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Krieg und Friede aus der Sicht der direkten Nachkriegszeit

„Denn es ist kein verhungerter Grieche, kein ermordeter Jude, kein gequälter KZler, kein erniedrigter Pole und Russe, der bei Gott vergessen wäre. Damit gilt bei Gott auch mit derselben Gewissheit, daß kein überfallenes und geraubtes Gebiet, das Millionen Menschen Heimat war, daß keine bei der Volksvertreibung verhungerte oder erfrorene Kinderseele, keine vergewaltigte Frau, kein bei Luftangriffen Getöteter bei Gott in Vergessenheit gerät.“ – Bombenopfer in Dresden
„Es ist in der Welt seit 1914 nicht besser geworden. Wir leben in einer Zeit des Teufeltauschen!“ – Von Rotarmisten ermordete Deutsche in Nemmersdorf
Unser einziges Verbrechen läge darin, wenn wir unseren Kindern die gleiche Schwarz-Weiß-Malerei vorführen würden, die uns selbst blind gemacht und ins Unglück geführt hat.“ – Greisin vor Bombenruinen
„Das deutsche Volk kämpfte tapfer bis zum Letzten, aber es verweigerte den Haß gegen den vorrückenden Feind. – Rotarmist mit deutschem Gefangenen
„Die Geschichte ist von den Menschen und von Gott gemacht.“ – 1945 schieden nicht nur Dichter wie Josef Weinheber und Börries von Münchhausen, und Maler wie Carl Moll in tiefster Verzweiflung aus dem Leben, sondern auch tausende einfacher Bürger.
„Wir haben eine Tyrannei besiegt, aber welche Teufeleien sind an ihre Stelle getreten? Sieg bedeutet nämlich noch lange nicht Recht – und Niederlage noch lange nicht Rechtlosigkeit. Wir Lebenden sind von den Toten nicht getrennt, denn sie blicken auf uns!“ – Aus der Predigt eines amerikanischen Militär-Kaplans

Von Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker

Aus dem Buch „Sie blicken auf uns“


Im Leopold Stocker Verlag erschien 1951 ein bemerkenswertes Buch, in dem in teils erzählerischer, teils essayistischer Form der Zweite Weltkrieg und seine Folgen beleuchtet wurden. Das Besondere daran: Es handelte sich um eine Gemeinschaftsarbeit von Autoren aus Deutschland, England, Frankreich, Italien, den USA, Japan und Rußland. Die Erfahrungen, die Sichtweise aller großen, an dem Krieg beteiligten Nationen sollten in den Texten widergespiegelt werden.

Das Buch war eines der letzten Projekte, die Verlagsgründer Leopold Stocker vor seinem frühen Tod noch betreuen konnte. Gerade durch die Geschichte des Stocker Verlages selbst wurde dieses Buch zum geistigen Vermächtnis des Verlegers: Leopold Stocker war politisch zwar stets Exponent des deutsch-liberalen Lagers gewesen und auch des damals verbreiteten Anti-Semitismus, doch als Gründungsvater und führender Funktionär der Bauernpartei „Landbund“, die sich zu Anfang der 1930er Jahre in einer Koalition mit den Christlich-Sozialen befand, war er noch 1933/34 auf zahlreichen Veranstaltungen den immer mehr Zulauf findenden Nationalsozialisten entschieden entgegengetreten. Erst durch die Erfolge des Dritten Reiches einerseits und die Erfahrungen mit dem österreichischen Ständestaat andererseits war er im Laufe der 1930er Jahre, wie die Mehrheit der Österreicher, zum Nationalsozialisten geworden. Das Kriegsende und seine Folgen erlaubten ihm dann erneut eine distanzierte und abwägende Sicht auf die politischen Entwicklungen, wie sie sich auch in dem Buch „Sie blicken auf uns“ widerspiegelt.
Wenn man heute diese Texte liest, die wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, ergeben sich einige bemerkenswerte Erkenntnisse:
- Die Heuchelei, die Unrecht, Kriegsverbrechen und millionenfachen Tod je nach Tätern und Opfern ganz unterschiedlich bewertete, wurde schon damals auf allen Seiten durchschaut und verurteilt, hat sich seither aber nur verstärkt.
- Die Bereitschaft zum Bekenntnis der eigenen Schuld und zum Verurteilen der eigenen Fehler war gerade unter ehemaligen „Nazis“ wenige Jahre nach Kriegsende in besonderem Maße gegeben, was in der Folgezeit, verursacht durch die politisch immer mehr instrumentalisierte Heuchelei (siehe oben), eher im Abnehmen begriffen war.
- Heute fast völlig verlorengegangen ist das damalige Wissen um die Gründe für den Siegeszug des Nationalsozialismus einerseits und seine „innere Wahrheit“, also jenen Elementen aus seiner Ideologie, über die auch nach seinem (berechtigten) Ende nachzudenken angezeigt ist.
Lesen wir zu all diesen Fragen einige kurze Auszüge aus dem Buch.

