er heute als größter Kritiker der PC gelten.
Adorno definierte Friede als „Kommunikation eines Unterschiedenen ohne Herrschaft“. Angesichts dieser Aussage dürfte sein Urteil über das was man Globalisierung nennt, die Schaffung einer Welt-Einheits-Kultur und eines „Global Governments“, einer vom Kapital diktierten Migrations- und Infrastrukturpolitik, die alle regionalen, kulturellen und nationalen Grenzen hinwegfegt, eindeutig ausfallen.

 Von Dr. Jost Bauch

Ein konservativer Denker

Im Grunde seiner Sozialphilosophie war Theodor W. Adorno, der Meisterdenker der Kritischen Theorie, die Ikone der Linken, der Wegbereiter der 1968iger Kulturrevolution – ein Konservativer. Das behauptete schon 2003 mit großer Plausibilität und Sachkenntnis Thomas Assheuer in einem ausladenden ZEIT-Artikel (4. Sept. 2003). Wir wollen diese Gedankengänge hier aufgreifen und vertiefen. Adorno, so unsere These, würde er heute noch leben, wäre ganz sicher im konservativen Lager wiederzufinden. Diese Spurensuche des Konservativismus bei Adorno ist kein l‘art pour l‘art der Ideengeschichte und Sozialphilosophie, sie dient der Selbstaufklärung des Konservativismus, soweit er sich als eine eigenständige gesellschaftliche und politische Denk-Geste verstehen will und kann.

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die positivistische Soziologie, so wie sie sich in Deutschland nach dem Kriege etabliert hat. Dieser ist nämlich der Begriff der Gesellschaft verlorengegangen. Angesichts der Zunahme der Komplexität des Sozialen läßt sich, so die These von Schelsky, Albert und Scheuch, die Gesellschaft als Ganzes mit den Mitteln der Soziologie gar nicht mehr erfassen. Die Soziologie ist nur noch in der Lage, Teilaspekte mittels empirischer Sozialforschung und höchstens „Theorien mittlerer Reichweite“ (Robert K. Merton) zu betrachten, alles andere ist Spekulation und Metaphysik. Gegen diese Vorstellung der positivistischen Soziologie wendet sich mit aller Verve und Polemik Adorno als Vertreter der Frankfurter Schule und Kritischen Theorie.
Gegen die linke ­Fortschrittseuphorie
Geschult an der Dialektik von Hegel behauptet Adorno, daß die Gesellschaft in Wesen und Erscheinung differenziert werden kann. Nach ihm gibt es ein Wesen der Gesellschaft (bei Hegel die Stufen der Selbstauslegung des Geistes), das als Repräsentant des Ganzen zu gelten hat. Dieses Wesen manifestiert sich in allen gesellschaftlichen Erscheinungsformen und bringt sich dort zum Ausdruck. Als Teil des Ganzen beherrscht es das Ganze (pars totalis), das Ganze ist in jedem Teil der Gesellschaft (expressive Totalität) präsent, man muß es nur durch die archäologische Funktion der Soziologie hinter der Oberfläche liegend sichtbar machen. Dieses Ganze im Teil, das „falsche Allgemeine“ im Konkreten, ist für Adorno der Tausch. Die Tauschbedingungen der kapitalistischen Gesellschaft durchwalten alle oberflächlichen Erscheinungsformen der Gesellschaft; er, der Tausch, ist die Essenz der modernen Gesellschaftsformation. Da auch die Arbeitskraft zur Ware und gegen Lohn getauscht wird, wird über die Aneignung des Mehrwertes der Arbeit bei gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung der Tausch zum Mittel des Profits. Herrschaftsstrukturen und Krisen breiten sich im Spätkapitalismus als Folge von privater Aneignung bei gesellschaftlicher Produktion aus. Soweit befindet sich Adorno im Fahrwasser von Karl Marx. Doch an dieser Stelle der Krisenfabrikation durch gesellschaftliche Produktion und private Aneignungsformen trennen sich die Wege von Marx und Adorno abrupt. Für Marx ist klar: Wir passen die Aneignungsform an die Produktionsverhältnisse an (schaffen also Sozialismus, indem der gesellschaftlichen Produktion auch eine gesellschaftliche Aneignung folgt) und schon sind wir im Reich der Freiheit. Geschichtsdeterministisch treiben die Widersprüche der kapitalistischen Produktion zu ihrer Aufhebung, es braucht nur ein klassenbewußtes Proletariat, das den Wandel der Aneignungsform vollzieht. Adorno wendet sich hier dezidiert gegen Marx. Denn bei Marx treibt die Geschichte echt dialektisch und fast automatisch auf den Zustand der Befreiung zu; die Befreiung ist als „Aufhebung“ der Widersprüche