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Rotarmisten in deutschen Lagern

Millionen Deutscher wie Russen gerieten im II. Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft, die für viele von ihnen den Tod bedeutete. Doch neue Forschungen belegen, daß es auch im Dritten Reich keine gezielte Hungerpolitik zur Ausrottung der gefangenen Rotarmisten gegeben hat. – Deutsche Kriegsgefangene bei Stalingrad.
Viele sowjetische Kriegsgefangene kamen nach dem II. Weltkrieg als „Vaterlandsverräter“ ins Gulag.

Von S. Torico

„… für die Gefangenen das Mögliche herauszuholen”

Das Thema der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam ist vielschichtiger, als Bundespräsident Gauck es anläßlich des 70. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs angesprochen hat. Gauck führte aus: „Wir müssen heute davon ausgehen, daß von über 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen deutlich mehr als die Hälfte umkam.“ Zwei Tage später thematisierte der Historiker Heinrich August Winkler im Bundestag den „billigend in Kauf genommenen Tod von 2,7 von insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen“.Gauck sprach weiter „von dem Schrecken und von der unbarmherzigen Behandlung, die die Sowjetsoldaten in deutscher Gefangenschaft erlitten haben. (…) Auch die Wehrmacht hat sich schwerer und schwerster Verbrechen schuldig gemacht. (…) Wir stehen hier und erinnern an dieses barbarische Unrecht und an die Verletzung aller zivilisatorischen Regeln.“ Erschütternd sei, wie „ganz normale Männer und Frauen“ zu Komplizen der Unterdrückungspraxis gemacht und manche sogar zu unbarmherzigen Menschenschindern und Mördern werden konnten.

Was die Zahlen angeht, ist die Divergenz zwischen Gauck und Winkler kein Zufall:

- Christian Streit bezifferte in seiner Dissertation („Keine Kameraden“) 1978 die Gesamtzahl der zwischen dem 22. Juni 1941 und Anfang Februar 1945 gefangengenommenen Rotarmisten auf 5,73 Millionen Personen. Dann subtrahierte er diejenigen, die sich 1945 noch in Gefangenschaft befanden, ferner als „Hilfswillige“ oder Freiwillige für die „Osttruppen“ entlassene sowie entflohene oder von der Roten Armee wieder befreite Gefangene. Streit geht davon aus, daß „alle Gefangenen, deren Verbleib nicht anderweitig nachgewiesen werden kann, umgekommen sein müssen“, und kommt damit auf 3,3 Millionen Tote.
- Alfred Streim („Die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im ,Fall Barbarossa’”) ging 1981 von einer Gesamtzahl von 5,34 Millionen gefangengenommenen Rotarmisten aus, von denen „mindestens 2.530.000“ gestorben seien.
- Der Militärhistoriker Joachim Hoffmann kam 1983 in „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, Band 4, zu dem Ergebnis, „daß von den genau 5.245.882 Kriegsgefangenen bis März 1945 rund 2 Millionen an Hunger und Seuchen größtenteils schon bis Frühjahr 1942 verstorben sind. Einige Zehntausend dürften vom SD erschossen worden sein, doch läßt sich eine genaue Angabe nicht machen.“
- In einem „Gutachten zur Behandlung und zu den Verlusten sowjetischer Kriegsgefangener in deutscher Hand von 1941–1945“ vertrat der einst an der Ostfront mit Kriegsgefangenenfragen befaßte Offizier Hans Roschmann 1982 die Auffassung, es habe 1,68 Millionen Todesfälle gegeben.
Alle vorgenannten Veröffentlichungen sind mehr als dreißig Jahre alt. Bewegung kam in die Debatte vor allem durch den Artikel „Sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam 1941–1945“ von Reinhard Otto, Rolf Keller und Jens Nagel, der 2008 in den Vierteljahresheften des Instituts für Zeitgeschichte erschien. Darin wird auf der Grundlage jahrelanger Studien „eine Grundannahme der Historiographie in Frage gestellt, die der Wehrmacht unterstellt, zumindest 1941 die sowjetischen Gefangenen höchstens ansatzweise und auf keinen Fall individuell registriert zu haben, um das von Anfang an einkalkulierte Massensterben zu vertuschen. Vielmehr verfuhr die Militärbürokratie in hergebrachter Weise nach den seit 1939 geltenden Dienst- und Verwaltungsvorschriften, die im Fall der sowjetischen Kriegsgefangenen nur unwesentlich geändert wurden.”
Dieses Ergebnis hat mehrere Konsequenzen. So findet sich in dem Beitrag die Aussage: „Von einer gezielten Hungerpolitik kann keine Rede sein. Dagegen stehen nicht nur die hier vorgelegten Ergebnisse, sondern auch die Logik: Auf der einen Seite Menschen zu Hunderttausenden vorsätzlich verhungern zu lassen, zugleich aber systematisch Unterlagen anzulegen, die dies für jeden Einzelfall dokumentieren, ist schlecht vorstellbar.“
Die drei Historiker weiten den Blick aber auch für die in den letzten fünfzehn Jahren sukzessive bekannt gewordenen Tagebücher und Briefwechsel von deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenenlagern Funktionen erfüllten: „Wenn dieses Faktum“, nämlich die Registrierung, „zuweilen vehement bestritten wird, dann nicht zuletzt deshalb, weil ein solch formal korrektes Vorgehen auf den ersten Blick nicht zum Charakter des weitgehend außerhalb jeglicher völkerrechtlicher Normen geführten Weltanschauungskriegs gegen die Sowjetunion paßt. Eine derart schematische Vorstellung läßt freilich kaum mehr Raum für differenzierende Einschätzungen, weil sie auch positiv deutbare Sachverhalte von vornherein negativ interpretiert, wenn nicht gar negiert. Das führt beispielsweise dazu, Selbstzeugnisse von im Kriegsgefangenenwesen eingesetzten Offizieren, die sich ganz offensichtlich um das Wohl ihrer Gefangenen bemüht haben, von vornherein anzuzweifeln, und Historikern, die solche autobiographischen Aufzeichnungen zusammen mit einer sorgfältigen Kommentierung publizieren, tendenzielle Apologetik zu unterstellen, nur weil die Bewertung offensichtlich eigenen Vorstellungen widerspricht.“