Echter Kern der Wahrheit

Ein Wehrmachtssoldat berichtet von Debatten, Betrachtungen und Erkenntnissen aus englischen Kriegsgefangenenlagern:
„An der Schuld Hitlers und vor allem seiner Umgebung zweifelten anfangs unter den ersten Eindrücken der furchtbaren Niederlage nur wenige. Das System der Diktatur, wo nur der Wille eines einzigen oder einiger weniger entscheiden konnte, wurde fast ausnahmslos von allen abgelehnt. Die Menschenwürde und das Schicksal anderer Menschen konnte nicht einigen wenigen anvertraut sein, sondern war nur bewahrt, wenn sie im Bewußtsein und der Verantwortung aller verankert war. „Nie wieder Diktatur“ unterschrieben alle. Goebbels, den „Doktor“, kannten viele aus eigener Anschauung als großen Geist und Hexenmeister, der sich in seiner eigenen Propaganda gefangen und sie, wie bei allem Hundertzehnprozentigen, überdreht hatte. Wenn man tiefer in seine großen Reden hineinsah, enthielten sie viel Bestrickendes und manche Wahrheit, im Grunde fehlte ihnen aber die tiefste innere Überzeugung. Man hatte manchmal das Gefühl, daß viel äußere Entflammung und meisterhafte Rhetorik war, Blendwerk, und auf keinen traf das Wort des Papstes, der den Nationalsozialismus als „teuflische Versuchung“ bezeichnete, mehr zu als auf ihn. Eine Versuchung konnte allerdings nicht nur mit Lügen, Unwahrheit und Phrasen erfolgen, sie mußte auch manch echten Kern der Wahrheit auf ihr Panier schreiben und in sich tragen, wenn sie in Millionen eine Gefolgschaft bis in den Tod finden sollte.

Bei Gott ist ,kein Opfer vergessen

Aus der Predigt eines evangelischen Pastors in einem englischen Kriegsgefangenenlager:
„Denn es ist kein verhungerter Grieche, kein ermordeter Jude, kein gequälter KZler, kein erniedrigter Pole und Russe, der bei Gott vergessen wäre. Darum gilt bei Gott auch mit derselben Gewißheit, daß kein von den Polen oder Fremden überfallenes und geraubtes Gebiet, das anderen Millionen Menschen Heimat war, daß keine bei der Volksvertreibung aus Schlesien und den anderen Ländern verhungerte und hilflos erfrorene Kinderseele, keine geschändete und vergewaltigte Frau, kein bei Luftangriffen Getöteter bei Gott in Vergessenheit gerät. Was gedenken nun alle die zu sagen, die noch der Vernunft vertrauen? Wird sie diese Vernunft allein, die immer größere Bestialitäten und immer schamlosere Entschuldigungen, Erklärungen und Gründe dafür erfand, davon erretten können?
Die Menschen haben die Größe der von ihnen verkündeten Ideale noch allemal in ihr Gegenteil verkehrt, sobald die Wirklichkeit sie zwang, sie zu verwirklichen!
Die Welt ist voll von gegenseitigen Enthüllungen, anstatt daß jeder selbst an die Brust klopfen und reumütig auch seine eigene Schuld, daß es so kam, wie es heute ist, bekennen würde. Der Verdacht wächst immer mehr, daß alle diese Enthüllungen etwas zu verhüllen haben! Es ist ja hier keine Abscheu vor der Sünde, sondern die Furcht, daß die eigene Unsicherheit, die eigene Sünde und das eigene Versagen an das Licht kommen.“