in den Widersprüchen schon angelegt. Diese eschatologische Auffassung kann Adorno nicht teilen, seine Dialektik bleibt negativ, es gibt aus dem Geschichtsverlauf keine einzulösende Hoffnung auf Befreiung, die Welt erscheint als bis ins Innerste falsch und wird beherrscht vom „negativen Allgemeinen“. Adorno kann auf seiner negativen Dialektik – die also nicht auf die Aufhebung der Widersprüche drängt – bestehen, weil der Entfremdungs- und Verblendungszusammenhang in der Gesellschaft viel radikaler ist, als das Marx angenommen hat, der sich ja „nur“ mit politischer Ökonomie befaßt hat. Für Adorno ist es die „Realabstraktion“ des Tausches (der von allen stofflichen Eigenschaften abstrahiert und die stoffliche Heterogenität der Gegenstände auf etwas abstrakt-Identisches bringt: den Tauschwert in Form von Geld), eine Realabstraktion, die insgesamt das menschliche Denken affiziert und die instrumentelle Vernunft hervorgebracht hat. Das instrumentelle Denken, das alles identifizieren und beherrschen will, beherrscht seinerseits den Menschen. Instrumentelles Denken produziert Unterwerfung, sowohl der Natur als auch Unterwerfung des Menschen, der seine Triebe unterdrücken und sein Selbst verleugnen muß. Diese instrumentelle Vernunft erfaßt alle gesellschaftlichen Bereiche, schafft eine „verwaltete Welt“ mit Bürokratie und Kulturindustrie, und selbst das Subjekt, wenn es sich dünkt, frei zu sein, kann nicht anders, als repressiv präformiert die „schlechte Objektivität“ zu reproduzieren. Auch die Freiheitsbewegungen – Adorno hatte hier die 1968er Linke im Auge – bleiben gekettet an den Bann. „Sobald sie [die Freiheit] von sich Gebrauch macht, vermehrt sie die Unfreiheit. Der Statthalter des Besseren ist immer auch Komplize des Schlechteren“ (Neg. Dialektik, Ffm 1960, 290). Hier bricht sich konservatives Denken Bahn! Gegen alle (linke) Fortschrittseuphorie finden wir im konservativen Lager kein fortschrittsdeterministisches Weltbild, die Antagonismen treiben nicht zu ihrer Aufhebung, ein utopisches Reich der Freiheit bleibt ein Traum und ist realgeschichtlich nicht in Sicht. Adorno würde hier Donoso Cortés zustimmen, daß die Weltgeschichte nur das taumelnde Dahintreiben eines Schiffes sei, mit einer Mannschaft betrunkener Matrosen, die grölen und tanzen, bis Gott das Schiff ins Meer stößt, damit wieder Schweigen herrscht.
Wendung zu Idealismus
Doch wenn die Geschichte nicht von selbst auf den „Zustand der Versöhnung“ zusteuert, wie bekommt der Mensch dann eine Vorstellung davon, daß es auch anders und besser sein könnte, ohne daß diese Vorstellung sich nur als „abstrakte Utopie“ erweist? Wie legitimiert Adorno den utopischen Überschuß, den die Kritische Theorie bei der Beurteilung der Gesellschaft in Anschlag bringt? Bei Adorno ist es der „Begriff, den die Sache von sich selber hat“. In Adornos letzter Vorlesung im Jahre 1968 heißt es: Soziologie vermittelt „Einsicht in das, was ist, aber in einem solchen Sinn, daß diese Einsicht kritisch ist, indem sie das, was gesellschaftlich der Fall ist, wie Wittgenstein gesagt haben würde, an dem mißt, was es selbst zu sein beansprucht“ (Einl. in die Soziologie, Ffm 2003, 1. Aufl., 31). Hier verläßt Adorno vollends den Boden des historischen Materialismus und wendet sich wieder dem deutschen Idealismus zu, wenn in Anlehnung an Hegel und auch Fichte die im Begriff fixierte Idee mit ihrer (schlechten) Realisation konfrontiert werden soll. Doch haben nicht Begriffe immer ein „Überschußpotential“ gegenüber ihren Realisationen? Bei Max Weber sind (soziologische) Begriffe immer „idealtypisch“ konstruiert und die Differenz zwischen Begriff und Sache selbst ist von Anfang an uneinholbar angelegt. Jedenfalls läßt sich diese Differenz schlecht zum Maßstab für konkrete Gesellschaftsveränderungen machen, weil die Begriffe ihren Realisationsversuchen immer utopisch davonlaufen. Eine Demokratie ist realhistorisch immer ein Stückwerk gegenüber der Vorstellung, die der „reine Begriff“ Demokratie einfordert. Ob dieses Dauerlaufs gegen die „reinen“ Begriffe ist die Kritische Theorie am Ende erschöpft; was bleibt, ist Pessimismus und die konservative Einsicht, daß die Gesellschaft in conkreto ein Jammertal bleibt.