Das Tagebuch des Majors Johannes Gutschmidt

Eine bedeutende Veröffentlichung dieser Art wurde 2001 durch einen Beitrag publik, der ebenfalls in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte erschien. Unter dem Titel „Massensterben oder Massenvernichtung? Sowjetische Kriegsgefangene im ,Unternehmen Barbarossa’. Aus dem Tagebuch eines deutschen Lagerkommandanten“ wertete der Militärhistoriker Christian Hartmann das im Bundesarchiv-Militärarchiv verwahrte Tagebuch des Berliner Majors (ab Juli 1942 Oberstleutnant) Johannes Gutschmidt (1876–1961) aus. Hartmann faßt zusammen:
„Zumindest sein Tagebuch bietet keinen Anhaltspunkt dafür, er habe in irgendeiner Form zielgerichtet auf eine Vernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen hingearbeitet. Folgt man dieser Quelle, dann scheint dies im übrigen auch für seine unmittelbaren Vorgesetzten, die Kriegsgefangenenbezirkskommandanten, zu gelten, ja selbst für einen so hoch angesiedelten General wie den Befehlshaber des Rückwärtigen Heeresgebiets Mitte, Max von Schenckendorff. Gutschmidts Bericht, dieser habe Anfang Dezember 1941 einen anderen Lagerkommandanten wegen der hohen Sterblichkeit unter seinen Gefangenen scharf gemaßregelt, findet auch in anderen zeitgenössischen Quellen seine Bestätigung; dort ist sogar von einem Kriegsgerichtsverfahren die Rede.“
Major Gutschmidt sei, so Hartmann, „für das Schicksal von sehr vielen Menschen, insgesamt vermutlich weit über Hunderttausend, verantwortlich“ gewesen. Schon wenige Auszüge aus dem Tagebuch verdeutlichen die Einstellung dieses Offiziers. Am 25. Juni 1941 notierte er in Zawisty:
„Plötzlich rief ein Einwohner: Ruski!, und wir sahen drei russische Soldaten auf uns zu kommen, die sofort in einem Kornfelde verschwanden. Wir liefen von beiden Seiten herum und als wir näher kamen, stellten sie sich mit erhobenen Händen auf. Es waren junge Leute, leidlich gekleidet. Wir nahmen sie mit ins Lager, gaben ihnen zu essen und dann baten sie um etwas Tabak.“
Und am 30. Juni 1941 in Bielsk:
„In der Nacht kam der Befehl, daß wir in Bielsk eingesetzt bleiben sollen und uns auf große Gefangenenzahlen einzurichten hätten. Die zweite Kompanie Landesschützen-Bataillon 974 wird mir unterstellt. Vier Sonderführer treffen heute ein. Ich war von 10 Uhr ab im Lager. Es strömen viel mehr hinein, als abgerollt werden. Namentlich kommen viel Verwundete, darunter sehr schwer verletzte, von denen heute noch mehrere sterben werden. Dr. R. hat sie schon stark unter Morphium gesetzt. Es gelingt, sie noch lebend in das Zivilkrankenhaus zu schaffen. […] Wir haben mehrere Hundert Zentner Kartoffeln und etwa 200 Zentner eingesalzene Fische für die Gefangenen erbeutet. […] Heute wurde ein Gefangener eingeliefert, dem ein Schuß den ganzen Unterkiefer unter dem Ohr zerschmettert und den vorderen Teil ganz weggerissen hatte. Da er außerdem noch schwere Schüsse in der Herzgegend hatte, konnte er nach ärztlichem Urteil nicht am Leben bleiben. Er bekam reichlich Morphium, wachte aber nach einer Weile ganz munter auf. Ich machte eine Anzahl Aufnahmen von ihm. Als er ins Zivillazarett gefahren wurde, verlangte er, sitzend zu fahren und nicht liegend, und bat, ich möchte ihn doch noch einmal photographieren. Am andern Tage besuchte ich ihn im Zivillazarett, und der Chefarzt meinte, daß der Mann bei seiner starken Konstitution doch wohl noch durchkommen würde. Wir haben jetzt 8 standfeste Kessel aus anderen Lagern hergeschafft und dazu 22 russische Feldküchen. Nun können große Mengen Gefangene kommen: wir sind gerüstet.“

Die Feldpost des Dr. Konrad Jarausch

2008 kam es zu einer wichtigen Ergänzung des Gutschmidt-Tagebuchs. Unter dem Titel „Das stille Sterben …“ erschienen die Feldpostbriefe des Theologen und Germanisten Dr. Konrad Jarausch aus Polen und Rußland der Jahre 1939 bis 1942. Jarausch, geboren 1900, war in dem von Gutschmidt geführten Durchgangslager (Dulag) 203 für die Verpflegung zuständig. Er, zuletzt Feldwebel, starb am 27. Januar 1942 an Flecktyphus, nachdem er sich im Lager angesteckt hatte. Neben der immer wiederkehrenden Hoffnung, daß der Krieg bald beendet sein möge, beherrschen Gedanken wie der folgende vom 1. September 1941 Jarauschs Briefe:
„Nun handelt es sich nur noch darum, im Augenblick für die Gefangenen das Mögliche herauszuholen und im übrigen für das Künftige zu sorgen. Wir hatten in den letzten Tagen bis 12.300 Gefangene im Lager. Ein solcher Tag, an dem man von früh bis spät für das Ausgeben der Vorräte, das Inganghalten der Feuer und die Ausgabe des Essens zu sorgen hat, ist anstrengend genug. Man ist umgeben von ständigem Geschrei und Gestank, bestürmt von unzähligen Bitten. Da geht es oft nicht ohne Rücksichtslosigkeit dem Einzelnen gegenüber, wenn das Ganze im Gang bleiben soll.“