Das Teufeltauschen

Ausführlich wiedergegeben wird das Gespräch einer fiktiven Honoratiorenrunde in einem österreichischen Dorf. Der ganze folgende Text ist Zitat aus dem Buch, auch wenn nur die direkte Rede unter Anführungszeichen wiedergegeben wird:
„Ja“, sagte ein Bauer, „es ist nichts anderes als ein Teufeltauschen! Wenn man die Zeiten seit 1914 anschaut, besser ist es noch nie geworden. Nur andere sitzen oben. Selten bessere. Wir leben in einer Teufelszeit!“
Der Herr Oberlehrer, der erst vor kurzem auf diesen Posten ernannt worden war, fühlte sich verpflichtet, daraufhin zu [erwidern]... „Mir kommt es wirklich sonderbar und anscheinend nicht ohne Absicht vor, daß an allem, was heute ist, so viel herumgenörgelt wird. Was haben uns denn die Nazi hinterlassen? Einen großen Trümmerhaufen! Millionen Tote, Millionen Krüppel und Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, die ihre Heimat und alles verloren haben. Hitler ist nicht als der größte Feldherr, sondern als der größte Zerstörer seines Volkes in die Geschichte eingegangen! Wie weit wäre unser durch seine Tüchtigkeit ohne ihn und ohne diese Jahre!“ […]
Jetzt mischte sich der alte Pfarrer ins Gespräch: „Die Idee und das System der Diktatur mußte fallen. Aber sie fiel ins Gegenteil, und gerade die kleinsten Geister und Charaktere haben sich anscheinend so viel von ihrer Praxis abgeguckt, daß sie sich auch jetzt noch nicht davon trennen können, obwohl sich alle selbstverständlich nur ‚Demokraten‘ nennen. Sie betreiben ihre widerliche Wichtigtuerei in ihren Ämtern heute unter einem anderen Namen. Aber so sind eben Menschen. Ich meine überhaupt, daß es das beste wäre, wenn alle fünf Jahre ein völliger Wechsel auf den mittleren und hohen Sesseln der Politik eintreten würde.“ […]
[Darauf der Arzt:]
„Ich habe unter Nationalsozialismus nie einen Führungsanspruch, sondern nur die Erringung der Gleichberechtigung und die gleiche Freiheit für unser deutsches Volk verstanden, wie für alle anderen Völker. Und, ich getraue mich zu schwören, nur darum sind die Massen des deutschen Volkes dem Nationalsozialismus zugelaufen. Diese Million einfacher, kleiner Leute wollten nur für sich selbst und für ihr Volk die gleiche freie Entwicklung, und gönnten sie daher auch jedem anderen. Sie hatten nämlich gesehen, daß diejenigen, die am lautesten von ‚Führung‘ und Gefolgschaft daherreden, keineswegs selbst an Disziplin und Einordnung, sondern nur ans Kommandieren denken. Aber davon haben die anderen und auch wir übergenug!
Nur weil so viele vom Volk bloß redeten und dabei nur an sich selber dachten, konnte es so kommen, wie es gekommen ist. Ich erinnere mich noch an eine kleine Episode mit unserem Religionslehrer in der Studienzeit. Da sagte ich auch einmal, wie schön doch die Sklavenzeit bei den Römern gewesen sein müßte. Jeder hätte sich eine Reihe von Sklaven halten können. – Ihr seht alles immer nur von e i n e n Seite, sagte damals der Religionslehrer zu uns Jungen, und bedenkt nicht, daß ihr wahrscheinlich nicht Herren, sondern selbst Sklaven gewesen wäret. – Wir waren damals unserem Religionslehrer wegen dieser Antwort, die alle unsere Illusionen zerstört hatte, sehr böse. Heute, wo wir in einer ähnlichen Situation sind, hätten wir dafür wohl mehr Verständnis, daß alles in der Welt seine zwei Seiten hat und von unten ganz anders aussieht als von oben. Aber heute ist es zumindest für unsere Generation zu spät, und unser einziges Verbrechen läge darin, wenn wir unseren Kindern die gleiche Schwarz–Weiß–Malerei vorführen würden, die uns selbst blind gemacht, ins schiefe Licht gebracht und damit ins Unglück geführt hat. Und da die Zeit manches in einem milderen Lichte sieht, sage ich gerade als ehemaliger Nationalsozialist, daß wir uns hüten sollen, auch unsere Fehler anders denn Fehler zu sehen! […]