Kritik an der ­„Bewußtseinsindustrie“
Die Stärke bei Adorno bleibt aber die Analyse des Jammertales. Man könnte die Studien über die „Kultur- und Bewußtseinsindustrie“ aus seiner Zeit herausschneiden und in unsere Zeit versetzen, eine schärfere Kritik am politisch korrekten Zeitgeist erscheint nicht möglich. Für ihn ist klar, daß die Massenmedien als Akteure der Bewußtseinsindustrie eine „künstlich geschaffene Unmündigkeit“ und einen „synthetischen Analphabetismus“ produzieren; niemals waren die Massen stärker manipuliert, fremdgesteuerte Marionetten, ausgestattet noch mit dem falschen Bewußtsein, „ganz bei sich selbst zu sein“. Dabei war Ende der 1960er Jahre die globalisierte Meinungsindustrie noch in ihren Anfängen. Political Correctness im heutigen restriktiven Zuschnitt war damals noch unbekannt, Adorno würde die heutige Situation als offenen Meinungsterror bezeichnen. Er würde feststellen, daß sich die heutige Situation vom Ideal der befriedeten Gesellschaft der Kritischen Theorie weiter entfernt hat. Schließlich war Adorno auch Stichwortgeber für die „diskursive Willensbildung“ von Jürgen Habermas. Wie weit sind wir heute, wo Zeitgeistritter, Antifa-Denunzianten und Mainstream-Wächter das große Wort führen, vom Zustand der „herrschaftsfreien Kommunikation“ entfernt, als „die angstlose, aktive Partizipation jedes Einzelnen: in einem Ganzen, welches die Teilnahme nicht mehr institutionell verhärtet“ (Neg. Dialektik, 259). Glaubt die herrschende politische Klasse angesichts dieser Verhältnisse, Adorno wäre auch heute (noch) auf ihrer Seite?
Heimat als Freiheit
in Geborgenheit
Ganz deutlich kommt der Konservativismus von Adorno in seiner letzten Publikation, den „Stichworten“ zum Ausdruck. Auch hier wendet er sich gegen die instrumentelle Vernunft, das identifizierende und damit alles auf Verrechenbarkeit gleichmachende Bewußtsein, das „Identitätsbewußtsein des Geistes, der repressiv sein Anderes sich gleichmacht“. Dort heißt es: „Wäre Spekulation über den Stand der Versöhnung erlaubt, so ließe in ihm weder die ununterschiedene Einheit von Subjekt und Objekt noch ihre feindliche Antithetik sich vorstellen, eher die Kommunikation des Unterschiedenen … . Friede ist der Stand eines Unterschiedenen ohne Herrschaft, indem das Unterschiedene teilhat aneinander“ (Stichworte 153). Angesichts dieser Aussagen dürfte Adornos Urteil über das, was man Globalisierung nennt, eindeutig sein. Nicht Schaffung einer Welt-Einheits-Kultur, einer one world-Utopie, einer „global governance“, einer weltweit gleich durchmischten Einheitsbevölkerung, einer vom Kapital diktierten Migrations- und Infrastrukturpolitik, die alle regionalen, kulturellen und nationalen Grenzen hinwegfegt, kann dabei als Stand der Versöhnung angesehen werden. Im Gegenteil: Hier ist das identifizierende Bewußtsein, die instrumentelle Vernunft als falsches Bewußtsein am Werk, ein faustischer Machbarkeitswahn, der vor nichts mehr Halt macht und Mensch und Natur bis zur Unbewohnbarkeit der Welt vernutzt. Hier tauchen bei Adorno in der Tat faustische Motive von Goethe auf; gegen den Negations-, Kolonisations- und Bewegungsfuror der Moderne (Michael Jaeger) setzte Goethe das anschauend-reflektierende Verweilen im Angesicht von Kunst und Ästhetik. Die Konfrontation mit dem anderen, es dabei aber so zu belassen, wie es ist, die Anerkennung, etwas als Unverfügbarkeit hinzunehmen und trotz der Widerborstigkeit des anderen mit diesem zu kommunizieren als wäre es etwas Eigenes, das ist im tiefsten und besten Sinne eine konservative Einstellung. Vorbild ist für Adorno dabei die Landschafts- und Alltagserfahrung der Heimat (Amorbach im Odenwald) gegen die „Verdinglichung der Gesellschaft“, als „Erinnerungsspur der Freiheit in der Geborgenheit einer zugewandten Welt“. Heimat ist so auch für Adorno der Ort, wo die Widersprüche der zerrissenen Welt zusammengefügt werden können. Freiheit und Geborgenheit, in der Heimat kein Widerspruch! Adorno bindet hier die Beurteilung der Güte einer Gesellschaft an die Heimaterfahrung. Nicht mehr die abstrakte Konfrontation von Begriff und Sache steht nunmehr im Vordergrund, sondern die ge- und erlebte Heimaterfahrung dient als utopische Referenzbühne gegen die Zwänge der verdinglichten Welt.
Adorno war fürwahr ein Konser­vativer, der eine Zeitlang in falschen Gewändern durch die Welt geschritten ist.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com