Hauptmann Dr. Töpperwien: „Ich konnte nicht anders“

Schon 2006 war das Kriegstagebuch von Dr. August Töpperwien (1892–1956), einem Hauptmann der Reserve und Gymnasiallehrer, erschienen. Töpperwien war 1942 an die Ostfront versetzt worden und dort im Führungsstab von Durchgangslagern und als Leiter von Neben- und Auffanglagern eingesetzt. Am 16. August 1942 notierte er:
„Ich will die Leute so gut behandeln, wie die Kriegsgesetze es zulassen.“
Am 9. September 1943, auf dem Marsch, steht bei Töpperwien zu lesen:
„Ich fasse den schwerwiegenden Entschluß, die Kriegsgefangenen freizulassen, da ich keine Möglichkeit mehr sehe, sie durch den sich schließenden feindlichen Ring durchzubringen. Abfahrt mit LKW, die Kriegsgefangenen merken nicht, daß ich die Wachen einzog: Alles liegt auf dem Feld im Erschöpfungsschlaf. Unheimliche Stunde!“
In Bratskoje hielt er am 9. März 1944 fest: „Gestern kam ein Weib, von mittleren Jahren und ebenmäßigen Zügen, zu mir, bedrängte mich mit flehentlichen Küssen auf Hände und Schulter, ich möchte ihren Mann aus dem Lager herausgeben, der mit ihr und ihren zwei Kindern sich auf Familientreck befinde und nicht weit vor der Stadt von ukrainischer Gendarmerie ohne Befragung aufgegriffen und mitgenommen worden sei. Ich konnte nicht anders, als die standhafte Treue dieser Frau belohnen, obwohl die Bestimmungen es mir verboten. Der Mann nahm seine Befreiung hin, ohne irgendein Anzeichen der Bewegung.“
Niemand, der sich mit dem Thema ernsthaft befaßt, will Verbrechen wie die von der höchsten Führung gewollte Liquidierung bestimmter Gefangener durch Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes verharmlosen. Wichtig ist aber die Frage, wie sich Angehörige der Wehrmacht – „normale Männer“ im Sinne Gaucks – im Zusammenhang mit den russischen Kriegsgefangenen verhalten haben. Und dafür sind Aufzeichnungen wie die von Gutschmidt, Jarausch und Töpperwien von herausragender Bedeutung.

Ein neuer Weg

Was die Zahlen angeht, schlugen Otto, Keller und Nagel 2008 einen neuen, aus ihrer Sicht den einzig gangbaren Weg vor: „Eine Antwort auf die Frage nach der Gesamtzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen können letztlich nur die Akten der Fronttruppen liefern. (…) Dabei sollten, soweit möglich, die Quellen der Roten Armee zu den auf ihrer Seite eingesetzten Einheiten mit einbezogen werden, um den zu erwartenden Widersprüchen zwischen Verlustzahlen auf der einen und Gefangenenzahlen auf der anderen Seite nachgehen zu können. (…) Käme man auf diese Weise zu einem verläßlichen Wert für einen Großverband, so sollte man auf dieser Basis versuchen, auch den weiteren Weg der sowjetischen Soldaten in die Armeegefangenen-Sammelstellen und Durchgangslager der rückwärtigen Armee- und Heeresgebiete zu verfolgen.“ Ließen sich die auf Grund von Flucht, Entlassung und Todesfällen eingetretenen Verluste insoweit zahlenmäßig präzisieren, „wäre zu prüfen, ob die Quellenlage ein vergleichbares Vorgehen auch bei anderen deutschen Armeen zuläßt“.

Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus der „Nationalzeitung“, 21/2015

 
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