Die Russen sind auch mit einer Idee angetreten, die sich ihrem Wesen nach an alle Völker gewandt hätte, genau so wie dies bei der ursprünglichen Idee der neuen biologischen Erkenntnisse und ihrem Geschichtsbild der Fall hätte sein sollen. Aber man wollte daraus allein den Nutzen ziehen, nur für sich und gegen die anderen. So scheiterte dieser Versuch, als er zur deutschen Hegemonie über Europa wurde. So mußte er scheitern, indem er nur zu viele idealistische, opferbereite Elemente in den anderen Völkern gegen sich und seine Diktatur zum Freiheitskampf aufbrachte und verschwor, statt für Europa die schon seit Napoleon fällige, neue, gemeinsame, für alle gerechte Ordnung durchzuführen. Man hatte sie zwar immer verkündet, aber wegen der eigenen Unaufrichtigkeit und Kurzsichtigkeit auch hier nicht verwirklicht. Und genau so wird Rußland scheitern, wenn es auch mit seiner Idee nur seine eigenen Ziele verfolgt und, wie es den Anschein hat, die Unterdrückung aller anderen. Es ist meine Überzeugung, daß – was immer geschehen mag – zuletzt doch Rußland ebenso unterliegen würde. Alle unterschätzen immer letzten Endes die größte Kraft in jeder letzten Auseinandersetzung, die Kraft, für die es sich nur allein zu leben und, wenn es sein muß, auch zu sterben lohnt, weil das Leben ohne sie keinen Sinn mehr hätte: die Freiheit!
Aber ich sage Ihnen zugleich, daß ich schon heute die Befürchtung habe, daß damit auch der sozialistische Gedanke, der doch mit ein entscheidender Ordnungsgedanke für die Zukunft sein muß, von der dann sicherlich folgenden Epoche der Reaktionen und Restauration empfindlich zurückgedrängt werden wird und dies wäre erneut keine Ordnung und keine Gerechtigkeit in der Welt.“
[Anmerkung WDST: Eine bemerkenswerte Vorhersage aus dem Jahr 1951: Die Sowjetunion wird scheitern, die darauf folgende Epoche der Restauration, der kapitalistischen Weltordnung (durch seine Vormacht USA) wird aber erneut keine echte Ordnung und Gerechtigkeit in der Welt erzeugen.]
„Wir Deutschen“, beginnt nun der Pfarrer, „stehen heute in einer Zeit, wie die Juden nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Als Volk sind wir gevierteilt. Haben wir aber von den Juden und ihrer Vertreibung in alle Welt durch unsere Leiden schon das Nötige gelernt? Wo sind diejenigen, die aus eigenem den Flüchtlingen ihr Heim und einen Teil ihrer Kleidung angeboten haben? Ich achte die große Leidensfähigkeit des jüdischen Volkes, die sie durch fast zwei Jahrtausende immer wieder gestärkt hat und die sie auch während der NS-Zeit in so hohem Maße bewiesen haben.
Ich bin gegen den ewigen Antisemitismus. Was könnten wir dafür, wenn wir Juden wären? Jeder anständige Mensch kann auf sein Volk stolz sein. Nicht was wir sind, ist entscheidend, sondern wie wir sind!
Ihr wendet die angeblichen ‚schlechten‘ Eigenschaften mancher Juden ein, die üblen Erfahrungen, die manche damit vorher und nachher zu machen gehabt hätten. Haben die Juden mit euch nicht noch schlechtere Erfahrungen gemacht? Müssen durch zwei Jahrtausende eines außergewöhnlichen Lebens und außergewöhnlicher Lebensumstände sich nicht auch viele Wesenszüge anders entwickelt haben, nur um unter diesen Verhältnissen bestehen zu können? …
Hüten wir uns vor zu starker Schwarz-Weiß-Färberei, in die der Deutsche so gerne verfällt und in die auch Dr. Goebbels verfallen ist. Er glaubte ein guter Psychologe zu sein und am Ende hat er sein Volk trotz aller seiner großen Begabung dennoch verkannt. Als er das deutsche Volk in den letzten Kriegsmonaten zum Haß gegen den vorrückenden Feind aufrufen wollte, hat es ihm seine Gefolgschaft versagt. Es kämpfte tapfer und bis zum Letzten, aber es haßte nicht. Vielleicht ist dies gegenüber anderen Völkern eine Schwäche, aber das deutsche Volk kann nicht hassen. …
Hoffentlich haben wir durch diese Passion gelernt, denn ohne diese Täler des Leidens und des Schmerzes hätten wir vielleicht nie ganz zu uns selbst gefunden. […]
Der Nationalsozialismus wollte uns zur Nation, zur politisch bewußten Nation machen, und hat durch seine Fehler doch nur eine Partei zustandegebracht, die in der härtesten Kampfprobe natürlich organisatorisch und menschlich versagen mußte, weil es um vielmehr ging!“
„Wenn wir wenigstens jetzt eine Volksgemeinschaft geworden sind!“ unterbrach ihn der Bürgermeister. „Wir müßten nur zusammenhalten – als Deutsche!“
Doch der Pfarrer fuhr fort:
„Unser Volk ist durch den Ersten Weltkrieg, durch die erste Nachkriegszeit, durch den Nationalsozialismus, durch den Zweiten Weltkrieg und durch die ganze schwere Zeit nachher gegangen. Kein Volk, außer dem russischen, hat in den letzten 35 Jahren so viel erduldet, hat so viel geglaubt und ist so bitter enttäuscht worden wie das deutsche Volk. Wir waren nicht immer in unseren Hochzeiten Lehrmeister der Völker. Verstehen wir vielleicht den Sinn aller dieser Leiden und Irrwege in unserer Läuterung? Dann, dann könnten wir vielleicht auch für andere Wegweiser und Weggefährten sein.“
Auch der Arzt stimmte nun dem Pfarrer zu: „Wir brauchen uns nicht einbilden, die alleinseligmachenden Ideen zu haben. Die Menschheitsgeschichte setzt sich schon immer in den Spannen ihres Bewußtseins aus einer Reihe von anscheinend immer neuen Ideen zusammen. Das Christentum, die Wiedererweckung des klassischen Altertums durch die humanistische Idee, die sich aus der Französischen Revolution ergebenden Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, oder sagen wir es im Großen, der modernen Demokratie, des Liberalismus, dann die im wesentlichen von Karl Marx entwickelte Idee des Sozialismus, aus der dann durch Lenin der Kommunismus und durch Stalin der Sowjetstaat und der Kominformismus in seiner heutigen Gestalt wurde. Und zu diesen Ideen, die jeden zu einer Stellungnahme herausfordern, weil sie eben eine neue Idee sind, gehört meines Erachtens auch die Frage der Anerkennung der biologischen Naturgesetze für die Menschen. Sie wissen genau, daß ich dabei jeden sogenannten Rassenwahn, jede rassische oder völkische Überheblichkeit, wie überhaupt jede rein materielle Auffassung dieser Fragen als unwissenschaftlich und gefährlich ablehne.
Aber in irgend einer Form muß man zu diesen Auffassungen, die einmal ins Bewußtsein der Menschen getreten sind, Stellung nehmen. Man kann sie ablehnen oder bejahen und man kann auch sagen, daß sie nur in diesem und jenem eine Richtung wiesen und in dem einen recht und in dem anderen unrecht hätten. Es gibt in der Menschheits- und ihrer Ideengeschichte aber auch solche Gegenbewegungen, deren Sinn uns zunächst unfaßbar erscheint und die nur da sind, um andere tiefwirkende und bleibende Kräfte und Erkenntnisse auszulösen. […] Die Geschichte ist von den Menschen und von Gott gemacht.“
[Anmerkung WDST: Die Anerkennung der biologischen Naturgesetze für den Menschen, die Genetik im wesentlichen, als Anliegen des NS ist ein bemerkenswerter Gedanke. Geschlechtsidentität versus Gender-Mainstreaming, Rassenunterschiede versus Integrationspolitik oder genetisch determinierte Intelligenz versus Sozialprogramm: Das heute gültige politische Paradigma lautet, daß Genetik bzw. naturwissenschaftliche Erkenntnisse für den Menschen keine Bedeutung haben bzw. haben dürfen.]

Gegen die Falschmünzerei der Zeit

Aus der Predigt eines US-Armee-Kaplans am Grabe eines im April 1950 in Deutschland verunglückten amerikanischen Soldaten:
„Ich scheue nicht davor zurück, es an diesem offenen Grabe eines tapferen, ehrlichen amerikanischen Soldaten auszusprechen, was mir neulich ebenfalls ein amerikanischer Soldat, der durch den Krieg und vor allem durch die Ereignisse nachher tief enttäuscht war, in der Beichte zur Erleichterung seines Herzens gesagt hat: ‚Es ist alles Falschmünzerei in dieser Zeit, father‘, sagte er zu mir, und da wir zu uns ehrlich sein müssen, konnte ich ihm dabei nicht widersprechen. ‚Wir sind zu einem Kreuzzug nach Europa aufgebrochen‘, sagte er mir, ‚aber, father, was ist daraus geworden? Wir haben eine Tyrannei besiegt, aber welche Teufeleien und Falschheiten sind an ihre Stelle getreten?! Ich schäme mich, wenn ich verwundeten Kameraden daheim und Krüppeln dieses Krieges, gleichgültig wo in der Welt, in die Augen blicken muß.‘ Ich sage ihm darauf: ‚Wer nur an sich selbst denkt, wird in diesen Zeiten des Teufels und der Versuchung scheitern müssen. Du bist auf dem richtigen Wege der Selbsterkenntnis, Kamerad! Denn nur dann, wenn wir uns über unsere eigenen Fehler klar geworden sind, werden wir auch in der Lage sein, für uns selbst und für andere, die uns vertrauen, den richtigen Weg einzuschlagen. Als Christen und Amerikaner können wir, wollen wir, und müssen wir aber Optimisten sein. Unsere Verantwortung, die wir vor aller Welt auf uns genommen haben, ist klargestellt. ‚One world‘ hat einst die Losung eines großen Amerikaners gelautet. Unsere Sorgen und Verantwortungen sind damit nicht kleiner, sondern nur größer geworden. Neue Gefahren sind damit für uns am Horizont heraufgezogen, und nicht eine der geringsten davon ist, daß der Erfolg viele von uns allzu selbstsicher und mitleidlos gemacht hat. Das aber war das Ende für die anderen. Es wäre aber auch das Ende für uns! Sieg mit der Überlegenheit der Waffen und der Kriegsmittel bedeutet nämlich noch lange nicht Recht – und Niederlage noch lange nicht Rechtlosigkeit. Bei einem Kreuzzug geht es nicht um das Gewinnen, sondern muß es vor allem um die Idee und um das Recht gehen. Und darum ist dieser Krieg noch nicht
gewonnen und nicht zu Ende, solange nicht dieses Recht überall in der Welt hergestellt ist. Unsere Pflicht als Überlebende ist es, zu beten und zu kämpfen, daß alle die millionenfachen Opfer nicht umsonst sind. Wir Lebenden sind von den Toten nicht getrennt, denn sie blicken auf uns!
Nur wenn wir ihnen in ihren Opfern und in ihrem Wagemut für uns nachfolgen, sind wir ihrer würdig und können wir sie erlösen.‘“

In Nürnberg wurde kein Recht gesprochen

Die Rede des Militärkaplans führte am selben Abend im Offizierskasino der amerikanischen Streitkräfte in Berlin zu einem langen Streitgespräch:
„Ein junger Offizier las aus einer Eingabe der Landsmannschaften der deutschen Heimatvertriebenen, die soeben bei seinem Chef, dem amerikanischen Hochkommissar für Deutschland, McCloy, eingetroffen war. Es hieß darin unter anderem:
‚Schweigen gegenüber offenbarem Unrecht und dem Schicksal von Millionen zertretener und ausgestoßener Opfer wäre ein Verbrechen.
Wir wiederholen daher mit dem Rechte der Wahrheit, der Demokratie und der Menschenrechte feierlich: Wir sechzehn Millionen Deutsche sind aus unserer seit Jahrhunderten angestammten Heimat vertrieben worden, in einem Maße und in einer Weise, wie man nicht einmal Tiere von der Prärie vertreibt. Diese Vertreibung ist nicht durch Naturkatastrophen oder blinde Gewalt erfolgt, sondern durch Beschlüsse der alliierten Regierungen. Den Weg der Vertreibung säumen vier bis fünf Millionen Tote, meist hilflose Frauen und Kinder. Dieser millionenfache Tod unserer nächsten Angehörigen bildet eine ewige Anklage.
Wir fragen: Ist es nun dasselbe Recht, mit dem auf der einen Seite die Regierungen die Menschenrechte in der ganzen Welt fordern und mit dem sie auf der anderen Seite sechzehn Millionen schuldloser und hilfloser Menschen ihrer Heimat, ihres Lebens und ihres Eigentums berauben? Oder gibt es für die Menschen in der übrigen Welt, einschließlich der unzivilisierten Völker Innerafrikas, ein besonderes Recht und ein anderes Recht für Deutsche? Ist es dieselbe Moral, dieselbe Sittlichkeit, dasselbe göttliche Gesetz, mit dem man auf der einen Seite gewaltsame Deportationen von Bevölkerungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit dem Tode bestraft und mit dem man auf der anderen Seite sechzehn Millionen schuldloser Menschen vertreibt? Ist es dieselbe Vernunft, mit der man auf der einen Seite die Missetäter des deutschen Volkes zur Verantwortung und zur Wiedergutmachung an den Opfern des Naziunrechts zwingt, was wir billigen, während man die Wiedergutmachung des Unrechts an sechzehn Millionen Vertriebenen, die man hilflos dem Elend überantwortet hat, verweigert und erklärt, das sei ‚eine rein deutsche Angelegenheit‘. Sechzehn Millionen, das ist eine Menschenmenge, die niemals auf Erden – weder in unzivilisierten, noch in zivilisierten Zeiten – einem so unmenschlichen Schicksal ausgesetzt wurde.
Aber wir vertrauen fest auf die Gerechtigkeit und das göttliche Gericht, das wir gegenüber diesem Unrecht anrufen, und das langsam, aber sicher auch dieses Unrecht strafen wird. Dieser Brief, Herr Hoher Kommissar, ist außer an Sie an das Gewissen des amerikanischen Volkes und der gesamten Menschheit gerichtet.‘
Die einen stimmten dem Vorlesenden zu, auch aus allen ihren persönlichen Erfahrungen könnten sie Tausende solcher Beispiele des Versagens der ‚Nachkriegsordnung‘ anführen. Es sei geradezu beschämend, und wer würde am Ende daraus profitieren? Nur die Sowjets und die Kommunisten, schlossen sie.
Andere Beamte der Militärverwaltung und vor allem des CIC [Civil Internment Camp – Alliierte Lager für potentielle Kriegsverbrecher] waren wieder gegenteiliger Ansicht. Professor Petersen, der als besonderer Vertrauensmann und Fachmann auf dem Gebiet der Überwachung geistiger und politischer Strömungen im Nachkriegseuropa galt, vertrat die Meinung, man könne diese Tatsachen, wenn sie auch wahr wären, nicht zur Kenntnis nehmen, weil sich sonst eines Tages die alliierten Sieger auf einer – zumindest moralischen – Anklagebank befinden würden.
‚Lesen Sie nicht‚ die Stimmen, die bereits heute bei den verschiedenen europäischen Völkern zur Unterstützung dieser Anklagen gegen uns laut werden?‘ fragt er. ‚In London erschien soeben ein Buch: ‚Epitaph on Nuremberg‘ (‚Grabinschrift auf Nürnberg‘). Schon aus dem Motto, das der englische Verfasser Philippe de Montaigne dem Buche voraussetzt, können Sie seine Absicht erkennen: ‚Hüte sich, wer immer nur kann, in die Hände eines feindseligen, siegreichen und bewaffneten Richters zu fallen.‘ Montaigne vertritt in diesem seinem Buche den Standpunkt, daß unter den Gesichtspunkten, wie sie bisher im internationalen Recht und wie sie vor allem im Christentum und bei Plato galten, in Nürnberg nicht Recht gesprochen, sondern nur das Recht durch die Macht erniedrigt und gebeugt wurde. Oder was sagen Sie am Ende zu solchen Büchern wie diesem, das jetzt in Paris erschienen ist: Es heißt ‚Nuremberg ou la terre promise‘ und ist von dem Franzosen Maurice Bardache, also wohlgemerkt, ebenfalls von keinem Deutschen, sondern von einem Alliierten geschrieben worden. Die Zeilen dieses Buches sind deutlich. Ich will sie Ihnen bei unserer heutigen Auseinandersetzung nicht vorenthalten, vor allem auch deshalb nicht, damit Sie sehen, wie weit sich diese Auseinandersetzung bereits entwickelt hat.
Es heißt in diesem französischen Buch wörtlich:
‚Den Deutschen soll dieses Buch gewidmet sein. Denn sie, die in ein Elend gestürzt worden sind, wie es noch nie bestand, haben ein Anrecht darauf, daß einer kommt und ihre Ehre in seinen Schutz nimmt. Die deutsche Ehre, die Ehre, die auch der Unterlegene nicht verliert, sie ist der wesentliche Einsatz des Nürnberger Prozesses gewesen. Die Deutschen durften nicht mehr normale Besiegte sein, sondern Barbaren, Scheusale, die ihre Schuld zu büßen hatten. Wie anders sollten sonst die Sieger ihre eigenen Missetaten rechtfertigen? So haben sie denn ihre Massaker als Kreuzzug ausgegeben. Im Namen der Menschlichkeit geben sie sich a posteriori ein Recht auf das Massenopfer …
Über die deutschen Grausamkeiten gibt es eine ausgedehnte Literatur. Aber diese Literatur steht vielfach im Widerspruch zu dem, was wir alle gesehen haben. Vierzig Millionen Franzosen haben während dreier Jahre die Deutschen gesehen in ihrer Stadt, auf ihrem Hofe, auf ihren Straßen, und sie fanden kaum, daß alle Deutschen Scheusale wäre. Sind wir also das Opfer einer gewaltigen Tarnung geworden? …
Was beweist uns, daß wir nicht Begleiterscheinungen für das Wesentliche genommen haben, wie wir dies vielleicht auch gegenüber dem Kommunismus tun, oder viel einfacher, daß wir lediglich in vielem über das Ziel geschossen oder falsch gesehen haben?
Wir halten es für richtig, daß ganze Städte vernichtet wurden, um das Wesentliche zum Sieg zu führen, um die Zivilisation zu retten. Und wir urteilen über die anderen?‘“


[Anmerkung WDST:Diskussionen dieser Art waren etwa unter der britischen Besatzungsmacht in Graz, wie ich aus Erzählungen meiner Mutter weiß, damals sehr verbreitet. Die in Graz stationierten britischen Offiziere hatten nach 1955 sogar einen eigenen Klub gegründet, der immer wieder Reisen in die Steiermark organisierte. Bis in die 1990er Jahre hinein ist es dabei zu Begegnungen in Graz gekommen, und ich erinnere mich selbst mehrfach an derartige offen geäußerte Zweifel an der Gerechtigkeit der Nachkriegsordnung.]

 
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